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Full text of "Aus dem Schwarzspanierhause (1907)"

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Aus dem 
Schwarzspanierhause 

Erinnerungen an 

L. Tan Beethoven ans seiner Jugendzeit 



von 



I>r. Gerhard yon Breuning 

Neudruck 

mit Ergänzungen und Erläuterungen von 

Dr. Alfr. Chr. Kalischer 




Verlegt bei Schuster & Loeffler 
Berlin und Leipzig 1907 




^ 



Aus dem 
Schwarzspanierhause 

von Gerhard von Brcuning 



Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin end Leipzig 



Alle Rechte 

bezüglich der Ergänzungen und Erläuterungen 

behält sich der Herausgeber vor. 

Das Übersetzungsrecht 

wird den Erben des Verfassers übertragen. 



Vorwort zum Neudruck. 



I 



n treuer Pflege alter Familientradition und 
Erfüllung eines Herzenswunsches unseres ge- 
liebten Vaters, der in schwerer Leidenszeit 
vor seinem Tode die zweite vermehrte und 
verbesserte Auflage seiner Erinnerungen an 
den großen Meister vorbereitet hatte, über- 
geben wir dieselben hiermit der Öffentlichkeit. 
Wir glauben hoffen zu dürfen, daß die freund- 
liche Aufnahme, welche dem Buche bei seinem 
ersten Erscheinen zu Teil geworden, ihm auch 
diesmal nicht versagt bleiben werde. 

Indem wir die Herausgabe der zweiten Auf- 
lage (des Neudrucks) nun gewiegteren Händen 
anvertrauen, erscheint uns der Erfolg um so 
gesicherter. 



Wien 1907. 



Geschwister von Breuning. 



Vorwort des Herausgebers. 

Y ier Männer sind es überhaupt, vier Männer 
als klassische wichtigste Zeugen für die Lebens- 
geschichte Ludwig van Beethovens anzusehen. 
In erster Reihe sind Wegeier und Ries als 
Darsteller zu feiern, die als unübertreffliche 
Erzähler der Kindheit, der Jugend und der 
ersten Zeiten des Tonheros aufgetreten sind. 
„Man kann nicht los darin" — hat Robert 
Schumann darüber ausgesagt. — Dann ist als 
dritter klassischer Zeuge Anton Schindler 
zu nennen, der seit dem Jahre 1814 bis zum 
Tode des Meisters dessen Lebensgang als 
Gefährte und Freund begleitete und so aus 
lebendigster Quelle den gesamten Entwicke- 
lungsgang des Tondichters darstellen konnte. 
Darum bleibt Schindlers Beethovenbiographie 
ein klassischer Urquell für das Leben des 
Herrlichen. 

Ein vierter und letzter klassischer Zeuge 
für die Geschichte Beethovens ist Dr. Ger- 
hard von Breuning, des Meisters soge- 
nannter „Ariel und Hosenknopf". Es sind die 
letzten Zeiten des dornenvollen Daseins des 



VI 

Tonschöpfers Beethovens, die uns Gerhard von 
Breuning, ein Sprößling der mit Beethovens Ge- 
schichte unvergänglich verbundenen v. Breu- 
ning'schen Familie höchst anschaulich vorge- 
führt hat. So bildet v. Breunings Schrift 
„Aus dem Schwarzspanierhause" eine 
klassische Ergänzung zu den autoptischen 
Schriften der Wegeier & Ries und Anton 
Schindler. — In allen Fragen des Lebens 
und der Kunst Beethovens muß man immer 
wieder auf Wegeier, Ries, Schindler und Ger- 
hard von Breuning zurückgehen. — Von den 
Feststellungen dieser Männer darf man nur 
mit größter Vorsicht abweichen. 

Darum darf es der Autor wie der Verlag 
Schuster & Loeffler als besondere Auszeich- 
nung ansehen, das ihnen der Neudruck der 
Schrift „Aus dem Schwarzspanierhause" über- 
tragen ist. — Auch dieses Buch ist wie das 
von Wegeier und Ries, wie das von Anton 
Schindler mit heiliger Liebe geschrieben. 

Nun noch wenige Worte über die Arbeit 
des Herausgebers. Der Verfasser hat sorg- 
sam schon selbst an der Verbesserung und 
Erweiterung des Ganzen gearbeitet Vieles 
ist davon vom Herausgeber gleich in den Text 
des Neudrucks hineingearbeitet worden. Wo 
also die Leser des Urdrucks vom Texte dieses 
Neudrucks (H. Auflage) Abweichungen lesen : 



vn 

so mögen diese wissen, daß es gewünschte 
Abänderungen Dr. von Breunings sind, ohne 
daß solche — mehr redaktionelle — Veränder- 
ungen — besonders bezeichnet sind. Größere 
Anmerkungen, die schon früher existiert haben, 
stehen auch jetzt als Fußnoten ohne Namens- 
unterschrift da. Neu hinzukommende Fuß- 
noten von Seiten des Verfassers sind mit den 
laufenden Zahlen durch die Beiworte: „A. d. 
V." (= Anmerkung des Verfassers) in deut- 
schen Lettern gedruckt, die Ergänzungen und 
Erklärungen des Herausgebers mit den laufen- 
den Nummern durch die Beiworte „A. d. H." 
(= Anmerkung des Herausgebers) in latein- 
ischen Typen gedruckt. 

Als Anhang enthält das Buch 2 große Er- 
weiterungen durch Dr. G. von Breuning. I. : A u s 
denKon versa tionsheften Beethovens. 
H.: Die Schädel Beethovens und 
Schuberts — beides Aufsätze in der Wiener 
Neuen freien Presse. — Einen besonderen 
Schmuck erfährt der Neudruck durch folgende 
zehn bildnerische Beigaben: 

Porträt Beethovens nach der Miniatur von 
Hornemann aus dem Jahre 1802. 

Porträt Gerhards von Breuning aus dem 
Jahre 1825. 

Stephan, Helene und Christoph von Breuning 

Stephan von Breuning (mit Namenszug). 



vm 

Das Breuningsche Familienhaus in Bonn. 

Gräfin Guicciardi. 

Gräfin Erdödy. 

Beethovens Schreibpult. 

Das Schwarzspanierhaus. 

Dr. Gerhard von Breuning. 

So mag das Beethovenbuch „Aus dem 
Schwarzspanierhaus" aufs neue in die 
Welt gehen — zur Erbauung der großen 
gewaltigen Beethovengemeinde — und zum 
Wohlgefallen der Erben des verdienstvollen 
Verfassers, der die letzten Tage Beethovens 
so zu umsonnen verstand. 

Berlin im November 1907. 

Dr. Alfr. Chr. Kalischer. 




^eet^ooen 

nad) fcer Miniatur t>on Sbornemann 

aus fcem 3a^>re 1802 



9fo$ htm 



Erinnerungen 

an 

£• van ßtzüfovm am mrintr 3ngjenbjjeit. 
Dr. «erwarb uon fircmtmg. 



mit einem bisher unterSffentliftten Portrait-medaillon Beetftotcn's 
iw* Qornemann vom Jabre 1$02 und einer Jfnsiftt des $<t>warz$paniert>ause*. 



toten 1874. 
V et lag von £. Jtosnet. 



aWeinen Äinbcrn 



totttyath) Conpanjt nni (Emma 



in treuer Erinnerung 

erjagt mtb jugeeignet. 



— , ad&, es bflitfte mit unmdglid), bic SSBelt 

euer $u berlaffen, bis id) baS ÄtteS $ert>orgebrad)t, tooju 
i<$ mk& aufgelegt fünfte. 

SBeetljoben: $eiligenftftbtet Seftament, 
6. Octobet 1802. 

Statut toifl £eben nur! SBaS lebt, gleichet! 
@ie rennet nur mit großen nmben 3 ö # en 
Unb ftreid>t uns, ob's als Stffet i$r gefiel, 
Ob nur als leere jsßutt, uns Ijtnaumalen. 
$aljin, öorbei! — 

Sftiebrid) $alm: „Statin"! 



Vorwort 

3m Saufe ber Saljre Ijatte idfj ju aerfdfjiebenen 
SRalcn Begonnen, meine Erinnerungen aus ber 
mit 33eet$o&en verlebten $eit unb ba3 öon 
meinem furj nadfj Seetljoöen öerftorbenen SSater 
aber i^n SSernommene auf ju jeidfjnen ; bie 3»f ammen* 
fteflung biefer Srudtftücfe aber ju einem ©anjen 
unterblieb immer ttrieber. 

©o na^te ba8 3ubelja$r 1870 $eran, unb eS 
brängte meljr benn je, mein SSor^aben auSjuffiljren; 
bodfj auty bie« 3RaI toar id(j an beffen $u3füljrung 
t»erl)inbert. — ©er Xob entriß mir am 11. äRärj 
beffelben Sa^reS meinen jüngeren ©oljn, im S3c* 
ginne be$ 19. SebenSjaljre« unb geiftöoflfter @nt* 
faltung! 

©eitbem toarb ba8 100*jäl)rige ©eburtSfeft in 
Sßien großartig begangen; unb SfaljreS barauf in 
Sonn, gur gleiten geier, Seetljoöen'8 mit Sie* 
geifterung aufgeführten äReiftertoerfen öon ben au« 
aflen ©auen Ijinjugeftrömten SSereljrern be8 Xitanen 
jugejubelt. 



$u biefem Somter gcftc Ijatte idj folgenbe 
(ginlabung erhalten: 

Jöomt, ben 8. gult 1871. 

„^odjgeefyrter §err! 
„3m vergangenen Saljre Ijatte fidj ba$ er* 
„gebenft unterjeidjnete 6omit6 bie Sfjre gegeben, 
„®ie ju bem beabfidjtigten ^nnbert jährigen ©e* 
„burtSfefte Seetljoöen'S einjulaben. Seiber 
„mar bie Slbljaltung be8 gefte« burdj ben plöfcüd) 
„Ijereinbrecfjenben Ärieg unmögtidj, 2Bir Ijaben 
„aber unter Beibehaltung be$ toorigiäljrigen Sßro* 
„grammeS jefct nadj glorreich erlangtem ^rieben 
„bie Stbljattung beS 33eetl)Oöenfefte3 an ben in beut 
„betfiegenben Programme näljer angegebenen lagen 
„befdjfoffen unb beehren uns, unfere ©infobung 
„öom vorigen Safjre Jjierburdj ju erneuern. SEBir 
„würben großen 2BertI) barauf legen, wenn ©ie 
„unfere Sinlabung anjuneljmen bie ©fite ^aben 
„wollten, ba e$ bei einem Beetljoöenfefte einen 
„eigenen 9teij ausüben wirb, unter ben ©fjren* 
„gäften Sßerfonen ju feljen, bie felbft unmittelbar 
„ober mittelbar bem großen §ero$, ju beffen @{>re 
„ba$ geft ©tatt finben wirb, audj perfönttd^ nalje 
„geftanben Ijaben. Stoppelt erfreulidj wäre bieg 
„aber gerabe für uns, ba in bem §auje S^rer 
„geehrten gamilie Ijier in Sonn bem jungen Beet* 
„Ijoüen bie erften Sidjtpunfte bie trübe Sugenbjeit 
„erhellten. 



„Sßir öerbleiben mit Derjügtid^fter §od(jadfjtung, 
„in ber Hoffnung anf eine giltige 3 u f a 9 e r 

2)a8 ergebenfte geftcomit6 

a a 

2)er SSorfifeenbe : 

Kaufmann, 
Dberbütgermetftet. 1 ' 

2)iefe mir foeciefl geworbene fdfjmeidfjefljafte 
ffiinlabnng unb juöorfommenbfte aufnähme Don 
Seiten be8 SJonner gfeftcomitö'S öerfe^Iten nidfjt, 
midfj ju überzeugen, bafj bie SSerbinbung meiner 
SSoreltem unb meiner fetbft mit Seetljoöen, wenn 
idfj baöon nähere 2ßittl)ettung madjen würbe, für 
SRand^en nid^t oljne Sntereffe fein bürfte, ja bie 
SSeröffentlidfjung meiner ^Berührungen mit 33eet* 
Ijoöen nunmehr eine 8lrt SSetpffidfjtung für midfj 
fei, bie idfj bem fettenen ©lüde, jenem ®eniu3 fo 
na^e geftanben ju Ijaben, unb bem freunblid&en 
©ntgegenfommen be8 85onner geftcomite'S fd^ulbe. 
2)ennodj öer jögerte fidfj bie SSoHenbung unb §erau3* 
gäbe ber ©djrift big Ijeute, ba anberweitige SBe* 
fd^äftigungen melfadfj ljmbertid(j bajttrifcf)entraten. 

SBenn biefe $ier öeröffentüdfjten 3Ritt^eilungen 
im ©tanbe wären, ba« Sntereffe ber Sefer rege 
ju ermatten, fo ift iljr ßwecf erreicht, unb idfj werbe 
midfj freuen; jebenfafl« aber werben biefe ßeilen 



8 

3eugmfj baöon ablegen, bafPBegeler in feinem 
„Sßadjtrag" SßaljreS gefangen, a!8 er fdjrieb: 
„ba$ Slnbenfen 33eetljoöen'3 lebt in ber gamitte 
(Sreuning) fort. 11 

2Bien, im ©ommer 1874. 

Dr. tum Sreumng- 



3m 9tuguft 1825 Ijatte id) \>a% ©lud, bei einem 
nadjmtttftgigen ©pajtergange mit meinen @ltem 
©ectfjoben lennen ju lernen. — SQBtr burdtf dritten 
bie um bit innere ©tabt SSien laufenbe, beffen ©lactö 
burd)fd)neibenbe, 2lCee x ) unbbefanben unSeben jnnfdjen 
bem ^ärnt^ner* unb Saroltnentljore, burd) toetd)e§ mein 
SSater bie Stiftung nad) feinem SBureau einjufdjlagen 
beabfid)tigte, at£ mir einen einjeln geljenben SJionn 
ftramm auf un& juf ommen f aljen ; melier ^Begegnung, 
ungeroöljnttd) freubigfte SBegrüfcung bon beiben (Seiten 
erfolgte. 

Sein SluSfeljen mar fräftig, bie ©tatur mittet 
groft, fein ©anj energifd), tote feine lebhaften *Be* 
toegungen; ber Slnjug fo toenig elegant al§ eben 
bürgerlich unb bod) lag ein @ttoa£ in feiner ©efammt* 
Ijett, ba3 in feine Sftangorbnung paftte. 

*) $i$ junt Sa^re 1860, öon weld&em 3abre an bie 
2foflaffung ber tJeftungSfcäfle unb bie (Stabtertoeiterung 
in Singriff genommen temrbe, fear nemlid) bit innere ©tobt, 
burd) bereit« längft ju (Spaziergängen benufcte §feftung$* 
mauern, ©tabtgrftben unb »eitereS burdj breite mit Alleen 
bepflanzte ©laci$ öon ben Sorftäbten getrennt. 

H. b. 8. 



10 

@r fprarf) faft oljne Unterbrechung, nad) unferent 
Sefmben, unferer jejjigen Sebenätoeife, nad) ben 3$er* 
ttanbten am Steine unb bielem 8lnberen fid) er* 
funbigenb, erjagte — , oljne crft biel auf Stnttoort 
ju märten, toarum iljn mein Sßater fo lange nidjt 
befugt Ijabe, u. a. tu. — : baß er bor längerem in 
ber Äottjgaffe, fürjlid) in ber Srugerftrafee gemoljnt, 
©ommer£ über aber \t%t in 93aben weile; mit be* 
fonberS freubiger £aft aber teilte er mit, bafc er balb 

— @nbe »September^ — in unfere unmittelbare 
9?ad)barfd)aft; ba% ©djmarjfpanierljauS (mir toofjnten 
in bem red)ttüinflig gegenüberfteljenben fürftlidj @$äter* 
Ijdätffdjen 9iotljen Jpaufe) 2 ) gießen merbe, welche Sßit* 
Reifung gefieigerte3 Sntereffe Ijerborrief ; bafc er bann 
recfjt oft unb biel mit un§ ttrieber ju berfefjren ge* 
benfe; erfudjte gleidj meine SKutter, bann feine feljr 
fd)ted)t befteßte Jpau§ttrirtljfd)aft enbttd) einmal ju 
orbnen unb bann fortan übermalen ju motten, u. f. f. 

— SKein Sater, toenn aud) feltener ju SBort f ommenb, 
fprad) bann immer auffattenb laut unb beutlid), babei 
lebhaft gefticulirenb. Unter ben ^erjlidjften beiberf eitigen 
93erfiä)erungen bie Söejieljungen nun ttueber auf ba$ 
Sebfjaftefte ju geftalten, nafjm man für Ijeute Stbfdjieb. 

2)er gegen meine ©Item oft au§gefprod)ene 
Sßunfd): SJeetljoben fennen ju lernen, war enblidj 
erfüllt, unb mit jugenblidjem Ungeftüm jaulte id) bie 
Sage, bie midj in erfeljnte nalje SJerüljung mit bem 



SKiebergeriffen im Safjre 1889. 51. b. ». 



11 

mir fo Ijftuftg genannten berühmten Sugenbfreunbe 
meinet SSaterS bringen fottten. — 

Seetljoben unb mein SJater waren feit mehreren 
Sauren feltener juf ammengef ommen ; anfangt in 
golge Keinem unb bann eineS ernfteren «Sermürf- 
niffeS (fielje fpäter), roa§ burd) bie beiberfeitige auf* 
braufenbe ©emütöart tetttnetfe erftärütf) — and) biet* 
fad) Solge be§ tactlofen bie greunbe ßubmigS ber* 
bftdjtigenben 93enel)men8 ber ©rüber $a$par Sari 
unb Sotjann fcerurfadjt roorben. 3?ad) immer roieber 
erfolgter 9lu8f öljnung liefen aber bie medjfetfeittgen $8t* 
fdjdftigungen ben früheren lebhaften 93erfel)r nidjt fo 
leicht tnieber auf f ommen, um fo me^r aß Seet* 
Ijoben'S häufiger 2Boljnung8roedjfet unb bietfatf) un* 
ftäte 2eben$meife mitunter ein oft beabfid)tigte8 9luf* 
fudjen unb ginben erf djroerten. 3 ) £rofc biefer Unter= 

*) Die Beilegung des heftigen Streites zwischen 
Beethoven und Stephan von Breuning knüpft sich an 
einen Brief des Tondichters an Stephan, der also be- 
ginnt: „Hinter diesem Gemälde, mein guter, lieber 
Steffen, sei auf ewig verborgen, was eine Zeitlang 
zwischen uns vorgegangen." Eingehend habe 
ich diesen schwierigen Punkt in meinen Erklärungen 
zu diesem Briefe (Beethovens Sämtliche Briefe Nr. 94, 
erster Band) behandelt, wovon hier das Wichtigste 
dargeboten wird. Die Datierung dieses Briefes macht 
unglaubliche Schwierigkeiten. Der Brief selbst hat 
kein Datum. Das Original befand sich in den Händen 
der Witwe von Stephan von Breuning in Wien. Wo 
mag es jetzt sein? Nach Anton Schindler, dem 
L. Nohl folgt, war dieser Versöhnungsbrief im Jahre 



12 

bredjungen ttmren aber bic frennbf d^aftltdjen Sejteljungen 
bicfclbcn geblieben, wie fie auS fruljefier 3ugenb innig 
beftonben Ratten*), unb — fo greife idj nun rnetter 



1826 (!?) geschrieben. — A. W. Thayer setzt diesen 
Brief (II, 260) ohne weitere Aufklärungen in das Jahr 
1804, also in die Zeit nach dem großen Streite zwischen 
Beiden im Jahre 1804. Ich habe mich nach reiflicher 
Überlegung auch dafür entschieden. Maßgebend er- 
schien besonders die Briefstelle : „Leidenschaft b e i D i r 
und bei mir." Das paßt — ganz in die Zeit von 
1804, — aber nicht von 1826, wo es keinen Leiden- 
schaftsausbruch bei Beethoven mehr gab. Aus vor- 
stehendem Buche geht es auch deutlich hervor, daß 
Beethoven und Stephan v. Breuning längst wieder die 
alten Freunde waren, als der Tonmeister im Herbst 

1825 seine letzte Wohnung im Schwarzspanierhanse 
bezog. Es bleibt also das Annehmbarste, die Zeit dieses 
Streites und seine Auflösung ins Jahr 1804 zu verlegen. 
Die damalige Beilegung erzählt Ferd. Ries sehr deut- 
lich also : „Nach einigen Monaten trafen sich Beide zu- 
fällig und nun fand völlige Aussöhnung statt, und jeder 
feindselige Vorsatz Beethovens, wie kräftig er auch in 
den beiden Briefen (vom Juli 1804) ausgesprochen ward, 
war gänzlich vergessen. 44 (Notizen S. 132; Neudruck 
S. 155.) A. d. H. 

•) $eetl)ot>en fdpeibt an SBegeter am 7. Od 

1826 (f. Siegelet unb töte*'* biogra}>l}tfd)e ftotiaen, 

fcoblena 1838, bei »äbefer, S. 49) 3 a): „ 3$ e* 

innere mtd) aller Siebe, bie bu mir ftet$ bettriefen Ijaffc; 

. (gbenfo öon ber gramilie SBreumng. Äam man 

non einanber, fo lag ba$ im SfreiSlauf ber S)inge; jeher 
mußte ben Qxotd feiner Seftimmung perfolgen unb $u er* 

3 *) Neudruck S. 62. A. d. H. 



13 

jurud, um ben Sefcr fo btd atö jum befferen SSer* 
ft&nbnifle erforberltd), mit bem für Seetljoben fo ein* 
Auftreiben gamilienteben im elterlichen #aufe meinet 
SaterS Vertrauter ju matten. 

3n mein grofeetterltd)e3 §au3 in Sonn fam aß 
fo ju fagen tdgltdjer (Saft ein älterer ©eneral, ein 
Vertrauter greunb ber gamilte. (£3 mar bieg ©aron 
Sgnaj be SIer, ©ouberneur ber ©tabt. SBar e§ 
nun jur grüfjftücföjeit ober be& 9lbenb§; er lam ftete 
als münblidje 3eitang ber borgefallenen ©tabtge* 
fd)id)ten unb Sieuigfeiten überhaupt. ©infienS, eS mar 
am 13. Januar 1777, trat er mit auffattenb berftörter 
SWiene in ba$ 3iwmer f unb meljr atö fonft in fid) 
gelehrt fefcte er ftd), nadjfinnenb, beibe $>änbe über ben 
Srücfenftod freujenb. ©ein 9lu3feljen liefe anf eine un* 
getoöljnlidje Gegebenheit fdjliefcen, unb felbftberftänblid) 
fehlte e$ nidjt an 3)rftngen bon Seiten ber 8lntt>efenben, 
bie Urfadje feiner SJerßimmung angeben ju mögen. 

„(Sine fonberbare 2Relbung", begann er enblid) 
ju erjagten, „ würbe mir Ijeute gemalt. S)te ©djtlb* 
toadje, welche in ber Siadjt bon 12 btö 1 Uljr im 
§ofe bon ©uenrethro auf Sßoften getoefen, mufete in'3 
Sajaretlj gebraut »erben. S)ie Slblöfung Ijatte ben 
armen 2Renfd)en oljnmftdjttg gefunben. 2luf ber 
SBadjfhtbe unb Ijeute morgenS bor meinem Slbjutanten 

reiben fud&en. Allein bie etmg utterfdfjütterlid&en Gfrunb- 
{ft$e be« ©itten Rieften und bemtod) immer f*ft jufammen 
üerbunben \ — 



14 

gab er an: auf Sßoften faum gepellt, Ijabe er betnerft, 
tote ber bi3 bafjin trübe £tmmel fidj aufheitere. 
3mmer ffarer fei e$ an einer ©teile be8 gtrmamenteS 
oberhalb be£ ©djIoffe§ geworben, bi§ au$ ber ent* 
ftanbenen SBotfenlücfe enbüdj ein feueriger SRegen auf 
ba$ ©d^Iofe Ijerab fiel) ergoft. Dljne übrigens ju jünben, 
Ijabe biefer geuerregen tooljt jeljn SKinuten angehalten. 
3)arnact) aber mürbe e3 lieber bunfel um tljn, unb 
bie Sßolfenlücfe fdjlofc fid). aber eä jertljeilten ftdj 
bie SBollen gteid) barauf jum anberen SKal, unb 
beuttid) Ijabe er nun auf be$ £immetö blauem $tnter* 
grunbe einen größeren eleganten ©arg unb um biefen 
runbum fieben fteinere ärmlicher ausgestattete erblidft. 
Db biefer ©rfdjeinung fei er, bon ©djrecfen über* 
mannt, in Dljnmadjt gefallen/ — ,,„3)a3 ift mein 
©arg"", fagte (Smanuel Qofcf b. Sreuning (mein 
©rofebater) Ijödjft befrembenber SBeife, atö ber ©eneral 
feine ©rjäljlung geenbet Ijatte. — Sie Stnmefenben 
faljen fid) bei biefer eben fo unerwarteten afö eigen* 
tljümltdjen Sleußerung erftaunt an, unb, obgteid) man 
bemüljt war, fofool meinem ©roftbater al§ fid) felbft 
bie ©eljattlofigfeit f oldjer SJemerfung barjulegen, ber* 
mochte man bodj nidjt meljr fid) einer genriffen S$er* 
ftimmung ju erwehren unb man ging minber Ijeiter 
aK gefoöijnUdj auSeinanber. 

3»ei Sage barnadj, am 15. Sftnuar, bradj in 
bem ber ©tabt jugewanbten Steile be$ djurfürftüdjen 
©d)Ioffe$, ba8 außer bielen Sunftfdj&fcen aud) Slrdjtbe 
unb Sureauj barg, ein berljeerenbeS geuer au& Auf 



15 

bie Sunbe bon bemfetben eilte mein am naljen äßünfter* 
plafce rooljnenber ©rofebater Ijinju, um — atö tfjur* 
fürftlid)er §ofratlj — au$ feiner Sanjlei bon ben 
2tften ba$ 28id)tigfte ju retten.^ 3tt>ei 2Kat tt)ar e& 
iljm gelungen, ©töfce jener Schriften au$ ben brennen« 
ben 3t&umen eigenfj&nbig IjerauS ju förbern, unb ein 
britte$ 2Rat Ijatte er mit gleicher Saft bereits ba8 
©djlofctljor erreicht, atö bem faft fd>on nrieber ®e« 
borgenen ein brennenb einfturjenbeS ©ebätfe baS 
SRücfgratlj jerfdjmetterte. @r ftarb anberen £age$ 
nad) nod) einigen qualbott bottbradjten ©tunben. @e* 
boren am 11. Dctober 1740, jäljfte er erft 36 3afjre. 
Stufter iljm maren notf) fieben Arbeiter bei bem SJranbe 
umgef ommen. *) — ®ie SSifion ber ©tf)itbtt>atf)e unb 
bie Stljnung meinet ®rofcbater8 Ratten fid^ erfüllt. 
3ln ©t. glorian'&^apelle aber Ijatte fidj, tt)ie 1689, 
bie Stamme getoenbet, unb ift ber burcl) fie gefdjüfcte 
Shienretiro aud^ 1777 unberfeljrt geblieben. 

S)iefe „eigentümliche, burd^ ba8 juberl&ffigfte 
3eugni§ bewerte ®efd(jid|jte" wirb im SRljemifdjen 
»nttquariuS (äßittelrljein, I. »btljeilung, 4. S3anb, 
Eoblenj, 1856, bei $ergt) burcl) (S&r. b. ©traut* 
berg — fai bietteidfjt etmaS au^gefd^müdtter SBeife — 
erj&fjlt bei ©elegen^eit ber ©rroftljnung eine§ 33ilbe£ 
ber Ijeil. Slgatlje, toetöje man in ben SR^eingegenben 
al3 gürbitterin gegen geuerögefaljr befonberä bereljrt, 

4 ) @o nad) ben mfinbttdjen Uebertieferungen, Ȋ^renb 
in bem fpftter angeführten ©terberegifter caxi ber SRemigtuS- 
?farre ton aty Arbeitern bie ffiebe ift. H. b. 8. 



16 

au3 bemfetben ©runbe, toie ,,©t. glorian'8 Hainen 
Ijod) in ©Ijren gehalten ttrirb, jumal berfelbe nid)t 
nur 1689, fonbem jum anbeten äßal 1777 in ber 
©rljattung ber ©t. gtorian^Sapette unb be3 ifjr an* 
ftofeenben Steiles be3 ©djtoffeä ju ©onn feine SBirf* 
famfeit bewährt $at." 

9tun, bie SapeHe unb Suenretiro blieben erhalten 
unb öor i^nen Ijatte fiel) be$ geuerS jerftörenbe @e* 
watt abgemanbt, mein ©ropöater unb bie fteben 
tätigen Slrbeiter hingegen toaren bem über fie herein* 
gebrochenen Unglüdfe erlegen. 

23ie ity biefe Gegebenheit Ijier erjftljlt Ijabe, fo 
f)abe ity fie nrieberljott au8 bem äßunbe meiner 9tn* 
geborgen öernommen. Sludj erinnerte ficlj notf) in 
weit fpäteren gafjren ein ©raf $afcfelb bei einer 
jufäfligen Begegnung mit meinem SSater im SSor* 
jimmer be$ 9teiclj8fanjter3 Surften Sftetternid) 
jener Sataftroplje, nad) toeldjer er bie acljt aufge* 
bahrten Seiten felbft gefeljen, gleidjtoie be$ aufcer* 
getDö^nüc^en 2luffeljen3, ba3 bamatö biefeS ©reignifc 
in ©onn öerurfadjt Ijatte. 

3)afe ber unerwartete SSerluft eines erft 36 Sa^re 
alten SSaterS für eine gamilie überhaupt, unb fo audj 
im gegebenen gatte einen gftnjlicljen Umfdjttmng ber 
SSerljäitniffe, trofc ifjrer SBop&abenljeit*), erzeugen 
mufcte, ift begreiflich. 

*) 3$ betone bieg abftd>tlid>, ba unri^tigertoetfe ber 
„Bonner" ©erfaffer ber Subelfärift „ßubttig t>an Seet* 
l)oöen, ein ©djauftner u. f. to. bie %o6jttt Eleonore 




©erwarb wn ^reumng 
im 3af)re 1825 



17 

®ie nunmehr oertuitroete Jpofr&tfjin Helene b. 
Sreuning, Softer be§ djurfürftüdjen Seibar jteS 
©tefan berief), jäfjtte erft 26 3<rf)*e; oon iljren 
Äinbem mar 

©Ijriftof am 13. Sföat 1771 in S3onn geboren, 

©leonora Brigitte am 23. äpril 1772 bafetbft, 

©tefan (mein SSater) — üblitfjerroeife „Steffen" 

genannt — auef) baf elbft, am 1 7. Stugufi 1774*), tt>elcf)em 

Soren j — furjtoeg „Senj" — erft ein fjatbeS 

galjr nadj feinet SSaterS $obe, als posthumus, im 

©ommer 1777 folgte. 

®ie SSittoe blieb fortan, oorbeljaltlicf) jeittpeiligen 
längeren ober für jeren Aufenthaltes bei iljrem ©djroager 
in Serpen (einem ®orfe jnrifdjen ©öln unb Slawen) 
ober bei iljrer ©djtoefter 9Kagaretlje öon ©toclljaufen 
in 33eul an ber Slljr (iefct äRineralbab 9?euenal?r), 
bi§ jum galjr 1815 in bem gamilienfjaufe ju Sonn. 
SS ift baffelbe, baS, mit feinen SJorgittem unb bem 
bon feinem ©rbauer ©arbinal Sarmann über ber 
©ingangStljüre Ijerftammenben ©arbinalSfjute, nodj 



ttrieberljolt bon SJlittellofigfeit im elterlichen $aufe foredjen 
lä6t. 6 ) 

6 ) Ich verweise hierbei auf die interessante Studie 
von Dr. Hans Volkmann : „Beethovendramen" im 
4. Beethovenheft der „Musik" (II. Novemberheft 1905), 
worin auch diese Jubelschrift eines Bonner Anonymus 
charakterisiert wird. A. d. H. 

*) Heribert SR an (m feinem Vornan: $ee trotten) 
unb SBolfgang SR ü 11 er bon ßönigSttrinter („guriofo" 
aus SBeftermann'S SJtonatSljeften) geben irrtyümlid) Steffen 

2 



18 

bi$ ju feiner erfolgten Demolierung am SRünfter* 
ptafce ftanb, jur Sinfen jener ©tatue au8 hartem 
äßetatte, beffen ©orbilb mit roarat fdjlagenbem 
#erjen unb weitem ©emütlje einft täglich in biefem 
iljm Ijeimifd) gemorbenen §aufe ein* unb ausging. 6 ) 

©in ©ruber meinet feiigen ®rofjöater&, 3oljann 
Sorenj D. ©reuning, EanonicuS in ifteufc (in 
ber gamiüe burcljmegS „Ö&m öon ÜReuft" genannt) 
überfiebette fofort nadf) Sonn, bie Srjieljung ber un* 
münbigen öier Sinber unb — atö ©orftanb ber 
gamilie feinet öerftorbenen ©rubere — bie gamitien* 
angelegensten ju leiten, btö ju feinem £obe, ber 
1796 in ©onn im Söter öon 58 Sauren erfolgte. 

Slujjer biefem naljm nodj ein anberer ©ruber be$ 
©erftorbenen eine einflufcreidfje gamilienftette ein; e3 
mar biefe ber früher ermähnte ©dfjroager in Serpen: 
3oljann *ßf)Uipp ö. ©reuning, melier, geboren 
ju aftergentfjeim 1742 unb feit 1769 ©eiftlidjer, 
frül) at§ ©anoniatö nadj Serpen fam, too er erft 
am 12. Suni 1832 ftarb. @r mar ein feljr ge* 
feljeibter unb dufcerft üebenSttmrbiger äßann, beffen 
$au3 burdfj feine unöergteicljtidfje ©aftfreunblidfjfeit 
jum erlogenen attfommerlid^en SiebtingSaufentfjatt 



al* ben älteren, (Eljrifrof al* ben jüngeren ber trüber 
an. <£f. 3Kenfd> (in f. ©fjarafterbilb : 8. ö. $eet- 
Rotten, ßeipaig, bei ütndaxt, 1871) nennt <E$riftof fäifdf 
lid) ©fjriftian. 

6 ) Das Original ist Ludwig van Beethoven. 

A. d. H. 



19 

ber gefammten gamilie unb iljrer greunbe ttmrbe 
baruntcr audf) feiner Bett 33eetljoöen3, ber bann 
in ber $ird>e bort oftmals bie Drget fpielte. 7 ) — 

Unter biefer pfeubo*b&tertidf)en Seitung unb ge* 
pflegt öon toermanbtfdfjaftlicljer Siebe jaljtreitf)er Dnfel 
imb Sauten u. 9t., berftridfjen bie erften Sinber* 
unb ©dt)uljaljre. — 

Siefj war ber — ffijjirte — SBeftanb ber 85 reu* 
ningfdf>en gamilie in Sonn. 

$inber jie^en ©efpielen, ©df)uljungen greunbe 
auS ber ©cljute an ftdj. ©o fottte benn audj ber 
bisher enger beftanbene gamilienlretö im §aufe 
meiner (Srofjmutter mit ben Satiren 3utnaclj$ öon 
auften Ijer gemimten, ber öerebelnbe ©influfc biefer 
tugenb§aften grau nidjt allein auf Üjre Sinber, fon* 
bem auclj auf anbere Jünglinge ftd) erftreclen. — 
©inb ba& finbtidje $erj unb ber ®eift im elterlichen 
§aufe einmal feft unb gut gebilbet, fo ftiüpfen ftdj 
audj — Sßufdjungen Vorbehalten — nur mit gleiclj* 
gearteten ©emütljern greunbfdjaft an. 

$er lieben3mürbige ftrebfame ©fjarafter eines 
armen ©tubenten machte biefen balb jum tdglidjen 
©enoffen im §aufe. @3 mar bieg granj ©erwarb 
Tegeler, melier, eines ©Ifaffer 33ürger3 ©oljn, 



*) In einem der beiden Briefe Beethovens an seine 
Jugendfreundin Eleonore spricht der junge Maestro 
vonKerpen: „und da Sie jetzt ohnedies nach Eerpen 
reisen" (Beethovens Sämtliche Briefe Nr. 3; den Brief 
lasse ich aus Bonn geschrieben sein). A. d. H. 

2* 



20 

fdjon frülj bcn müdjtigen 28iffen3brang in fid) füllte, 
bic SJanbe feiner ftrmüdjen $erfunft ju fprengen, 
um ba$ ju erteilen, ma8 er fidj, ben ©einen unb 
ber Sftitmelt bann tt)urbe. 

^Bereits im §aufe eingebürgert, ijatte er 1782 
bie SBefanntfdjaft be8 ©oljneS eines 3Rufifer§ ber 
djurfürfttidjen §offapeße gemalt*), welker nod) meljr 
Sfriabe al§ Jüngling, ttrie jener für SBiffenfdjaft unb 
Sunft, bereits tebfjaft für bie 2Rufe ber Sonfunft 
glühte, unb fdjcm trefflidj ba3 Stabier fpielte. 

©leonore unb Senj beburften eines Slatriers 
leijrerS, 28egeter'§ junger greunb ju feiner unb 
feiner ©Item Unterftüfcung ber Unterridjtöftunben. 
©o tt)arb ber junge Subroig Dan 93eetf)oben in 
ba$ gafilidje §au$ meiner ©rofcmutter eingeführt. 8 ) 



*) $a$ SBcfanntoerben SBegeIer'3 mit Seet* 
$oöen auf ber ©jnfce be3 S)radjenfel8, mie bieg SBolfg. 
SDlüHer in feinem „guriofo" erjä^lt, bürfte tt>ol)I roman* 
tifd)e ©rfinbung fem. 

*) t$xarib ©. SBegeler'* (SnTel, Sari SBegeler $at in 
ber ©obtenaer ßeitung öom 20. 2Jtoi 1890 (©eetyoöen'S 
$Be$iel)ungen $u ber gfamilie öon ©reuning, bem ©rafen 
SBafbftein unb §f. ©. Tegeler) bie Seit ber (Sinfityrung 
©eetljo&en$ in btö ©reuning'fdK §an&, meldte 31. SB. 
S^atyer auf ba8 Sofyt 1787 na# ber erften SBiener föeife 
8eetl)oöen3 verlegen moHte, für 1782 berart richtig gejtettt, 
baf$ au$ S^a^erS Uberfefcer Dr. Leiter* fid> bann baüon 
überzeugen lieg. 2i. b. 8. 

Viel Weiteres und Neues zu diesem Streitpunkte 
bietet der Herausgeber in seinen Anmerkungen 



21 

Sie ifjn fdjneU üebgetüinnenbe grau ttmrbe itjm balb 
eine jmeite äRutter, bie mannigfach mitbemb auf baZ 
mitunter aufbraufenb ©törrifdje feineS GHjarafteri 
eintmrfte*). Steiften ben Sinbern unb Seetljoben 
fd)lo§ fid) aber ein bauernber greunbfdjaftöbunb. 

©o »urbe mit bem $erantt>adjfen ber Sinber 
unb ber 33ergröfcerung be3 SreifeS burdj aufgetneefte 
Sünglinge öon Stuften ijer ba$ Sefren unb treiben 
im $aufe ein tuadjfenb regere$, unb biefc um fo 
meljr, atö ber lebhafte ©inffafc ber ftdj bamatö ber* 
breitenben reformatorifdjen Strömung bie 3[ugenb 
m&d)tig befeelte. 

SB eg el er, ber ftttefte ber jugenblidjen greunbe 
(geboren in Sonn am 22. Stuguft 1765 unb fomtt 
Seetljoöen, melier in Sonn am 17. Secember 
1770 getauft**), — bem Stlter nadj am n&dtften 
fteljenb — ) unb bie brei ©öfjne ber bertoittoeten 
§ofrätl)in ftubirten; SBegeler unb Sen j fidfj fpäter 



zum Neudruck der „Biographischen Notizen über 
Ludwig van Beethoven von Wegeier und Ries, Berlin 
und Leipzig 1906, S. VIII ff." 

*) ,,©ie üerftanb e3, bie Snfeften öon bm SBlüt^en 
abjufjalten" fdjrieb #eet$oöenin nodfj foäterer 8«t in 
banfbarer 5hterfemumg. — ßubttrig'8 (£l)ara!ter* unb 
$ilbung£*(Snttt)ic!lung, auSfdfjliefjlid) ben öielfadj ftörenben 
Serijättniffen unb ©inflüffen im österlichen $aufe anleint* 
fleftellt, ijätte fonft tt>o# leicht gefö^rbet werben mögen. 

**) 9tö fa9* getauft, nidjt geboren; benn, wie burdj 
SBegeler btö richtige ®eburt3l)au3 $Beetl)ot>en'3 suerft 
befamtt gemalt, wie burdfj 51. SB. X^a^er baS mafjre 



22 

bcr ÜDiebijut ttribmenb, ©Ijriftof unb Steffen betn 
©tubium ber ^urteprubenj. ©leonore unb Senj 
fpielten bereits jtemftdj gut Staöier, roäljrenb Steffen 
mit SJeetljoben gemeinfdjafttidjen ©eigenunterridjt 
genofi bei granj SHieS, bem SSater be$ foftteren 
SJeetljoöen'fdjen ©djülerS unb ©ompofiteurS gerbi* 
n a n b 91 i e 8 , be3 öieli&fjrigen (£on jertmeifterä § u 6 e r t 
91 i e § in SJerlin, »eichen id) aud) afö @l)rengaft hti 
bem Sonnet gubelfefte 1871 nodj getroffen, 3of cf '§ 



®eburt3ial)r feftgefteHt toorben; fo bleibt nod) immer 
$eeti}oöen'g Geburtstag gu ermitteln. 9 ) 10 ) 

©et meinem Iefcten $efud)e in SBonn («uguft 1871) 
fanb idj bie ©ejeidjnung be8 ®eburt31)aufe3 öeranbert; 
nämlidj: ©onngaffe 515 in Ä 5 In gaffe 20; bedj nur bie 
SBegeidjnung ift geänbert, »bie bttnqtnb Heine Stodrftube, 
in melier SBeet^oöen $ur SBelt gefommen, hingegen befielt 
nod>, im 1. (Stod beS fcoftrafte* linfs. — $a8 £au8 ift 
befanntlidj 1889 üon bem jur Spaltung beSfelben nxib 
jur SBegrünbung einer S5eet^oöen-@ammlung errichteten 
herein „SBeetljoöen^auS" angefauft »orben. Ä. b. S5. 

9 ) Das Geburtsj ahr Beethovens brauchte nicht erst 
durch A. W. Thayer festgestellt zu werden; das stand 
schon in der ersten Biographie Beethovens von Anton 
Schindler im Jahre 1840 durchaus fest. A. d. H. 

10 ) Zur Frage vom wahren Geburtstage Beethovens 
siehe Biographische Notizen, Neudruck, die Anmerkungen 
S. 5 ff., ferner des Herausgebers „Kritische Ausgabe 
von Beethovens Sämtlichen Briefen" Nr. 1 (Bd. I S. 4), 
wo man dem 15. Dezember die größeste Wahrschein- 
lichkeit zuerkennt, Beethovens Geburtstag zu sein. 

A. d. H. 



23 

SftieS in Sonbon, beS Slalrierfabrifanten toeilanb 
3ofef granj SRicÄ in SBien, u. f. id. 

SJon bcr in früheren SBiograpljieen angeführten 
Slnelbote nad) toeldjer eine Spinne im Bimmer beS 
jugenblid)en S3eetl)oöen in 33omt ftdj an fein bor* 
trefflichem SSiolinfpiel berart getoöfjnt Ijaben foHte, 
bog fie ju bemfelben allemal Ijerbeigelrodjen mftre, 
bis fie burd) einen mißliebigen 3ufatt fcon frember 
§anb erfrfjlagen loorben fei, Ijabe idj tt)eber toon 
meinem SSater nod) öon SBegeler ober Stnberen je 
gehört; audj Ijat bieg 9t. ©djinbler bereits in feiner 
SBeetljobensSBiograpIjie als ©rfinbung bejeidjnet. SSoljl 
aber Ijat mein SSater, ber bie ®eige bis an fein 
SebenSenbe correct, roenn aud) nidjt mit SSottenbung 
gefpiett, unb ©eigenfpiet ju beurteilen toerftanb, 
nrieberf)olt geäußert: baßßubroig in jenen gugenb* 
jeiten, fo groß er als $ianift balb geworben, auf ber 
©eige eS nie ju befonberer SReinljeit beS £oneS ober 
fonft Ijerioorragenber gertigfeit gebraut f)dtte, unb 
immerhin oftmals falfdj gegriffen fjabe, nod) beöör 
er öon feiner ©eljörfranfljeit befallen korben, nad) 
beren ©intritt felböerft&nblidj baS SSiolinfpiel aHge* 
mad) fatfdjer ttmrbe, bis eS ber leibigen laubljeit 
roegen ganj aufgegeben »erben mußte (f. aud) 28ege* 
ler unb SftieS'S biogr. SRotijen, <3. 119). n ) 

SBeetljoöen Ijatte to&ljrenb beS gemeinfdjaftlid)en 
UnterridjteS mit meinem SJater bei granj SRieS 



u ) Neudruck S. 141. A. d. H. 



24 

auf einer „tSfytoaxtfo'&lbtx" *Qbt\Qt gefpielt, tüetrfje er 
am ©djluffe beffelben feinem Steffen jum 2lnbenfen 
an jene 3eü fdf)enfte. 3$ bema§re biefe£ ^nftrument 
in einem altmobifdjen ©eigenfäftd)en, ba§ mein SSater 
bon Sßeifier 9tie£ audj bamatö erhalten, al§ treuere 
©rinnerung. — Unter berfd)iebenen SJtolinnoten au§ 
jener 3^it bef afc mein SSater giorillo'^ 12 ) Kapricen. 
Sluf bem £itelblatte mar ein fleine§ SKänndjen, Sto* 
üne fpielenb, abgebübet. ©paterer Seit, bereits in 
SBien, bemerfte 83eetljoben gegen meinen SSater in 
fetner ljumore3fen SBBeif e : w 3)ief$ SRänncfyen ift bocty 
bicl $u Kein, um biefe fdjwierigen UebungSftürfe be* 
wältigen ju fönnen." — 

3)otf) nocf) eine Sunft foHte im Sonner §aufe 
bertreten, ber gamilien* unb greunbeSfretö burd) ein 
boppett intereffante§ Srüberpaar bereichert werben. 
@3 Waren btefc bie fpdter berühmt geworbenen äRaler 
fc. $üg eigen*), ein *ßaar reijenber SmißingS* 



12 ) Dieser Violinktinstler wird Federigo Fiorillo 
gewesen sein, der 1753 zu Braunschweig geboren ward, 
und der bald nach 1823 in London gestorben sein mag. 
Von seinen zahlreichen Compositionen haben sich nur 
seine Studien und Etüden für Violine erhalten, die noch 
in neuerer Zeit Ferd. David in einer revidierten 
Ausgabe empfohlen hat. A. d. H. 

*) „$a3 Sebeu ©erl)arb'8 o. Äü geigen", öon g. 
<S 1). 51. $ a 6 e. 9te6ft einigen üßadjridjten atö bem ßeben 
be§ f. rujfifdjen (SabinetSmalerS (£arl t>. Äü geigen. 
Seip$ig (5- Ä- 93rocff)au£) 1824. — SBeitereS bie in ein- 
neljmenber SBeife gefdjriebenen „Sugenberimterungen eines 



25 

brüber, tüeldje balb at§ neue greunbe aud) in bem 
traulichen gamilienöerein $Ia$ griffen. ®iefe 3Jüng* 
linge fatjen ficlj — nad) meinet 3$ater$ ©raatjlung 
— längere 3eü Ijinburcf) in fo fjo§em ©rabe äljnlid), 
bafc fie öon einanber nid)t 51t untertreiben maren, 
unb meine ©rofcmutter, bei meldfjer fie bod) nunmehr 
tägliche ©äffe gemefen, i^nen atö ©rfennung^eidjen 
burd) geraume S& berfd)iebenfarbige 93önber anfteefte. 
©rft in fpäterer B^tt macfyte fid) ein Unterfdjieb in 
iljrer Sßerfönlidjfeit bemerfbar. 

Karl öonSügelgen roarb ßanb|d)aft§maler*) 
unb !am im Verläufe ber 8eit nad) ©t. Petersburg, 
©erwarb fcon Sügelgen, mit großem Satente 
für bie Slntüe unb ^orträtmalerei begabt, ging in 
nid)t femer Seit (27. 2Rärj 1820) einem mit 
3Binfetmann'§ tragifd^em ©nbe toermanbten <Sd^idE= 
fale entgegen, ©r mürbe in feinem 48. Sebenäjafjre 
bei 3)re§ben auf ber Sanbftrafce ermorbet. — SSon 
biefem befifce idj au3 meinet SJaterS 9?ad)laffe bie 
§öd)ft dfjnlicfjen unb meifterljaft aufgeführten SWebail* 
lonporträtö meiner ©rofcmutter, meinet 3$ater§ au£ 
bem Satire 1790, u. a. m. 

So berging bie fdjjöne Sugenbjeit bei gebiegener 
Pflege öon SQBtffenfd^aft, Äunfi unb fröfjltdf) gefettigem 
Seben, ba§ burd) fo mannen lieben SBefud) toermanbter 



alten 2Ramte3 (2Btll)elm o. Äü geigen)." 3. Slufl. 
»erlin (§er$) 1871. 

*) <5ein 92ame ift in ber f. f. ©emälbegaflerie in 
3Bien vertreten. 



26 

unb nachbarlicher greunbe ^ftuftg nod) angeregter 
mürbe. 3«tt unb Ort beeinfluffen tnoljt bielfad) bie 
Stimmung ber SRenfdjen, unb nidjt immer unb über* 
all finben fidj leicht fo begabte unb firebfame 3üng* 
linge jufammen, tt)ie e$ in bem fo behaglichen be* 
Ij&bigen $aufe meiner ©rofemutter ber gaß gett)efen 
fein mufcte. 

©emifc bitbete aber fd>on bamafö ben SKittelpunft 
beS ^ntereffeS ber junge ©ectljoben, ber ftunbenlang 
btö ju falben SRädjten auf bem Stabier pljantafierte. 13 ) 

3)ennod) foßte ber bunlle gaben, ben bie Sßarje 
in Säeetljoben'S Seben eingefponnen , fdjon jefct 
mitunter bemerf bar f)eröortreten. SBa^r^aft rüljrenb für 
bie ber Sljeilnaljme fo empfänglichen jungen greunbe, 
erjagte mir mein SJater, foß ber Summer unb ba$ 
33enef)men be$ jungen Subtt)ig gemefen fein, roenn 
fein bem SBeine aßjufeljr jufpredjenber SSater nddjt* 
lid>e ©trafeenffanbale beranlaßte unb Ijierburd) in 
©onfticte mit ber Sonner $otijeimad)e geriet^. 2Rit 
!inbtid)er Siebe unb Eingebung, bie jtnar öorjugS* 
meife feiner butbenben SKutter gegolten, 14 ) fjat er fidj 

18 ) $a3 SJhififaimmet ebener (£rbe linf 8 fear bei meinem 
legten SBefudje in S3onn 1870 räumlich nod) unöeränbert. 
Mut bie fernen grünen SBorgitter be8 #aufe8 $atte beffen 
33efi$er §err ©erl)arb$ burdj eijerne erfefcen unb einige ber 
genfer beS §aufe3 öergröfeern lajfen. 51. b. S5. 

u ) Solche Szenen sind aber doch erst nach dem 
Tode der geliebten Mutter vorgekommen, die bekannt- 
lich im Jahre 1787 starb, als Beethoven noch nicht 
17 Jahre alt war. A. d. H. 



27 

im roettftreitenben ©efüljte öon ÄinbeStiebe utib 
©ürgeräpftidfjt jwifc^cn SSatcr unb SBadfje öermittelnb 
geworfen, ©r ^ert^eibigte bann feinen SSater in Der* 
jweifelnber SBeife, um i§n fcor ber ©dfjanbe gef&ng* 
lidfjen ©injieljenä ju bemaljren; tt)enn er fid) auclj 
babei ber 23iberfefctid(j!eit gegen bie $atrouifle fdfjutbig 
machte. 3)af$ feine greunbe fidf) hierbei befdjnridjti* 
genb, tröftenb, unb burdfj iljre gefeHfd(jafttitf)e <3ttU 
lung öermittetnb feiner annahmen, mufete toon bleiben* 
bem ©inbruef fein, unb Seetljoöen Ijat e8 auclj 
niematö bergeffetu 

2tber, gaben bie SBejieljungen ju feiner gamilie 
iljm, mit SluSnaljme feiner SKutter unb be§ ®rofc 
baterS, bie marm in feinem Jper^en ftanben, nur gröfc 
tentljeiß 28iberroärtige§ bon SCnfang bfö ©nbe feines 
SebenS; fo erfuhr er in feiner 3fagenb i>cnn boty 
oudf) $eitere8 unb SlngeneljmeS. 

©o belannt afö meljrfadfj erj&fjtt finb : feine früfje 
SSorfteßung bei bem funftliebenben GHjurfürfien SR a j 
Sranj, bem mürbigen ©ruber ffaifer 3ofef'^n. f 
— feine fruf)jeitige Ernennung jum dfjurfürfttidfjen 
ipof organiften burd) Vermittlung feinet erften ®önner§ 
®raf SBatbftein, — bie tt>ieberf)olten garten ®aben 
be8 lederen an iljn, — bie muttjttnHige Gegebenheit 
mit bem d^urfurftüd^en lenoriften §eller f mit xozU 
tfjem er bie SBette einging, itjn roftfjrenb be£ ®otte§* 
bienfteS in ber ©dfjlofcfapeße au§ bem Jone ju tt>er* 
fen, ma8 ifjm ju feiner freubigen ®enugtljuung audjj 
gelang, freilieft aud) §inter§er einen „fefjr gen&bigen 



28 

33ermei$" be3 (£l)urfürften eintrug, — fein fröfjlidjeS 
3ufammenmof)nen mäljrenb ber Sommerzeit mit ber 
gamitie SBreuning beim „£)f)m w in Serpen, tno er 
bann gerne bie Orgel in ber 5)orffird)e fpielte, — 
feine luftige Steife mit bem djurfürftlidjen £ofe Don 
93onn nadf) Sftergentljeim, — feine £erjen£neigungen 
ju gräulein Sabette ®oä) (fpäteren ©räfin Selber* 
bufd)) 15 ) unb — gemeinftfjaftlidj mit Steffen — 
ju S^annette b^onratf), ber fpäteren ©attin be§ 
öftreidfj. gelbmarfdfjaßlieutenant fc. ©retl), meltfje 
id) afö ältere grau in ben 20er 3faf)ten in SBien 
fal), — (jttnfdjen ©leonore unb SBeetljofcen beftanb 
ftetS nur ein marme3 unvergänglich greunbfdjaftS* 
bünbnifc, roeld)e§ aud) auf bie erfte Saufe feiner 
Oper afö „ßeonore" ©influfj ausgeübt), — bann 
fein ^Begegnen mit bem au£ ©nglanb rüdffefjrenben 
Sofef Jpaljbn,u. f. tt). gut denjenigen, ber berlei 
etmaS poetifcf) auägefdjmüdt ju lefen liebt, lägt fidj 
bie§ nid)t anmutiger erjagen, atö in SBolfgang 



15 ) Besonders ernst wird die Neigung zur Gräfin 
Koch-Belderbusch nicht gewesen sein — eine Art 
Primanerliebe. Beethoven schrieb ihr gleichwohl aus 
Wien, ohne eine Antwort zu erhalten. An Eleonore 
von Breuning schrieb er deshalb: „Sollten Sie die B. 
Koch sehen, so bitte ich Sie, ihr zu sagen, daß es nicht 
schön sei von ihr mir gar nicht einmal zu schreiben. 
Ich habe doch zwei Mal geschrieben!" (Näheres über 
diese Beziehungen siehe des Herausgebers : „Beethovens 
Frauenkreis, II. Abteilung, die Bonner Zeit". Neue 
Berliner Musikzeitung 1892 etc. etc.) A. d. H. 



29 

aftüUer'3 „guriofo", ganj maljrljeitögetreu aber in 
38 e g e t e r unb 9H e 3 ' 3 „ biograpl). SWotijen" unb in 
©djinbter'£ 33eettjofcen*93iograpl)ie, gteidf)ttrie, ju= 
gleidfj mit roeitefter Umfdfjau auf bie bamatigen 3^** 
berljättniffe, in 9t. SB. Zf)at)tx'$ „S. to. Seet* 
!) oben 'S Seben" (Sertin, 1866). 

3)od^ bie S^it tjatte Stüget, nidfjt allein bei ben 
Sitten, fonbem immerbar, unb bie frönen Jage ber* 
gingen leiber noef) allerorts unb Obermann. Sftit 
ben Sauren beginnt ber ©rnft be£ SebenS altgemacf) 
anjupodfjen. 

@o erging e$ audfj unferem Jugenbüct) Weiteren 
SSötfdfjen: Sßegeter, tt)etcf)er bei (Eröffnung ber 
burdf) ben ©Ijurfürften b. Sötn äRajimittan granj 
in Sonn geftifteten Untoerfität am 21. SWofc. 1786 
bereite eine fcon iljm Verfaßte 3)iffertation „de res- 
piratione et usu pulmonum" bertljeibigt Ijatte, 
reifte im September 1787 nadf) Sßien, um ftdj afö 
merbenber Strjt in ben au§gejeid§neten Stnftatten, 
namentlich an ber unter Sfofef II. gegrünbeten 
glänjenben mititärärättidfjen SofefSafabemie für ba$ 
praftifd^e Seben öoltenbS auSjubitben. £>ie älteren 
©öfjne ©Ijriftof unb Steffen gingen jur Sott* 
enbung iljrer juribifd^en ©tubien nadf) ©öttingen. 
Seetfjoben marb bon feinem Sljurfürften nadf) 
SBien gefdfjidft, nadf) ber fdfjon bamatS fo btüljenben 
SKufilftabt, in metdfjer £at)bn unb SKojart Un* 
geljörteS fdjufen unb "aufführten. greitidf) foHtc ber 
Slbfdjieb 9ttter bon itjrer tieben £eimat unb fcon ein* 



30 

cmber nur für einige 3*ü bouem. aber e& mar 
eine Trennung, unb jtoar bie erfte in aü ber ^fangen 
Seben, inmitten fidf) brängenber ®rieg8ereigniffe, toty* 
renb melier ber geregelte Sauf brieflicher Sftadjricljten 
in iljren fdjon in Unebenheiten bamatö gar träge 
einfjerfjumpelnben Sßoftcarriolen oft bottenbS unter* 
brodjen toarb. 

3)ennodj aber podfjte Stßen feurig baS §er j, unb 
mutiger, je meljr e£ ber ©rfüßung iljrer gen&ljrten 
SebenSttmnfdjen entgegenging. 

Seetljoben mar im SBtnter 1786 auf 87 in 
SBien angefommen, unb ^attc balb afientljalben offene 
Sirme, jumal juborlommenbfte Stnfnaljme bei ben all* 
belannten funftüebenben ariftofratifdjen gamilien jener 
SBiener Seit gefunben. Slucij SBegeler fear balb 
— nodj 1787 — bort angelangt, unb, mit bor* 
jügtidjer Smpfeljlung unb Unterftujjung bon Seiten 
be§ ©ljurfurften ausgestattet, öffneten ficfj iljm, toie 
SBeetljoben, bie Sreife ber berühmten Sofefinifcljen 
Sßrofefforen unb Sterjte: Srambilla, ©erwarb b. 
SSering, ©ottfrieb ban ©mieten, £uncjob&!l), 
Stbam ©djmibt, SBitfjelm ©dfjmitt unb bieler 
ätnberen. SBem Ij&tte e& an begeifterter Slnerfennung 
fehlen f ollen, ber ba8 fjer jtidfje £alent be$ überfprubetnb 
Ijeranftürmenben Seetljoben einmal lennen gelernt, 
bon bem fcfjon bamafö ber große ©eniuS ber Jone 
bie propljetifdjen SBorte äußerte: „Sluf ben gebt Sdjt, 
ber ttrirb einmal in ber SBelt bon ficfj reben macfjen." — 

9?od) einmal lehrte SBeetljoben nacfj Sonn Ijeün. 



31 

@$ mar biefc megen ber ©rfranlung feiner 2Rutter, 
meldte furj barauf, am 17. Quli 1787, im 49.2eben8* 
jaljre ber ©djnrinbfudjt erlag. — Salb aber foflte 
ber fo eng gefdjloffene greunbeSfretö nrieber getrennt 
werben unb fid) aud) nie nrieber juf ammenfinben ; 
benn ber berfdjiebenen Sünglinge 33eruf3ftreben warf 
fie in ba§ bewegte SSeltleben. 

®ie beiben Äügelgen mürben bom (£!jurf ürften 
auf Steifen gefanbt (4. ÜWai 1791) mit einem „3<iljrs 
geaalt bon 200 3)ucaten auf 3 !3fal)re, womit fie in 
SRom toerfudjen fottten, iljre fdjöne SRaturgabe weiter 
auSjubilben. 11 

@& fam bie jweite Steife Seet^oben'8 nad) 
SSien — Anfangt SRobember 1792*) — , an weldje 
fid) fein bleibenber Stufentljalt bafelbft unmittelbar 
anfnüpfte, oljne bafc er, trofc feinet ftet$ lebhaft ge* 
nährten unb in feinen ©riefen an SBegeler unb 
@ 1 e o n o r e auSgef prodjenen Sßunf djeS, feinen §eimat^ 



*) 3fn bemburdj (8. Sfeottebo^m („SBeetljo Diana, 
Sluffäfce unb aRittyeüungen," Seidig unb SBintertyur, bei 
9ftieter*8Kebermann , 1872) Veröffentlichten @tammbudje 
©eetljoöen'S (bereit ©gentium ber !. !. $ofbi6tiotyef 
in S&ien), in toeft&e* feine Sugenfreunbe in ben Iefcten 
Sagen feine« Stornier Aufenthalte« — t>om 24. Dctober 
1792 an — fidj etngefdjrieben finben, fefct bie „SBittib 
%od) M auf ba3 oon tyr befdjriebene SBIatt $u™ Saturn: 
„2tomt bm 1. 9lot>. 1792" folgenben für ben Sföretfetag 
bejeicbnenben Swfafc: „— am legten W>txtbt tot unferem 
«bföiebe". 



32 

ticken Stfjein je tütcbcrfal^ — nidf)t einmal, at§ teuere 
am 28. 3Kärj 1802 Sßegeler tjeiratljete. — 

g. ©. SBegeter, am 1. September 1789 in 
SBien jum 3)octor promobirt, war gteidi barauf na<$ 
93onn jurüdfgeleljrt, unb begann feine ßaufbafjn atö 
practifdfjer Slrjt unb öffentlicher unb orbentüdjer 
Sekret ber Slrjueittuffenfctjaft an ber Uniberfität ba* 
felbft. ©r toarb balb ein in 93onn unb Umgebung 
biet gefugter Strjt unb 1793 SReftor ber Uniberfi* 
tat. SSon Dctober 1794 bi§ 3uni 1796 genoß er 
nodfjmatö ein gtücflictjeä 3ufammenteben mit 93eetl)oben, 
erlangte, naef) 93onn tjeimgefefjrt, in feiner fo ge* 
arteten Stellung bann bie §anb Eleonoren^, über* 
fiebelte in gotge ©rnennung junt referirenben Slrjte 
bei ber 3ftebijinatbertoattung 1807 natfj Sobtenj, 
fco er bom 16. Sftärj 1816 ab, atö SftegierungS* 
3ftebicinatratlj, fcon 1825 an aU ©etjeimer 2JJebicinat* 
rat^ unb 3)irector ber Sftfjeinifctjen DberejaminationS» 
commiffion bi§ ju feinem Sobe (7. 3Rai 1848; — 
©leonore war iljm borau§gegangen: 13. 3fani 
1841 — ) tfjätig foirfte, ftetö ein gafttidfjeä §au$ 
fütjrenb unb in engfter SSerbinbung mit SSater unb 
©öfjnen — jumal gerbinanb — fftieS unb bieten 
anberen intereffanten Sßerfönlidjleiten*), in bertraut 
brieflichem SSerfeljr aber mit SSeettjoben bteibenb. 



*) gelter tjat e§ in feinen ©riefen ©ötl)e r n er* 
jäljit (f. SBrieftuedrfet attufd&en ©öt$e unb Bett er, 
3. 93anb, <S. 335), tote be&agticf) er — 1823 — in bem 
föeifetoagen neben bem „luftigen SWebtciner au$ (Sobtens" 



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33 

Sljriftof bon Sreuning mar 5ßrofeffor be§ 
9tedjjte8 in Sonn, bann ^Beamter in Oln, bon 1832 
£)ber*9tetrifton8ratlj in 93ertin, in melcfyer ©igenfdjaft 
idj iljn 1838—1839 bafelbft getroffen. @r ftarb 
furj nad) feiner 5ßenfiomerong am 24. Dctober 1841 
auf feinem Sanbftjje in 83eul an ber W)t ($Reuen* 
aljr) mo er audE) öor ber Äirdfje redfjtö bon bem 
®ingang§tljor begraben liegt. 

3)ie §ofr&tljtn Helene bon 93reuning über* 
fiebelte um 1823/1824 nadj Köln ju iljrem ©oljne 
Sljriftof unb f p&ter ju iljrem ©dfjttriegerf ofjne 2B e g e l e r 
nadfj ©oblenj, mo icf) fie im £erbfte 1838 nod) falj. 
91m 1. Qanuar 1826, -an »eifern Sage meine ®ltem 
33eetl)ot>en befugten, fcfyreibt mein SSater in ba£ Kon* 
berfation^ljeft über feine Sftutter, meldfje mir 1824 
bor ein Sßaar Sftonaten befudjt Ratten: „3)ie Sßama 
ift mit 76 3<iljren biet galanter afö jematö. Sein 
Äleib ift iljr fd&ön genügt. 3>n ben legten $aar 
Sauren aber mar iljr ©ebftdfjtnifc berart gefdf)tt)äcf)t*), 



gcf cff crt # ber an ber @lbe (51t Sftagbeburg) „ein D$oft 
9tnefboten anzapfte, baZ gar nic^t ju laufen aufhörte, als 
er fd&on in ^ilbe^eim angefotmnen ttmr." — @o ber 8o^n 
Dr. Julius SB e gel er in ber SBiograpljie feine« SSater« 
bei (Gelegenheit betfett 50*jäl)riger Dr.^ubelfeter ((Soblena, 
bei ffe$r, 183Ö). 

*) 2Benn mein gfreunb Xljager in feinem „& öan 
»eettjoben'S 2tbtn u (I.33anb, @. 170) barauf fidj be* 
tfetjt, ba& „Dr. SBegeler, grau bon S3reuning unb 
granj SRieS, alle gleich efyrtofirbtg anSllter tote an (£l)a- 
ratter, in ben Sauren 1837/1838 äufatnmenfafjett unb bie 

3 



34 

bafi fte afltäglidj iljren gegenm&rtigen Sßoljnort unb 
bic fie umgebenben Sßerfonen mit folgen au& früherer 
3eit bermedjfelte. ©ie ftarb wenige SSodjen nad) 
meinem Sefudje, am 9. Stejember 1838, nadj 61* 
Irrigem SBitmenftanbe. 

ßenj fcon 83reuning ftubierte SWebijin, mar 
mit SBegeler 1794 nadj SBien gereift, fco er aber* 
matö Seetljoben'S Ilnterridjt genofj unb mit iljm 
aud) bei ben Sftufilabenben meinet 3$ater£, melden 
audj bie gamilie #uncjobSft) anfcoljttte, bielfadj 
SWufil trieb. SSon biefer feiner 3Iu3bübung8reife 
§eimge!eljrt, erfranfte er in Sonn an ©efjirnent* 
junbung unb ftarb erft 21 3aljre alt am 10. Stprü 
1798 am, — bamafö in ber aKebijin mobern ge* 
mefenen 93rottntiani3mu£. — @r mar, ttrie mir mein 
SSater mieberljolt erjagte, mit 83eetljo&en faft 
„am innigften 11 befreunbet. $n ßenjen^SKbum 
fanb fid) fotgenbe§ S31att fcor: 

„$ie SBa^eit ift öorljanben für ben SBeifen, 
$ie @d)önt)ett für ein fütyfenb $er$: 
®ie betbe gehören für einanber. 16 ) 



(Sreigniffe öon 1785—1788 beforadjen" ; fo mufj ©rofjmama 
©reuning ani biefen Verätzungen, obertoüfytten Umftonbe* 
toegen, toenigften* für bie Iefcten 3a$re tyre* Seben* aus* 
gelaffen toerben. 

1C ) Die Albumworte sind nicht Beethovens Geistes- 
eigentum, wie man allgemein annahm, es sind viel- 
mehr Schill er sehe Verse aus Don Carlos, Worte 
des Marquis Posa zur Königin im IV. Akt, 21. Auftritt, 
und lauten — genau abgegrenzt — also: 



35 

Sieber, guter ©remtmg: 
9He »erbe idj bte 3ett, bic idj fotooljl fdjon in © Ott n, 
als toie aud? Ijter, mit $tr äubradjte, üergeffen. (Erhalte mir 
bie fjreunbf d^aft, (o toie $u audj midj immer gleidj ftnben toirft. 
SBien, 1797 am 1. Dftober. 

$ein toa^rer greunb 
8. t>. »eetyoben. 11 

(S)a& ©tammbud) ift in Dr. 3ut. SB e gel er' & 93e* 
ftfee.) 3u bem SBorte: Sonn — aber fefcte g. @. 
SBegeler (f. SRadjtrag ju ben biograpljifdjen SRotijen 
über 2. tmn Seetljoben. ©oblenj, bei Säbefer, 1845) 
attju ftüdjtigernmfe eine ganj irrig SJemerhmg ljutju, 
mbem er (©. 21) 16a ) fagt: „Senj bon Sreuning, afö 
ber jüngfte ber brei Vorüber, ftanb Seetljoben im 
«tter ber SRftcfrfie. 11 ©erabe aber ba& ©egentljeü ift 
ba£ richtige ; benn Seetljo&en toar fünf SWonate Mter 
afö ber ftltefte, naljeju jteben %af)tt aber älter, afö 
ber iüngfte ber brei 33rüber 33reuning. — ttnge* 
ad^tet nun Senj ber iungfte unb alfo 93eetljo&en 
im Stlter ber entferntere getoefen, finbet aber gerabe 
Senj ttrfadje, an SBegeler im Januar 1796 ju 
fdjreiben: „Ueberljaupt Ij&lt er (93eetl)oben) iefct 
üufjerji tuet auf mid)" — unb fd)tt)ädjt fid) au§ 
biefem unb bem meljr oben angeführten, jumal au$ 
meinet S3ater3 mir beftimmt erinnerlicher eben ange* 
jogener Sleu&erung, %$at)ex J % Stnnaljme tooljl ab, 



Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen, 
Die Schönheit für ein fühlend Herz. Sie beide 
Gehören für einander. A. d. H. 

w ») Neudruck S. 224. A. d. H. 

3* 



36 

menn er (®. 174) bon meinem SSater (afö bem ätüifd^en 
feinen jmei Srübern geborenen) unb Seetfjoben fagt : 

„®ie Seiben mögen moljl 1785 ober 

1786 mit einanber belannt gemorben fein, aber e§ 
mar einer gang innigen SSerbinbung nidfjt günftig, ba§ 
jroif dfjen iljnen ein 9nter3unterfdjieb bon bier 3aljren be* 
fianb, unb bafj ber ©ine nodf) ein ©dEjulhtabe mar, ein 
®inb unter ®inbem, mftljrenb ber Stnbere fd^on Drganift 
unb Slutor ttKir, unb gewohnt fidj unter Scannern ju 
bewegen." — 3um minbeften beruht biefe Stnnaljme 
auf fubjectiber ©dfjlufjfolgcrung. — SBegeler (biogr. 
SRot. @. 46) 17 ) fagt bon meinem SSater, bafc „er ber 
©injige mar, in bem aße ©igenfdfjaften ftdfj fanben, 
SBeetljoben'S 93iograpl) ju merben. $atte er bodfj mit 
lurjen Unterbrechungen, bon feinem 10. %ctf)tt — alfo 
nadf) SBegeler bon 1784 an — bis ju feinem lobe 
in ber innigften SSerbtnbung mit iljm gelebt." — 

Senj mar alfo gar balb unb frülj au& bem 
SBunbe unb für immer gef dfjieben; aber audfj aße 
©enannten faljSeetljoben barnadf) niemals mieber 
mit 9tu£nal)me bon Steffen bon SJreuniug. 

Steffen bon SJreuning feilte überhaupt 
in SSielem ein bermanbteS ©efdfjic! mit feinem 2ub* 
ttrig. 3n berfelben ©tabt, !aum 4 Saljre fpäter ge* 
boren, lam er gleicf) biefem ju bleibenbem Stufent* 
Ijalte nad) SBien, mofelbft bie greunbe längere 3^it 
fogar biefelbe SBoljnung teilten. SDer rege SSerleljr 
mürbe fpäterljin burdfj iljre btelfadfjen, menngleidf) feljr 

17 ) Neudruck S. 57. A. d. H. 



37 

heterogenen Sefdfjäftigungen unb bie berfdjiebenen 
SebenS* unb 3citber^ältniffc mitunter unterbrochen, 
bann aber fugte eS ba8 ©piel be$ Sufalfö, baß fidf) 
beibe nalje iljrem burdf) Sränfungen — bei 33eetljoben 
t)on öertt>anbtfdjaftüd)er bei Steffen bon amtlicher 
(Seite — öerfrüljt herbeigeführten SebenSenbe in nftd)* 
fter -iRadjbarfdfjaft (©^toarjfpanier* unb StotljeS §au3) 
mieberftnben foßten, um fidfj nodfjmafö fo redfjt Ijerj* 
innigtief) eine (Spanne 3*it ju genießen, aber audj 
binnen jroeier SRonate unb neun lagen in'§ ©rab 
ju folgen, in toeldfjem fie nur toenige Schritte Don 
einanber entfernt auf bemfelben griebljofe ruljen 18 ); 
— ber eine betrauert öon ber SBelt, ber anbere öon ben 
(Seinen unb gefaxt bon 3enen, bie iljn gelaunt. 

Steffen toarb im ^Beginne feiner amtlichen 
Saufbafjn in SWergentljeim bei bem beutfdfjen Drben 
angefteHt, nadfj jteben Sauren aber, wie bamatö biele 
Stljeintänber, unter iljreS SanbSmanneS %a%btnbtx'% 
sßräfibium an ben £offrieg$ratl) nadfj SBien gejogen*), 



18 ) Steffen umrbe in ber öon S&erutg'fdjen gfamüien* 
gruft auf bent SBctyringer DrtSfriebtjofe bei SBien begraben, 
in berfelben föetlje in toelcfter einige ©rftber toetter auf- 
wärts SBeetljoöen geruht, big er am 21. Suni 1888 nad& 
bem ©entratfriebljofe SBienS in bie ©ruppe ber (Sljrengräber 
überführt ttmrbe. Seit 1. 3uni 1893 finb audfc Steffen« 
©ebeine in ber öon SBreuning'fd&en Familiengruft im 
©entralfrieb^ofe beigefefct «. b. $. 

*) Steffen l)at öftreid&tfd&e $tenjte md&t gefugt, 
tote ERenfc^ S. 96 irrtljümltdj, au$ anbetraf ber 
#a$re3angabe, fagt. 



38 

mo er burd) aufcergemöljnlid) tätige Slrbeit fdfjnett 
(Karriere machte, fo bafi er bereits 1818 — im 
44. SebenSjaljre — £ofratlj geworben, ©oldj anftren* 
genbem (Sifer unb — unter be$ Sßrinjen ^oljenjottern 
Sßräfibium — perfönlidf) fr&nfenben SBibermärtigfeiten 
bei reijbarer !fterbenbefd()affenljeit aber aHjufrülj untere 
lag, am 4. 3uni 1827, nodf) nid^t 53 Saljre ölt. 

®urd) SB e gel er' 8 ©mpfeljlungSbrief bei bem 
birigirenbeu ©tabSfelbarjte ©erwarb b. SS e ring in 
SBien eingeführt, traf Steffen — um 1800 — 
Seetljofcen bei biefem ebenfalls burdf) SB egeler '3 
Empfehlung fdfjon ljeimifd), unb nodf) Ijeimifdjer tt?arb 
e$ ifjm in SBien, afö er ju Steffen in beffen SBoljnung 
im Stotljen §aufe jog. 3fa biefem finben mir fie ju 
gemeinfdfjaftlidfjem £auSl)alte bereint. ©in ©rief 
©tef f en'S an SBegeler auS SBien öom 13. 9?o* 
bember 1804 fpridjt biefc auS, giebt aber aud) fiunbe 
bon ber fdjon feit bier 3al)ren begonnenen unb er= 
fcfyretfenb junefjmenben ©d^mer^örigfeit 93eetf}oben'S. 
®a biefer 93rief feljr bejeidtjnenb ift, möge er (auS 
SBegeler '3 „SRadjtrag", ©. 10) 19 ) Ijier ttrieberljolt 
merben. Um fein langet ©djmeigen ju entfd^ulbigen, 
fdtjreibt ©tepljan: „5)er greunb, ber mir bon ben 
Sugenbjaljren ljier blieb, trägt nod) oft unb biel ba* 
ju bei, bafc idj gejmungen merbe, bie Sibmefenben ju 
öemadfjlftffigen. ©ie glauben nidfjt, lieber SBegeler, 
melden unbefdjreiblidfjen unb id) mödjte fagen f djredf* 
liefen ©inbrutf bie Stbnaljme beS ©eljörS auf iljn 

19 ) Neudruck S. 206 f. A. d. H. 



39 

gemadjt (jat. 3)en!en @ie ftd) bo§ ©efüljl ungtütf* 

üdjj ju fein, bei feinem heftigen ©Ijarafter, hierbei 

93erfdf)loffenl)eit, SRifttrauen, oft gegen feine beften 

greunbe, in bieten Dingen ttnentfdfjloffenljeit! ©röfc 

tenttjettö, nur mit einigen StuSnaljmen, ipo fiefj fein 

urfprünglid)e§ ©efüljl ganj frei ftufcert, ift Umgang 

mit iljm eine tnirflid^c Stnftrengung, mo man ftdj nie 

fidf) felbft überlaffen lann. ©eit bem 2Wai btö ju 

Slnfang biefcS äRonatö Ijaben mir in bem nämltdjjen 

§aufe gefooljnt, unb gleid^ in ben erften lagen naljm 

\ü) if)n in mein Simmer. Saum bei mir, berfiel er 

in eine Ijeftige, am {Raube ber ©efaljr borubergeljenbe 

Sranlljett, bie jutejjt in ein anljaltenbeS SBedfjfelfieber 

überging. " (©eine borljerrfcfjenbe Sfalage ju Störungen 

ber Sebertljfttigieit ift alfo fd)on au8 jener geit er* 

fidjttid). — ) „33eforgnifj unb Pflege ljaben midfj ba 

jiemlicfj mitgenommen. Sefct ift et mieber ganj 

tooljt. @r moljnt auf ber Saftet*), icfj in einem 



*) 3m SBaron ^aSquatati'fdjen #aufe: SRöHer- 
baftei, jefct 9fcr. 8. — SBie mir mein S&ater erjagte, be- 
wohnte SBeetljoöen bieg §an* feiner freien 2tu3fxd)t unb 
Saft wegen mit befonberer Vorliebe uxib be&ljalb aud) ju 
berfdjtebenen SKalen. $a& er e8 bennod) zeitweilig t>er* 
laffen, tjatte bie getoöfytltdje 5Bettmnbtm&: feine Serftreutyeit 
unb SRtdjtbeadjtung ber äufjerftd&en töflcfftdjten, welche il)n 
allerorts in Sonfütte mit 9?adjbaren, $augmeiftero unb 
fd)Iie&Iid) fcauSljerm bradjte. Unter anberen ereignete ftdj 
in biefem $aufe j. SB. folgenber Vorfall: SBeet^oöen 
bewohnte eine 2Bo$ramg im britten ©todtoerfe nah genoß 
bie »eitefte StuSfidjt über ba« ©laciS, mehrere S&orftftbte, 



40 

Dom Surften SSjterlj&ät) neuerbauten §aufe bor ber 
2tlfer*S!afeme, 21 ) unb ba id) meine eigene £au8fjaltung 

bis auf ben SeopolbS* unb Äaljlenberg, na$ rechts aber 
weit über bm Krater tynauS. Um aber biete lefctere Sßartljie 
fe&en $u fönnen, mußte er fidj über bie Sfenjterbrüftang 
ijinauSleljnen unb ben ftopf nad) rechts wenben. ©ein 
gimmer war baS lefcte (öftltdjfte) an ber geuermauer, ba« 
Sfcad&barljauS bamals nur $wei ©todwerfe ijod), bie #aupt* 
mauer beS $aufeS fomit frei.' ®in fjenfter buref) biefe 
SRauer, backte SBeetyoDen, unb btö Simmer wäre $u einem 
©cfyimmer, mit freier &uSficf)t auef) nad) biefer (Seite $in, 
umgefc^affen ! ©oldjeS auszuführen bünfte tyn gan§ ein* 
fa#, unb — er ließ einen SRaurer rufen. Db btefer, ber 
$au3meifter ober ber $auSetgentl)ümer ftcf) fofort Don 
Dome herein bem beabfidjttgten $urdjbrud)e wiberfefct 
Ratten ober ob ber SRaurcr Wirfltd) bereis burdjauflopfen 
begonnen (bod) bünlt mic§, lefctereS Don meinem SSatcr 
Dernommen ju ijaben), weiß id) ntdjt genau; — aber SBeet* 
$oDen !ünbigte f als ttjm biefe Slrbeit eingeteilt morben, 
tjodjeraürnt über bie Ungefälligfeit beS üjm bodj> befreunbeten 
©auslernt, augenblidlid) bie SBoljnung. — $odj bie ljen> 
üd)e ?Jernficf)t unb bie freunblidje ©inlabung feines gfreunbeS 
SßaSqualati sogen Ü)n nadj einiger Seit wieber jurüd 
in bieg $auS; neuerlid) Dermeintltd) erlittene Unbilben 
liegen eS tyn wieber Derlaffen, um nadj erfolgter SluS* 
föfjmmg eS neuerbingS gu bejie^en. 3a, $aSqualatt 
foH enbltdj in ber a^nenben SSorauSfefcung, baß SBeetljoDen 
bodj wieber jurüdfeljren werbe, bie SBoljnung für alle gälte 
eine Seit lang für i^n frei gehalten Ijaben. 20 ) 

2°) Das bezeichnende Wort des Freiherm Pasqualati 
lautet: „Das Logis wird nicht vermietet, Beethoven 
kommt schon wieder." A. d. H. 

21 ) tiefes ©aus, „baS föotlje #auS", warb im 3fajre 
1889 be^ufS »auregulierung abgerufen. &. b. $. 



41 

füljre, fo ijjt er tägtidf) bei mir." — ©o meit auS 
bcm 93 riefe meinet SSaterä. — 

3)te mufifaüfdf) tüte überhaupt fünfttertfd) fidf) 
entfaltenbe Softer SScring^S begann ©teffen 
meljr unb meljr ju feffeln, unb, ungeadjtet er ttod^ 
im Safjre 1807/ auf SBefudfj in 83onn, fid) nur ferner 
ttneber bon bort trennte, finben mir Ujn, nad) SBien 
jurüdfgefeljrt, batb at§ begtüdten ^Bräutigam berfetben, 
Suiten^ £ugenben unb ffteije in metjrfadjen ®e* 
bieten befingenb (tnetdje idj befifce). — 

S)a 3ulie — eine ©djüterm 3otj. ©dfjenl'3, 
be§ ©ompomften be§ „2)orfbarbier3", ber „SBetntefe 44 
u. a. m. (beffen ^erföntidjfett, in ©tiefettjofen unb 
Spencer über bem gradf, mir nod) öorfd()mebt) — 
eine gute ^ianiftht mar, ja fetbft in Heinen ©ompo* 
fitionen (bie iä) bermatjre) fid^ berfud^te; fo mar e§ 
natürüdfj, baß Seettjoben an ber talentvollen 18* 
jährigen grau Steffen' 3 batb boppetteS Qntereffe 
naljm. @r fptette mit iljr bierljänbig unb Ijutbigte 
tljrem fünftlerifd^en ©treben überbieg inbem er ba£ 
— ©tepljan bereite bebicirte — SSioünconcert 
(nidfjt ©onate, mie äRenfdfj fagt), Dp. 61, — J um 
erften äRat burdfj Element aufgeführt am 23. 
S)ecember 1806, — für ®labier allein unb jmar 
felbft bearbeitete unb e§ „Julien bon Sreuning, 
geborenen bon SB e ring" (richtig SS e ring) mib* 
mete. 22 ) 

22 ) Die im August 1808 erschienene Bearbeitung 
hat folgenden Titel : „Concerto pour le Pianoforte avec 



42 

Oftmals fo erjagte mir mein SJater, ljat SBeet* 
ljouen bor bcm jungen ffiljepaare bis tief in btc 
SKadjt ljtnein pljantafirt*). 

aecompagnement de grand Orchestre arrangö d'apres 
son 1er Concerto de Violon et dediö ä Madame de 
Breuning par Louis van Beethoven, Oeuvre 61." Es 
erschien im Industriekontor, an dessen Spitze Schrei- 
vogel (West) stand. A. d. H. 

*) SBcnn* man ben nodj in meinem ©eftfce beftnMidjen 
©robmann'fdjen glfigel, ber bamals ju ben öorjfig* 
lidjften jaulte, mit feinem fleinlidjen $one unb nur 57a 
Dctaöen Umfang erwögt, fo begreift man nidjt, nue er ju 
©eetljoöen'S ftfirmijdjem Sßljantafteenftrome aufteilen 
fomtte, tooljl aber, baf$ eS unabweisbare Anforderung unb 
golge tourbe, bafy burd) Seettjoöen'S Sonaten baS 
Älaoier ju feiner iefcigen Umgeftaltung unb @tärfe refor* 
mirt, ja gleidjfam neu gef Raffen toerben mufjte. S)ie 
@d)öpfungen feiner gigantifc^cn Älaoierfonaten muffen nadj* 
gerabe als hoppelte ©rfmbungen angefeljen toerben; benn 
felbft baS Snftrument mugte er fidj im ©eifte bereits in 
feiner iefcigen Seroollfommnung — ein SufunftSflaöter — 
gebaut Ijaben, unb mit ooQem Sfcedjte toftre baS Älaöier 
her ißeujeit, tote id) eS irgenbtoo einmal gelefen ju Ijaben 
mid) entfmne, baS ©eetljoöen'fdie Älaoier ju nennen. 
— @eljr intereffant unb in fflnftlerifäer ©ejieljmtg be* 
jeidjnenb ift, toaS (£. g. $ o Ij 1 in bem „SaljreSberidjt beS 
KonferoatoriumS ber ©efellfäaft ber SKufiffreunbe in SBien", 
©djuljafc 1869—1870, aus Sari ©aerntj'S <§e!6jt- 
biograpljie (im Slrdjtoe ber ©efeUfdjaft befmblid) unb „ein 
bisher nod) unbefannteS SRanufcript") M ) über SBeet* 

M ) Czernys Selbstbiographie kann jetzt nicht mehr 
als unbekanntes Manuskript bezeichnet werden. Der 
große Musikfreund Graf Giuseppe Galuzzi in Mailand 



43 

3)od) 6alb: am 21. 2R5rj 1809, nadj crft elf* 
monatlidjer (Slje, toaxi ein unerwarteter ©djmerj bon 

Sooen'S ßlaoterfptel oerdffetttüd&t. fßcf^l fagt: Ueber 
bie @pteltt>eife fyummtVi im Sergleidje ju ber 93eet* 
$ooett'fd)ett äußert fi# ^jern^: „2Benn fiefc »eet* 
$ o ö e n ' 3 @piel burdj eine ungeheuere Äraft, ©fjarafterifHf , 
unerljdrte ©raoour unb ©elftuftgfeit auszeichnete, fo toar 
bagegen Kummers Vortrag ba& SJhtfter ber Ijödjjten 
Reinheit nnb $eutlidjfeit, ber anmut^igften ©leganj unb 
8art$eit, unb bie ©djtoierigfetten toaren jietS auf ben 
ljdd)ften, ©etounberung erregenben, (Sffeft berechnet, inbem 
er bie SRojart'fdje Spanier mit ber für ba$ 3ftftrument 
fo toeife Beregneten (Slementi'fdjen ©djule bereinigte. 

§ummtV& Anhänger ttmrfen bem 93eet* 

tjooen oor, bag er ba$ fjortepiano malträtire, bag tfjm 
alle fRein^eit unb $eutlidjfeit mangle, bag er burd) ben 
<$ebrau$ be8 $ebal8 nur confufen Särm hervorbringe unb 
bag feine ©ompofitionen gefugt, unnatürlich, melobieloS 
unb überbieg unregelmägtg feien, dagegen behaupteten 
bie SBeetljoöeniften , Rummel ermangele aller ftdjten 
tß^antafie, fein (Spiel fei monoton tote ein Seierfaften, bie 
Haltung feiner Sfinger fei freu$fpinnenartig unb feine 
Sompofitionen feien bloge Bearbeitungen Sftoaart'fdjer 

unb $at)btt'fc&er SRotiöe." Unb $o$l fügt 

tjutju, tote über Seet^oöen'S (Spiel ein (£orrefponbent 
au$ Söien im Hpril 1779 («Hg. muf. Bettung, ftr. 33) 
f treibt: „©eetljopen'g (Spiel ijt üugerft brillant, bod& 
weniger belicat unb fdjlftgt jutocilen in ba$ Unbeutlidje 
über. (Sr jeigt ftd) am afleroortyeifljafteften in ber freien 
tßfymtafie. Unb ljier ift eS ttrirflid) ganj augerorbentlidj, 

hat mir selbst aus Freude über meine Arbeiten über 
Beethoven eine eigenhändige Abschrift davon verehrt. 

A. d. H. 



44 



bcm graufen ©djicffale neuerbutg§ bereitet : Sßir feljen 
Steffen bie ©rabfärift für feine geliebte 3 ulie **) 
f ^reiben : 

$er 
beften ©attin, 

3nlte, geborenen t>on Gering, 

fefete 

Stephan t>on Urenning, 

t t $oftaeg8fe!tet&t, 

tief trauemb 

btcf e§ 2)enfmal 

ber 
tbtftcfiea £ic6e. 

©ie toarb geboren ben 26. SRoüember 1791, erblühte p 
Ijolber ©$önl)eit, vereinte mit bem feltenften ©rufte beS 
©emüttjeS ben liebenätoürbigften ©tnn für Steinzeit unb 
SBaljrljeit, alle Sugenben fanfter SBeibltd)f eit , Derebelte 
©mpftnbungen für fftatur unb Jhtnft, unb bie unt>er* 



mit melier 2eid)tigfeit unb äugleid) gfertigfett in ber 
Sbeenfolge ©eetljooen auf ber ©teile jebeS tljm gegebene 
äljema nid)t etma in ben gfiguren oariirt (momit mancher 
Sftrtuo* ©lud unb SBinb rnadjt), fonbern toirflid) ausführt, 
©eit SRoaart'S £obe, ber mir ijier nodj immer ba8 non 
plus ultra bleibt, ljabe iä) btefe $lrt be3 ©enuffeS nirgenbs 
in bem Sttage gefunben, in meinem fie mir bti ©eet* 

Ijoöen gu £tjeil mark" 

u ) Suite mürbe auf bem SBäljringer DrtSfriebljofe 
red)t$ gegenüber ber ©rabftätte ber gamilte öon Gering 
beftattet. 3n tytem ©rabe ruljte feit 14. attärj 1870 aud) 
mein am 11. SRärj fo frül) mir entriffener ©o$n granj. 
$lud) biefe ©ebetne liegen feit 1893 in ber Familiengruft 
auf bem (Sentralfriebljofe. «. b. ». 



45 

fälfdjtejte, her toetblid&en Steftimmung burdjau* getreue 

(SeifteSbilbung. — 

@ie ftarb btn 21. aRärj 1809, 

im elften SJtonate bei glücßidjften ©fo 

in her SWinute be$ grü$ltng$*(gintritte8. — 



„$)er grflljHng ertoadjte fo blflljenb fo ljeljr, 
$od) a$\ 9för erblühte ber SriUjling nic^t me$r; 
Momente ©lud, bann tdbtenbe 23efd)toerbe, 
$a8 ift baS &>o3 be3 ©djdnen auf ber <£rbe!" 

SRein SSatcr blieb fortan unb bi£ an fein 2eben§* 
enbc im 9totljen Jpaufe unb SBeetljoben mit i^m 
in bielfadjem SBerleljr. ©o f treibt Steffen 1811 
an feine Sftutter: „baß iä) feit Anfang biefeä S^teS 
meine eigene £au£ljaitung mit einer 66*j<iljrigen 
Äödfjin füljre, tyabe iü) an SB egeler gef daneben. 
SSeetljoben igt jefct bei mir. SBenn er nidfjt ^ier 
ifi, nrie e8 ben ©ommer Ijinburdj ber gaU toar, unb 
toaljrfdjeintid), ba er nadfj Statten reifen foH, batb 
ttueber fein nnrb, effe id) allein." 25 ) — g£ !am 
aber nid()t ju biefer 9teifc. dagegen Ijatte 33eet* 
ljoben, ungeachtet feinet fd^on borgefdfjrittenen ®e* 
ljörletben§, audf) nneber bei Steffen an bem an 
befttmmten SBod^entagen ttrieber aufgenommenen Ctuar* 
iettfptel 23jeil genommen, wie benn überhaupt beibe 
greunbe bon jeljer in mufifaltfdfjen Angelegenheiten 
oftmal fidf) befpradfjen. ©o namentlich bamatö, afö 



**) „$u8 jener geit jtammt eine noc§ in meinem 33c« 
fifce befinbltdje ©djtoarätDälber-lUfr, toeldje öeet^oöen ha* 
mal* meinem Stoter fäenfte." Ä. b. $. 



46 

©eetljoben bic bielen Sßfodfereien mit bat Snfcem* 

rangen feiner Oper burdjjumadfjen Ijatte, unb bei 

bieten anberen ©elegenfjeiten. 26 ) 

SRein SJater färeibt (f. SB e gel er unb SRie^'S 

biog. SKot., ®. 62) 27 ) an feine ©dfjmefter Eleonore 

unb beren ©atten: 

„SBien, ben 2. Suni 1806. 
Siebe ©d^tücftcr unb lieber SBegeler! 

Ueber Seetljoben'S Dper 

Ijabe idj ©udf) in meinem legten ©riefe, fo biet 
idf) mid) erinnere, ju fdjreiben berfprodfjen. 2)a 
e§ (Snä) gettrifc interefftrt, fo xoxU iü) btefe§ 33er* 
fpred)en erfüllen. 3)ie Sftufif ift eine ber fdfjönften 
unb boKfommenften, bie man Ijören fann, ba8 
Sujet ift intereffant; benn e§ fteHt bie Befreiung 
eine£ ©efangenen burd) bie Sreue unb ben SWutlj 
feiner ©attin bor; aber bei bem SlHen Ijat 9tid§t^ 
moljl SBeetljoben fo biet SSerbrufc gemalt, atö 
biefe§ 353er!, beffen SBertlj man in ber Sufunft 
erft boHfommen feigen wirb. Suttft nmrbe fie 
fieben Sage nadf) bem ©inmarfdfje ber franjöfifd^en 
Gruppen, alfo im aßerungünftigften 3^itpunfte f 



26 ) Das war besonders der Fall, als es galt, die 
Textverbesserungen nach der ersten Aufführung im 
November 1805 vorzunehmen, — da war Stephan der 
vorzüglichste Helfer und Berater. Man lese die be- 
treffende Stelle in den Biographischen Notizen von 
Wegeier und Ries aus der Zeit 1806. A. d. H. 

27) Neudruck S. 77 ff. A. d. H. 



47 



6en. -ftatürlid) toaren bic Sweater leer uttb 
SSeetljoben, ber jugletdj einige Unbottfommen* 
Reiten in ber SBeljanblung beS SeyteS bemerlte, 
jog bic Dper nadj breimaliger Sluffüljrung ju* 
rüä. SKad) ber Sftütffeljr ber Drbnung nahmen 
er unb td)*) fie ttrieber bor. 3$ arbeitete iljtn 
ba§ ganje 33ud) um**), tooburd) bie Jpanblung 
lebhafter unb fdjneller ttmrbe; er berfürjte biete 
©tücfe, unb fie toarb hierauf breimal mit bem 
größten SeifaH aufgeführt. 3hm ftanben a6er 
feine geinbe bei beut Sweater auf unb ba er 
mehrere, befonber§ bei ber jtoeiten SSorfteHung be* 



*) Hie* ersäuft (f. „Motten", 6. 103 ff.) 28 ) nadj 
einer ü)m geworbenen SRtttijeilung be3 Senoriften fRödel: 
toie^eet^oDen'f greunbe nac§ bem SWigerfoIge 1805 
befdjlofjen, bie Oper ju öerfürjen, ju toeldjem gtoeefe eine 
3ufammenfunft beim Surften Sidjnotogfty Meute, be* 
fiefjenb au3 bem Surften, bet gfirftin (bie ba$ Älaöier 
übernahm unb befanntltdj eine auSgegeidjnete (Spielerin 
toar), bem ($tdjter) fcofraty Don (So Hin, bem Stephan 
t>on$reuning, toeldje beibe lefctere fid) über bie OT* 
für$mtg f^ott beforodjen Ratten, — bann bem #errn 
SRe^er, erftem »afftften, §errn SRödet unb 33eet- 
$oben." 

**) Hud& ber Sejt ju „Stjbien'S Untreue" ift öon 
meinem SSater „aus bem granaöfifdjen" überfefct unb fanb 
\ty btä Ijierju Don ©eetyoöen componirte Sieb burdjgeljenbs 
öon SaterS #anb gefdjrieben unter feinen @djriften öor. 
— 3$ befifce bieg Original unb ljabe feiner Seit meinem 
0$eim Tegeler beffen »enüfcung für feinen „9ta#trag" 
pgeftanben. 31. b. 8. 

*) Neudruck S. 127 f. A. d. H. 



48 



tetbtgte, fo Ijaben biefe c§ baljin gebradjt, bafc fic 
fettbeut nidjt metter meljr gegeben morben ift. 
©djon borljer Ijatte man iljm biete ©djmiertgfetten 
in ben S53eg gelegt unb ber einjige Umftanb mag 
@ud) jum SBemeife ber übrigen bienen, bafc er bei 
ber jmeiten Stuffüljrung nidjt einmal erhalten 
fonnte, baß bie Stnfünbigung ber Dper unter beut 
öerftnberten Sitel: „gibelio" ttrie fie auä) in 
bem franjöfifdjen Original ljeifci unb unter bem 
fie nad) ben gemalten Stenberungen gebrudft mor* 
bcn tft, gefd)alj. ©egen SBort unb 83erfpre<f)en 
fanb ftd) bei ben SJorfteUitngen ber erfte £iiel: 
„ßeonore" 29 ) auf bem Shtftfjlagejettel. S)ie 
Sabate ift für Seetljoben um fo unangenehmer, 
ba er burd) bie 9?id)tauffüf)rung ber Oper, auf 
bereu ©rtrag er nad) Sßrocenten mit feiner Se* 
jaljtung angemiefen mar, in feinen öfonomifdjen 
SSer^ältniffen jiemttd) jurücfgemorfcn ift unb fidj 
um fo tangfamer ttneber erboten ttrirb, ba er einen 
großen £(jett feiner ßuft unb Siebe jur SIrbeit 
burd) bie erlittene SBeljanbtung Verloren Ijat. S)ie 
meifte greube Ijabe iä) trieHetdjt iljm gemalt, ba 



29 ) Stephan v. Breuning muß hier die Worte 
„Fidelio" und „Leonore" verwechselt haben, man sehe 
den Artikel Otto Jahns „Leonore oder Fidelio?" in 
seinen „Gesammelten Aufsätzen über Musik" — wozu 
übrigens A. W. Thayer den Impuls gegeben hat 
(Thayers Beethovenbiographie II, 301). Der bei Thayer 
beigegebene Theaterzettel nennt die Oper wirklich 
„Fidelio". A. d. H. 



49 



tc§, oljne ba% er ettoGä babon mußte, fotüo^I im 
SRobember, atö bei bcr 2tuffüljrung am ©nbe 
äR&rj, ein fleine§ ©ebidjt brucfen unb in bcm 
Sweater auätljeiten tiefe, gür SBegeler null ic§ 
beibe Ijier abtreiben, tr»cil iä) bon alten 3^iten 
toeiß, baß er ettoaä auf bergteidjen 2)inge Ijält; 
unb ba id) etnfi SScrfc auf feine ©rljebung jum 
Rector magnificus celeberrimae universitatis 
Bonnensis madjte, fo lann er nun burd) SSer- 
gletäjung feljen, ob ify in meinem poetifcfyen ®e* 
legentjeitös®eme gortfdjritte gemalt Ijabe. 3)a§ 
erfie Heine ©ebidjt war in reimlofen Jamben: 

©ei nn& gegrüßt auf einer großem $a1jn, 
SBorauf ber Äenner Stimme laut $td) rief, 
$a @d)ü<$ternijeit ju lang jurücl $td) ijiett! 
$u geljft fie faum, unb fdjon blüljt 3Hr ber Äranj, 
Unb öltre Äftmpfer öffnen fro$ ben ÄreiS. 

SGBie mächtig toirft nidjt deiner $öne tfraft; 
S)ie güHe jtrömt, gleid(j einem reiben Stuß; 
3m frönen ©unb fcpngt Äunjt unb Stnmutlj fid), 
Unb eigne flhHjrung tetyrt $id) ^erjen rühren. 

(£3 ljob, e$ regten ttedfjjelnb unfre Stuft 
Senoreng 3Jhttlj, üjr Sieben, iljre frönen; 
Saut fd&aflt nun Subel iljrer fettnen $reu, 
Unb füßer SBonne meieret bange Hngft. 
galjr' muttyg fort; bem freiten fötfel fd&eint 
(Ergriffen tounberbar öon deinen $önen, 
6etbft Sieben« Sau bann feine grabet meljr. 



50 



2)a§ jtocttc*) befielt au§ jtoei ©tanjen unb 
entlj&lt eine Stnfpielung auf bie Shttoefenljeit ber 
franjöfifdfjen Sruppen jur 3*ü ber erften Stuf* 
füljrung ber Dper: 

fftodj einmal fei gegrfifct auf biefer %afyn, 
S)ie $)u betratet in Bangen @d&redenStagen 
3Bo trübe SBtrfltd&feit Don füfjem Wäf)n 
S)ie gauberbinbe riß unb furd&tbar Sagen 
9hm 2HP ergriff, toie toenn ben fdjmad&en $a$n 
S)e$ toilben @turm'3 gemalfge SBeflen fragen; 
$ie Äunft fto$ fd&eu bor roljen ShriegeS-<scenen, 
$er SRflljruttg nid&t, ans 3<numer ftoffen frönen. 

$ein ©ang tooft eigner Äraft mufj %oä) un8 freu'n, 
S)ein SHttf, ber ftdj aufg ljöd&fte giel nur toenbet, 
2Bo Äunft ftdj unb ©mpfinbuttg innig reüj'n. 
3a, fdjaue ljinl $er SWufen fdjönfte foenbet 
$ort &rän$e %xt, inbefj bom Sorbeer^ain 
Styollo felbft btxt ©traljl ber SBetyung fenbet. 
$ie xrif nod& foät auf $ir! in fttintn $önen 
ßeig' immer fid(j bie Sttadjt be$ matjren ©d&önen! 

S)iefe äbfdfjrifi Ijat midf) aber ttrirtlid) ganj 
ermübet; idj !ann baljer toöfjl biefen oljneljüt langen 
©rief fd)lief$en. 3$ toiU @ud§ nur nod) bie SWadfj* 
ridfjt fd()rei&en, bafc Sid^notü§f^ bie Dper jefci an 
bie Königin bon Sßreufcen gefdfjtcft Ijat unb ict) Ijoffe, 



*) $a3 erfte ®ebtd&t fear auf Dftabformat gebrudtt 
$a$ jtoeite auf einem $ur Duartform gebogenen falben 
©ogen unb überf d&rieben : „Sfofcerrn Subtoig bau ©eet* 
ljoben, als bie bon ü)m in 3Ruft! gefefcte, unb am 
20. Sfcobember 1805 ba& erfiemal gegebene Dper, jefrt 
unter ber öeränberten Benennung ßeonore toteber auf* 
geführt mürbe". 



51 

bic SorfteHungen in ^Berlin »erben ben SBienern 

erft jeigen, wa£ fic ljier Ijaben." 
Xrofc aller 33emü(jungen aber Ijatte bieg Opern* 
5ßrad)twerf nie bletbenb auf ber SBüljne fid) erhalten, 
unb, man !ann e§ gerabeju fagen, erft im ©ommer 
1859 allgemein eingeljenbereS SJerftdnbntö unb bleiben* 
ben 9tufentl)alt auf bem Sweater in SBien gefunben, afö 
mit 9tIot)3 Stnber afö glorefton bic beutfdje Opera* 
faifon bamit gefdjtoffen unb unter ber gleiten SJefejjung 
bie neue beuifdje ©aifon bamit raieber eröffnet worben. 
„£ofratlj ©iepljan bon 99reuntng'§ bor 45 
Sauren gefteHte Sßropljejeiung ift aber 4 ' (wie ber 
Sonboner SKufiMReferent feinen auSfüljrlidjen 93e* 
ridjt beginnt) „tn glänjenbe SrfuHung gegangen burd) 
bie watjrfjaft bottenbete Stuffuljrung biefer Oper" im 
3a^re 1851 in Sonbon. @r f djreibt hierüber (in 
ben „Illustrated London News" unb „SBiener 33je* 
oterseitung", 3funi 1851): „2)ie ftmftliebenbe SBelt 
SonbonS Ijai in ben testen Sagen einen boppelten 
©enufc gefeiert. @$ würbe SJeetljoben'S gibelio 
jum erften Sftale in itaiientfd&er Spraye, unb jwar 
in jwei Sweatern jugtetdj gegeben. Sßribat* wie Qu* 
hmg8berid)te wetteiferten über bie gl&njenben ©rfolge 
beiber SJorfteHungen biefer „beutfdjeften aller beut* 
fdjen Opern" , weldje bie beften ber ©aifon genannt 
Werben. SJon ben toier Dubertüren würbe jene au§ 
E bor ^Beginn ber SBorftettung, bie grofce „ßeonore"* 
(C)*Oubertüre aber bor bem brüten Slfte gefpiett, 
unb bie ftürmifdjen ©bbiba'8 forberten beiber wie fo 

4* 



52 

trielet anbetet SRuftftljeite SBiebetljoiung. 3m Sweater 
S^tet SRajeftät bitigiette 33alfe, meldet audf) ftatt 
bet ju fptedjenben Sejte Sftecttattoe fefcte, im löniglici) 
itatienif tyn Dpetnljaufe ©ofta, unb §ettoortufen 
Itönte audf) baS ©tteben bet 3)itigenten. ERan fatm 
fidf) bon bet ©dfjönljeit bet SSotfteHung babutdf) einen 
SBegtiff machen, roenn man etm&gt, baß bet ©l)ot 
bet ©efangenen butdf) ©änget ttrie ©atbont, ©al* 
jolati, Sßatbini, Sßoultiet, ©cottt r get* 
tanti, g. Sabladfje, ßotenjo unb 3ftafjol 
untetftüfct ttmtbc unb bie ©olopattljieen in beut einen 
Sljeatet butdf) 2Rße. Stutoetti, 3Kt. ©im8 Sftee* 
betä, Salandfji, Soletti, u. f. tt>., in lefcietem 
butdf) 2Rab. ©aftetlat, ©ignot Sambetlt!, Sot* 
me§, Sagliafico, ©tigljelli u. f. ro. befe|t 
toat. (Sin äReiftettoetf wie biefe§", fäljtt Sftefetent 
fort, „fann a6et aud) nut bottenbet butcf) foldfje 
2ßetftetftdfte gegeben toetben, unb fo gefdfjalj e§ audj) 
in toastet SSoßenbung." — 

äRein SSatet betbanb fiel) in jtoeitet @lje mit 
©onftanje Stufdjottufc, meinet Sftuttet. — Studf) 
gegen fie toat Seetljoben ftetö fefjt fteunbfdfjaftlidj) 
jubotf ommenb , wie et e§ übetljaupi gegen gtauen 
toat unb fiel) getne ju iljnen Ijingejogen füllte. @ine 
3eitlang glaubte fie felbft toaljtjuneljmen, bafc SBeet* 
Ijoben geneigt getoefen, iljt ehoaS ben £of ju machen. 
6t fud^te iljt auffaßenb öfter ju begegnen, begleitete 
fie atöbann ein ©tücf 3ßege£, fo j. 35. einmal jum 
„®aifetbabe" an bet ®onau, too fie ein fßab ju 



53 

nehmen beabfidjtigte, unb nidjt menig mar fie über* 
rafdjt, nadj genommenem SBabe, alfo nadj meljr atö 
einer ©tunbe, 93eetljoben auf ber San! bor bem Sab* 
Ijaufe iljrer Ijarrenb nodj ju ftnben, um fie ttrieber 
nadj bem 9totljen £aufe Ijeim ju begleiten, u. bgl. m. 

— 9tu3 biefer Seit batirt audj atö ®efd)enf Seet* 
ljoben§ an meine SRutter, ein gelj&IelteS HeineS (Selb* 
beutelten, ba$ er etnft bon Henriette ©onntag er* 
galten Ijatte. 30 ) Sßieberljolt bis nodj lurj bor feinem 
(£nbe Ijatte er gegen meine SMutter geäußert, bafj er 
e$ feljr bebauere, nidjt geheiratet ju Ijaben. — Stber 
maljrljaftig nur eine grau bon ganj befonberer 
£erjen§* unb ®eifte§bef&ljigung, ttrie fie nur feiten, 
aber — bodj ju ftnben, Ijatte einen SSeetljoben 
gtüdtlidj madjen lönnen. (Sine grau Ijdtte e§ fein 
muffen, metdje feinen genialen glug berjfonben, unb, 
oljne feine oft finfenben ©dringen mit SttttagS* 
SaHaft meljr nod) ju gewichtigen, iljn meibtid) leitenb 

— in be8 SßorteS meiblidjsanjieljenbfter Sebeutung 

— gegen bie iljn ftörenbe rudfidjt&ofe Slufjenmelt ju 
toaljren berftanben Ijdtte; etma: „ein Sngel ßeonore". 

— aber, mar er aud) guter bon^enen: „mem ber 
füljneSBurf gelungen, etneä greunbeä greunb ju fein;" 
fo möre e3 bodj feljr in grage gefteUt gemefen, ob 
er ju Qfenen gejäljtt Ijdtte: „mer ein IjolbeS SBeib 



30 ) Hier kann die Chronologie nicht stimmen, da 
Beethoven erst zur Zeit der ersten Aufführung der 
IX. Symphonie mit Henriette Sontag und Caroline 
Unger bekannt wurde. A. d. H. 



54 

errungen, ber mifdje fid) in biefen 3fubel ein, 1 ' ob* 
gleid) er e$ fo grofj ju befingen gemußt. — 

3u wteberljolien SWalen ift33eetljoben'§ £erj 5U 
SiebeSffammen aufgelobert, bodf) mit bent treuen ®runb* 
gebanfen: „btö idfj ®id) erlaubt mein nennen barf". 

9Wein SSater antwortete meiner SRutter, atö fte 
gelegentlich einmal gegen iljn äußerte, ba§ fie e$ nidjt 
Woljl etnfctfje, wie SBeetljoben, ba er Weber fdfjön 
nodf) elegant, ja ftruppig, eljer toerwttbert au$felje, 
grauen gefallen lönne: rf Unb bod) Ijat er bei grauen 
immer ©lue! gehabt." — @£ war bei SBeetljoben 
ftetS eine eble, gehobene ©mpfinbung, bte fid) bei iljm 
gegenüber ben grauen, fei e§ in freunbfc^aftlid^em- 
ober ßiebe$öerljöttmffe gewefen, funb gegeben. — 

3)er £eben§jeitraum Seetljoben'S bon feiner 
beginnenben SJerüJjmtljett bis ju feinem SebenSenbe 
Ijat bei ber ausgeprägten ©igentljümltdjfeit feinet 
©IjarafterS ju ungemein ötel SKittljeiiungen ber Der* 
fd)iebenartigften Stnefboten unb ^Begebenheiten meJjr* 
fadfj unwahrer ober bodj feljr entfteHter Strt SSeran^ 
laffung gegeben. ©0 5. 93. finb gerabeju abgefd)macft 
bie romantifdfj Hingen^foKenben Stnelboten im Sugenb* 
Stlbum (Saljrgang 1859, Stuttgart, bei JpaHberger, 
®. 145): 9Sier Silber au3 S. Dan gSeetljoben'S- 
Snabenjaljren bon ©mil Dljltj: ber Sßomabenfopf; 
ba§ SSergißmeinnid^t; SRufi! unb Sftljeinwein; ber 
fleine 3fmprot)ifator." — 3n gleicher SBeife finb 
öoHftänbig au$ ber Suft gegriffen: „93eetljot)en'3 
lcljter 2luSgang" (treffe, SBien, 9. SWärj 1866), 



55 



„SBeetljoben'ä jerriffener ©djulj 11 bon (El. 3&g er in 
„&au3" (grembenblatt, SBien, 24. Sunt 1870), unb 
cöenfo 9HIe3 erbietet, tnaS in ber „Sttuftrirten SBelt" 
((Stuttgart, §allberger, 1871, 19. 3a$rg.) bei ®e* 
legenljeit be£ oft cttirten ©afce$: „Seetljotoen fear 
nie oljne Siebe" — in beliebt ejaltirter 9trt ju lefen 
fte^t. Qii bem ganjen Stuffafce ift platterbingS nichts 
richtig, al£ bie Sßerfon&befdjretbung SBeeiljoben'S, 
too e$ Reifet: „S8 ift eine ftämmtge, gebrungene gigur 
fcon ftarfem Körperbau", unb fetbft hierbei mufc ber 
toeitere 9tod)fa|: w ba3 unfdjöne, rotfje unb bon 
Sßoclennarben jeriffene runbe ©efictyt fcon bid)tem 
fdjtoarjen Jpaar umjottelt" baljtn bertdjtigt »erben, 
bafc fein ©eftdjt feineStnegS rotlj unb bon sßoefen* 
narben jerriffen, fonbem nur btm braunen Sßocfen* 
bertiefungen gefledft fear, wie biefc bie bei feinen 
Sebjeiten — 1812 — abgenommene ©efid)i£larbe 
jeigt. — ©erne aber nnß iü) ba3 betätigen, ttmS 
„bon einem Beitgenoffen" in bemfelben Stuffafce über 
Setljobett behauptet ttrirb: „©obalb fiel) fein ©e* 
fidjt jur greunblidjfeit aufheiterte, fo Verbreitete e$ 
alle Sfteije ber finblidjen Unfdjulb; toenn er Iddjelte, 
fo glaubte man nidjt bto8 an iljn, fonbem an bie 
3ftenfd)ljeit : fo innig unb toaljr war er in SBort, 
Seroegung unb 931icf." 30a ) — 

3)ie SBirflidjfett geljt immer barauf ljinau3: bafj 
größter ©belmutlj, ©emütfjajartljeit, bei leidet auf* 

*°* ) Aus der ersten Beethovenbiographie von Joh. 
Aloys Schlosser; Prag 1828, S. 46. A. d. H. 



56 

braufenbem Temperamente, SKifetrauen, 9lbgejogenljeit 
Don ber ttjn umgebenben 9luf$entt>elt, fonft aber gerne 
f arf aftifdje SBifcelei Seetljoben'S (£ljara!ters®igenf djaf ten 
waren. ®§ bebarf Ijier fetner beweifenben %fyaU 
fachen für bie Srljabenljeit feinet ©emütl)e§; benn 
ein 93ticf in fein ju §eiligenftabt im ^afjre 1802 
berfafcteS Seflament, ein 93ücf in feine bietfadf) ber* 
öffentlichen 33riefe, jumal jene an feinen SKeffen, 
feine §anblung3raeifen überhaupt jeugen jur ©enüge, 
melden eblen Sinnet er war. ©ein SKifjtrauen be* 
ruljt auf feiner unglücffeligen Xaubljeit, bie leidet auf* 
taudfjenben ,8ome§au£brüdf)e*) würben burdf) bie au* 
jeit balbige ©etbfterfenntnife unb ©elbftüberfdfjftkung 
feine§ etwa begangenen ge^lerS gegen $nbere rafdf) 
unb in KebeboÜfter SBeife ttrieber gut gemalt.**) 

©eine Slbgejogenljeit bon ber 2luf$entt>elt befunbete 
fidf) mitunter in waljrljaft aufjergefoöljntidfjen ©igen* 
tijümtidfjfeiten. ©o j. 93. liefe er e§ fidf) nid)t an* 
festen, faft feiner fftmmttidfjen 93efteibung ftd? ju 



*) ©ie!)e: SBegeler unb 9He$'$ biogr. föotijen 
6. 129 unb 132: 81 ) «riefe SBeetl)oöett'$ an gerb. 
9He$ über (Stefan öon SBreuning, u. a. m. 

**) @ie!)e fpäter «eetljoöett'S #erjett)ung3brief an 
Stephan öon Sreuning. — 

3?n ganj befonberS prägnant bejeidjnenber SBeife giebt 
Dr. moty SBeifeenbad) „(£l)ara!teriftifd)e 3üge" §Beet- 
Rotten'* (ftel)e „93eetf)ot>ettiana", «uff. unb SD^it- 
Teilungen öon ©ujtaü !Rottebol)m) 1872; bef. «uffafc 
XXVÜI. SBcet^oöen unb SBei&enbad). 

81 ) Neudruck S. 152 und 155. A. d. H. 



57 

entlebigen unb bicfe bann über bcm ©toäe auf bcr 
Steffel ju tragen, ttjcttn er bic ©ommerljifce auf feinen 
©pajiergängen in einfamen SBälbera ju brücfenb 
füllte. SKamentlid) foß er biefj in ben bon iljm mit 
Vorliebe befugten Salbungen jttnfdjen Saben unb 
©aben fid) erlaubt fjaben; fo bafc mein SSater ttrieber* 
fjolt bie 93eforgnif$ auSfprad), e$ fönnten gelegentlich 
befcljatb tljm Unannefjmlidjfeit Don Seiten ifjm 93e* 
gegnenber nnberfaljren. 

©einer Berftreutljeit ljdtte er etnftenS aud) natje* 
ju ben SSerfuft ber ganjen ©innaljme ber ju feinem 
Sortierte toeranftalteten Sluffüljrung ber „©d)lad)t 
bei aSittoria" in SBien ju beflagen gehabt. @r fjatte 
bie an ber Stoffe eingegangene ©umme leichtfertig 
unter ben 9toä gefteeft, fie aber am ^ofefftäbter 
©taci§ berloren. ©lüdtid)ertDeife Ijänbigte ein 9?ad)* 
ge^enber fie üjm ttrieber ein; er aber, baS Sßaäet 
tafonifd) überneljmenb ( — ®fjrlid)feit tüar iljm ja felbft* 
fcerftdnblid) — ) machte nid)t Diel geberlefenS au$ 
bem Umftanbe, unb ging feineS SBegeS toeiter. 

S9efannt ift i>a% Segebnifc mit bem Sftanufcrijrte 
feines Styrie auS ber D*3Keffe, baS üjm bei bem Um* 
juge auS ber ©tabt in bie S)öblinger Sanbtuoljnung 
für einige 3eit abljanben gefommen fear. 93eftürjt 
über ben SSerluft fanb er e£ burd) Bufatt öB ©in* 
tmcflungSpapier Don Sutter u. bgl. in feiner Südje 
ttneber, ttjoju e$ feine £öd)in afö toermeintlid)e SKafu* 
latur toeroenbet Ijatte. 

93on ©djinbler bereits erjäljlt ift ber Umftanb, 



58 

nne er rodfjrenb ber ©ompojttton be3 (£rebo ju ber* 
fetten Sfteffe in SWöblmg ein Sßaar Sage ju feiner 
Sßaljruttg gelangt unb, oljne e3 geroaljr ju werben, 
oJjne §ut, ben tljm ber Sturm entführt, nad§ §aufe 
gefommen. 82 ) 



3S ) Das ist nicht ganz genau. Diese Stelle ist aber 
für die ganze Weise Beethovens während der Messen- 
schöpfung zu charakteristisch, als daß sie hier nicht 
nach Schindler (I, 270 f.) genau mitgetheilt werden 
sollte: „Gedenke ich* der Erlebnisse aus dem Jahre 
1819, vornehmlich der Zeit, als der Tondichter im 
Hafnerhause zu Mödling mit Ausarbeitung des Credo 
beschäftigt gewesen, vergegenwärtige ich mir seine 
geistige Aufgeregtheit, so muß ich gestehen, daß ich 
niemals vor und niemals nach diesem Zeitpunkte 
völliger Erden-Entrücktheit wieder Ähnliches an ihm 
wahrgenommen habe. — Gegen Ende August kam ich 
in Begleitung des in Wien noch lebenden Musikers 
Johann Horzalka in des Meisters Wohnhause zu 

Mödling an. Es war 4 Uhr Nachmittags. In 

einem der Wohnzimmer bei verschlossener Tür hörten 
wir den Meister über der Fuge zum Credo singen, 
heulen, stampfen. Nachdem wir dieser nahezu schauer- 
lichen Szene lange schon zugehorcht und uns eben ent- 
fernen wollten, öffnete sich die Tür und Beethoven 
stand vor uns mit verstörten Gesichtszügen, die Be- 
ängstigung einflößen konnte. Er sah aus, als hätte er^ 
soeben einen Kampf auf Tod und Leben mit der ganzen 
Schaar der Contrapunktisten, seinen immerwährenden 
Widersachern, bestanden. Seine ersten Äußerungen 
waren confuse, als fühle er sich von unserm Besuche 
unangenehm überrascht. Alsbald kam er aber auf das 
Tagesereignis zu sprechen und äußerte mit merkbarer 



59 

Qu folgen Berftreutljeiten jdljtt ferner jene Xfyat* 
fad&e: bafc er in baS bamalg neben ber „SIReljlgrube" 
(fp&ter §6tet SERunfcf) jefct §ötel Äranfc) beftanbene 
®aftfjau§ jum „©djman" eingetreten, in ber 9lbfid)t, 
bort ju SKtttag effen ju motten. ®r flopft bem 
Seltner, biefer fömmt nidf)t gleidf), flopft abermals, 
jieljt mittlerweile fein SRotenljeft au§ ber Safere unb 
beginnt barin ju componieren. ©nblidf) frftgt fid) 
ber Settner an, toirb aber bon bem tauben SWeifter 
nun nid()t meljr malgenommen. S)a er bem Lettner 
ein befannter ®aft, entfernt fidf) biefer roieber bis 
auf toeitereS, unb 93eetljo&en fdf)reibt eine längere SBeile 
in ©ebanfen Vertieft fort, Ilopft mit einemmal toieber, 
unb — begehrt ju jaulen, obgleich er nid§t§ ge* 
geffen Ijatte. 

dagegen gefjört rooljl ttrieber ju ben gefugten 
^Übertreibungen, roenn erjäljttttrirb: i>a§ Seetfjoben 
jur 3eit, atö er in ber SSorftabt „Sanbftrafce" ge* 
moljnt unb in ba£ bort beftnbtidje ©aft§au£ „jum 
Stoßen §al)n" gegangen, menn bie beftettten meid)* 
jusfodjenben ®ier ju Ijart gefotten iljm borgefejjt 
morben, biefelben bem Seltner nadjgemorfen Ijdtte. 
(Sine DonSBeetljoben eine 3^it lang öfter befugte 
SBeinljanblung mar u. a. jene in bem linfen Sdljaufe 
ber $immetyfort* jur Sftauljenfteingaffe befinblidje : 



Fassung: „Saubere Wirtschaft, alles ist davongelaufen 
und ich habe seit gestern mittag nichts gegessen". Die 
Freunde sorgten nun für körperliche Stärkung des aus- 
gehungerten Tondichters." A. d. H. 



60 

„jut ©tabt Srieft"; aud) baS „3ägerl)orn" in bcr 
2)orotIjeengaffe. 2)en ©rfolg feiner bon bent @ cf) up * 
p a n j i g fj * öuartette anf geführten $ammer*3Kuftf * 
©ompofttionen aber »artete er gerne in einer ©de be§ 
93ierf)aufe§ jum „Sgel" am SBilbpretmarfte ab, bem 
§interljaufe be3 bi§ jum 3. 1869 beftonbenen 
@aate§ ber ©efellfdjaft ber SKuftffreunbe). 33 ) 

Beugen bie oben erj&fylten SBorfommniffe, beren 
dt)nKd)e nod} eine SDienge mitjnt^eilen mdren, Don 
93eetI)o&en'§ oftmafö Völliger Slbgejogenljeit bon ber 
materiellen Umgebung, fo fehlte e8 überhaupt nicfjt 
an bejeidjnenben @igentljümlid)feiten feinet farfafiifdf)* 
ljumoriftifdjen (£ljarafter3. 

@o äußerte ©rülparjer fid) gegen midj (e$ mar 
bei (Selegenljeit eines 93efud)e§ im 3Kärj 1860): 



^ Da hier so mancherlei über Beethovens Restau- 
rationsleben erwähnt wird, soll auch ans Franz 
Lachners Erinnerungen an Beethoven eine 
Mitteilung vorgetragen werden: Franz Lachner wollte 
Beethoven persönlich kennen lernen und erzählt dabei: 
Ihn zu sehen war in den letzten Jahren seines Lebens 
in dem Gasthause zur Eiche auf der Brandstatt 
regelmäßig jeden Samstag abends Gelegenheit gegeben. 
Beethoven fand sich dort ein, um sein Lieblingsgericht 
Blutwurst mit Kartoffeln zu sich zu nehmen, dazu 
Regensburger Bier zu trinken und dann eine Pfeife 
Tabak zu rauchen. Er hatte dort in einem Winkel sein 
Tischchen, an welches sich aus Respekt niemand weiter 
setzte. Sehr häufig besuchten in Wien anwesende 
Fremde dieses Lokal, blos um Beethoven zu sehen. 

A. d. H. 



61 

„Seetljoben machte gerne unb oft ©p&ße, bie fo ganj 
au§ ber Strt be§ gefeßfdfjafttidfjen 2eben§ ijinauS* 
fdjlugen. ©eine Saunen arteten mitunter gerabeju 
in SBibemrörtigfeiten au%, unb bodj lag M all biefen 
©jrtrabaganjen etma$ fo unau3fpred)üd) StüljrenbeS 
unb ®rl)ebenbe§ in ifjm, baß man iljn ljod()fd)äjjen 
mußte, unb ficij ju iljm gebogen füllte. SKur jum 
näheren Umgange fear er eigentlich nur für greunbe 
geeignet, bie iljn bon ber magren Seite nalje fannten 
unb SBeroeife ber 2ld)tbarfeit bon iljm Ratten. S)aju 
fam nodj, bafy bie ©onberfation mit iljm im Slttge* 
nieinen feljr befd^tt)erKd§ fear; benn, abgefeljen babon, 
baß man fietS fdljreiben mußte, fprang er im Sprechen 
oft auf einen anberen ©egenftanb über, mäljrenb 
man nodf) f dfjrieb ; ba mußte man iljn bann, btö man 
fertig loar, erft an ba§ borljergegangene ©efprädf) 
nrieber erinnern, unb ba gab e$ leicht SBerttrirrung, 
u. f. m. ©o fam e8, baß er, ba er bei feiner Un* 
beljütfiicf)feit im gefeßigen Seben bodf) immer ßeute 
um fidj brauste, nur maljre greunbe, bie iljm ganj 
ergeben waren, ober fold^e ßeute um )\ty Ijaben 
fonnte, meldte feinen Umgang um be3 Jgntereff e£ wegen 
fugten." 

3nbem ity bei biefer Steußerung barauf anfpielte, 
baß bie geinbe ©cfyinbler'S biefen Ijäufig ber \i%* 
teren SIbfidjt befcfyulbigten, eben um — bei meiner 
SBotjlmeinung für ©cfyinbler gegenüber jener einiger 
meiner 93ef annten — ©riltparjer'a Urzeit (jier* 
über ju erfahren, fu§r er fort: „Stnbetradljtä ©d^inb* 



62 

ler' 8 toerbe id§ übrigens nie toergeffen, tüte fdfjmerj* 
ljaft burdfjbrungen er fear, ate er mir SJeetljotoen'S 
nalje beborfteljenbe$ @nbe mitteilte.' 1 Unb bann 
tt)cücr: „3)a er fdfjon nadf) ein Sßaar lagen mir 
Seetljotoen'S @nbe anjeigte, gefdfjalj e8, bafj meine für 
Seetfjotoen toerfafjte ©rabrebe, menigftenS im lefcteren 
©ritttjeile nidf)t meljr fo gut ausfiel, atö idf) fie ge* 
matyt Ijfttte, wenn idf), ftatt fte fo unvorbereitet 
f (^reiben ju muffen, nodf) meljr Qtit baju gehabt 
lj&tte; benn idf) toar ju feljr Don ber 9ladf)rid()t er* 
fd()üttert, unb toenn idf) bon einer @adf)e ergriffen bin, 
fann i<$ nid()t meljr gut arbeiten, ©o erging eS 
mir j. 93. auclj babei, afö id& bie Älage Dttolar'3 
über ber Setd^e feiner grau madE)te, bafj idf) mit GKnem 
9ftale ju feljr gerührt »urbe unb mir bie ordnen 
in bie Slugen famen. 2)a3 ift bei unS: man fott 
jttmr in ber Situation fidf) füllen, empfmben, aber 
bodf) über berfelben fteljen." 

8lfö bejeidjnenbe ©rlebniffe mit Seetijoben er* 
jäljlte ©rillparjer mir toeiterS: n %d) befugte 
Seetljoben einft in feiner SBoljnung: Ungargaffe ju* 
ndd&ft bem ©lactö. 6r ftanb eben am Älabier unb 
ljielt bie §&nbe auf ben Saften. Slfö er mid^ falj, 
fdfjlug er fadjenb mit beiben §&nben fräftig in bie 
Saften, unb ging toom Slatjier toeg. — äBaljrfdfjeins 
lid§ tDoßte er mir bamit anjeigen: S)u meinft tt>ofy(, 
icij umrbe ®ir etmaS borfpielen, aber idj) tljue e3 
bodd nid)t. — 3$ bat iljn auefy nid^t." 

3)a§ ©rütparjer biefe SBeneljmen in fotö)er 



63 

SBeife auffaßte, baju gab üjm tooljt folgenbeä ©rlebnife 
SBermutfjung: „@r utib nur, b. lj. audf) meine SKutter", 
(erjdljlte er mir) „tooljnten in bemfelben #aufe in 
§eiligenftabt; er naclj ber ©äffe, ttrir nadf) bem 
©arten ju, Ratten aber eine gemeinfd()aftlidje ©Hege 
unb $au8flur. SBenn er ftrielte, Ijörte man e$ im 
ganjen $aufe. Um e8 aber beffer jn berneljmen, 
öffnete meine SRutter oft bie ®üd§entl)üre, bie meljr 
an feine SBoljnung anftiefe. GHnftenS trat fte bor 
biefetbe ljinau3 auf ben glur, unb jtoar nur auf 
jenen £l)eil, ber bor ber Sudjentljüre, alfo fügtidf) 
nod§ §u unferem SBol)ttung$antfjeile gehörte. Seet* 
Ijoben Ijörte jufäHig eben bann auf, unb trat bor 
feine 33jüre, audj auf ben ©ang. 9118 er meine 
SWutter bemerlte, ging er rafdlj jurücf, !am mit auf* 
gefegtem #ute toieber ljerau$ unb ftürjte fort, unb 

— niemals ftrielte er meljr ben ganjen ©ommer 
über. SJergebenS liefe meine SKutter burdf) feinen 
Sebienten iljm, ber bamalS nodf) Ijörte, fagen: fie 
toäre blofe jufättig auf bem ©ange getuefen, gar nidfjt 
in ber 9tbfid)t auf iljn ju ljören. Studi) liefe fie 
bk ®ud)entijüre fperren. Sttemanb burfte bon iljr 
au£ mefjr über biefe (Stiege geljen, fonbem 3ttfe8 ging 
fürber bei'm ©arten ljinab unb burdj ben §of au8. 

— @r fpielte bod^ nid^t me^r." 

Unb toeiterS fuljr ©rillpa-rjer in feinen 3ftit* 
tljeilungen gegen mid) fort: „3n #ejjenborf toar e8, 
moljt um ba3 Jgaljr 1823 ober 1824, too id) fo red^t, 
am meiften, mit ©eetljoben berfeljrte. (SinftmalS be= 



64 

fucfyte id() iljn. SteHtnagen gingen bomatö nodd nidjt; 
id§ Ijatte alfo einen girier genommen. Sltö id§ nneber 
nadf} SBien jurüdE tPoCCte, fagt er mir, er »olle mid§ 
begleiten. 3$ meinte, er mürbe blofc allenfalls ein 
@tüd SBegeS mit mir fahren moHen; bod§ er fuljr 
bis jnm Surgtljore mit. 3)a lief* er anhalten, ftieg 
auS, lief ttrie toll babon, unb in einiger ©ntfernung 
ladete er lant anf unb falj fid) fortan nad) mir um. 
3$ nnifcte nicfyt, ttmS eS ju bebeuten Ijätte, — als 
ity neben mir auf bem SBagenfijje ein jufammens 
gefatteS Sßapier gewahrte. ©S waren fecfyS ©ulben 
SBiener SBäljrung, ber 2o§n für ben gialer, unb — 
baS war eS alfo : bafc er fidj gefreut, midi) überliftei 
ju Ijaben. — SSon einem anberen Ijfttte ii) einen 
folgen SSorgang moljl als Seleibigung aufgenommen." 

(3)iefe beiben ©rjftfjtungen finb feitbem in 

©rillparjer'S gefammetten SBerfen mitgeteilt er* 
fdfjienen.) 

„@ben fo fpeifte icfy" — fefcte ©ritlparjer 
noef) fjinju — „nebft ©d()inbler einftmalS bei Ujm 
in $efcenborf; ba braute er auS bem SRebenjimmer 
fünf gtafdjen Sftotljmein: eine ftellte er bor ©djinbler, 
eine bor fid}, unb brei bor midj, mit ber Sebeutung : 
ba möge i(f) midf) jejjt fatt trinfen!" 

Uebel ju fpredjen aber mar ©ritlparjer über 
Seetljoben betreffs ber i§m in feinen lejjten SebenS* 
tagen auS ©nglanb jugelommenen („borlduftgen") 
©elbfenbung bon 100 Sßfunb Sterling. 2tlS id§ im 
©efprädfje mit ©riKparjer biefen Umftanb berührte, 




<?%0*^-r' -*£"—& 



65 

fpradj fidj ganj unb gar beffen borljerrfd)enb pattio* 
iifdfje ©efinnung in feiner gemoljnten untoerfjoljtenett 
2Reinung3du§erung folgenbermafcen auS: w 9lud) in 
SBien Ijat man ifjm ia Unterftü^ung genug gegeben, 
• fo ba§ er ba§ 9ttmofen (anberä maren bie 100 Sßfunbe 
nicfytö, benn man $&tte Ujm ja eine Sßenfion auS* 
merfen lönnen) nicfyt brannte, ©rjljerjog Sftubotf, 
SicfynotoSftj, öobfonrifc Ratten iJjm ja bie Sßenfion ju* 
geftdfjert, unb nichts bafür Verlangt, nicfyt einmal ge- 
forbert, bafj er ficfy baffir bebanfe ober fie anf&lje, 
unb — er fjat e8 aud) maljrljaftig oft getreu bar* 
nadf) getljan. — Unb bodf)", fügte ©riltparjer 
gleidf) tpieber Ijinju, „lag bei allen feinen Saunen, 
bit, nrie gefagt, oft an SBibertoörtigfeiten grönjten, 
etma§ f o unau§fpred§üc^ 9iüljrenbe£ unb ®rljabene§ 
in iljm, baft man iljn l)od()fcf)(iJjen mufcte unb fidf) an 
iljn gejogen füllte 14 u. f. tt>. 34 ) 

Satljarina gröljlidf), bie jüngfte ber brei ©tfjroe* 
ftern biefe8 SKamen3, überbiefc luetfad) belannt atö 
Qugenbfreunbinnen granj @d)ubert% bei meldten 
(in ber ©piegelgaffe 21) ©rillparjer feit 1848 
in traulicher SBeljaufung btö an fein ßebenSenbe 
rooljnte, erjagte mir (e§ mar aud) im SRärj 1860) : 
w 93eetljo&en rooljnte in unferem toätertidfjen §aufe 
in 2)öbling (linfö, fdjlöffetüijntid()e§ §au£ nad^ jenem 



M ) Über die Beziehungen Beethovens zu Grillparzer 
erzählt in ausfuhrlicher Weise mein Aufsatz: „Grill- 
parzer und Beethoven" in „Nord und Süd". Januar- 
heft 1891. A. d. H. 

5 



66 

5ßrof. b. Jg&ger'ä jenfeitS beS 95ad§c§ ; im $oftrafte, 
erfter Stoä). SBenn er eben mürrifd^cr Saune fear 
unb fici) niemanb ju tljm getraut, würbe id}, bamatö 
mar id) ein $inb, oftmals mit ber 2lug3burger 2111g. 
Leitung — feiner beborjugten ßectüre — ju iljm 
gefenbet. ®r lädfyelte atäbann meift mir ju, fe&te 
fidj tDO^l audf) btömeilen an ba§ ftlabier unb pijan* 
tafirte. @r liebte e§ babei, mit ber tin!en §anb 
F*2lccorbe ju greifen unb mit ber regten auf unb 
ab über bie Saften ju ttnfdfjen, mit pljantaftifdjen 
©eberben. ©inmal marb er babei fo roilben 3lu§* 
brucfe8, bafj id) midj ju fürtfjten anfing unb fort* 
gefjen moKte. ®r aber minlte mir bann ju bleiben, 
gebieterifd) mit bm Singer miä) gleidftfam an* 
meifenb, mid} nieber ju fefcen, unb ftnefte bann ge* 
mäfcigter." — 35 ) 

w ) $ie öltejte biejer ©djtoeftern, Slnna 3fröl)tid), er* 
jftljlte mir hierbei toit bereitwillig SBeetljoöen gemefen für 
fie 5»ei ©abenjen ju fdjreiben. anfangs be8 3al)rl)unbert3 
ttmrben nftmftdj im grityling toö(f)entUdj (Sonderte im f. !. 
Slugartcn gegeben. Stnna fjröljftdj ftabierte ba$ (£lat>ier* 
Sondert in C dur um eS bort $u fielen. SBeetyoöen ftanb 
eben in Unterljanblungen mit ©affel megen ber borttgen 
ßapeflmeifterftelle. Slnna'S $ater beforgte bie Unterl)anb* 
lungen ätoifdjen SBeetljoöen unb ©äffet burdj SBilmann, ber 
ein alter SSiolinfpieler mar unb mit meldjem, mie mit 
gerbinanb 9KeS Stnna (1809) oft gejpielt. @ie Ijatte iljrem 
8ater geftagt, bafj fie (eine (Sabenjen ju bem Sonderte 
l)abe. tiefer tyeilt e3 SBeetljoöen mit, ber iljm öerfprad) 
fotö)e ju fdjreiben, unb ,balb beiam idj oud) burd) meinen 
Sater jtoei : eine für ben erjten, eine für ben feiten <5a|. 



67 

3ntereffant tfi iene Spifobe, tteldje, mir feit 
mehreren Sauren bereits befannt, @b. §an$lid 
(■Reue freie Sßreffe 1870) jum erften 9Kale toer* 
öffenttid()te : „SBeetljotoen at3 Siebente", Subttig 
So tce ttar 1811 in Söjrfifc (9?öljmen) unb Ijatte 
mit ber 2Birtljgtod)ter Sljerefe ein Siebeäberfjältnifj. 
©r fatn befjfjalb immer erft, wenn bie anberen ©äfte 
fort roaren. Seetfjotoen, jur felben Qtit in biefem 
Sabeorte, tarn, ba er fd^on fc^ttjer^örtg unb barob 
Ijtjpodjonbrifd) war, bef$alb fpdter, um Sftiemanb ju 
treffen. ®er Sßater beS 9Kdb(^en§ entbedfte ba§ 83er* 
Ijältnip, ftetfte Sötte jur 9tebe, unb bief er blieb frei* 
ttittig au3, um ba£ SRäbdjen ju fronen, ttetdf)e3 er 
feljr liebte. 9?ad) einiger 3eii begegnete er 93eet* 
fjoben im ©urgarten, unb biefer, tteldfjer ifjm immer 
frijr jugetfjan gettefen, frug Sötte, warum er nid)t 
meljr jum „6tem w fomme. Sötte Vertraute ifjm 
fein (Seljeimnifi, unb bittet nunmehr 93eet(jotoen, ob 
er iljm nid)t ein 93riefdf)en an I^erefen beforgen 
ttoHe. Seet^otjen fagte iljm biefe nid^t nur freunb* 
tidf) ju, fonbern erbot ftdj'aud), bie SRüdfantttort ju 
beforgen. ®ie Korrefoonbenj tturbe auf foldje SBeife 
eine 3eitlang befteHt. — Sötte tteife nidE)t, ttann 
Seetljotoen abgereift, fam bann nadf) Sßrag, nacfybem 
fid) bie Siebenben Sreue gelobt; bod) ttenige 3Bodf)en 
barnadfj erhielt Sötte bie Sobe^nad^ric^t feiner %ty* 

(£3 fam aber nid^t jur öffentlichen Sfoffflijrung. 3$ I)abe 
bie (Sabenften lange befeffen, in foftterer geit finb biefelben 
mir ob^anbtxt gefommen/ Ä. b. $. 

5* 



«8 

refe, — 3m 3. 1823 tarn ßöwe nadf) SBien, um 
©aftroßen ju geben, unb befugte SeeHjoben, ber fidf) 
aber an bte Söplijjer ©reignijfe nid^t meljr erinnerte. 
S)a ifjm ßöwe babon wieber SftäfjereS erj&ljlte, naljm 
•er innigen Slntljeil an feinem ©efdfjide, unb, afö er 
iljm weiteres mitteilte, er »erbe gaftiren, erwiberte 
©eetljoben, er wolle, ba er fdjcn taub, ßöwe in einem 
iljm fdljon befannten ©tuäe fpielen feljen fommen. 
— ©päter faljen fidi) 93eibe nidfjt wieber. — 

©etjr autljentifd)e ©eftätigungen ober tljeilwetfe 
^Berichtigungen meiner ©rinnerungen au8 meinem 
3ufammenleben mit 93eetljoben gewann iä) burd() 
ein lefctlidfjeg .8ufammentteffen mit Shtton ©djjinb* 
ler am 9. unb 11. 3uli 1863 in Socfenljeim bei 
granffurt a. SK., wo (28, §afengaffe) biefer in feinen 
legten ßeben^Jaljren wohnte. — StuS biefen wieber* 
Ijolt mefjrftünbigen, für un§ ©eibe gar meljmütijig 
traulichen B^if^engefpräd^en au$ unb über l&ngft* 
berfloffene 3eit folgenbe8: 

„©£ fdfjien, afö ob Seetljoben mit mannen 
^ßerfonen faum anber£ afö wijjelnb beriefen ju 
f önnen bermod^te. @o nannte er j. 93. £obia£ § a 3 * 
üriger (früher 3Kufifalien*§anbtung ©teiner & 
©omp.) ftet§ Slbjutanterl, mit befonberer 93e* 
tonung be3 — wienerifcfyen — erl, afö Slnfpielung 
auf feine fecunbftre Stellung ju©teiner." (©ielje 
fpäter audf) öeetljoben'a ©rief an §a31inger 
wegen ber ©lernen ti'fdjen Stabierfdjjule unb einen 
äfjnlidden in SRotteboljm'S „SeetJjobeniana".) 



69 

3$ fa$ bei ©dfjinbler einen ©anon, ben Seetljoben 
auf ©raf Sftorifc Sid()nott)8ft) componirt Ijat (im 
Sföanufcript natürlich), toeil iljm biefer einen un* 
günftig ausgefallenen Sftatljfd&lag — entfinne idf) midj 
red&t: betreffs einer ju toeranftaltenben Stfabemic — 
gegeben Ijatte. S)er Sejt biefeS EanonS lautet: 
„Sieber $err ©raf, @ie ftnb ein ©c^af". —36)37) 

SDiefe SBorliebe, ©päfje, fetbft abfonbertidftfter 9trt, 
bei ieber möglichen ©elegenljeit anjubringen, begegnet 
man feljr tytoftg bei Seetljoben. ©o fanb id) ein 
Slatt (Srief) bon Seetljotoen'S £anb, mit einem la!o* 
nifdjen Stuftrage in feiner oftmals beliebten Sapibar* 
fdfjrift — mit S)inte — bef ^rieben, darunter: 
„2)atum, oljne ju geben." — 

31. SB. Xl)at)er jeigte mir einen Sßrief Söeet* 
Ijotoen'S, übertrieben: „Sieber $olj, toom Sreuje 
©Ijrifti!" u. bgl. m. 

3$ fcefifce aud) ein eigentümliches ©djrciben 
SeetljobenS. 9luf einem ganjen, auf meinet 33ater$ 
©dfjreibeputte borgefunbenen, ungefatteten SBogen Kon* 



86 ) Dieser Canon befindet sich in Schindlers Beet- 
hoven-Nachtrag auf der Kgl. Bibliothek zu Berlin 
Mappe I, Nr. 35. A. d. H. 

37 ) Bur 3eit, als SBeet^oöen nodj $örte unb einmal 
einem ©onjerte beitw>l)nte, in freierem ein ©änger fetjr 
jdjledjt gefungen, fott er fräftigft awlaubirt unb da capo 
gerufen Ijaben, bamit, tote er btn barob öerttmnbert 
gragenben Stefd&eib gab, biefen bie (Stimmung boöenbS 
öerberbe nrtb »eitere« ©ingen öerljiubere. Ä. b. #. 



70 

ceptpapierS fteljt ber ganjen 2tu3beljnung unb Quere 

be§ <ßapier3 nad) — mit Sleiftift — getrieften: 

„gffir $ernt 

IJof-Sekretar *ou Uremtutg." 
Stuf ber Äeljrfeite berf elften 93ogenljälfte : 

„SBenn S)u bielleidjt 

über bie Klacid Ijeute 

folteren geljft ftnbeft 

S)u midj ätoifdjen 4 

unb 5 U$r. — « 
Unb toeiterS @df)inbler: „3m SBinter 1822 
fti§ 23 rooljnte Seetljoben in ber Sotljgaffe 61 ßefct 
©umperborferftrafce 14), im jroeiten ©tocfe, mit ber 
2lu3fidjt auf bie Sßfarr* (iefct 2eimgruften)gaffe 20". 
3n biefem $aufe Ijatte er ju feinem großen 2ftif$&e* 
Ijagen biet bon ber ©roftljeit be8 £au8meifterö ju 
leiben. Studf) erhielt er bafelftft bie ftelannte Sleuja^^ 
gratulation feinet SruberS Sodann atö „©utöfte* 
fifcer", bie. er fofort mit Subtoig ban 95eet = 
Ijoben M $irnftefifcer" auf ber Steljrfeite ber iljm ge* 
fenbeten SSifitenlarte umgeljenb ernnbemb berichtigte. 
„(&$ toax jur ßeit, al3 er an ber neunten ©tjrn* 
Päonie bietete. SSon ba 50g er mit fteginnenbem 
(Sommer nadj Sßenjing in ba§ jefct nodj fteljenbe 
fdf)iöffeiäljnftdf)e $au3 (bermalen 62, Sßarlgaffe) ju- 
näd&ft be§ — bamaligen fjöljernen ©tegeä — für 
gufcgeljer über ben SBienflufj, toeldf)e£ §au§ einem 
©cijneiber gehörte. ©r pflegte fidj be§ 2Worgen3 am 
genfter ju rafiren, unb, ba fein Stufentljalt ftalb 
ftefnnnt ttmrbe, ftenufcten bie ben ©teg Sßafftrenben 



71 

bie ©elegenljeit, bei biefem SRorgengefdjäft am genfter 
iljn ju betrauten. SMefj begann 93eetl)ot>en attgemadf) 
ju berbriefjen, unb aß bie Seute fortan im SSorüber* 
geljen auf bem ©tege fteljen biteben, um iljn anju* 
feljen, befdjloft er, bie äBoljnung im ©tidf) ju laffen. 
— @r mietete fofort in $efcenborf in ber fdjönen 
SSitta Qefct 32, ^auptftrafje) be3 93aron Sßronalj 
trier 3immer für 100 ©ulben SBiener Sßftljrung. 
Der ©aron, melier für 93eetljot>en bie gröfete Qofy 
adf)tung unb SBereljrung Ijegte, Ijatte iljm ben großen 
Sßarl jur freien 99enufcung geftettt, unb fidfj einjig 
unb allein auSbebungen, bafc 93eetl)oben nur in bem 
einen feiner Zimmer, toeldf)e8 bem ©arten jugefeljrt 
toar, be$ 2tbenb$ feinen Särm machen foUe, toeil er 
unter bemfelben fetbft unb jtoar fefjr leife fdpefe. 
@$ ging anfclnglidf) aUeS feljr gut. 211$ aber ber 
Saron au$ überfdf)tt>englid(jer (Sfjrerbietung bor 39eet* 
fjotoen biefem, fo oft er üjn begegnete, tiefe 3$er* 
beugungen machte, unb 93eetljoben bie§ getoaljr ttmrbe, 
begann er ftdf) unfyeimlidf) im £aufe ju füllen. Um 
bie& ben 95aron gerabeju merfen ju machen, fud^te 
er ftdj bemfelben fo unangenehm afö möglich ju 
ertoeifen: @r foupirte fcon nun abfidf)tlidj über feinem 
©djfafäimmer, unb aß ©d^inbler, ber für einen me^r^ 
tögigen Sefudf) ju iljm gelommen toar, iljn auf bie 
gefteHte Sebingung toegen biefeS 3imme*$ aufmerffam 
machte, begann er erft redf)t fidj börbar ju matten, 
mit ben gäuften auf ben Xtfä) ju trommeln, ben* 
felben Ijin unb Ijer ju ftoften, u. f. m. ©dfjinbler 



72 

mißbilligte btefe 93eneljmen unb berliefj enblidf) ba3 
3immer. golgenben SRorgenS erftftrte er 93eetljoben, 
nadj SBien jurücffefjren ju toollen, unb biefer er* 
toiberte nur barauf: ,,©ie werben bodf) borfjer nod) 

Stoff ee nehmen?! 44 — SBeetfjoben toaren bie 

fortgefefcten Komplimente feineS iljn fo Ijod&bereljrens 
ben £au§(jerrn ntdjtö befto weniger einmal unange- 
nehm, unb er bertaufdjte biefe reijenbe Sßofjnung mit 
einer anberen in Stoben (SftatljljauSgaffe 94), obgleich 
boij ein @df)toffer*) tooljnte. — ©o gefdfjalj e$, bafc 
SBeetljoben in biefem Saljre bier SBotjnungen ju 
gleicher 3cit befaß, unb in biefer felben 3^it Ijatte 
er, tt)ie fdf)on gefagt, bie neunte ©tjmpljonie eben be* 
gönnen!" — 

gür fommenben SBinter 1823 — 24 jog er in 
bie Ungargaffe in 1>a% linle ©dEljauS jur 93odE* (jefct 
93eatrip) ©äffe 5, mit ber ÄuSfidjt in tefctere; 

im ©ommer 1824 toieber nadj Saben; 

im SBinter 1824—25 in bie Ärugerftrafje 1009 
(neu: 13), redf)t§ bie Stiege, jtoeiter ©toef; 



*) Dr. Hermann SRoHett Ijat in feinem ©djriftdjen: 
„93eetijoöen in 93aben". SRitget^eüt jur gfeicr be8 17. $e* 
cember 1870. (Wuä bem SBod&enbtatt : „»abener Bote*.) 
$rurf Don 3?. ©räfc in Söabm bei SBien. »erlag be3 8er« 
fafferS — , &fle$ jufammengefteflt, toa$ eine öetfetjung 
33eetIjoöen'3 ju Stoben enthält ober anbeutet, unb Jagt 
(<©. 7), e3 foH Reißen: ftatt Schloff er* äutferfdjmiebe» 
meifter. 38 ) 

**) In der zweiten ergänzten Auflage der Rollett- 
schen Schrift (Wien 1902) ist es S. 8'9. A. d. H. 



73 



im ©ommcr 1825 mieber nad) ©aben, toon mo er 
bann im$erbfte in ba8 ©djmarjfpanierljauS (Stlferbor* 
ftabt, alt 200, neu 5) — junt testen 2Rale — umjog. — 
©eetljofcen'S erfter ©ruber {jiefc eigentlich 
KaSpar Sari, lieg ftd) ober mit ©orliebe ©arl, 
be3 ferneren SHangeS megen, nennen. — hierbei 
mitt idf) baS 3ernmrfni8 erlognen (fielje ©. 2), 89 ) 
meines ©eetl)oöen nnb meinen SJater bieSmal für 
längere 3«t ernfttidf) entjmeit l)at. ©aSpar (£arl 
mar in SBien ©eamter, Saffier ; fein Sfjarafter nidjt 
t)an gutem Stufe. @in greunb meines ©aterS, bem 
bafcon Sunbe gemorben, fanb fidf) beranlafct, biefem 
barüber 9tadf)ridf)t ju geben, in ber Slbfid^t, bafc er, 
oljne bie Duelle ju nennen, mofür er fein S^ren* 
mort ju berpfftnben fjaite, Subttrig bor feinem ©ruber 
mame: fidf) mit iljm in ©etbtoerljältniffe einjulaffen. 
2Rein ©ater erfüllte treulidf) feine übernommene 
Aufgabe. Submig aber, in feinem niemals ermüben* 
ben ©eftreben, feinen ©ruber beffem ju motten, tfjat 
nidf)t$ eiliger, atö benfelben über feine JpanblungS* 
meife jur Sftebe ju ftetten, unb iljm bie öemom* 
menen klagen über fein unlauteres ©ebaljren t>orju* 
galten; er ging fo meit, auf beffen anbringen nadf) 
bem Urfprunge jener 9Zadf)ridf)t, feinem ©ruber ben 
•Kamen feines greunbeS Steffen ju nennen. ©aSpar 
menbete fidf) nun birect an meinen ©ater, unb be* 
gefyrte öon Hjm btn meiteren Urheber biefer „$)enun* 
ciation" ju erfahren, unb, afö mein SJater biefen 
3Ö ) In diesem Neudruck S. 11. D. H. 



74 

•Kamen (SR öS gen) ju nennen, ftanbljaft ftdf) weigerte; 
erging ftdfy EaSpar in ben niebrigften 33efd()impfungen, 
bie fo toett gingen, ba§ er ©riefe ehrenrührigen $n* 
Ijalteg unberftegelt an ilju bei bem Sortier be£ $of= 
friegSratljcg abgab. SRein SSater, burdf) biefe gredf)* 
Ijeit nnb burdf) Subttrig'S 3ßortbrüdf)ig!eit geärgert unb 
berieft, Ijielt biefem eine fdf)arfe ©trof prebigt f bie 
bamit enbete, baß er Ujm erflärte, foldf)er Unber* 
läfjlidfjfeit megen mit iljm nidf)t meiter berfeljren ju 
lönncn. Sie Spannung jttrifcijen ben beiben greunben 
Ijiett längere Seit an, — big Submig jenen unber- 
gleid)ltdf)en SSerfö^nungSbrief gef d&rieben : 

„Runter biefem ©emätbe*) mein guter, lieber 
©t. fet) auf emig Verborgen, mag eine .ßeitfang 
jmifd)en unfc borgegangen — idf) meifc eg, 
idf) Ijabe 3) ein £erj jerriffen, meine 99emegung 
in mir, bie Su an mir gettrifc bemerfen mufcteft, 
fjatte midj genug bafur geftraft, Soweit mar'g 
nidf)t, mag in mir gegen Sicij borging, nein id(j 
märe Seiner greunbfdf)aft nie meljr mürbig, Sei* 
benfdf)aft bei Sir unb bei mir — aber 2Rifc 
trauen gegen Sidf) roarb in mir rege. — @g 
[teilten fidf) 2Renfdf)en jmifd^en unfj — Sie Seiner 
unb meiner nie ttmrbig finb; — mein Portrait 
mar Sir fdf)on lange befttmmt, Su mei&t eg ja, 



*) @S ift bieg bag too^Igetroffene SRiniatur=$ortrait 
SBeetljoben'g tum ^ornetnan 1802, bag in meinem 
SBefifee unb aU Beigabe au biefem $u$e jum erjten 3Me 
beröffentfidjt erfdjien. 



75 

baj3 iä) e§ immer Semanb beftimmt fyatte, wem 
fönnte id) e8 moljl mit bcm tttörmfien $erjen ge* 
ben, al§ 3)ir treuer, guter, cbler Steffen — 33er= 
jeifj mir, menn id) S)ir melje t^at; ic§ litte felbft 
nidf)t meniger, al§ id) 3)id§ fo lauge nidf)t um 
midj falj, empfanb idf) e8 erft redf)t lebhaft, roie 
treuer 3)u meiuem §erjen bift, unb emig fetjn 
mirft. ©ein 

(©$ne s)otum.) (bie Unterfdjrift feljlt) 

— S)u mift mol)l audf) ttrieber fo jutraulidj in 
meine 2trme fliegen, atö fonft. — M 

(SJou Stuften: „Pour Mr. de Breuning.") 40 ) 
2)aft foldj Ijerjlidjem ©ntgegenfommen bie auf* 
rid&tigfte SSerf ö^hung ber beiben gerabe ob iljrer jart* 
följlenben greunbfctyaft megen entjmeit gemefenen 
tJreunbe auf bem gufce folgte, fcerfteljt fidf) au£ ber 
SRatur ber ©abläge. — 

5)odf) feinet 93ruber$ ©clbberlegenljeiteu Ratten 
Submig leiber fdf)on beranlaftt gehabt, bei grau b o n 
Srentanoin granffurta. ÜTO. ein Slnleljen bon 2300 
©ulben ju mad^en, beiläufig in bem %df)xt 1810, ober 
fpdter meldte oljne ©df)ulb Subttrig aber erft um 1823 
jurucffteKte. Um biefer iljm geworbenen ©efdlligfeit 
megen Ijabe Seet^oben bamafö (fo ©df)inbler) 
längere Seit Ijinburdf) mieberljolt geäußert: ba§ er 
nur nmljre greunbe in granf fürt Ijabe. — 41 ) 

*°) Siehe Seite 11, die Anmerkungen dazu. A. d. H. 
41 ) Man vergleiche des Herausgebers zum ersten 
male veröffentlichten Briefe Beethovens an die hochherzige 



76 

SSon vetteren 93ejicljungen auf Seetfjoben tljeile 
xä) au$ bief cn meinen 83efpred)ungen mit ©ctyinbler 
nodj mit: 

„1803 componirte id) ouf einem bief er Saunt* 
föttet ben „KfjriftuS am Detberge"" — fagte SeeU 
Ijoben ju ©df)inbler — , auf einen au8 ber SBurjel 
boppetftammig fic§ entfattenben SBaum Ijintncifenb, an 
ber ©teile, toenn man bon bem £efcenborfer 33jore 
be8 ©df)önbrunner ©artenS nadf) ber ©loriette {jin* 
geljt, jur Surfen, ©r ttmfcte aber fetbft nidjt meljr 
genau bcnfelben 95aum fjerauäjuftnben, ba bereu 
mehrere gleid^ geformte bort fteljen. @$ mag um 
1817 — 1825 getoefen fein, al§ er mit ©df)inbler ba* 
felbft gemefen. 

2113 SBeetljoben mit bemfetben ein anbermal längS 
be8 !Jhi&bad(je8 bei $ciligenftabt fpajieren ging, fagte 
er iljm auf einen (jefct burdfj bie feit 1863 bort auf* 
geftettte 93ronje*93üjie bongernlorn bejeidjneten*)) 
95aum {jintoeifenb: „$ier Ijabe idf) bie „„©cene am 
93adf)"" (Sßaftoraftymp^onie) componirt." (SluSffi^ 
lic^ere^ über biefen ©pa jiergang: ©dfjinbter L, 
p. 154.) 

Familie Brentano in den „Sonntagsbeilagen zur Vossischen 
Zeitung" 26. Juli und 2. August 1903; ebenderselbe 
veröffentlicht noch weitere ungedruckte Briefe an die 
Brentanos in der großen Kritischen Ausgabe von 
Beethovens Sämtlichen Briefen Berlin und Leipzig 1907 
und 1908, im IL, HI. und IV. Bande. A. d. H. 

*) 58eetljoben*SRonwnent in fceüigenftobt bei SBien. 
SBien (SamarSli unb S>itmarfd&) 1863. 



77 

SSon bcr bereits in angriff genommenen 10. ©tjm* 
Päonie befteljen einjelne ©fijjen unb jtnar baS £(jema 
be$ erften ©ajjeS unb jenes beS ©dfjerjo'S, n>elc^ 
festeres (nadf) ber 2trt, nrie mir e£ ©df)inbler bor* 
fang) bem 23jema beS erften ©afceS ber fünften 
©tjmpljome äljnlidf) fein bürfte. SBeetljoben Ijatte bor 
biefe ©Kjjen einfadfj getrieben: „X. ©tjmpljonie". 
©djtnbter beröff entließe biefelben im SKufilalifdf)* 
fritifd)en Sftepertorium für SKufil. Seipjig 1824, 
bei Stiftung.* 2 ) 

33eetljoben'S ©opift burdf) 30 Saljre fear ©d() lern* 
mcr. @S toar baS ©opiren feiner SRannfcripte eine 
fd)ttnerige Arbeit, unb nur tnenige fonnten iljr ge* 
retfjt werben, ©djlemmer rooljnte am ®raben, 
unroeit beS SoljtmarfteS, in bem $intertracte eines 
$aufeS. ©r Ijatte gefdf)utte Unterarbeiter, unb nam* 
entlidf) unter biefen eineu langjährigen, melier im 
gifcfyfjofe (bann ©alfcagni* jejjt Slnferljof) am 
$ofjen äRarfte, tok meine SKutter mir erjagte, in 
einem büfteren !Ragelfdf)miebgett)Dlbe unter bem 5)urdf)= 
gangStljore feine Kopien gemalt Ijaben foff. — 

Unter Stnberem frug idf) audf): tote fidj bie ®e= 
fdjidf)te behielt, bafc $u mm et in feinem (©ctynMer'S) 
©oncerte gefpielt, nad^bem er feine SRittoirfung bem 
bereits tobtfranlen Seetljoben jtoar jugefagt, nadf) 
beffen injttrifdfjen eingetretenem Stbleben aber — meines 
©ntfinnenS — mortbrüdf)ig bon fidfj abtoeifen wollte. 

**) Es war Januar 1844 im ersten Jahrgang des von 
Herrn. Hirschbach redigirten Repertoriums. A. d. H. 



78 

®anj cigenttjümficl) überrafdf)te c§ ©d&inbler, 
ba§ idf) midf) biefe§ in feiner 93eetI)obens93iograpl)ie 
(brittc Sluffage, @. 198) abftdjtfidf) berfdf)ttriegenen 
3wifdf)enfatte8 erinnerte, unb crj&ljfte mir hierauf 
folgenbeS: „Sftun, ba ©ie ftdfj bcffen mirftidf) nodf) 
erinnern, will idj 3$nen ben ©acijberljatt mitteilen. 
3a, e§ ift waljr, ba{j Rummel, obgleich er S3eet* 
Ijoben auf feinem Sterbebette SRitte 2Rftrj jugefagt 
Ijatte, ftatt feiner in meinem Koncerte am 7. äpril 
1827 im Sofefft&bter Sweater ju fpielen, nadf) beffen 
$obe fein SBort jurücfneljmen rootttc. 2)odf) $um« 
mel'3 grau, geb. Sftöcfel, bie nodf) in Sßeimar 
aß Sßitroe lebt, warb einft bon 93eetljoben geliebt, 
— er wollte fic Ijeiratljen; aber Rummel Ijatte fie 
iljm weggefifdfjt. 2118 biefe toon mir ben geftnberten 
©nfdf)luf$ iljreS SRanneg Ijörte, antwortete fte mir: 
„„3$ bewahre fortan fo Diel guneigung für 33eet* 
ljoben'3 Stnbenfen, baf$ idfj biefc nidjt julaffen werbe. 
Sftadfjen ©ie leinen ©dfjritt M meinem SRanne; idf) 
öerfpred^e Sitten, 1>a% er Stjnen fpielen wirb."" — 
Unb Rummel fpielte wirfticij, unb jwar Planta* 
firte er über ein Sfjema 93eetfjoben'$ in unbergleidf^ 
li(f) fd^öner SBeife." 

3$ cntfinnc midf) nod^ be$ entljuftaftifdfjen 93ci= 
falls, ben Rummel an jenem Stbenbe bon bem 
burcij SBeetfjobcn'S bor wenig lagen erfolgten lob 
nocij erfcfjüttcrten *ßublifum erfahren; ba idf) mit 
meinem SSater bem ©oncerte beigewohnt Ijabe. 

©df)inbler jeigte mir bei biefer ©elegenljeit 



79 

aud) eine naljmljafte SlnjaJjl ©riefe Seetfjoben'S an 
iljn, ebenfo audf) bon SKeijerbeer, $umbolbt, ber 
ttngljer u. o.; — audf) ein Sßaclet nodf), tote e8 83eet* 
Ijoben mit Söinbf aben juf ammengebunben unb Ijintcrtaff en, 
morin mehrere gebrucfteDpemtejtbüdfjer unb Dpemtejt* 
SJlanufcripte beljufS (£ompofition§maljl fidf) befanben .*) 

gerner fal) idf) in ©djinbler'S Sefifc au8 bem 
9iadf)taff e SBeetljo&en'ä : Sie D b 9 f f e c uttb @ t u r m ' 3 
^Betrachtungen über bie Sßorte @otte£(9ieutüngen 1811, 
2 SJdnbe) — mit mefjrfact)en cigenljänbigen SRanb* 
3(nftridf)cn unb s93emerfungen 93eetljot>en'£, metdfje 
ober tljeilmeife bom 99udf)binber — nodfj bei feinen 2eb= 
jeiten — beim ©inbinben burdjfdjnitten korben maren. 

Studf) einen ©rief meiner SKutter an ®d)in biet 
fanb idf) bor, morin fte f treibt : bafc ^otfdfjeba 44 ) (be$ 
Steffen (£arl SSormunb nad) meinet 33ater§ 5£obe) Rapiere 
Jjerauägefotgt Ijaben mill, unb — baf$ fie in bie Sage 
öerfefct morben, ©dfjinbter gegen jenen ju bertljeibigen. 

*) ©rinparjer^ 3ttefofine, bie, für 93eetl)oben 
eigentlich getrieben, aucl) barunter fear, aber mit freierer 
e8 aud) ntdjt $ur &u$füljrung gelommen, §at bann be* 
lanntlidj (Sonrabin flreufcer in 3Kufif gefefct. 43 ) 

43 ) Dieser Operntext befindet sich nebst anderen 
manuscriptlichen Dichtungen in Schindlers Beethoven- 
Nachlaß auf der Königl. Bibliothek zu Berlin. 

A. d. H. 

u ) Der Mann heißt Hotschewar (Jak.), wie man 
auch besonders aus dem Heiligenstädter Testamente im 
Facsimile erkennen kann (siehe des Herausgebers „Beet- 
hovens sämtliche Briefe", Nr. 55, bei den Erklärungen 
I. Band S. 95.) A. d. H. 



80 

©nett gar eigentümlich toeljmütljigen unb babet 
bod) freubigen ©inbrudt auf mid) machte ba$ SBieber* 
ftnben fo mannet ©egenfi&nbe, meld&e id) in jener 
l&ngft bergangenen 3eit fo oft, ja t&glidjj gefeljen: 
fein ©pajierftodf au$ 3uderrol)r, feine plumpe ftlberne 
SJritte, baS altmobifdje äRonocle fammt ©dfjnur, jtoet 
*ßetfd)afte au8 3Kcf fing f bon benen ber ©tiel be§ 
einen gebrodfjen, LvB berfdfjlungen gebenb, jmei at$ 
©djtoerfteine bon iljm bermenbete Sofafenftatuetten 
bie er einmal gelauft Ijtfttc unb bie auf feinem 2tr* 
beit§tifdf)e ftanben, eine* auf brei gü&cn fteljenbe 
§anbglocfe au8 SRetatt u. bgL m. 

Stil btö beabfidjtigte ©d&inbter an bie lönig* 
lidf)e Sibüotljef in Sertin nadf) feinem Söbe ju be* 
ftimmen, „nadfjbem btefelbe bereite ben größten Xljeit 
ber (£ont>erfation§ljefte u. m. a. f auflief an ftdfj ge* 
bracht, unb bafetbft eine Strt 93eet^oben*3Kufem er* 
richtet merben fottte." — 5)abei bemerfte mir 
©djinbler, baf$ e$ im 3**ge f c V au f h*$ n 3M)*e 
{jinau§ bie ©inftdjt in biefe in ber föniglidfjen SBiblio* 
tl)ef ju Serlin befinblid^en SSeetljobeniana für 
3>ebermann ju unterfagen. — (Sltö id) biefc erfuhr, 
füllte idf) midf) gebrungen, iljn ju erfud^en : er möge 
bei weiterer Uebergabe ber nod) in feinem SJeftjje be* 
ftnblid^cn ©egenftänbe für midf) — au8 felbbcrftftnb* 
ltdf)em Setoeggrunbe — in biefer ^infid^t eine 9lu3* 
ualjme bebingen, roa$ ©d^inbter mir audf) ofjne 
meitereS fcerfpradj.) 4ö ) 

^ Anton Schindlers Beethovennachlaß, eine 





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®a$ 93reumngfcfye ^amilientyauS in ^otm 



81 

©djinbler fdjenfte mir tträljrenb meines legten 
33e[udje$ bei iljm ein copirteS -Jtotenljeft: gragment 
au§ bem Icrjcttc in A-dur au8 gibetio mit eigen* 
Ijänbigcn ©orrecturen SSeetljobcitS^ : , r 3dfj labt* ifjn 
gern, ben armen SRonn . . . ." — SWodf) einige 
3ftate nacij biefem meinem legten SSefudfje in 93ocfen* 
Ijeim toedjfette idfj Sriefe mit © d) i n b I e r non SBicn 
au$. 89cnor icij ba8 mir gefd^enlie SWoten^eft au$ 
gibelio nerfprodfjenermafjen jngefenbet erhalten Ijatte, 
— ftarb ©djinbler (geb. 1796 in SRebl in SRä^ren) 
am 16. Januar 1864. ©einer ©dfjmefter ©oljn 
©gloro 46 ) aber übergab mir balb barauf, in treuer 
^Befolgung ber 93eftimmung feineS Dljeim§, baffelbe iu 
SBien. 3$ fanb auf bemfelben bon ©djinbler' 8 
$anb gefdfjrieben : „Sl. ©djinbler $errn Dr. ®er* 
Ijarb bon 83 renn in g afö augenfd^einlid^en 93e* 

der vorzüglichsten Grundquellen zur Geschichte Beet- 
hovens ward vom Preußischen Staate für eine hohe 
Summe, die diesem getreuen Pylades des Tondichters 
eine lebenslängliche Rente von 400 Thalern jährlich 
und eine einmalige Eaufsumme von 2000 Thalern ge- 
währte, angekauft. Darüber sehe man meinen Aufsatz 
in der „Neuen Berliner Musikzeitung 21. und 28. Juli 
1892". (Alexander von Humboldt über den Beethoven- 
Nachlaß.) — Manche Reliquien sind nach Bonn gewan- 
dert, wo sie jetzt zum Besitzstand des „Verein Beet- 
hovenhaus" gehören, darunter das herrliche Streich- 
quartett, ein Geschenk des Fürsten Carl Lichnowsky 
und das berühmte Ölgemälde von Schimon. A. d. H. 

*•) Anton Schindlers Schwester schrieb sich nach 
L. Nohl „Frau Egloff". A. d. H. 

6 



82 

metö, Wie SBeetljotoen feine Sftanufcripte ju 
corrigiren pflegte. 33gl. öiograpljie b. Sßeet* 
Ijotoen, H, 340. " 



%lad) fo vielfältigem SßoljnungSmecIjfel alfo foHte, 
fo Ijatte e§ baS mifcgünftige ©efdjicf gemoHt, ber 
grofce 3Kann nun feine lefcte Sßoljnung — ju trau* 
liclj nachbarlichem gamilientoerbanbe tooH lieber Sugenb* 
erinnerungen — im Sdjtoarjfpanierljauf e finben, 
unb jtoar um bie, ©ingangS ermähnte, äRi<$aelU 
Urnjic^eit. @& mar in ber Seit jtmfdjen bem 29. 
September unb 12. Dctober 1825, atö SBeetljoöett 
biefj$au3 am Silfertoorftäbter (StaciS, alt: 200, neu: 
Sd&roarjfpaniergaffe, 5, bejog. 

SBenn man bon ber 3nnigf eit unferer greube ob 
biefe§ @reigniffe§ auf bereu $)auer ju fdfjliefcen be* 
redjtigt gemefen märe, fo Ijätte biefe maljrfdjeinlidj ju 
längerer 3lu§beljnung fid) geftalten muffen, ^oü) eS 
mar leiber anberS im Sudje be3 Scljicffatö gef<$rieben. 
3)a£ burdj biefe unfere enge Siad^barfd^aft f ofort an* 
gebahnte, ja im magren Sinne be§ 33egriffe§ für 
meine ©ttem toerjüngte freunblictje Sufammenteben 
foHte nur ju einer überaus erljebenben, aber befto 
förderen ffipifobe für meine gugenbjeit »erben, um 
befto unerwarteter unb empfinbtidfjer für mein ganjeS 
Öeben faft mit einem 3Male ju enben. — So furj 
aber biefe ©pifobe, fo tief Ijaben ficlj bie ^Begeben* 
Reiten roäljrenb berfelben in bem (Semütlje be§ ba* 
mal§ überglüdtli^en jmölfiäljrigen Snaben eingeprägt. 



83 

ääenn berfejbe nadf) ben barauf folgenben fd^meren 
@cf)icffalSf(I)lftgen auc§ in ganj anbcrc 2c6cn§ber^älts 
ntffc gel ommen, einer ganj berfdf)icbenartigen SebenS* 
ridjtung jugemenbet morben, fo blieben bo<$ bie inner* 
Ijalb jener frönen 3eit erlebten ©inbrücfe unau£* 
töfdjUdj in feinem ©ebäd^tniffe. 

SBiograpljieen, 3ftittljeilungen unb fclbft Stnelboten 
über biefe lefcte SebenSepodfje Seetljotoen'S finb feit- 
bem in güße erf<$ienen, unb 3Rand()e£ ift erjagt 
toorben unb in bie Deffentlid^leit gebrungen, ma3 
meljr ber ©rfinbung afö ber SBaljrljeit angehört, 
fciefe fagt mir meine Erinnerung an jene untoergefc 
Udfje Seit, bieg befiütigt mir ber tljeUmeife ©inblidf 
in bie mir toon baljer nodf) moljlbelannten ©onber* 
fation^^efte, biefe erttriefen mir meine tefcttidfjen S3e* 
fpredjjungen mit ©d^inbler, u. a. m. — ©o miß 
\<f) benn fcerfudfjen, ba£ mir Erinnerliche au$ jener 
3«it ttneberjugeben. 3<$ fü^Ic mid^ Ijierju audf) um 
fo meljr berufen, atö gerabe über Seetljotoen^ lefcte 
SebenSjeit unberljältnifemüfeig meljr Unridjtige8 unb 
überhaupt nur ©pärlidfjeS belannt geworben, idfj aber 
ber einzige nodfj Sebenbe bin toon jenen SBenigen, 
toeldfje 83eetljotoen in biefer legten SebenSepodfje, ju* 
mal in feinen legten brei SebenSmonaten, b. i. mal)* 
renb feiner Sranffjeit tägtidj meljrftünbig umgeben Ijaben. 

5)er 3ufaK, bafe SBeetljotoen fo nafje bei un§ bie 
Sßoljnung gefunben, mar audfj ifjm gar feljr nriHfommen, 
unb Ijötfjft ungebulbig Ijatte er fidf) nadj ber Umjie^ 
jeit gefeint; benn bie gteidjj bei jenem erften $Be- 

6* 



84 

gegnen (@. 10) an meine SRutter geftettte Sitte um 
fofortige Siegelung feineS niematö georbneten £au§= 
toefenS tirieberljotte er nunmehr bei Jebem feiner einft* 
meilen burdf) bie §erfteHung ber neuen SBoljnung 
Ijäufig toerantafjten 33efud()e. 

S)ie SBoljnung fear audjj atterttebft S)a3 ©djtoarj* 
fpanietfjauS, 47 ) 47 *) 48 ) am Stlferborftöbter ©taciS, mit 
feiner gronte gegen ©üben, bamafö nod^ bon leinen 
ber feitbem erftanbenen Neubauten umgeben, gemdljrte 
meite Sluäfidjt über ba£ ©laciS unb bie gerabe gegen* 
über üegenbe innere ©tabt mit iljren Sßafteien unb 
$ird()entljürmen, linfö nadjj ber SeopatbStoorftabt unb 
barüber ljinau3 nad) ben überragenben Säumen be§ 
*ßrater§ unb ber ©rigittenau, nadf) Dome über ben 
auSgebeljnten ©jercierpla^ ber ftofeffiabt, bie iaifer* 
liefen Stauungen, äRarialjüfer* unb anberen 3$or* 
ftftbte unb nur redjtö war bie gemfidjt burdjj ba3 
fftot^c §au8, in beffen jmeitem ©todtoerle bie bon 
un3 bewohnten 10 genfter bom £au3tljore IjermdrtS 
fi<$ befanben, abgefd&Ioffen. S)a$ £au8, fammt ber 



* 7 ) (Sambier n. @. 126 fagt trrt!jfimli(f>: am ©lad« 
ber Storftabt SBftljring. %. b. ». 

* 7a ) %c& bem aSenebütinerftifte gehörige ©d)tüar§ft)amer* 
fjauS ttmrbe Ieiber, trofc bielfad) laut geworbener Stimmen 
biefe ©ebenf ftätte, ober §um minbeften jenen $ract mit ber 
Jjiftorifd) geworbenen SBo^nung $u erhalten im galjre 1904 
bemoliert unb burdb einen WtvibavL etfefct. & b. & 

**) Als ich einmal (August 1906) die Beethoven- 
gasse hinterm Schwarzspanierhause durchforschte, fiel 
es mir auf, daß an zwei Häusern dort a) in der Beet- 



85 

anftogenben Äirdje, — toclc^c ju jener 3^it afö 
5Kintair*Settens2Ragajin benüfct roorben — , etnft Don 
ben au3 ©panien abgeftammten Senebictinern gebaut, 
toeift eine auf feine bamatige Seftimmung abjielenbe 
©igentljümticfjleit in bie Stnorbnung feiner genfter: 

Um bie Simmer ber *Prälatenmoljnung nämttd) 
fjöljer galten ju fönnen, jeigt ber Sftitteftract be§ 
£aufe£ nur jroei ©tocfroerle in einer Steige Don neun 
genftern, roäljrenb ju beiben ©eiten brei ©toefroerfe 
mit je bier genftern bie gronte abfdjtiefjen. 3)iefe 
genfteranorbnung ift aber beravtig bertljeitt, bafj fümmt* 
ltdje genfter be8 oberften ©tocfmerleS in einer ununter* 
brodjenen Steige fortlaufen. SSon biefen fangen 99eet* 
ljotoen'S genfer im oberften (jmeiten) ©toefroerfe mit 
bem fünften, Don ber ®irdje au3 geregnet, an unb Ijören 
mit bem neunten (jenem jenfeitö be3 §au£tljoreS) auf. 

3nr SBoljnung gelangte man über bie fdjöne 
#anpttreppe. 3m jroeiten ©toefroerfe linfö burd) 

hovengasse selbst, b) in der unmittelbar daran grenzen- 
den Lackirergasse über der Haustür das Wort „Beet- 
hoven-Hof" eingemeißelt ist. Auf meine Nachfragen 
behaupteten einige irrtümlich, diese Häuser hätten Beet- 
hoven gehört. Besser erschien die Meinung eines alten 
Hausbesorgers eines solchen Hauses in der Beethoven- 
gasse : vor etwa 12 Jahren habe der damalige Bürger- 
meister von Wien, Herr Niewold, dem diese Häuser 
gehörten, Beethoven zu Ehren seine beiden dortigen 
Häuser mit der Aufschrift Beethoven - H o f verziert, 
wohl in Erinnerung daran, daß Beethoven in nächster 
Nähe, in dem daran grenzenden Schwarzspanierhaus 
gestorben ist. A. d. H. 



86 

eine einfache etma£ niebere Iljüre eintretenb, befanb 
man fi<$ in einem geräumigen SJorjimmer mit einem 
genfter (Jenem über bem £aupttljore) nadf) bem #ofe. 
3tu§ biefem SSorjimmer gerabeauS lam man in bie 
®üd)e unb in ein grofce3 3)ienftbotenjimmer; fämmt* 
lidf), 2ttte8 in StHem mit bier genftem, nadjj bem 
#ofe feljenb. S)er feljr geraumige bierecfige £of be§ 
JpaufeS ift bon brei Seiten burdf) ba$ ©ebäube felbft 
gebitbet, unb ttmr jur bamaligen 3ett nadjj rucfroärtö 
bon bem großen £au§garten begränjt. 3)iefer teuere 
ift feitbem längft für $Bauptä£e berlauft morben unb 
ttmrbe burdf) bie barauf gebauten Käufer eine ©äffe 
gebitbet, toelcfje in geraber Stiftung bon bem Sacfirer* 
gaffen gegen Jene obenangegebenen SSorjimmerfenfter 
läuft, um bann im redeten SBinfel in bie ©amifonS* 
gaffe gegen ben audjj erft in fpäterer 3eü erbauten 
Steutract be§ Stilgemeinen SranlenljaufeS einjumunben. 
©ie entftanb 1845. ©udfjljänbler 2)irnböcf, bem man 
afö bebeutenbftem £äuferbefijjer bafelbft borgefdjjtagen 
fjatte, biefer ©äffe feinen -Kamen ju geben, berjidjjtete in 
aner!ennen£mert(jer Selbftberfäugnung auf biefe@ljrung 
unb befürwortete fie Seet^ oben* ©äffe ju nennen. 

SBenn SBegeler (9?adf)trag, ©. ll) 48a ) bei bem 
SBorte: Stlfer-^aferne atö Stnmerlung bie Erläuterung 
^injitfugt: „3)ie in ben legten Sauren neu erridfjtete 
©äffe, bie Seetljoben'fcjje, läuft hinter biefem £aufe 
unb bem ju ben @d^marj=@paniern genannten, Seet* 
f)oben'§ Sterbefjau§, gerabe Ijer", fo mufc biefe ber 

^Neudruck S. 207. A. d. H. 



87 

2Btrfltd)fett nidjjt beutlidjj entfprecjjenbe trrtljümltdje 
©rlduterung ber 49 jährigen Stbmef enljeit SB c g c 1 c t ' 3 
t>on Sßien ju ®utc gehalten toerben. 

9lu$ beut SJorjimmcr linfö aber tritt man in 
ein feljr geräumiges Sabinet mit einem genfter auf 
bie Strafe IjinauS (e£ ift bie$ jenes über bem §au3« 
tljore), auS biefem lin!3 in ein gleiches mit einem 
genfter, nadjj red()t3 aber au£ bem SintrittSfabinet in 
ein grofceS Btomer mit jtoei genftem, unb auS biefem 
enbttdjj abermals in ein grofceS Sabinet mit einem 
genfter (eS ift bieS baS fünfte genfter toon ber SKrdje 
ab), auS tnetdjjem Sabinet eine Heine 33erbinbungSs 
tpre nad^ bem S)ienftbotenjimmer füljrt. 5)iefe fünf 
genfter fefjen nadjj bem (StaciS. — 2ic§t, aBärme, 
©erftumigfeit, meinet SJaterS Sßad^barfd^aft u. Ä. m. 
geftalteten biefe Sßoljnung bem nac§ folgen SSerljfttts 
niffen berlangenben SBeetljotoen ju Ijödjjft angenehmer 
Seljaufung. $)ie SBoljnung toar mir auS früherer 
«Seit bereite belannt; benn biefelben 9töumiic§ieiten 
mit ©inbejieljung beS nunmehr batoon getrennten 
Steifes ber weiteren toier genfter bis jur Äirdfje, ju 
tnetd^er anberen Sßoljnung eine befonbere ©djnecfen* 
treppe füljrt, waren ju Stnfang ber 1820 er ^aljre 
bon bem gelbmarfd^aH^ßieutenant Saron ÜRinu* 
titlo 49 ) betoofjnt geraefen, beffen ©öljne meine ®e* 
fpielen waren ; (biefc jur Sßiberfegung, bafj bie Sßol}* 
nung eine ärmlidje war). S)ie SBofjnung beftefjt nodjj 
bermalen in gleicher (SintljeUung, wie ju 93eetljotoen 7 S 
* 9 ) Der Mann heißt Minutoli. A. d. H. 



88 

Seit; nur mit ber ®üd)e mar eben eine Verlegung 
öorgenommen ttorben, atö i<$ am 29. Sßftrj 1860, 
SufäHigertoeife bem 33. SBegräbnifftaljreStage be$ großen 
lobten mit mehreren greunben (St. SB. %$at)tx, 
Sßrof. Sinjbauer fammt grau unb §erm ©ection^ 
ratlj SB a 1 1 1) c r unb grau) jum erften äRale ttneber 
unb wenige Sage bamad) mit meiner gamüie bie ju 
ber 3eit leere SBoljnung abermals betrat. 

S)ie SBoljnung, Seetljoben'S eigentümliche 
SebenSart toielfad) beurlunbenb, warb folgenbermafeen 
eingeridjtet: 

3m etnfenfterigen ©intrittSjimmer ftanben, außer 
einigen ©effeln an ben SBänben, ein einfacher ©peife* 
tifd), red)t$ an ber SBanb ein ©rebenjlaften (meines 
©rinnernS), oberhalb beffelben Ijing ba£ DefcSBruftbilb 
be£ — bon Seetljoben fo feljr geliebten — todterlidjen 
©rofcbaterS ßubtoig Qefct im 93efifec ber SBittoe beS 
Sßeffen Karl). @§ [teilt ben ©rofebater in grünem 
^Peläcoftume, ein SRotenfjeft in ber £anb Ijaltenb, bor. 
©§ ift baffelbe, toeldjeS feiner Beit in Sonn bei bem 
SBirtlje im SJerfajj getoefen unb ba§ einjige ©tüd, 
ba3 SBeetfjotoen in fpdterer Seit au$ ber elterlichen 
3$erlaffenfd)aft nadj-SBien nadjiommen liefe. — $)a£ 
einfenfterige Bimmer linfö entbehrte, — aufeer Jenem 
bamatö aufeer ©ebraud) gefegten ©djreibpulte (ba§ 
nunmehr in meinem 33efi£e) red)t§ neben bem genfter 
— , aller 9Reubeteinrid)tung. 3?ur im gonb beffelben 
Ijing inmitten ber Sftauer $Beetf)oben'£ eigene^ grofceS 
93tfb bon 9Käf)ler (ba3 mit ber Sijra unb bem Tempel 



89 

be3 ©alifeinbergeä), (jefct im Seftfee ber SBittoc be3 
SRcffen Karl unb in jiemlid^ gleichzeitiger Kopte bei 
Ä. SB. Sljatjer). Shmbum am ©oben aber lagen 
ungefidfjtet unb ungeorbnet ©töfce geflogener rote ge= 
ftfjriebener SRoten, frember roie eigener Kompofition. 
Selten roarb bie§ ®abinet bon irgenb ^ernanb be* 
treten unb f roenn idjj mandfjmat — au£ Steugierbe 
ober jum Beitbertreib, audf) roolji mitunter, roeil 93eet* 
Ijoben midf) nadfj etroa§ ju fudfjen baljin fanbte — in 
baffelbe !am; fo roanbelte idf) ättrifdfjen bem anfdfjeinenb 
alten, {ebenfalls über einanber geroorfenen Sßlunber 
— bei meinem bamatö nodf) fo jugenblicjjen Sllter 
roenig beraubt jener ©djjäfce, roeldje ein ljalbe£ JJaljr 
nadfj Seetfioben'S Sobe bünbclroeife, biele äRanu* 
feripte, tf)eilroeife nodjj unebirteS entljaltenb, ju roenigen 
©ulben in alle Sßelt gefdjjleubert roerben fottten! 

S)ie beiben ©emftdfjer re<$t$ bom ©intrittSjimmer 
roaren nun erft eigentlich See tl) oben' $ Stuf enthalt, 
unb jroar ba3 erfte fein ©djjlaf* unb Klabierjimmer, 
btö lefcte, btö Sabinet, bie (5d()öpfung3ftätte feiner 
legten SBerle (jumal ber ®attifcin*Duartette), b. i. 
fein SompofitionSjimmer. 

3n SRitten be§ erften (jroeifenfterigen) BimmerS 
ftanben in einanber, 93audf) an 93au<f) gefegt, jroei 
©labiere. äRit ber Klaviatur gegen ben ©intritt ju 
jener engtifdfje glügel, toeldEjer ifjm einft bon ben 
$ljifl)armonifern au§ ©nglanb ju ©efdfjenle gemalt 
roorben roar. 3)ic -Kamen ber ©eber, bon benen idf) 
mitf) auf jenen Äalfbrenner'ä, 9ftofdf)eie§ 7 , 



90 

SJroabtooob'S, genau erinnere, ftanben eigenljdnbig 
mit S)inte gefdfjrieben auf bem Sftefonnanjboben untere 
fjalb ber Sßrimfaiten. 5)ie3 Elabier, au3 ber gabrif 
SBroabttoob'S, reifte nadjj oben nur big jutn C. 50 ) 
•Radjj ber anberen Seite — mit ber Klatoiatur gegen 
bie $f)üre be$ (£ompofition$jimmer§ feljenb — ftanb 
ein glügel be$ Elatoierfabrifanten ©raf in SBien, 
SBeetljoben jur SBenufcung überlaffen, oben bis F 51 ) 
reidfjenb.*) Ueber beffen Klaviatur unb £ammertt)erf 
befanb fidjj ein, gleich einem gebogenen Stefonnanj* 
breite au§ toeidfjem bünnen §otje conftruirter, einem 
©ouffteurlafteu äljnttdjjer ©dfjattfdnger aufgeteilt, ein 
SSerfud^, bie Sontoetten be§ 3nftrumenteS bem Dljre 
be§ ©pielenben concentrirter jujutteuben. 3)odf), toie 
felbft bieg in ber legten 3^it gftnjtidf) Vergebliche 
Sötülje getoefen, beobad&tete idfj auf unjtoeife^afte 
Sßeife eineS £age£ im ©ommer 1826, tooDon fpäter 
nodjj bie Siebe fein mirb. 9ln bem Pfeiler ättrifdfjen 
beiben genftem biefe$ BimmerS ftanb ein ©djjubtab* 

ßo) d. i. = c"" oder c'" (?). A. d. H. 

«) d. i. = f". A. d. H. 

*) 3fm 3Rai 1866 braute bie Beilage $ur „treffe" 
bie (Genealogie eines „(StotriereS ^eetijoöen'S", von bem 
(Slat)ierma$er @. Ä. #oge! in $eftlj Ijerftammenb, toelcfceS 
(Samuel ©tyjlai in Älaufenburg (Belsö-Farkas-utcza 81) 
befifce. (Serabe ber Umftonb, bafj in bemfelben „btö metjter* 
Ijaft gearbeitete SBappen unb beutlidj erkennbare Portrait 
aus ber Sugenbjeit beS&vanöeetijoven angebracht" 
feien, lägt eljer auf bie &nnaijme föliegen, ba% irgenb ein 
SBeetyovenvereljrer bieg ©lavier in folcfcer &u$fd)mficfung 
für fid) febft ljabe verfertigen lajfen. 



91 

laften, unb auf bemfelben bie SBcmb Ijinan eine bier* 
f äderige, fdjmarj angeftridjene Südjerftettage*) mit 
SJüdjern unb ©Triften, bor berfelben auf bem Saften 
aber lagen mehrere £örroljre unb jmei (f&lfdjtid) atö 
Slmati bejeidjnete) ©eigen; all bieg in Unorbnung 
unb arg berfiaubt. SBeetljoben'S Sett, 9?ad)t!äftdjen, 
ein lifdj unb Steiberftocf nädtft be3 DfenS matten 
ben Sftcft biefer Bunmereinrid^tung au3. 

3)a3 lejjte (nneber einfenftrige) Simmer mar SBeet* 
fjoben'3 SIrbeitÖftube. Jpier fafc er an einem, etmaS 
abfeitö bom genfter, gerabe bor bie ©ingang§tl)üre 
geftettten 5Hfdje, mit bem ©efidjte nad) ber Iljüre 
jum großen Sintmer gemenbet, bie rechte Äörperfeite 
bem genfter jugefeljrt. 3fa biefem Äabinete befanb fid) 
unter anberen Säften jener fdjmale Ijolje, feljr einfache 
»ibtiotljef* ober Sleiberf darauf, ben 9t. SB. Xljal) er 
bermalen — nadj gräulein Sinn ad er — befafc. — 
SReine äRutter alfo Ijatte e3 übernommen, bie 
©inridjtung ber SBirtfdjaft ju leiten. 3^ erfteS ®e* 
fdjäft mar : iljm brauchbare S)ienftleute auf juneljmen : 
(Sine Södjin („@ali") marb gefunben, unb in ber 
%$at, mie e$ bie gotge erttrieä, in iljr eine fo ergebene 

*) $)iefelbe, jebod) um jttei gädjer berminbert, ift jefct 
in meinem ©eftfce. — STuf ber nad) 83eetfjoben'$ 
£obe$tage gemalten Setzung biefeS SimmetS (unrichtig 
al$: öeetljoben'S ©tubierjimmer untertrieben) ftnbet fid) 
biefe Stellage nod) mit bier gackern bor, bon ben beiben 
(£labieren aber nur me$r ber englifct)e glügel, unb über* 
bieg bereits getoenbet gefteHt. 5)ie 83üfte ©eetljoten'S auf 
bem genfter tft be$ getaner* 8**gabe. 



92 

toertäfcfidje 5(Jerfon, bafc fic afö treue SBirtljfdfjafterin 
unb fpäter nebftbei ^Pflegerin Seetljoben'S £au8 fofort 
bi§ ju feinem @nbe moljnlicl) madjte. 5)iefer „93eet* 
ljobens©aIi" marb eine Äüdjjenmagb beigegeben, unb 
bte erforberlidfje Äu^eneinrid^tung etngelauft. 

3n biefer 5ßertobe ber SBirtljfcIjaft£beftettung 
naf)tn er fidf) bor, un3 ju Sifd^e ju fid) ju laben, 
— ein SJorljaben, tDtlä)t% er un3 fdjon lange jubor 
in 9lu3fid()t geftettt f)atte, — unb mein SSater erlnett 
jenen ljumoriftifdjsrijapfobifdjen 33rief, toetdjer in 
meinem Sefifce, unb burdj SB e gel er (SRadjjtrag ©ette 
21) mit meiner ®utljeif$ung beröffenttidjjt, 52 ) bort aber 
falfdjlidj al£ im Saljre „toafjrfdjeinlid) 1825" ge* 
f daneben bon iljm angegeben mürbe: 

„3)u bift, mein bereiter greunb, überhäuft, unb 
id) audf). S)abei befinbe id) mid) nodjj immer nid^t 
ganj moljL — %ty mürbe S)id^ iefct fdjjon jum 
©peifen eingelaben Ijaben, allein bi& je^t brauche 
i<$ mehrere äRenfdjen, beren geiftreidftfter Stutor ber 
Sodfj, unb beren geiftreidje SBerle fidf) jmar nid^t in 
iljrem Seiler befinben, bie fotdfjen jebod) in fremben 
Südfjen unb SeKem nadfjgeljen; — mit beren ©efetU 
fdjaft S)ir menig gebient fein mürbe. @& wirb fidj 
jeboclj balb dnbern. (£ernt)'§ ©labierfdjute neljme 
einfimeiten nid)t, idj erhalte biefer Sage nähere 2lu§* 
fünft über eine anbere. 

£ier ba£ Seiner ®attin öerfprodfjene äRobejournat 
unb etttm§ für S)eine Äinber. 2)a3 Journal lann 

«) Neudruck S. 218 f. A. d. H. 



93 



Don mir immer ttrieber jugefteHt merben, fo 
toie 3)u über alleS Slnbere, toaS 3)u toon 
mir toünfdfjeft, ju gebieten Ijaft 
2»it Siebe unb 33eref)rung 

Stein greunb Seetljotoen. 

3$ Ijoffe, un8 balb jufammen ju feljn." 

(3)a3 3ournal«£eft enthielt ©c^ttjeijersSlnfi^ten : 
Sujern u. a. m. ©päter tjat er e3 für furje 3^it 
ttrieber jurücf begehrt ; bodf) burdf) bie bajttrif djen tretenbe 
Äranfljeit unb $ob ift e£ für un$ abtjanben ge* 
lommen, ba er e£ toermutljlidf) jemanb Stnberem ge* 
liefen tjatte.) 

2Iu§ obigem Schreiben erfteljt man mit welkem 
Seijagen er feinen neuen Ij&uSlidjjen SJerljältniffen 
unb gefeHigem Umgange entgegen falj. ®r toar über* 
Ijaupt nidfjt menfdfjenfdijeu, nur Verlangte iljn nid&t — 
au$ leibiger Ghrfaljrung — naty unangenehmer frember 
ober öertoanbfdfjaftficljer Umgebung. 

©o georbnet übrigens jefct feine £au8ttnrtl)fdf)aft 
ftdfj balb beftettt fanb, fo unorbenttidf) blieb iebodt) 
fortan feine Simmereinridfjtung, ftaubig unb unter 
einanber getoorfen feine Rapiere unb $abfeligfeiten, 
unauSgebürftet feine Kleiber, babei Ijiett er aber auf 
peinliche 3teinlid^!eit feinet ®örper§ unb feiner Sßäfdfje. 
2>iefc überreidfjlidje Sßafdfjen mag tooljl einften£ auä) 
bie urfprünglidfje ©elegen^eit^urfad^e jum ©ntfteljen 
feiner ©eljörfraniljeit — ettoa burc§ rljeumatifdjje 
©ntjünbung — abgegeben Ijaben; meljr, afö n feine 
Anlage ju UnterleibSleiben", nrie meljrfältig ange* 



94 

nommen ttrirb. @r f)atte fiet£ bic ©emoljnljeit gehabt, 
roenn et längere $eit am üfdjje componirenb ge* 
feffen unb Ijiertoon ben Sopf erljifct füllte, jum 
Sßafdjttfdje ju eilen, Sannen SEBafferö über ben er* 
Ijijjten Äopf ju ftürjen, unb nad^ fol<f)ertoeife be* 
toirlter Slbfüljlung, nur flüchtig abgetroefnet, toieber 
jur Slrbeit jurüdf jule^ren ober toof)i gar nodfj in* 
jttrifdjen einen ©pajierlauf in§ greie ju unteme^ 
tuen. SBie fe^r biefc 9llle3 in fluchtiger £aft gefdfjalj, 
um hierbei nidfjt au£ feinem Sßfjantafienfluge geriffen 
ju roerben, unb tüte ttjenig hierbei an ein erforber* 
lidbeS Stbtrorfnen feiner burdjnäfcten §aare$fülle ge« 
ba<$t toorben, bemeift fdfjon bie Ifjatfadje, bafc e$ 
babei öorfam, bafj ba£ über ben Äopf gefdjjüttete 
SBaffer, bon ifjm unbemerlt, reidpdj über ben gufc 
boben fidjj ergofc, ja benfelben audf) burdjbrang, an 
ber ßimmerbede ber unterhalb tnoljnenben 5ßartei jum 
SSorfdjein lam, unb feinerjeit mitunter ju unlieb* 
famen Behelligungen bon Seite biefer, be3 $au3* 
meifterS unb fdfjliefjlidfj be$ §au£eigentljümer8, ia 
felbft jur SßoljnungSiünbigung geführt Ijatte. — 

9Keine äRutter, au§ jener, orbnungSliebenben 
§au3frauen fo gerne anljaftenben ©d()eu bor be* 
ftaubten £eHem unb SSeftedten u. bgl. m. mit SRit* 
tag^©nlabung§s©elüften unter folgen SJerljältniffen 
nid^t eben feljr einberftanben, fud^te feinem nunmehr 
öfter ttrieberljolten Stnfinnen, un3 jum SKittagSmaljle 
ju laben, allemal auSjutoeidjjen, e£ borjiefjenb, tljn 
bagegen lieber ju lifc^e ju un$ herüber ju bitten. 



95 

Seiber erfuhr iä) biefermafcen niemals ba$ intereffante 
SBergnügen, ein 3Rittag£maljl bei iljm beobadfjtet ju 
Ijaben. S)afür naljm er tnoljl gerne bie ginlabungen 
ju un§ an, ober fanbte un§ gar oft ein ©tücf gifdjj, 
roenn er foldjjen fidf) auf bem äRarfte Ijatte laufen 
laffen; benn gifdje jaulten ju feinen SieblingSgeridjjten, 
unb, toa£ er liebte, toottte er fo gerne mit feinen 
greunben tljeiten. 

SSSenn er nun 2Rittag£ bei un3 gegeffen, unb 
Ijäufig auä) fonft, ging er SRad^mittag^ mit unS 
fpajieren, jumal an (Sonntagen, ba an Sßodjjentagen 
mein SSater nur ju feiten einen freien -Kadjjmittag 
ftd^ gönnte, ©ar einfach toaren bamalS bie (Spajier* 
gänge, unb ^öd^Iic^ft jufriebengefteßt toaren ttrir Stile, 
wenn ttrir einmal, ftatt über ba§ attjugetoo^nte ©lactö, 
über ben SinientoaH ober nadfj jemals unb Otta!* 
ring, ober gar einmal nadf) ©djönbrunn gingen. 
— S)a er hierbei balb meine grofce 9lnf)ctnglidf)feit 
an meinen SSater toaljmaljm unb bemerlte, bafj xä) 
midjj immer um iljn belegte, gab er mir ben <Spi£* 
namen „§ofenhtopf\ toeil irf), „ttrie ber ®nopf an 
ber £ofe an ifjm §aftc Ji . — ®a iä) aber audf) bei biefen 
«Spaziergängen trielfadf) borau£ unb ttrieber jurüdf jur 
©efeUfd^aft lief unb überhaupt feljr lebhaft toar, 
nannte er mid§ audjj „Slriel", nadf) befjenb jenem Ijin unb 
ttrieber laufenben 99oten in (Sljafe3peare'3 „Sturm". 
Briefe beiben -Kamen behielt er fortan für mid) be* 
Ijarrlidf) bei, audf), toenn er mir im Verlaufe biefer 
Beit unb nodf) nj&^renb feiner ®ranfl)eit nadjj unferer 



96 

SBoljnung im Stotljen $aufe Sriefdjjen fdfjrieb. 53 ) 3$ 
fjatte in 9lttem jttjölf folget, in ftnotenform jufammen= 
gefalteter ©rieften mit 93efteHungen für midj ober meine 
©Item jugefdjjidft erhalten, toon melden brei mit: „ßieber 
Jpofenfnopf!", neun mit: „ Sieber Striel!" übertrieben 
tnaren. ©itf batoon maren mit 931ciftift, nur einer 
mit S)inte gefdfjrieben. 3u meinem untilgbaren Seib* 
mefen mürben biefelben beim StuSjieljen au3 unferer 
SBoljnung naä) meinet SJaterS Sobe — aß bermeint* 
lidfje Sßapitotten — öpn unfunbiger £anb meggemorfen. 
Sßtttfyoben'Z äußere ©rfdjeinung Ijatte, ber 
if)tn gang eigentljümticljen -Kondjjalance in ber 
SBeffeibung megen, auf ber ©trafce etmaS ungemötjn* 
lid^ auffälliges an fidj. 2Reift in ©ebanfen bertieft 
unb biefe toor fidf) Jjinbrummenb, geftflutirte er, menn 
er allein ging, nidjt feiten mit ben Slrmen bagu. 
©ing er in ©efeüfdjaft, fo fpradfj er feljr lebhaft 
unb laut, unb, ia ber iljtt SBegteitenbe bann immer 
bie 9lntmort in ba§ (£ontoerfation§ljeft fdfjreiben mußte, 
mürbe im @ef)en roieber fjäufig inne gehalten, ma3 
an fi<$ fd^on auffällig unb buvdf) allenfalls nodfj 
mimifdf) geäußerte Slntmorten nodj auffälliger würbe. 

ö3 ) @ie$e Jöeetyoöen'S „ftöd" unb „ftofenfnopf 
Sonntagsbeilage ber $offifdjen S^^^Ö öom 7 - <3 ul " 1891 
t>on Dr. Safr. (Sijr. Äattfdjer. 64 ) «. b. 8. 

M ) Von dieser Zeit an stammt meine Korrespondenz 
mit dem verehrten Verfasser, die sich nach und nach 
sehr freundschaftlich gestaltete ; auch Dr. v. Breunings 
Photographie erhielt ich, wonach die Bildbeilage 
dieser Auflage gemacht wurde. A. d. H. 



97 

So tarn e§, baft bic meifien ber iljm 93egcgnen= 
ben ftdj naä) iljm ummanbten, bie Straßenjungen 
aud) rooljl iljre ©loffen über iljn matten, unb i(jm 
nachriefen. SReffe Karl berfcfymftfjte bef$alb mit ifjm 
au$juge(jen, nnb Ijatte iljm audf) gerabeju einmal ge* 
jagt, bafc er fid) fdjftme, iljn feinet „narrenljaften 
9lu§feljen£" megen auf ber Strafe ju begleiten, 
roorüber er feljr gelrftnft unb berieft un$ gegen* 
über fid} äußerte. 3d) bagegen ttmr ftotj barauf, mit 
biefem bebeutenben SDfanne midj jeigen ju lönnen. 

S)er bamatö übliche giljtjut, ben er beim 9?ad}* 
Ijaufefommen, wenn audj Don Siegen triefenb, nur 
nad) leidstem 9tu$fdf)tüenfen (eine ©emoljnljeit, bie er 
audj moljt bei un§, unbelümmert um alle 3iwmer- 
einridjtung, übte) über bie oberfte ©pifce be£ Sleibers 
fiode£ fdjlug, (jatte in gotge beffen in feinem 3)ecfet 
bie ©benc öerloren unb war babon gemölbt nadf) oben 
auägebeljnt. SSor tüte nadj bem Siegen nur feiten 
ober gar nidfjt gebürfiet unb bann nrieber einmal 
befiaubt, Ijatte ber Jput ein bleibenb öerfiljteS 2lu§* 
feljen. S)aju trug er benfelben nadf) £(junlid)feit 
au3 bem ©efidjte IjinauS, um bie Stime frei ju 
Ijaben, mftljrenb beiberfeitä bie grauen mirren §aare, 
mie Sftellfiab bejeidfjnenb fagt: „nidjt frau§, nidjt 
fiarr, fonbern ein ©emifd) Don SlUern", nadj Stufen 
flogen. 2)urd) ba3 Stuffefcen unb fragen be3 $ute3 
roeit au3 bem ©efidjte nadf) hinten bei Vorgetragenem 
$opfe aber lam bie rüdtodrtige Krempe in ÄoUifion 
mit bem bamatö feljr Ijodf) jum ^interljaupte ragen* 

7 



98 

ben SRocffragen, tt>aS ber Krempe eine naä) aufmärtö 
geftülpte gorm gab, ben SRocffragen aber burd) bie 
bejtönbige ©eruljrung mit ber Srempe abgefcljabt er* 
fechten liefe. 2)ie beiben ungefnöpften Stodfflügel, 
jumat jene be$ blauen gracfeS mit Stöeffingfnöpfen, 
fdjtugen fidf) nadfj 2lufcen, befonberS beim ©e^cn ge* 
gen ben SBinb, um bie Arme um; ebenfo flogen bie 
beiben langen ,8ipfel be8 um ben breit umgefd^lagenen 
jpembfragen gefnüpften meinen £atötudf)e$ je nad) 
Slufcen. 3)ie 2)oppeltorgnette, bie er feiner Surj* 
fidf)tigfeit wegen trug, Ijing lofe Ijerab. 3)ie ©dfjöfee 
be£ 9tocfe3 aber waren jiemlidfj ferner belaben ; benn 
aufeer bem oftmatö Ijerborlj&ngenben lafd^entud^e 
einerfeitö fta! anbererfeitö barin ein burdjauä nid)t 
bünne§ jufammengefalteteS DuartsSRotennotijfjeft, bann 
nod) ein Dctate£onberfation8tjeft nebft bidem Bimmer* 
mannäbleiftift*), biefe jum SSerfefjr mit ben ju be* 
gegnenben greunben unb SSefannten, unb in früherer 
Seit, fo lange e3 nod) Ijaif, ein Jpörroljr. 2)aS ®e* 
nridf)t be$ 9iotent)efte£ Perlftrtgerte ben einen ©djofc 
bebeutenb unb aufjerbem jeigte fid) bie Safere bef* 
felben in golge be$ Ijdufigen £erau$jietjen§ beffelben 
unb be£ Eonberfation£ljefte3, mit ber $anb ber fei* 

*) 28ie Jöeetljoöen öon einer tljm eigentümlichen 
Unbeljolfentyett gewefen: bie ©djretbfebern ftd) aured)t$u* 
fdjneiben, ebenfo erwiefen fid* feine mebr plumpen ginger 
auä) wenig geeignet, bie SBleiftifte, oljne fie balb $u brechen, 
äugufpifeen. 2)ief$ mag bie SSeranlaffung gegeben tyaben, 
ba& er e3 liebte, ©leiftifte biefen ÄaltberS, ä§nltdj jenen, wie 
fie bie Simmerlente gu gebrauten pflegen, ftd) anjufdjaffen. 



99 

ben «Seite, naef) Stuften gefefjrt. — 2)ie belannte 
geberjetc^nung giebt einigermaßen bie ©efialt SSeet* 
Ijo&en'ä wieber, wenn aud) ber §ut niematö feit* 
tict} eingebrüdEt gewefen, tüte e$ biefetbe — in üb* 
lieber Uebertreibung — barftettt. — 2)ie Ijier ffij* 
jirte 2leuf$ertidf)feit 33eetl)oben'8 ^at ftd^ meinem 
©ebftdfjtniffe unau$(öfcf)lid(} eingeprägt. ®ar oft falj 
id) üjn fo, bon unferen genftern au$, gegen jwei 
U(jr — feiner ©ffenSftunbe — Dom ©dfjottentljore 
Ijer über ben ©iactötljeil, wo je^t bie SSottofird&e 
fteljt, in feiner gewohnten borljängenber (nidfjt aber 
gebeugten) Sförper* nnb gehobener Sopffjaltung, feiner 
SBoIjnung jufegeln, ober id) ging woljt felbft mit ifjm. 
Stuf ber ©trafee, wo man nidfjt immer .Seit ge* 
nug Ijatte ju f ^reiben, war bie ©onberfation mit 
iljm am befdfjwerüdrften, nnb, wie er überhaupt boll* 
lommen taub war, bafür gab mir golgenbeS fragen* 
ben SSewetö, wenn e3 eine3 folgen nodf) beburft 
f)ätte : ©r würbe einftenS bei un$ ju 2Hf d) erwartet, 
e§ ging fdjon na(je auf 2 Uf)r (unfere ©fcftunbe). 
•JReine (Altern, in betätigtem Strgwoljne, er bürfte, 
im Komponieren bertieft, ber Seit nid)t gebenfen, 
fanbten midf) ju tfjm hinüber, iljn abju^oleu. 3$ 
traf iljn am Slrbeit§tifd)e, ba£ ®efid)t ber offenen 
Sljüre jum ©tabierjünmer jugewanbt, an einem ber 
legten (©atti^in'fd^en) Duartette fdjreibenb. ©r §ie§ 
mtd), lurj aufbticfenb, ttxotö warten, btö er ben eben 
feftgeljattenen ©ebanfen ju Rapier gebracht tyaben 
werbe. Surje 3*it bertjtelt id) mid) ruljig, bann 

7* 



100 

rücfte id) bcm junddift fteljenben ©rafften ©latoier 
(mit bem aufgefegten ©djaEfänger) nalje unb fing, 
Don SBeetljoben'a laubljeit für löne*) nidjt über* 
jeugt, an, leife auf ben Saften ju flimpern. 3>df) 
blicfte babei öfer nadf) iljm, prüfenb, ob er fid(} ba* 
burdf) beljinbert füllen möchte. 2tl§ idf) aber falj, 
bafc er e§ gar nid)t maljrnef)me, fpielte idf) ft&rfer 
unb abfidjtlidj ganj laut — ; id} fjatte leinen Broeifel 
meljr. ©r Ijörte e§ gar nidjt, fdfjrieb unbefümmert 
meiter, bi£ er, enblidj fertig, midf) jutn gortgeljen 
aufforberte. 9tuf ber ©trafce frug er midj etttmS: 
idj fcfyrie itjm bie Stntmort Inapp in ba£ D(jr; bodf) 
meljr meine 3^td^en öerftanb er. 9htr bei Sifd^e 
fttefc einmal eine meiner ©djroeftern einen geEenben 
Ijoljen ©d)rei au§ unb biefen bodf) nod) Vernommen 
ju tyaben, machte i(jn fo glüdElidfj, bafc er l)eE unb 
freubig auflachte, mobei feine btenbenb meinen boEen 
«3al)nrei(jen meitauS fidjtbar itmrben. 

©fjarafteriftifdd mar audj bie Sebljaftigfeit, mit 
ber er il)n intereffirenbe ©egenftänbe befpradj, too= 
bei e§ audj borfam, bafc er, mit meinem Sßater im 
Simmer auf* unb abgeljenb, mäljrenb folgen ®c* 
fprädje*, ftatt jum genfter l)inau£, in ben Spiegel 
fpucfte, oljne e8 ju beadjten. 



*) (£$ mar t>on mannen Seuten bamals mitunter über* 
Ilügelnb behauptet unb erjäljlt morben: be8 großen &m« 
btdjterS ©eljörorgane feien nur jur ©erneljmung ber Spraye 
unb be§ allgemeinen OerftufdjeS, md)t aber für Äuffaffung 
ber 3ttuftftöne taub. — 



101 

Sein fiebert ro&re jefct ein feljr angeneljmeä ge* 
toefen, menn nidjt, abgefeljen bon feiner Saubfjeit, in 
hit er übrigen^ moljl fdjon ergeben, fein ©ruber 
Sodann unb Ijauptf&djtidj SReffe Karl fortgefahren 
Rotten, iljn ju quälen. ©§ iüftre ein SeidjteS ge* 
foefen unb Ijätte ganj in feiner SBittfüljr gelegen, fid) 
beiber ju entlebigen. $er ©ruber war ein roofjl* 
Ijabenber 90?ann, er Ijatte fid) afö Sefifcer einer &t>o* 
tfjefe in Sinj, bei beren antritt mein SSater, feiner 
3eit, für iljn gut geftanben, mit Strmeeüefernngen 
u. bgl. m. ein au8reidjenbe§ SSermögen ertoorben, 
unb lebte öon feinen Renten; ebenfo toerbiente ber 
SJeffe leine fo eingeljenbe SSerücffidjtigung, al£ fie 
üjm fein Dljeim teifö au8 Siebe, teils au$ öermeint* 
liefern *ßflid(}tgefüljl gegen feinen berftorbenen 99ruber 
in aufopfcmbfter SBeife angebeiljen lieg, ©old) eine 
Sßatnr, toie jene ©arl'8, madjt beffer, fid) felbft über* 
fofien, ben nötigen ®ät)rung3procefc burdj. Stades 
beut fein iljn fo nad)fidf)tig beljanbelnber Oljeim ge* 
ftorben, er audj ba3 SKilitär Derlaffen Ijatte, warb 
er ein ruhiger orbentlidjer 9ftenfd) unb guter gamilien* 
bater. (Sr ftarb in SBien am 13. 8tyril 1858. 

8lber SSeetljoben'S gerabju blinbe Siebe, mit ber er bod) 
fo gerne bie ganje SBelt umfdfjtungen Ijdtte ( — ,,©eib 
umfdjtungen aMillionen, biefen $uf$ ber ganjen 
SBelt" — ), Jjatte fid} $ier ju arg gesteigert, ©r 
erlahmte nidjt, fo Ijinberlid) unb in allem guten 
Sinfluffe auf beffen (Srjieljung iljm audf) ©arl'3 
leidjtfinnige SRutter jeberseit junriber (janbelte. öatte 



102 

iljn biefe bod) einft, be£ Knaben megen, in einen 
jahrelangen $rocef$ mit ben ©eljörben berroicfelt. 
2)afe feine Schöpfungen rücffidfjttid) ber 9Kaffe be» 
©efdjaffenen gar fefjr in jener Beit beeinträchtigt 
mürben, töftt fid) fo leidet begreifen, afö e§ tljatfftd)* 
tidj ftdj ermiefen l)at. 

9Wit beforgter Siebe beriet^ er fid(} bei jebem 
Bufammentreffen mit meinem SSater über ben Steffen: 
metdfje SBefürdjfungen er über ba£ ©rgebnifc feiner 
©djutprüfungen Ijege; mie SBruber Sodann unb 
(£arF8 SRutter iljm Ijinbertidj in allen angelegen* 
Reiten entgegen träten, fein Seben erfdjmerten n. f. ro. 
— ®iefc, bann 95cfpred(}ungett ber fünftlerifdfjen unb 
pefuniären ©rfolge feiner legten jmei großen SBerfe: 
ber neunten ©ijmpljonie unb ber D*2Reffe, ober ^Jläne 
für nftdf)fte $onbid)tungen, namentlich meldte (Seftat* 
tung er ber beabfidjtigten je^nten ©tjmpljonie geben 
motte ober fotte, fr um iljr neue Slnjie^ung^Iraft ju 
erttrirfen", unb jmar btefe micber ofjne ©Ijor; neben* 
bei audf}, bafi er bereue, niemals nad) ©nglanb ge* 
gangen ju fein, gleidjmie, baft er nidfjt geljeiratfyet 
Ijabe, maren SieblingStljema'S ber ©onöerfation mit 
meinem Sater. 9lber audj fetjr oft ergingen W 
bie beiben greunbe fid) in ©rinnerungen au§ iljrer 
gemeinfdjaftlidf) berlebten 3ugenb. 

Surj, unfer Seben mar nunmehr ein eng nadf)= 
barlid)e£, bon nie öerfiegter greunbfdjaft unb §od(}= 
fd()<ijjung burdjbrungeneS. 

3d) mar noci) fe^r fd)üd)tern unb magte e$ ba* 



103 

(jer nid)t, tljm, beffen ®röße idj, obwohl nidjt ber* 
fteljenb, bodfj empfanb unb meljr nodj aljnte, nacf) 
Shmfdje tftglid) ©efudje ju madjen. SBie frolj war 
idj baljer jebeS 2Ral, afö er ju un3 tarn. ®r er* 
funbigtc fid^ batb um meinen SiabierunterridEjt, frug 
nad) bem 9iamen meinet SeljrerS, ber Slnton 
geller Ijiefc unb iljm unbefannt war. ©r er* 
miberte: „Ijm, Ijm; nun gut.' 1 — Stuf $erftdf)erung 
meinet S3ater§, bafc er brab fei, idf) aber nod) nic^t 
fleißig genug übe, fagte er: „9hm fo fpiele mir 9Kal 
etmaS bor". 3d) t^at e3, wobei er — nid)t3 Ijörenb 

— feljr aufnierffam auf meine $ftnbe falj, unb, 
meine $anbbaltung befrittelnb, mir fofort einen Sauf 
borfpiette. (£3 mar auf bemfelben glfigel 95rob* 
mann'3, auf bem er in tftngft berffoffenen Reiten 
mit Julien oft geftriett unb — bamatö tjörenb — 
pljantaftrt Ijatte. — „SBeldje ©tabierfdjule fjat © e r b a r b 
benn?" — S)ie sßle^effdje. — „%ä) merbe iljm bie 
(£tementrfdje berf Raffen; biefe ift am ©übe nod) 
bie befte. 2)arnad) foE er fid) galten, unb barnad) 
merbe idj fdjon ba$ SBeitere anraten." — ©ie mar 
auf bem SBiener $lafce nidf)t borrfttljig ; folglidj nidjt 
gleich ju befommen. ®r mußte fie berfdjretben 
laffen. — 

Set ©dfjinbler in SBocfenljeim fanb idj im 
So^ve 1863 in bem Sßacfete mit ben Dpemteyten 
einen abnotationSjettet, auf meinem bon ©eetljoben^ 
§anb — in bereite ftarf bertt>ifd)ter Sleiftiftfdjrift 

— notiert ftefjt: 



104 



t 6#egel 
f Ducaten 
t SflaneU 
t Sdfrneiber 
t Seife Sinn 

ftaföen 
f Breuning 

Klavierschule 
t dum Stuber 

Büsten handeln 
t Dblaben 
t 3tte$l 



Sog 



3 
(Sdjinbler fdjenfte mir biefen ßettel, wie auclj 
33eet§oben'§ legten aB^ejettel.) — 3m Dctober 
1870 fanb idj bei 31. SB. fclja^er in trieft bie 
Kopie, nadj $aljn, — eines audf) auf bie Siabier* 
fdnits2tngelegenljeit bejügüdjen — ©riefet*) 33eet* 
ljoben'3: 

2ln be£ £errn $obia§ §a§Iinger 

äßoljlgeboren 

ehemaliger B. r. o. t. nunmehriger Sunft* 

fabrilant, — „Sefier $err norbamerifanifdjer 9?oten* 

•Ijänbter tüte audj Steinljanbetnber! 

SRur auf einen falben Sag l)ier, frage id} Sie, 

ma3 bie ©lementi'fd^e (£tabierfd)ute 

*) 2)ie $Beröffenttid)ung beffelben fjat mir greunb 
X^a^er in gewohnter ©efftüigfeit jugeftonben. 



105 

foftct itt$ 2)eutfdje überfejjt; idj bitte mir 
barüber gefdlligft fogleidfj 2lu8funft ju geben, unb 
ob ©ie felbe Ijaben, ober mo fie fonft ju finben? 
Sefter §r., Jpr., Jpr., Jpr. leben ©ie redjt 
rooljl in 3$rer frifdd lauerten £anbel§ftube, forgen 
Sie, bafc nun ba$ borige SReft ein SJierljauS 
»erbe, ba alte Siertrinfer gute SRufifanten finb 
unb bei Qftnen audf) borfprecfyen muffen. 3$r 
ergebender 

93eetl)ot)en." 55 ) 

9iadE}bem biefe ©lementi'fdje ©labierfdjule über* 
lange ausgeblieben, enblidj aber bod) angefommen 
mar, fanbte er fie auS bem ©djmarjfpanierljaufe 
meinem SSater herüber mit Jenem SBriefe, ben iü) 
SBegeler für feinen „9iadjtrag" jur SSeröffentlid)ung 
mitgeteilt, ©r lautet: 

„Sieber SBerttyer! 

Snblid) fann idj midj meiner SBinbbeutelei ent* 

minben. $ier folgt bie öerfprodfjene ©lementi'fdje 

(£latrierfd)ule für ©erwarb. SBenn er fie fo ge= 

brauet, mie idj tfjm fdjon geigen merbe, fo mirb 



w ) Dieser Brief befindet sich auch bei La Mara, 
Klassisches und Romantisches, Leipzig 1892, S. 79. 
Der Titel heißt verständlicher: An den Herrn Tobias 
Haßlinger Wohlgeborener ehemaliger Brot- nunmehriger 
Kunst-Fabrikant — Es scheint nach diesem Witze, daß 
Tobias Haslinger erst Bäcker war, ehe er Musiker, 
Verleger und Komponist ward. A. d. H. 



106 

fie gemifc guten ©rfolg leiften. %ä) fc^c $)idj 
fdjon eljefieitö, unb umarme 3)idf) inntgft. 
®er ©einige 

Seetljoben." 

®amit biefer ©rief ja nid)t berloren gelje, fonbem 
mir ju bleibenbem Sfabenfen gefiebert fei, n&ljte ifjn 
mein SSater inmitten ber ©laöierfdjule ein. 

99ei ©elegenljeit als Seetljoben ben obener* 
mahnten gingerlauf auf bem Klariere mir öorgejetgt, 
münfdjten meine SDfutter unb idj feljr, bafc er un8 etmaS 
borfotelen ober bielmeljr pljantajtren mödjte. SKeine 
■Kutter unb idj Ratten iljn nie ftrielen gehört. SBir 
gingen befjfjalb SSater an; bodj biefen bauerte e$ %u 
feljr, bafc Seetljoöen, gleidjfam mie ein Automat, obne 
ba£, ma£ er tfjäte, felbft Ijören ju fönnen, finden 
foKte, unb fonntc e$ nidjt über fid) gewinnen, ifjm 
biefe (Erinnerung an fein ©eljörunöermögen fo füf)l= 
bar ju machen. 80 blieb biefer Klaöierlauf ba§ 
einjige, ma$ iü) je oon iljm gehört. @r Ijielt hierbei 
bie ginger feljr gelrümmt, fo, bafc fie bon ber $anb 
ganj berbeeft maren: furj, er fdjien bie fogenannte 
ältere, gegen bie jefcige mit meljr Verflachten gingern 
geübte £anbljaltung eigen ju Ijaben. 

S)ie ©rljabenljeit feiner 5ßljantafieen ift befannt 
unb e3 foU biefelben nid)t beeinträchtigt Ijaben, menn 
er bei Sprüngen jumeilen fehlgegriffen. (Julien' 3 
SBruber Dr. So f. Don Sering, erjagte mir, ba& 
Seetljoben in ber legieren 3eit feinet öffentlichen 



107 

Auftretens, jumal einmal im Sweater an ber SBien, 
bei Selbftauffüljrung eineS feiner ©latrierconcerte, ba 
er bereite ferner an feinem ©efjöre litt, nodj.forts 
gefpielt Ijabe, nadjbem bereits biele ©aiten geriffen, 
oljne eS malgenommen ju Ijaben.) — 

gür ben 28. Sluguft 1826 mar bie erfte Suft* 
f aljrt ber 2Rab. ©amerinin SBien angefünbigt. Sie 
fottte auS ber fdjminbelnben £ölje mittelft gattfdjirmeS 
ficf) jurücf jur ©rbe Ijerablaff en ; ein in SBien nodj 
nie gefeljeneS ©d^aufptel. ?)ief$ gab fomit allgemeines 
Qntereffe. (£S mar an biefem Sage aber aud) mein 
13. ©eburtStag, unb Seetljotoen marb fomoljl ju beffen 
SRitfeier ju unS ju Sifdje geloben, als audj um 
SiadjmittagS bon unferen genftern auS, meldte bie 
SluSfidjt bis über bie Säume beS ^raterS l)in ge= 
mährten, ber ©am er in neues ©jperiment ju be- 
trauten. (£r braute ein ©jemplar feineS fürjlid} in 
litljograpl)ifcf)em Stbbrucf bei SR. 9lrtaria erfdjienenen 
©tieter'fdjen *ßortraitS „mit ber Missa solennis" 
mit, bamit eS mein Später an 28egeler nadj (£ob* 
lenj fenbe .*) 9?un mürben mftljrenb ber 3cit beS 
SBartenS auf bie aeronautifdje <ßrobuction 3$erglettf)e 
fynfidjtlid) ber Sle^nli^Ieit biefeS <ßorträtS mit bem 
Originale gemacht, mobei mein SSater baS Urtfjetl 
abgab : bafc, obgleid) feineS aKer *ßortraitS Seetfjoöen 



*) ©ielje: SB e gel er unb SRieS'S biograj)!). Wottj. 
6. 53: M ) Seetljoöen'S ©rief an SBegcler öom 
17. gebr. 1827. 

56 ) Neudruck von Dr. Kalischer S. 63. A. d. H. 



108 

öoHfommen gleidj fcilje, bieg unter ben neueren bod) 
ba$ äljnltdifte fei, juntal toenn man nid)t in beffen 
©htjelljeiten eingebe unb e8 burdj baS genfter Don 
ber SRudfeite au£ betraute, tnoburd) beffen fdjarfe 
Umriffe ftd) milberten, welche SSemerfung ©eetfjoben 
fefjr gefiel.*) 



*) SBenn bie aflju fdjarfen Umrtffe biefed erften 9lb= 
brucfeg Seranlaffung ju obiger ©emerfung gaben, fo muß 
td> Ijinnrieberum mit 6d)tnbler II. ©. 290 ben späteren 
burdj ©pina oeranftalteten fcbbruct als aü^u abgeblaßt 
matt beaeidjnen unb aud) betätigen, baß bie gefenfte 
Stellung be£ Äoj>fe$ SBeetljooen nidjt eigen mar. 

$on ben anbertoeitigen Portrait* SBeetI)ot>en'$ ftnb bit 
äljnfidjften: StoS SRebaiHon^orträt au« bem Saljre 1814 
bonßetronne, nur mit ju 2Rulatten»artigem ©efidjtg* 
auSbriicfe — , bie $ortrait3 uon Säger, 6d)tmon 
(biefeS in ©djinbler'S öiogropljie), unb — nad) meinet 
93ater3 toieberljolt ausgekrochener Weußerung 67 ) — cor 
Sitten ffl&nlid) ba$ TOniatur»2Rebattton-$ortratt aus bem 
3a^re 1802 Don Momentan, toeldjeS in meinem Seftfce 
unb hiermit jum erften 2Kal Veröffentlicht trnrb. — ©anj 
befonberS naturgetreu ftettt bie im JJa^re 1812 burd) 
«goty. Älein an btm ßebenben geformte Saröe S3eet* 
fjoöen'8 ®efid)t bor. ($)ie grorm ging an ben Soljn beS 
9Mer£ $>anljaufer über, unb fam bann in SBepfe beS 
am 27. 2tyril 1872 in SBien öerfxorbenen EilbljauerS 51 nt. 
$>ietrid). — $ä) befijje öon berfelben eine fe^r gelungene 
(Sopie.) — ©ine gute SSüfte beftfct Streiter. — 

67 ) Hier sei an des Herausgebers Studie erinnert: 
Schimons und Stielers Beethovenbildnisse 
in den Sonntagsbeilagen zur Vossischen Zeitung vom 
19. und 26. Mai 1889. A. d. H. 



109 

9tm 24. September 1826, atö meinem SWamenS* 
tage, mar SBeetlpben abermafö unfer Xifdjgenoffe, 
ebenfo mein Sßribatleljrer SB a nie!. SSor bem ©peifen 
jeigte un£ Seetljoben bie golbene SRebaitte, bie er 
uon ßubmig XVIII. erhalten Ijatte (jefct im 2lrd)to 
ber ©efellfdjaft ber SKufiffreunbe in SBien.) 58 ) 

©d&aller'S Vüfte, ni(f)t neroielfäitigt nnb unter Ver- 
mittlung (£ a r 1 $ o 1 $ ' S n a d) Veetyooen'S Xobe oerf ertiflt, 
burd) bie SReb. $rof. ©attin grau ganni Sinjbauer, 
geborne $onfing, f auflief ertoorben, warb jur Seit ber 
100*jftljrigen ®eburtSjubelfeier t>ork biefer warmen Veet* 
tyoüenöereljrerin in banlenber Wnerfennung für bie etnftenS 
bem tobtfranfen VeeUjooen genribmete ©elbfenbung ber 
Philharmonical Society in Sonbon gefetyenft unb burd) 
ben fdnigl. <&oncertmetfter 2Rr. SuftnS, melier eigens 
befföalb öon Sonbon nad) Ofen gefanbt toorben war, bereite 
nad) ßonbon gebraut (3$ beftjje t>on berfelben eine 
pljotograpljifdje (£opte.) — Alle übrigen ^ortraits geben 
meijr ober weniger Verzerrungen ober bod) Verzeichnungen. 

$aS öor nidjt langer Seit als „Veetyoben" in ganzer 
gfignr, mit engen VeinHeibern, Ouaften-@tiefeln unb $et- 
f d)aftge$ftnge , t>eröffentlid)te Portrait aber ift — jenes 
eines einftigen SWalerS SBitttcr) in Verlin. 

Xreffenb f agt 6 $ i n b 1 e r , bog bie ftdjerfte tötdjtf djnur 
bei ber SBaljl eines $ortrait3 bie getreue ©d&ilberung ber 
$erfönltd)Ieit Veetyooen'S oon griebrid) fRo d)li$ abgibt 
(fie^e beffen SBer!: „gfür greunbe ber Sonfunfi" Vanb IV. 
6. 850 u. ff. unb 6dpnbler IL 6. 291). 

•^ Es folgen hierzu 3 Briefe, von denen der Ver- 
fasser zwei im Original und einen in Copie verwahrte, 
die mit dieser Ehrung von Seiten Frankreichs zu- 
sammenhängen und von besonderem Interesse für die 
ganze Art der Ehrung sind. 



110 

SBä^renb be$ iSffenS erjagte er un3, baf$ t^n ber 
SBtener SRagifirat jum ^Bürger bon SBicn ernannt, 



a) Monsieur 

Monsieur le ChevlPJ de Beethoven 

a Vienne. 
Siegelabdruck 
das königliche Wappen mit den 3 Lilien 
herum: Legation de France ä Vienne. 
Copie. Paris le 10 avril 1823. 

Monsieur le Marquis, Je m'empresse de Vous 
informer que M r . le Premier gentilhomme de la 
Chambre du Roi, apres avoir pris les ordres de ta 
Majestä sur l'hommage que desire lui faire M r . de 
Beethoven, d'un exemplaire de sa nouvelle messe en 
musique, vient de me faire connaitre que le Roi 
agreerait avec plaisir Pouvrage d'un compositeur 
aussi distinquö. Je prie Votre Excellence de vouloir 
bien en instruire M*. de Beethoven et de Tinviter 
ä adresser directement l'exemplaire qu'il 
destine ä Sa Majestö ä M*. le Duc de Bla- 
cas qui se Charge de le präsenter au Roi. Quant 
a la souscription sollicitee, je ne puis provoquer de 
döcision ä cet egard qu'autant que je connaitrai 
le prix de l'ouvrage. Je vous serai Obligo, 
Monsieur le Marquis, d'avoir la bontä de me donner 
ä cet egard les renseignements que vous pouvez avoir. 
Recevez, Monsieur le Marquis, l'assurance de ma 
haute consideration. 

Le Miuistre Secre"taire d'Etat 
de la Maison du Roi 
signä M r de Lauriston. 
S. £. M r le M*s de Caraman, Ambassadeur de 
France pr6s la Cour d'Autriche. 



111 

man üjtn babei bemerö Ijabe, bafe er lein ttnrfUd)er, 
fonbent ein ©fjrenbürger getnorben fei, worauf er 

~b) 

Vienne le 21 avril 1823 
Monsieur. Je m'empresse de vous communiquer 
la lettre que M* l'ambassadeur vient de recevoir de 
£ S. le Ministre de la Maison du Roi au sujet de 
l'hommage que vous desiriez faire ä Sa Majeste d'un 
exemplaire de votre nouvelle messe en musique. Je 
vous prre, Monsieur, de vouloir bien me mettre ä 
meme de donner ä Mr. l'ambassadeur les reuseigne- 
ments que lui demande le Ministre ä la fin de sa 
lettre, afin ^qu'il puisse les lui transmettre. 
J'ai Phonneur d'etre, Monsieur, 

Votre tres humble et tres 
obeissant serviteur 

Schwebel 
Beeret d'Ambassade. 
Monsieur de Beethoven. 
c) 

Le chargg d'affaires de France s'empresse de 
remettre ä Monsieur de Beethoven la grande m&Iaille 69 ) 
d'or que le Roi, son auguste maitre, a daigne lui 
aecorder. U s'estime heureux d'avoir ä transmettre 
ä Monsieur de Beethoven cette marque de la bien- 
veillänce de Sa Majeste. II le prie de vouloir bien 
lui en aecuser reeeption et de recevoir a cette occa- 
sion les assurances de sa parfaite consideration. 
Vienne le 4 avril 1824. 

Schwebel. 
Monsieur de 
Beethoven." 
69 ) Diese Medaille erhielt Beethoven für das dem 
Pariser Hofe zugesandte Exemplar seiner großen Missa 



112 

entgegnet ijatte: „$$ Ijabe nid)t gettmfjt, bafe e§ aud) 
©djanbbürger in SBten gibt/ 60 ) 

solemnis in D (op. 123). Der erste Kämmerer des 
Königs von Frankreich, Herzog <T Achäle, meldete nach 
Schindlers Mitteilungen (II, 20) in den schmeichelhaftesten 
Ausdrücken, daß seine Majestät dem Künstler eine 
Goldene Medaille mit ihrem Brustbild als Subscriptions- 
preis für die Missa zu machen geruht habe. Dieses 
Ehrengeschenk hatte ein Gewicht von 21 Louisd'or und 
trug auf der Avers-Seite die Inschrift: „Donna par le 
Roi ä Monsieur Beethoven". Es war dies eine Aus- 
zeichnung, wie dem Meister in seinem ganzen Leben 
keine bedeutungsvollere zu teil geworden. Es läßt 
sich erraten, daß sie nicht verfehlen konnte, in dem 
Künstler das Bewußtsein seiner Größe zu erwecken und 
ihn hoch emporzurichten. In Schindlers Beethoven- 
Nachlaß (Mappe I, Nr. 4) wird das Königliche Schreiben 
aufbewahrt. Es lautet also. 

„Chambre du Roi. 
Je m'empresse de vous prevenir, Monsieur, que 
le Roi a accueilte avec bontä rhommagö de la Par- 
tition de Votre Messe en Musique et m'a Charge" de 
vous faire parvenir une mödaille d'or a son effigie. Je 
me felicite d'avoir a vous transmettre le temoignage de 
la satisf action de Sa Majestö et je saisis cette occasion de 
vous oflrir Passurance de ma consideration distingnee 
Le Premier Gentilhomme 
de la Chambre du Roi 
Ferdinand [?] d'Achäle." 
Aux Tuileries 
le 20 fevrier 1824. 

M. Beethoven. A. d. H. 

*°) In Wahrheit wurde Beethoven nicht zum 
Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt, sondern erhielt 




©räftn ©uicciarbi 



113 

Sftadjtnittagä gingen mir inSgefammt nadj ©djön* 
brunn ju gu&e. -Keine -Kutter Ijatte einen 93e* 
fudj in SReibling (angrftnjenb an ©djön6runn) ju 
madjen. 3$ begleitete fie. SRein SJater, SBeetljotoen 
nnb mein Seljrer ermarteten unS im parterre beS 
©djönbrunner ©artenS auf einer ber 93änfe. SIS 
mir hierauf im ©arten fpajieren gingen, fagte 33eet* 
Ijoben, auf bie nadj franjöfifdjem ©efdjmadfe manb* 
artig gefänittenen äHeen meifenb: „Sauter ®unft, 
jugejrufct mie bie alten Sfteifrödfe. ERir gefdjieljt nur 



nur den Bürgerrechte-Brief. Bei meiner Anwesenheit 
in Wien im Sommer 1906 habe ich in der Stadtbibliothek 
das Dokument gesehen und nach erhaltener Erlaubnis 
abgeschrieben. Der Bürgerbrief lautet also: „Von 
dem Magistrat der E. E. Haupt- und Resi- 
denzstadt Wien wird dem Herrn Ludwig 
vanBeethoven unter Einschreiben der Bürgerspitals- 
Wirtschafts-Eommission in Berücksichtigung daß Der- 
selbe in wenigen Jahren die Auf führung seiner musi- 
kalischen Instrumental-Komposition zum Besten der in 
dem Hospital zu St. Marx befindlichen Bürger, Bürger- 
innen und Kinder nicht nur unentgeltlich überlassen, 
sondern auch mit anspruchsloser Bereitwilligkeit hier- 
bey die Leitung persönlich übernommen, und durch 
diese menschenfreundliche Bemühung den Btirgerspital- 
und Armenfonds eine so reichliche Einnahme verschafft 
hat, daß hierdurch den armen von Alter und Gebrech- 
lichkeit gebengten Bürgern, Bürgerinnen und Bürgers- 
kindern Erquickung und Linderung ihrer Schicksale 
verschafft werden konnte, das Bürgerrecht dieser 
Haupt- und Residenzstadt als ein Beweis der Aner- 

8 



114 

bann moljl, menn id) in ber freien Statur bin." — 
©3 ging ein !gnfanteries©olbat an un § trüber. 
Oleidj mar er mit ber f arlaftif djen SBemerfung fertig : 
„©in ©Habe, ber um tägttdje fünf Sreujer feine 
greiljeit öerfauft Ijat." 

9113 mir nadj #aufe gingen, fdjoben mehrere Sungen 
in ber SRitte ber rechtzeitigen SUIee bor ber ©djön* 
brunner SBrüdfe Segel mit einer Keinen Sugel, unb 
biefe traf SBeetljotoen jufdttig an ben guft. Sßäijnenb, 
e3 fei bie$ au8 mutfjmiHiger Slbfic^t gefdjeljen, iljn 
ju. nedfen, manbte er fid) unmittelbar Ijeftig gegen 
fie, auSrufenb: „28er Ijat ©udj erlaubt Ijier ju 
fpielen? SDlüfjt %fyx gerabe t)ier ©uer ttnmefen 
treiben?! — ", unb moKte auf fie loSftürjen, fie 
megjutreiben. SWein SJater, bie SRoljeit ber ©äffen* 



kennung seiner Verdienste und der Wertschätzung dieser 
guten Gesinnungen taxfrey verliehen. 
Wien, den 16*«* November 1815. 

Stephan edler v. Wohlleben 
K. E. wirkl. Regierungsrat 
und Bürgermeister. 
Joh. Karl Gruhner 
Magystratsrath. 
Joh. (Schoßstatt [?]), Sekretair. 
An Herrn Ludwig van Beethoven." 
Den Namen des Sekretärs konnte ich nicht gut lesen. 
Das Wort „taxfrey" belehrt uns allerdings, daß dieser 
Bürgerbrief doch eine Art Ehrenbtirgerbrief war. 

A. d. H. 



115 

jungen fürdjjtenb, beruhigte iljn aber balb lieber, 
unb überbiefj Ijatte iljm ba§ ©treifen ber Äuget nur 
flüchtigen ©d^mer^ berurfadjjt. 

(£§ toar fdjon bunfel, al§ mir beim SRücfroege 
über bie „©djjmelj" ben SBeg berfeljlten unb ge* 
jroungen waren, quer über bte geäderten gelber ju 
gefjen. Sketljoben brummte SDlelobien bor fid^ fjer, 
inbem er bon einer Schotte jur anbern jiemlid^ un* 
beljülflidj wanfte unb bei feiner fturjfic^tigfeit jeü* 
weilig ©eleitung gerne annahm, angelangt am 
Stotljen §aufe, berabfdfjiebeten wir un3. 3Kein Sefjrer 
aber ging nodj) mit iljm nadj) feiner SBoljnung unb 
warb bon iljm eingelaben, bei iljm Suppe unb ®ier* 
fpeife ju nachtmahlen, hierbei fpradj) er wieber, tüte 
fdjon ben Sag über, biel über feinen Steffen Karl, 
ber eben wenige Sage borfjer ben berljängnifjbotten 
©treid) begangen Ijatte, fidfj erfdfjiefjen ju motten, — 
unb bemerfte babei unter anberem: „SWein (£arl 
war in einem Snftitute, bie (£rjieljung$inftitute liefern 
nur SreibljauSpffanjen." — 

Sttö einmal — e3 mag bieg woljl gegen ^Beginn 
ber grüJjlingSjeit 1826 gewefen fein — 93eetf)oben 
unb mein SJater, Wie fo Ijäufig wieber über SDlufif 
fpradjen, frug er lefcteren, ob er audjj bie ©oncerte 
befuge, worauf mein SSater erwiberte: bafc er baju 
eben feine 3eit erübrigen fönne. „2lber ©erwarb? 
®eljt benn ber #ofenfopf? 3dj totebt iljm ©in« 
trittSIarten Ijierju fenben, idfj befomme foldje fdfjon, 
wenn idfj fte berlange. SBenn er audfj nodfj nidfjtö babon 

8* 



116 

fcerftetjt, fo lernt er babei bod) Ijören, unb ba§ Ijilft 
\fym. u 3 n t>cn nädjften lagen erhielt mein SJater 
für mid) 2lbonnement3bilIette für bie (bamate im 
SanbljauSfaale gegebenen) Concerts spirituels toon 
93eetljoben jugefanbt unb, babei liegenb, ein fleineS 
trieredfigeä partes 5ßapierfiücl (ft^nlic^ ein Oarberobe* 
jeidjen), auf meldjen lebiglidfj „SRr. 6" berjeidjnet 
toax f — SSater fcerftanb biefc nid)t, unb, e3 jmeifel* 
tjaft betrac^tenb, erachtete e§ als au3 3erfireutljeit 
jufällig mit in ben Umfdfjlag hinein geraden; fanb 
e8 baljer feiner Seadjtung mertlj. 2113 mir einige 
Sage fpäter in ber grofjen 9lHce be$ ©dfjönbrunner 
©artend mitfammen fpajieren gingen, erinnerte fid) 
mein SSater ber erhaltenen SSittette, unb, iljm bafür 
banfenb, frug er .aud), ob ba$ Str. 6 irgenb eine 
SBebeutung Ijatte. „3a, ba8 ift ja bog bittet für 
bie fedfjfte Duartettauffüfjrung ©djuppanjiglj'3, 
mit melier ber ©tjcluS fdfyliefjt. Unb gerabe iefct 
ift bie Sluffüljrung. ®a§ ift bodj fdfjabe, fo etma$ 
ju toerfäumen! SBie lonnteft ®u ba8 nic^t berfteljen? 
S)a3 ift bod) fetbftoerftänbtid), ober Ijätteft mid) bod) 
barüber fragen foHen" u. f. f. Surj, er fprad) 
länger nod) Ijin unb Ijer barüber unb fdjien ärger* 
tid) unb faft mifjtrauif dj ; ob mir bie SSerfäumnife 
etma abfidfjtlidj um biefeö ©pajiergangeS mitten be* 
gangen Ratten, ©rft auf meine unb meines SJaierS 
ttrieberljolte SSerfid^erung, bafj er unb idj) e3 feljr be* 
bauern, beruhigte er fidf) unb empfahl mir, bie folgen* 
ben ßoncerte redjt fleißig ju befugen. — 3$ tnadfjte 



117 

beim audj reblidf) ©ebraudfj babon; benn fortan er- 
hielt idj Don iljm bie ©intrtttöfarten ju bicfcn SWufif* 
auffüljrungen bi§ ju feinem SebenSenbe, unb ban!e 
biefem Umftcmbe in ber Ifjat nidfjt allein meine 
beften erften, fonbern audj bleibenben ©inbrüdfe für 
eble SRuftf; aufjerbem audj nodf), bafc idfj bie beiben 
Kjerntj, Sinfe, ©djuppanjiglj, $otj, Su| 
uub ben allem nod) lebenben (£. 3W. b. 99 od! et in 
ifjren beften Reiten Ijörte, bann bafc idfj unter bm Su* 
fjöreren Schubert, SEBeigl, Gabler u. a. mufi^ 
lalifdfje SBerüljmtljeiten fennen lernte, ©efjr lebhaft 
u. 9t. erinnere idj midj, ttrie bie beiben Sefcteren unb 
felbft ©djinbter bamafö im Sanbljau&faale bei 9tuf* 
füljrung be§ ©IjorfafceS ber neunten ©tjmpljome gar 
bebenflidfj bie Söpfe wiegten unb meinten, ba§ fid) 
tjier „93eetljoben bodf) ju weit berftiegen" Ijätte.*) SSon 
9lbbe Stabler unb mannen Sftufiffreunben nidfjt 
ju reben, bie felbft nodf) btö in ben 40er ^cfyxer*, 
nodf) unter -Wicolai'S unübertroffenen Seifiungen, 
nadj SKojart, §atjbn u. 91. bei ^Beginn bon 
SBeetljoben'3 Sonbicfytungen ben ©aal bedienen. 
— SBie fdfynrierig e8 SDlujtfem, bie einmal ifjre 93afjn 

*) SBie öielleid&t SRan^em befannt, ftiefj no$ im 
3a$re 1846 in Bresben SRidjarb SBagner auf berartig 
öorgefafjte ©egenanfid&ten anbetraft« ber Aufführung ber 
neunten @tympl)ome, bafj er bafür manche Sanje bredjen 
mußte unb jur Anbahnung einigen 23erftftnbnijje3 berfelben 
ftd) gebrängt \af), ein erlftuternbe* „Programm" öorau$- 
juf Riefen. (@. 9tt$arb 2B agner '3 gefammelte ©Triften. 
8b. IL) 



118 

feftgeljalten, fein mag, jum fcottftänbigen 33ewufetfeht 
fo riefiger, neuer ©djöpfungen fidf) {jinanjufcfywingen, 
lehrte midfj eine Steuerung Sdjinbler'S nodj im 
3>aljre 1863, ber bodf) fo toielfadfje ©elegenljeit Ijatte, 
grünblid) in SBeetljo&en'ä SBerfe einjugeljen. 3$ frug 
ifjn, wa3 er jur D~2Reffe fage? SBorauf er er* 
roiberte: „©in Sßradjtwerf, ba§ Oenialfte, ba§ je ge* 
f ^rieben worben; u. f. W., nur fd)abe, bafc SBeet* 
fjotoen bie Srompetenftefle bei ©intritt be& Agnus Dei 
nidfjt geftrictyen, benn biefe paftt nic^t Ijinein unb 
wirft ftörenb." Unb atö tdfj iljn in feine SKeinung 
fdfyeinbar eingeljenb, frug, ob er benn mit SBeetljoben 
über beren SBeglaffung nidfjt gefprod^en, antwortete 
er ttrieber: „Sßun, @ie wiffen ja, bafc er fid^ in 
feinen ©ompofitionen niemals (jat etwaS fagen laffen, 
ja, ba% er fogar atte ©infidfjt in biefetben, beöor ein 
SBerf nid^t ganj fertig war, {ebermann unb audf) 
mir Ijartnäcfig Verweigerte u . — Unb gerabc biefe 
fonberbare ©teile, wie grofc unb ergaben iftbiefelbe! 
28ie nun Seetfjoben für meinen SOJufifge* 
fd)tnacf ju forgen begann, ebenfo Ijatte er e8 fidf) toon 
allem anfange an um feinen Steffen ©arl ange* 
legen fein , laffen. ©erfelbe foH audj wirflidf), wie 
©d^inbler mir fagte*), feinet SRufifberftänbnifc 
befeffen fjaben unb SBeetljoöen i(jm felbft neu er* 
fonnene Sljema'ä gelegentlidj jur ^Beurteilung unb 
SBaljl für ein projeftirteS Sonmerf fcorgefungen ober 

*) ©ielje aud) ©djtnbler'S „SBiograpljie Don 93eet- 
$oöen\ 3. 5lup: IL <S. 7. 



119 

toorgefpiett fjaben. — 3)efto meniger ging e8 aber 
fortan mit bcffcn ©tubien, bon bcncn iljn nid)t ju 
bcpcgenbc SSorücbc für SaffeeljauSleben unb ©d)ulben* 
machen attjugemattig abhielten. S)ie einbringlidjften 
©rmaljttungen unb rüljrenbften ^Briefe Don (Seite 
be§ liebenben Dnfefö blieben erfolglos, um fo metjr 
afö alle Sftoljungen fd)lief$lid) bod) mieber burc§ bie 
33erfid)erungen jürtlic^fter Siebe anuttirt mürben, unb 
bie bobenloS lieberlidje, gemein füljtenbe unb fo {jan^ 
betnbe SKutter ©art'§ unauSgefefct fd)äblid) aU 
jieljenben ©inftufj auf biefen übte. — 

@§ !am bie Seit ber Prüfungen in ber £ed)nif, 
unb ©Bulben maren neuerbingS ju berichtigen. ®ie 
3eit brftngte unb Karl, ber meber in feinem SBijfen 
nodj in feiner Safere fid) borbereitet mufete, mefjr 
unb meljr feines OljeimS SSortuürfe fürdjtenb, bie 
i^n „fd)on längft ermübet Ratten unb bie er abge* 
fdjmadt fanb", fafete ben ©ntfdjtufe, biefe Seben ju 
änbern, nid)t aber ju feines Otjeintö erfe^nter greube 
ju befferem SBanbel, fonbern fid) ju tobten. @r 
faufte jmei *ßiftolen, fuljr nad) 99aben, beftieg -ben 
Sljurm ber Sftuine Staunen ft ein unb, auf beffen 
§ölje beibe 5ßiftolen an beibe ©djtäfen anlegenb unb 
to3brürfenb, bertefcte er fid) — nur oberftödjHd) bie 
Knochenhaut, bodj fo, \>a% er nad) SBien in ba£ 9ltt* 
gemeine Sranlenljau£ ju überführen mar. 

©rfdjütternb traf 93eetfjot>en biefe ®unbe. 3)er 
©djmerj, ben er über biefe (Sreignife empfanb, mar 
unbefdjreiblid); er mar niebergef plagen mie ein SSater, 



120 

bcr feinen tnelgeüebten ©ofjn toerloren. @an$ ber* 
ftört begegnete Ujm meine SKutter auf bem ©lactö. 
„SBiffen ©ie, toa% mir gefdjeljen ift? SRein (£art 
fjat fidj erhoffen!" — „„Unb — ift er tobt?" 11 
„9?ein, er Ijat fidf) nnr geftreift, er lebt nodj, e§ ift 
Hoffnung borljanben, iljn retten ju f önnen ; — aber 
bie ©djanbe, bie er mir angetan ; id) Ijabe iljn bodj 

fo feljr geliebt !" — 

$)er erft 16. (September 1879 berftorbene ©fjirurg 
Sgnaj ©eng erjagte mir fotgenbe ^Begegnung mit 
93eet(joben: „%<§ war ©ecunbariuS im SBiener 
Stttgemeinen Sranfenljaufe auf ber djirurgifdjen 91b* 
teilung be8 $rimariu$ ©aftner, moju aud) ein 
Sljcü be§ fogenannten 3)rei=©uIbens3ö^Ifto(feg ge* 
tjörte, unb tooljnte linfö im großen £>ofe gegenüber 
bem Sftittetljaufe, worin fidf) bie ©ireftion ju ebener 
©rbe befanb. gm ©p&tfommer 1826 fam eine§ 
£age§, afö id) eben 3foft>ection Ijatte, ein äRann in 
grauem Sftade ju mir, ben iä) im erften 9Iugenbticfe 
für einen fd)tidjten S5ürger fjielt. Sr fragte troden : 
,,„©inb Sie §err ©ecunbarütö ©eng? 9JJan fyat 
mic^ in ber 9lufnal)m$fanälei an ©ie gettriefen? 
Siegt bei gijnen mein Sßeffe, ber liebertidje ÜRenfd), 
ber ßump, k.? uu 9ta<§ (Srfunbigung um ben -Kamen 
be& ©efudjten, bejahte \d) bie grage unb ertoiberte, 
baft er in einem 3immer beä 2)rei=®utben=3aljlftocIe$ 
liege, an einer ©djufjnmnbe berbunben fei, unb ob 
er itjn fetjen motte? roorauf er fagte: „„3$ bin 
93eet{joben"". Unb toäljrenb id) iljn nun ju 



121 

3fenem führte, fprad) er toeiter: „„%<$ foottte ifjn 
eigentlich nidjt befugen; benn er berbient e8 nidjt, 

er §at mir ju biet SBerbrufc gemalt, aber "" 

unb ba fuljr er fort, über bie Sataftroplje ju fprecfyen 
unb über be$ Steffen 2eben8roanbel unb, Wie er itjn 
attjufeljr bertoöljnt Ijabe, u. f. to. 3$ aber tt)ar 
ganj erftaunt; unter biefem Steueren ben grofcen 
Seetljoben bor mir ju Ijaben, iljm berfpredjenb, auf § 
befte für feinen Steffen forgen ju tootten." 

Stuf ber einen ©eite toar ber ©rfjuft ganj fe'fjk 
gegangen, bie Streifmunbe an ber anberen ©djlafe 
ljutterliefj nadj iljrer Teilung nur eine geringfügige 
ÜRarbe, bie ©arl barnad) burdj SSorfämmen ber 
§aare gut bergen fonnte. 

3)er meit tiefer feelifd) berttmnbete Dfjeim berictf) 
fofort mit meinem SSater, tt>a$ mit bem unglücffetigen 
Steffen nunmehr am beften anjufangen toäre. $)ie 
beiben greunbe famen nad) bielfadjer tteberlegung 
überein, benfelben ju fragen, ob er in ÜRilitairbienfte 
treten tootte. Stacfjbem er bamit einberftanben fidj 
erftdrte, beforgte mein SSater ofjne ©äumen bie baju 
noüjtoenbigen Vorbereitungen. Sßeetljoben übernahm 
e§, für alle erforberlitfjen Soften, für boHftänbtge 
©quipierung k. be$ a!8 Ex-propriis-Sabeten ju 
offentirenben forgen ju tootten, , r er möge nur in 
feinem neuen Staube ein braudjbarer Sftenfd) roerben." 
SKeinem SSater, als $ofratlje am §offrieg§ratf)e, 
ernneS ber gelbmarfdjatttieutenant Saron ©tutter* 
Ijeim gerne bie ©efftffigfeit, bie Slngetegenljeit ju 



122 

förbem unb (£arl in bog ^Regiment, beffen Ignljaber 
er mar, afö E£-propriiß auf juneljmen ; and) jagte 
er iljm ju, ba% falls Jener gute ©onbuite geigen 
mürbe, er feinerjeit meinem SSater eine DfficierSftelle 
frei galten wolle. 61 ) 

93eetljot>en lebte fid) aügemadf) in biefe 9tuS* 
fidfjt hinein, nod) immer auf ©arl'S SBefferung 
Ijoffenb, wie feljr eS iljm audj leib tljat, feine früher 
angebahnten *ßläne mit bem geliebten Steffen aufgeben 
ju muffen. 2)od) eS fottte bei ben bereits erlittenen 
Sümmerniffen nidjjt allein bleiben, menngleid) fie 
Seetfjonen'S ebleS Oemütlj oljnefjin fdjon überm&fjtg 
gequält Ratten. @S mengte fid) überbiefc nod) bie 
*ßotijei in bie Angelegenheit, ©ie flügelte IjerauS, 
baf$ — unjureidjenber Religionsunterricht bie Duelle 
jeneS Unheiles gemefen fein muffe. Karl foHte 
fofort bon ^otijeimegen religiöfer belehrt werben, ba 
eS fein väterlicher Dbforger w fo wenig nerftanben, 
ifjm fjintänglid) moratifcfje Orunbf&fce beibringen." 
SJeetljoben'S Briefe an ©arl, bie non Sftoral* 
prebigten gerabeju überfdjjäumten, Ratten folcfye «ß» 5 
mutfjung fürwahr faum möglich eradjten laffen! 

61 ) Feldmarschall von Stutterheim wählte den 
Hauptmann von Montlnisant zum Führer des neuen 
Kadetten. Aus Dankbarkeit dedicierte Beethoven diesem 
General sein Quartett in cis-moll (op. 131). Doch rührt 
dieser Entschluß des Tonmeisters erst vom 10. März 
1827 in einem Schreiben an B. Schotts Söhne in Mainz 
her, nachdem die Handlung das Manuskript bereits im 
Oktober 1826 empfangen hatte. A. d. H. 



123 

@r, ber einft gelegenttidj einer beljörblidjen anfrage 
nadj ben ©emeifen feines Stbefö furjweg auf Kopf 
unb £erj afö bem ©ifce feines Slbetö gewiefen, war 
ü6er jene 3umutung ber Sßolijei wie in golge all 
be£ Vorangegangenen fo feljr ergriffen unb im 
3fnnerften berieft, bafc feine (Sefunbljeit ju wanfen 
begann. — 

2Rein SSater unb Sdjinbler rieben SSeet* 
fjoben einen jerftreuenben 2lu3fiug an, unb SSruber 
Sodann lub üjn — leiber $u fid) auf feinen bei 
SremS gelegenen SSefifc in ©neijenborf ein. — 
ßubwig, wie immer geneigt, feinem ©ruber ju 
trauen, liefe ftd) atSbatb berleiten, ber ©inlabung golge 
ju leiften. Saum aber war er bort angefommen, 
als fcfyon nad) wenig Jagen ©riefe an meinen SSater 
gelangten, bie wieber einmal bejeugten, wie neuer* 
bingS ber leichtgläubige ßubwig in feinet fd^nöben, 
gewinnf listigen, geijtgen, Ijerj* unb gemütfjlofen 
©rubere gatte gegangen, — unb meinen SSater für 
Subwig'8 (Sefunbljeit SSebenflidjeS fürchten liefen. 
Stuf 3oljann'£ 93efi|ung angelangt, wo ber 2trg* 
HRitgenommene, ben SSerfpredjungen gemäfc, Ijoffte, 
einige Qtxt forgloä feiner ©r^olung leben ju fönnen, 
Ijatte ber SSruber iljm bort ein fd)led)te3, jum S3e* 
wohnen in ber nafefalten SRoöemberjeit nur wenig 
geeignetes ®emad) angewiefen, mit §eijung gefargt, 
aud) felbe ganj verweigert, elenbeS unjutänglidjeS 
(Sffen gegeben, nadj brei Sagen 3lufentt)atte$ iljm 
angefünbigt, bafe er üjm für feinen 2tufentljalt Soft* 



124 

unb SßoljnungSgetb ju jaulen Ijabe*), — worüber 
ßubmig in einem ©riefe au$ ©neijenborf an 
meinen SSater fidj ferner beflagt, unb er Ijatte bodj 
eine brüberlidje liebebotte SBeljanbtung erwartet! Staju 
gefeilte fidj nodj bie anmibernbe ©emeinfdjaft mit 
Soljann'S grau unb Sttfjtodjter. 62 ) Unb bennodf), 
unter berartigen (Seift unb Sörper untergrabenbeu 
Ijäu&idjen unb gefeHf^aftlic^en SJerljältniffen, brad) 
feineäroegS fein ®eift jufammen. -Wodf) eine (£om* 
pofition, freilidf) feine lefcte, fein ©djmanenlieb, warb 
bort in ©neijenborf gebietet: eine ©djöpfung, bie 
frifd) unb pljantaftereidj toon Weiterer Segeifterung 
ftrofct. ©8 ift biefe ba$ ginale jum Duartet Opu§ 
130, in B-dur**) (ftatt beS befanntlid) urfprungtidjen 



*) 3ft ben KonöerfationS^eften aus ©neijenborf öom 
fcerbft 1826 (bermalen in ber f. ©ibliotfjef in ©erlin) ift, 
öon Qo^ann gef djrieben, ju Iefen: „SBenn $u ttrillß bei 
und leben, fo fannft $u tttteS monatlich für 40 ©utben 
(S. m., ba« madjt ba$ ganje 3al)r 500 ©ulben <E. 3)1." 

62 ) Über diese zweite Schwägerin Beethovens ent- 
wirft A. Schindler ein drastisches Bild, — als Anmer- 
kung zu einem Zettel Beethovens an Schindler aus dem 
Jahre 1819 oder 1820. Der Zettel nebst Schindlers 
Aufklärungen wird in des Herausgebers Werke „Beet- 
hovens sämtliche Briefe" Kritische Ausgabe nebst Er- 
läuterungen, im IV. Bande gedruckt werden. — Sie 
war der andern Schwägerin, ,.der Königin der Nacht", 
würdig. 

A. d. H. 

**) Sluf benfelben Notenblättern, auf toeldje biefer öierte 
Duartettfafc in ©neijenborf uon ©eetljooen geförieben 



125 

inerten ©afce§: ber afö OpuS 133 bei Srtaria 
feperat erfctyienenen ©tret^guge) — ©d)inbler, 
3. Stuft., n, ©. 115 unb Z$at)tx'$ SfjronologifdjeS 
SSerjei^nig ber SBerle »ettljoben'S, »erlitt 1865, 
©. 165 — uttb 95ctocifc§ genug, bafcSJeetliotoen 



toorben »ar, fanben ftd) (f. föotteboljm'S „©eet* 
f) o o e n i a n a" @. 81) nodj mit ©leipift getriebene (£nt»firf e 
äu einem Ouintettfafce E-dur mit Angabe beS SKottoeS. 68 ) 
Äuc^ fpridjt Sßotteboljm Don toeiterS auf benfelben 
Notenblättern oorgefunbenen flirten ftufecidjnungen au 
einer öier^ftnbigen Älaoierfonate. — 34 toeig mid) genau 
SU erinnern, bafj $ia bellt, ber biefe (Sompofition be- 
fteHt ijatte, bei feinem ©efudje im Serlaufe ber Ärantyeit 
SBeetjjooen torieberljolt in meiner ©egentoart einbringlidj 
angegangen: biefe oierljönbige Älaoierfonate bodj nodj ju 
ooüenben, loa« biefer jebodj allemal runbmeg abfdjlug. 
SebeSmal, fobalb $iabelli fortgegangen toar, äufjerte 
©eetfjooen gegen midj: „$iabelli toifl burc&auS, baf$ idj 
an biefer ©onate arbeite, er glaubt midj batu brängen au 
fönnen; fo lange idj aber Iranf bin, arbeite idj nidjts." 

•*) Nottebohm handelt davon in seinen „Beethove- 
niana (1872) im Artikel XXI : „Beethovens letzte Com- 
positum". Dort heißt es (S. 80) „Seite 28 der Leipziger 
Allgemeinen Musikalischen Zeitung vom Jahre 1828 
wird u. a. über den Ankauf berichtet : „der Compagnon 
des Herrn Diabelli kaufte Beethovens letzte Arbeit, 
ein im November 1826 angefangenes Quintett, von 
welchem jedoch leider kaum 20 bis 30 Takte im Ent- 
würfe zu Papier gebracht sind.*- — Dieser Quintettsatz 
ist aber nicht in E-, sondern in C-dur geschrieben. 
Nottebohm schreibt dort noch ausdrücklich (S. 81): 
„Es ist also der Quintettsatz in C-dur später geschrieben 
als der letzte Satz des Quartetts in B-dur." A. d. H. 



126 

im (komponieren nidjt bon feinen momentan focialen 
Umftänben beeinflußt, b. Ij. ber (£rfmbung§born unb 
Sljarafter feiner 2)id)tungen nidjt bon feiner ietpeiligen 
©emütljSftimmung abhängig war, nrie bieg gefd)dftige 
SluSleger in f elbftgefd)aff enen ©djlufjf olgerungen {jerauS* 
Hügeln wollen. — 9lud) gerb, filier f priest ftd) 
in biefem Sinne au$: „3um 17. ©ecember 1870", 
Äölnifdje 3eitung, ittbem er fagt: „ — — 2Ran 
fudjt heutigen £age$ ein befonbereS Sntereffe barin, 
bie ©injelljeiten ber SebenSumft&nbe groger SR&nner 
anf ba8 (Senauefte ju erforfcfyen. ®§ ift bagegen 
nid)t£ einjutoenben, fo lange man nidjt iljre geiftigen 
SBerfe unb Saaten in einen all ju engen «Bufammen* 
Ijang ju bringen berfuetyt mit iljren ßeben§öerl)Slts 
niffen, toa£ ju ben getoalttljätigften Irrtümern füljrt, 
— ober fo lange man nid)t in toerfeljrten @ntl)u* 
fia$mu§ bie 95ebeutenbl)eit iljrer ?ßrobuctionen in bem 
©eringfügigften nrieberfmben miß, toaS man Don 
iljrem SBefen unb SBanbel erfährt — ." 

Sefto nachteiligeren ©influfc aber Ratten bie 
leibigen 3uftänbe { n ©neijenborf auf feinen burdj 
bie erlittenen Srdnfungen bereite arg Ijerabgeftimmten 
unb für fd)&blid)e äußere ©inflüffe fomit befto emp* 
f&nglidjeren Körper. 

Seetljoben, ber untoürbigen aufnähme unb 
Seljanblung in ©neijenborf enblid) mübe unb fidj 
unrooljl ful)lenb, begehrte nadj SBien jurücfjufeljren. 
Sodann bertoeigerte iljm feinen guten, gefdjloffenen 
SBagen unb gab ifjm, um biefen ju fronen, einen 



127 

fd)letf)ten offenen, ungeachtet be$ naftf alten ©ecember* 
tageS. ©in Baucljfellentjünbung mar bie 
golge biefer burdf) feinen Bruber oeranftalteten eleu* 
ben §eimreife. SBenn ©emütlj unb Körper burdj 
Srdnfung ober fcljledfjte Pflege fjerabgeftimmt finb, 
ttrirft ein öon Stuften Ijinju tretenber fctydblictyer (Sin* 
fluft um fo leichter gefd^rlic^ ein. — Saft bie Sranf* 
Ijeit, bon welcher Beetljotoen befallen roorben, eine 
Bauchfell* unb nidjt ßungenentjünbung, nrie in ben 
Biographien irrtljümlidfj ju lefen*), geroefen, Idftt ftdj 
ärjtlidj betoeifen unb jtoar au£ folgenben ©rünben: 
©inmal toeil nur eine Baudfjfett*, nictyt aber eine 
ßungenentjünbung eine. BaucJjmaff erfuctyt f Raffen fann 
unb bann, weil er, mag aud) im Beginne ber @r* 
Iranfung immerhin gleichzeitig eine fatarrfyatifdfje 
Steijung ber 2ltljmung$organe beftanben Ijaben, toüljs 
renb be3 Verlaufes feiner Sranfljeit nidfjt ljuftete, bie 
fräftigfte ©timme, nie 2ltljmung$befdfjtt>erben Ijatte, 
aufter in fö meit fpäter bie übergroften Sßafferan* 
famlungen im Unterleibe bedngftigenb nadf) auftodrtS 
brücften, unb enblitf) toeil bie ßungen fctylieftlidf) 



*) ©d&utbler, »iograp&ie, 3. SlufL IL p. 134, fagt 
uttb öott ifyn fyabtn es bie fpäteren Biographen entnommen — : 
„Stte Äranfyeit, an toeldjer $eetf)ot>en bamieber lag, ioar 
anfänglich eine axß ber (Sri ftltung beS Unterleibes fi$ ent- 
nudelte ßungenentjünbung, unb fügt Ijhtju: „$iefe tourbe 
aber tum Dr. SBatorudj t>id ju fpftt erfannt unb, als bie 
richtige (grfemttnift ba mar, toar bereits btö ©tabium ber 
33aud&roaf[erfttdjt eingetreten. 



128 

toäfjrenb feineS faft breitdgigen £obe8fampfe3 fiel) fo 
toollfommen gefunb unb überaus fräftig erliefen, 
bafc toon einer borljergegangenen Sungenerfranhmg 
feine SRcbe fein lonnte. — 

Surj 93eetl)oben fant franf nadfj SBien. — 
3n golge feiner Unbeljolfenfjeit in practifäen fingen 
gefdf)alj e$, bafc mein SSoter nietyt unmittelbar na<f> 
fetner Slnlunft toon feiner erfolgten SRüdEfeljr benadj* 
rietytigt roorben toar; obgleich ein früherer 93rief 
Submig'S an meinem SSater biefen bereits in fernere 
SBeforgnifc um beffen ©efunbljeit toerfefct ijatte. Sei 
©mpfang beffelben Ijatte er fidj ge&ufcert: „3$ fürchte, 
SBeetljoben fteljt in ©efaljr feljr franf, toenn nidjt 
gar toafferfüdfjtig ju werben." 2)er Snljalt be£ 
SBriefeS, ben id() in ben Ijinterlaffenen papieren 
meinet SSaterS nid^t nriebergefunben Ijabe, muftte ge* 
rabeju auf Symptome foletyer ©rfranfung fd^on Don 
fcorne herein ^ingebeutet fyabtn, unb mein 33ater, 
felbft fein Strjt, ipenngleid^ häufiger in ärjtlictyer @e* 
fettfdfjaft, Ijatte ba£ Uebrf ridjtig erfannt. $er SReffe 
Ijatte fidf) injttrifdjen ttrieber in feiner gewohnten rüdE* 
fidf)t§Iofen SBeife benommen, inbem er feinet D5 c ^ m ^ 
Stuftrag: iljm einen Slrjt beforgen ju foHen, nid^t 
allein für'3 ©rfte toergeffen, fonbern erft nadfj ein 
$aar Sagen, ganj gelegentlich, jufättig m&ljrenb be$ 
93tttarbfpielen§ fid) baran erinnernb, ganj oberflöd^^ 
lidf) ben Sftarqueur beS ÄaffeeljaufeS beauftragte: 
irgenb einen Slrjt ju feinem üljeime ju fenben. Stuf 
foldje SBeife fam benn enblicij Dr. SBamrudf) ju 



129 

bem mtttlcrtDcile fernerer ©rfranften unb roarb bcffen 
orbinirenber 9trjt. 

tiefer SRann mar jtoar Sßrofeffor an ber mebi* 
cinifd)en Slinif für SBunbärgtc, unb Ijatte in Sefjanb* 
lung einer ©pecialität ju jener $eit ©rfaljrung unb 
9tuf , mar aud) afö guter ßateiner bef annt ; aber afö 
Slrgt Ijatte er fid) nid)t grofc benriefen. 3um 9ftinbes 
ften lönnen bie Strjneimittet, bie er in biefem gatte 
amnanbte, platterbing§ nidjt al§ foldje bejeidjnet wer* 
hm, toeldje gegen bie Sßefenljeit be§ SeibenS grünb* 
Udj tDirfen unb ^^tfcn Ratten lönnen .*) 

*) (Sin öon Dr. ftnbreaS SBatorudj aroar — un- 
mittelbar naty bem £obe be$ grofjen £omneifter3 — öer* 
fafcter „«erattidjer föücfbiicf auf ß. ö. ©eetijoöenS'S 
legte SebenSepodje" mürbe in bejfen 9todjlaffe öorgefunben, 
burd) SttoiS §fiud)g in ber 2Bi*ner 3eitfd)rift für ßunjt, 
Literatur urtb SWobe unter föebaction griebrid) SBit- 
tijauer'3 (9fr. 86, am 30. Styril 1842) öeröffentlidjt ; er 
(trogt aber öon Unridjtigleiten unb öon „öon (Sitelfeiten 
ober anberen SWotiöen bictirten Vorgaben", unb fanb aud) 
burdj ^nt. ©djinbler im granffurter (SonöerfationSblatt 
unter föebaction 3. ft. ©djufter'S (9h;. 193, am 4. 3uli 
1842) geregte unb roa^eitögetreue Berichtigungen unb 
Entgegnung, unter $imneifung auf feine SBtograpfjie : „buk, 
xoa$ auf ©eetyoöen'S ßranfenlager foecieü iBejug fjabenbt 
Gegebenheiten betrifft, faft alle är$tlidjen Sufammenlfinfte 
fonrie überhaupt afleg bort roäbrenb öier Monaten $or* 
gefallene, enttoeber in meiner (©djinbler'S) ober beS 
laif erliefen torirflidjen $ofratf)eg öon 95reuning ober 
bejfen ©o$ne8 ©egenroart (lefcterer nun bereite Doctor 
medicinae) ftattgefunben, inbem wir in biefem gleidjfam 
^eiligen $ienfte ftets abtoedjfelten," u. f. to. ferner 

9 



130 

Saum l)atte mein Sätet bic SRadjridjt Don SJcct* 
Ij o n e n ' § Stnhmft erholten, f o eilte er felbftoerft&nb* 

ou(^ nodj Ijintoeifenb, bofe beinahe bie meiften — bie legten 
ad)t SebenSjaljre ©eetyooen'S umfaffenben — »erlaub- 
fangen unb ©eforädje aus jener traurigen Sßeriobe in be3 
SJleifterS (£ont>erfation$bfidjern (bamalS bei ©djinbler, 
jefct in ber löniglidjen SBibliotyel in öerlin) aufbetoaljrt 
liegen, £U beren gewiffen^after Ausbeute ©djinbler einfielt* 
bm geeigneten Wann münfdje, inbem iljm als trielfad) 
baran $$eil tjabenben tfjre SBenfifcung nidjt too^l anflehen 
mürbe. 

Sludj Dr. g. ©. SSegeler beftätigt in feinem „Waty 
trog £U ben btograptyifdjen Sßotijen über ß. Dan SBeet- 
$ o ö e n" (<£oblen$ 1845 p. 13) w ) bie ©eridjtigung ©dnnbler'3 
über bie Serbäcfctigung Dr. SBauraudjS (ftatt richtig 
SBatorud)): „Dr. SRalfatti ijabe htm an SSBafferfudjt 
Seibenben $unfdj-(S!tS oerorbnet, »eil er als langjähriger 
fjreunb SBeetyoöen'S beffen t>orl)errfd)ettbe Neigung für 
geiftige ©etränfe $u mürbigen öerftanb", inbem er SBariM 
rndj'3 Angabe „als burc&auS unbegrünbet erllärt" — 
3$ !ann nur bezeugen, bafj SBanirudj'S 9Ritt$eilungen, 
ber toeber ein langjähriger, nodj greunb SBeettyooen'S über* 
^aupt getoefen, fo öoflfommen ans ber ßuft gegriffen, als 
5um 3»^(fe eigener öefdjönigung getrieben fidj barftellen. 65 ) 

w ) Neudruck S. 210. A. d. H. 

m ) Diese Ausführungen von Seiten des verstorbe- 
nen Verfassers sind von besonderer Wichtigkeit. Denn 
hier spricht ein Arzt gegen den Arzt Dr. Wawruch, 
der sich herausgenommen hat, in so übler, man möchte 
sagen verleumderischer Weise über des Tondichters 
Hang zu Spirituosen zu schreiben. Wawruchs falsches 
Wort: „sedebat et bibebat" hat nicht wenige irrege- 
leitet. Und so mag denn Gerh. v. Breunings Wort zur 
Reinigung und Klärung dienen. A. d. H. 



131 

üdf> ju iljm hinüber. ftdf) aföbalb mit il)m, unb, 
roenn er fortan, bon 8tmt§gefd()äften überbürbet, tag* 
lidj mcift nur StactymittagS gegen 4 U^r an feines 
greunbeä Sranfenlager fidf) öerffigen fonnte, fo »eilte 
icfj naety SSottenbung ober bor ^Beginn meiner Unter* 
ridjtöftonben nunmehr tftglidf) öon 12 big 2 unb Don 
3 ober 4 bfö 5 U^r an bemfelben. 

So fdjön bie Vorangegangene Seit unb fo unge* 
trübt afö unöergftnglicl) bie Erinnerung an biefelbe, 
fo begann für midj jefct jmar ein befto öfteres, weil 
täglicf) meljrftünbigeS Sufammenleben mit bem großen 
mir f o lieben Sftanne : aber eine Trauer jeit, bereit 
(jerbe ©inbrücfe fiel) meinem bamatö nodf) fo jugenb* 
liefen ©emütfje um fo unauSlöfcljlicfyer unb n>e!j* 
mütljig einprägten. 

S)er franfe SBeetijoben lag, roie in feinen ge= 
funben lagen, in bem jroeifenfterigen 3inimer (in 
jenem, bebor man in fein 8trbeit£jimmer gelangte). 
2)a£ Sett ftanb an ber ber (SingangStljüre gegenüber 
befinblictyen, ba$ große 3immer öon bem ©ompofttionS* 
cabinete trennenben SBanb, mit bem Äopfenbe an 
bie Wintere SRauer angerücft, fo bafc 93eet §ot)cn f 
mit bem ®efic§te nad(j ben jtoei genftern, mit ber 
linlen ©eite aber ber SRitte be$ SimmerS jugetoanbt, 
bie ganje ©tube überfal). 

Sieben bem Äopfenbe feinet 93ette§ linfö ftanb 
ein Settföftd^en unb weiter, gegen ben Öfen Ijin, ein 
langer £if tf) ; neben bem 93ette ein Heiner Sifdj unb 
junäd^ft biefem jtoei bis bret ©effel, für bie menigen 

9* 



132 

tljn befucfjenben greunbe. Stuf bem 33ettfäftd)en ftanb 
eine fdjmarj polirte ©fjatutte, morin er feine §anb= 
laffa üermaljrt Ijielt, unb bem Settf&ftdjen jur ©eite, 
am ©oben, ein jufammen geflappteS gelbeS flehtet 
©dfjreibpult. 65a ) 

Stuf bem Sifdjdjen neben bem Sette lag eine 
ehemalige £au£tIjürglodEe, bie SJeetfjoben woljl ein* 
mal gelegentlich eine§ 28ofmung3wedf)fetö mit fidf) ge* 
nommen Ijatte, unb nun, obgteidfj feljr urmüdjfig unb 
uuelegant, i^re^ fdfjattenben £one§ wegen, feljr gute 
2>ienfte leiftete, um öon ber im entfernten §of$immer 
fid) auffjaltenben 28irtljfcf)afterin ©ali burtf) bie 
Söiauer fjinburdj gehört ju merben. Stufjerbem lagen 
beftänbig auf biefem Sifd^e ein au§ ©onceptpapier 
jur öctatoform gefaltete^ unb genäljteg ©orrefponbenj* 
Ijeft fammt Steiftift jur ©ontoerfation mit bem tauben 
SJranfen, unb ju gleichem BmedEe eine Schiefertafel 
fammt ©rtffei. Stuf ba8 ©ine ober ba£ Stnbere 
fdf)rieben bie SBefucfjenben iljre Stnfpracfyen. 3$ &** 
nüfcte meiftentljeitö bie lefctere, toa8 idf) jefct bebauere, 
ba idf) — für meinen Sfjeil — nur au§ toereinjelten 
felteneren in bie §efte gefdjriebenen feilen meine 
bamafö — toofjl fnabenljaft — gepflogenen Unter* 
rebungen entnehmen f önnte. 3)a£ SBefentlicfyfie meiner 
bamaligen Unterrebungen unb ber miterlebten 33e* 



66a ) $er SSerfaffer giebt ba$u bie Sfomerfung : „©fjatufle 
unb 6cfjreibjmlt finb in meinem ©efifc." 51. b. 85. 

Wo mögen diese jetzt sein ? A. d. H. 



133 

gebenljeiten liegt aber betmod) fo tief in meinem 
©ebäd^tnifjc, bafc iä) midf) be§ SKeiften nod) gar gut 
entfinne. 

SMefe eben erahnten GTonöerfationSljefte, toie fo 
mandfjeS Slnbere, aber Ijat ttrittfommener Sßetfe 
©dfjinbler am ©nbe bon 93eetljotoen'§ 2titn ge* 
fammelt unb befinben fidfj jefct jumeift in ber fönig* 
lidfjen SBibliotljef in Serlin. Oljne feine 3)ajnriftf}en* 
fünft wären biefe £efte, bie über Sunft, 28iffenfdf)aft 
unb befonberS 33eetl)ot)en'8 jeweilige Seben^öerljctttniffe 
reichhaltigen ©toff bem gorfdfjer liefern, in alle SSSelt 
berftreut, \a weit tt>aljrfdf)einlid(jer nodfj tarieren ge* 
gangen; inSbefonbere, ba mein SSater, au3 übergiofcer 
Serütfficfytigung beä ifjm nid^t eigentljümlidj 3vl* 
fommenben, meber felbft ettoa$ babon nehmen, nodfj 
mir jugefte^en moHte, mir bicfelben anjueignen. 

Obgleich 47 ^aljre berfloffen, feit id) biefe 
traurig unbergefclidje 3^it neben bem SeibenSlager 
unfereS geifte§ftarien greunbeS öerlebt, fällt e§ mir 
in ber Sat fdjtoer, offne mid) übertuältigenbe Sftüljrung 
bie einjelnen 93egebniffe ju Sßapier ju bringen. Sdf) 
fage be$ ©eifieSftarfen, benn gar feiten fam ein 
Saut ber Slage über be8 feiger Seibenben Sippen.' 
®r befdfjftftigte fidfj, toenn auä) burcijauS nidf)t meljr 
mit ©ompofttion£auffd()reibungen, bodf) mit ben 3>been 
für unb ju folgen, mit Sßlänen für nodj au§ju* 
füfjrenbe längfi gebadete ©djöpfungen (jumal bie 
jeljnte ©ijmpljonie) , mit üjn intereffirenben £age8* 
ereigniffen, gar feljr mit bem ©ange feiner ®ranff)eit, 



j* 



■^ 



134 

mit feinen ®elbbebürfniffen, bie il)m bei befürchtetem 
längerem 33eftanbe feines SeibenS unb einer eben* 
tueUen (Srfjotung3fur bange matten, u. f. m. — 

SBemerfenfroertlj ift, bafc — enblidf) — ber it)n 
früher fo übermäßig quälenbe (Sebanfe an feinen 
Steffen, nadfjbem biefen mein SSater in ein ^Regiment 
— nad^ Sglau — afö ©abett untergebradfjt Ijatte, 
fafi Stbfcfylufc ober bodj SWilberung in feinem ®e* 
mütlje gefunben ju Ijaben fd^ien. ©eine ©rfenntlidf)* 
leit gegen ben Ignljaber fo% ^Regiments : gelbmarf d)att* 
lieutenant ö. ©tutterljeim, öeranlaftte iljn, ob 
beffen gegen meinen SSater unb iljn an ben Sag ge* 
legten ©ef&Higfeit, biefem fein ©treietyquartet in Cis 
moll, DpuS 131, ju ttribmen. S)efto meljr ärgerte 
er fidf) täglidf) über bie in ber Xfyat nictytöfagenben 
SBefudfje be§ Sßrofeffor SBamrud^. ©erfelbe Ijatte ben 
armen SBeetljoben balb eine ttnrfliclj ftaunenerregenbe 
Sölenge ©alep*3)ecocte$ trinlen laffen. 80 ©ed()3* 
Unjenflafd^en Ijatte bie SBirtfdfjafterin ©ali bereits 
in bie Styotljefe jurüdE getragen, um bie bafür rücf* 
juerfjaltenben je jtoei Äreujer einjufaffiren, unb balb 
barauf fonnte ©ali benfelben ©rlö§ für anbere 
80 gtafd^en, bie it)tn abermals öerfcfyrieben toorben 
maren, auS ber Stpotfjefe Ijolen. Stufcerbem Ijatte 
iljm SBatoruci) auferlegt, ba$ Irinfioaffer allemal 
mit einigen ßöffeld^en SBeinfteineS unb 3ucfer$ ber* 
mengt ju trinfen, unb allein bie Slnjaijl biefeS öon 
mir roätjrenb ber Sßaax ©tunben meiner täglichen 
üBefuc^e eingerührten ©etränfeS lief auf eine un* 



135 

glaubliche SRenge §inau3. 8Itte$ Vergebend, unb audfj 
jeber Säte formte e3 beurteilen, bafc fotöj SSerfaljren 
ju feinem Vernünftigen 3iele führen mochte; benn 
ftjmptomatifdfj auf ben DrganiSmuS einjunnrfen, Ijilft 
für ftd() allein nid^tS, toenn nid)t unter Sinem gegen 
bte SBefenljeit unb (Srunburfadfje be8 ttebefö geljanbelt 
tturb. 3)ie SBafferbilbung toud^§ in be3 armen Sftanneä 
Sauere fo, bafc fetyon für ben 18. ©ecember bte erfte 
Function für nötljig befunben unb burci) ben ^Pri- 
marius ©eijbert ausgeführt würbe. , S)a. nidbtä 
SBefentlidfjeS gegen bte begrünbeten Urfadfjen öon 
©eiten SBatorudfj'S gefdfjeljen, mar e3 fo weit ge* 
kommen, unb, ba audf) fernerhin nichts ©rünbüdfje» 
gefcfjalj, begann ber Saudfj atöbalb lieber ftdf) mit 
SBaffer ju füllen, obgleich nodfj Sagelang nadf) ber 
Operation fortan SBaffer in unberechenbarer 3Kenge 
au£ ber wieberfjolt rotljlaufartig ftdj entjünbenben 
DperationSwunbe auSfidEerte. 

Seetfjoöen Ijatte auef) naclj feinen früheren 
Slerjten: Sßrofeffor SJraunljofer (biefe SBaljt wäre 
jioar leine beffere gewefen) unb Dr. ©tauben* 
ljeim gefenbet; bodfj Seiben foH ber 28eg nadj bem 
fnapp am ©lactö, jundd^ft ber inneren ©tabt, 
tiegenben ©dfjwarjfpanierljaufe ju weit getoefen fein, 
ober galt biefc wenigftenS jur StuSrebe, wofjt au£ 
Söeforgnifc, nietyt Ijutl&ngttcl) Ijonorirt ju werben. 
Studf) SBawrudfj gab jeitweilig, bermutljticl) au$ 
öljnlidfjet ^Befürchtung, in meiner ©egenwart meinem 
SSater, ©ctyinbler *c. ju öerfteljen, bafc ba$ Honorar 



** 



m^ *»fc 



136 

bei 9tu8übung ber Sßra£t§ fietö im äuge ju galten 
fei, uttb benahm fiel) überhaupt troefen, gerabeju tljeiU 
naljmSloS, — ganj im ©egenfafce ju feinen Steufte* 
rungen tri bem übermannten „Sterblichen SftüdE blid" — ; 
fo, bafc e3 95e et Robert, bei ber ©rfotgloftgfett be§ 
§eifoerfaljren§, begreift merben mufcte, bafc biefer 
Slrjt jum minbeften£ nicfyt ber geeignete für ifjn fei. 
Studj mein SSater tt)ar mit bem ©ebaljren SB a tt> r u § ' §, 
ber bie &nmefenf)eit ber Umgebung be§ nad(j £ülfe 
fdfjmadfjtenben Sranfen bielmefjr baju benüfcte: mit 
feinem Satein, ba8 er gut fpracl), ju prunfen, gar 
toenig jufrieben. ©o gefcfyalj e$ benn nid^t feiten, 
ja attgemad) faft jebeä 9ftal, bafc SeettjoDen, 
roenn er eben im ©efpräd^ mit mir begriffen unb 
tdf) iljm ben burdf) ba3 anftofcenbe Zimmer anfommenben 
Sßarorucf) anfünbigte, unwillig fief) gegen bie SBanb 
menbete mit ben SBorten: „Wä), ber ©fei!" unb 
bann nur lafonifcf) iljm antwortete, fdjtiefjlidf) auc§ 
tooljt leine 9Intwort auf bie bon SßaWrudf) an ifjn 
geftellten fragen meljr gab. Sßamrucfy'S %ty\U 
na^mloftgfeit unb gefcf)&ft3m&f$ige$ 83erfaljren, nod^ 
meljr aber, bafc er — trofc ber toon Seetljoben 
üjm nimmer meljr unb meljr auffällig bargelegten 
33ertrauen£lofigfeit für feine Sßerfon — feine 93e= 
fudf)e bennodf) unbefümmert pebantifdf) fortfefcte, fielen 
aud) felbft mir auf, unb, ba be$ Sranfen Suftanb 
um nichts ftcf) befferte, mürbe iä) fetjr beforgt. 
Sßamrud)^ ©rf feinen machte mir einen ungemein 
mibermürtigen ©inbruef. SBenn ity nun nadf) be* 



137 

enbetem 33efud()e beffelben gegen Seetljoöen biefe 

meine ©mpfinbung audf) ttrieber unberljoljlen auäfprad), 

erging ber ftd) immer Mnfer füfjlenbe 9fteifter in 

utn fo getoidfytigeren braftifdjen 9tu8fäHen auf iljn 

unb naljeju in gleiten SRafce gegen Dr. ©etybert, 

obgleich er festeren bodf) nod) atö „beffcr" bejeictynete. 

$lber in ber Sljat ging audf) btcfcr feineStoegS tiefer 

in bie SranfljeitStage ein, al§ lebiglidf), roaS feinen 

cm8 jufüljrenben tecijnifd^ operativen 5tntljeil anbelangte. 

SBie gerne Ijätte icij meinen SSater überrebet, auf 

Stenberung be3 drjtticfyen SeiftanbeS ©influft nehmen 

ju motten, unb Ijabe audj mehrmals Slnlauf bef$alb 

genommen; bocl) mein SSater lonnte fidfj anbetradjtS 

ber immerhin auf ©djrauben geftettten SSejieljungen 

ju ^o^ann Dan SSeetljoöen unb au$ anberen 

©rünben meljr in biefer £infid(jt nidjt tool)l einmengen. 

93eetljoben Ijatte übrigens nod) einen är^t* 

liefen greunb, unb jtoar einen Sftanu, ber bamafö 

ben gefeiertsten Stauten als 9trjt in SBien trug. S)ie§ 

tüar Dr. 9ft a l f a 1 1 i. Er f anbte nad) iljm ; bodf) biefer 

öom publicum Ijod) getragene SKann Ijatte fid) einft 

bon SJeetljoöen beleibigt gehalten unb bertoeigerte 

feinen Sefud). ®rft toeiterer Vermittlung (f. © ä) i n b 1 e r, 

3. 9luft. H. ©. 153) beburfte e3, biefen alten greitnb 

an be§ Sobtfranfen 33ett ju bringen. 3>d) toar bei 

bem erften unb ben etlichen folgenben S3efudf)en an? 

roefenb. 33eetf)oben ermartete benfelben mit fteigenb 

fpannenbfter ©rroartung unb toie berflärt unb toott 

freubigften ©ntjüdEenS toaren feine ©eficjjtgjüge bei 



138 

SKalfatti'S eintritt. (Sr fäien au& befjen 
ÜRiene bic lang bergeblidfj angeftrebte ©enefung ju~ 
berfidjtlicl) ju fctylürfen. Stttein bcr fonft geiftreidfje 
Slrjt fd^cint bei Seetljoben menig infpirirt geroefen 
ju fein. 3)er bei ber erften SSifite berorbnete (£i§- 
punfclj „jur §ebung be8 burdfj aßamrudlj'S StrjneU 
Überlabung übermäßig erfcfylafften SoneS ber 35er* 
bauungSorgane" Ijatte jmar erroünfdjte, aber gar ju 
balb borübergeljenbe ©rfrifdjung jur golge; bagegen 
bü einer folgenben, freilidfj wenig Sage nadfj ber 
leibigermeife feijon aufgeführten jmeiten Function, 
gemalten SSifite: eine 9lrt S)unftbab bekümmerte 
be3 feljnfücfytig Jpoffenben Buftanb berart augenfällig, 
ba£ e£ nad) nur einmaliger Hnmenbung attfogleidfj 
meggelaffen merben mufcte. — SWit Ijeifjem SBaffer 
gefüllte Ärüge waren in einer Sßanne gefctyidfjtet, 
barüber Sirfcnlaub bidjt gelegt, unb barauf ;ber 
Sranfe gefegt morben, mäijrenb SBanne unb Äörper 
— nttt 2lu$naljme be3 ®opfe8 — mit einem Safen 
jugebeeft mürben. Sftalfatti meinte, Ijierburclj be* 
tfjätigenb auf bie §aut einttrirfen unb ben Organa 
mu£ in ergiebigen ©djweifc berfe&en ju lönnen; bodfj 
ftetttc fidf) gerabe ba§ ©egentljeil als unmittelbare 
SBirfung IjerauS: ber gleicij einem ©aljbtodEe ben fidf) 
entmicfelnben SBafferbunft mädfjtig an fidfj jieljenbe 
Körper, melier burd) bie faum gemachte operatibe 
Slbjapfung feinet SBafferS eben erft entlebigt morben 
mar, quoll nodfj im Apparate fictytlidj an, unb machte 
fdjon nad) wenig Sagen bie erneuerte ©infüljrung 



139 

bcr ©anüle in bie nodj nidjt DerljeUte Operation^ 
tounbe erforbertidj. — 

SBic auf bcn 2Reffta3 feljnfüdfjtig Ijarrte »eet* 
$oben auf Sftalfatti'S erneuerten Sefud^; bodj 
nur in mehrtägigen 3»ifc^enräumen fatn er fclbft 
toieber, injtoifc^en ftetfoertretenb fein Stffiftent 
Dr. Siöljrig, unb fdjon biefer ftettbertretenbe Sefud) 
entlocfte ©eetljoöen'a ©efidjtSjügen — bei aller fic^t* 
baren ©nttäuf d>ung , ben öermeinttictyen ttrirf liefen 
Setter nid)t felbft ju fe^en — allemal freubigeren 
äuSbrucf. Site aber Sftalfatti gar einmal feinen 
afö gettrife besprochenen SBefucI) nidjt einfielt, unb 
ftett feiner SBatorudj eintrat, ba entfinne idj midf) 
ganj befonberS, tüte an biefem Sage unter unge* 
ftümem Umtoenben feines SörperS gegen bie SBanb 
ber „©fei'' ungeroöljniid) Ijörbar SBeetljoöen'S SKunbe 
entfuhr, oljne übrigeng bon SBamrud) gehört ober 
— berüdffidjtigt toorben ju fein. 

®en auf Ijerabgeftimmte ©rtoartung beutenben 
StuSruf: „3W)! ber ift e§!" Ijabe idj mitunter läufig 
nodj öernommen, toenn Sruber Sodann eingetreten 
bagegen toenn ©ctyinbter fam ober gar mein SSater 
ober id) unbebeutenber Sunge, ba (ädjelte er un$ 
allemal freunblid^ entgegen. — 

$)odfj idj ttritt ju meiner unb be8 SeferS (Sr^olung 
bon bem traurigen Äranf Jjeitöbübe ettoaS abmeieren unb 
auf einige anbere Gegebenheiten übergeben, bie fid) 
im SSerlaufe biefer SeibenSjeit ereignet Ijaben: 

3$ mufc ^icr toorau£fd(jidEen, baft, naetybem mein 



140 

feljntidfjer SBunfdj, mit SSeetljotoen in fo nafje 
tägliche SSerbinbung gefommen ju fein, nunmehr in 
öoKetn SRafje in ©rfüHung gegangen mar, idj ben 
weiteren SBunfdj Ijegte, gteidj meinem SJater ju iljm 
2>u fagen ju lönnen. §atte idj midf) bodjj tängft 
mit ganjer Seele an iljn gegangen unb nidjt ge* 
ringen ©tolj barein gefegt, toon iljm geliebt ju fein ; 
alfo audfj nodj ju ben toenigen StuSertoaljlten in biefer 
33ejieljung gehören ju foHen. 3$ frug meinen SJater, 
in melier Sßeife id) baju eine Anleitung treffen 
fönnte: ob er bie Vermittlung bafür übernehmen 
motte, ober ob xij felbft iljn um biefe 6rtaubni§ 
bitten fotte. SKein SSater ertoiberte mir furjroeg: 
„SBenn bir bieg Vergnügen maijt, fo bebarf e§ aller 
biefer Umfd^toeife nidf)t; rebe iljn oljne mettereS fo 
an, er nrirb bir e§ feine§fatt§ übel nehmen, eljer 
barüber fid^ freuen, unb e§ nrirb ifjm überhaupt gar 
ntcf)t einmal auffallen." Stuf biefe Sufage bauenb, 
ba id£) ja ttnifcte, nrie feljr mein Vater 89eetfjoöen'8 
©enfart fannte, toagte idj midfj benn gleidf) bei meinem 
nödjften Vefudje, too iij mit Veetljoben allein toar 
— e§ toar bieg in ber erften Seit feines SranffeinS — , 
mit jtoar podfjenbem §erjen, aber bodj feefen SDiut^eS 
baran, e§ ju berfud£)en, unb ba§ erfte, ba3 idj ifjm 
im ©efprädje fd£)rieb, toarb in biefer Slnfpradje ge* 
galten, ©efpannt beobachtete icf) feine ©efid^töjüge, 
al§ iä) iljm bie ©d^iefertafel toorljielt. — @§ fam, 
nrie mein Vater julefct gefagt; Veetljoöen gemährte 
e§ burd&auS nidfjt, unb fortan blieb e§ nun babei. 



141 

®odj nun ju ben ^Begebenheiten felbft: 
SBätjrenb feiner Sranfljeit (gegen SJtittc gebruarä 
1827) lamen eine§ $ormittag§ ^änbeTä fämmt* 
ticfye SBerfe — in fd£)öner £tuartau§gabe, gebunben 
— an iljn atö ®efd£)enf bon bem £arfentoirtuofen 
©tunxpff gefenbet. 3)iefe ju befi&en, mar fein 
lang gehegter SBunfdf) geroefen, unb, eben biefem einft 
Verlauteten 28unfd)e ju entfpredjen, toar ba§ ®e* 
fdjen! gemalt morben. 2118 idfj 2Rittag$, nrie all* 
tdglidfj um 12 ttljr, ju iljm in ba§ «Sintmer trat, 
nrie§ er mir mit 3$ergnügen*ftraljlenben 9lugen au* 
fogleidf) bie auf einem ber beiben ©tariere aufge* 
Ijduften SBerfe: „©ielj, biefeS Ijabe iü) Ijeute gefdfjenft 
erhalten ; man Ijat mir mit bief en Sßerf en eine grofce 
greube gemalt, ©d^on lange Ijabe iä) fie mir ge* 
toünfcfyt; benn § anbei ift ber größte, ber tüd^tigfte 
©ompofiteur ; toon bem lann xä) nodfj lernen. 93ring 
mir bie S3äd^er Sftal Ijer." 3)ief$ unb anbere§ ba= 
rauf bejfiglid^eS fpradf) er fort unb fort in freubiger 
©rregung. Unb nun begann i<$, iljm eineS nadfj 
bem anberen hinüber in fein 33ett ju reichen. ©r 
blätterte in einem SSanbe nad^ bem anberen, mie iä) 
fie iljm gab, Verharrte mitunter bei einjelnen ©teilen, 
unb legte einen 95anb nad^ bem anberen f of ort ju feiner 
Sfted^ten auf fein 33ett gegen bie SBanb Ijin, bi$ enblid^ alle 
bort aufgetürmt ftanben unb mehrere ©tunben f o Ver- 
blieben, benn nod£) 9?adfjmittag§ fanb idj fie bafelbfi 
Unb mieber begann er über bie ©röfce £dnbet'§ 
fidj in lebhaften SobeSerljebungen ju ergeben, iljn at$ 



142 

flafftfdjeftcn unb grünbtid)jien aller lonbidjter ju be* 
jeufyten. — 66 ) 

©inftmatö, tote öfter, menn idj tarn, fanb tdj 
ifjn fd)lafenb. 3d) fe^te midj bann an fein Seite, 
mid) ruljig ncrljattenb, um tl)n au§ beni — erljoffettb 
iljn frdftigenben — ©d)lafe nid)t ju meden, unb 
blätterte unb taS unterbeffen in ben auf bem 95ett* 
tifd^d^en nodj jum ©ebraudje liegenben SontoerfationS* 
Ijeften, um ju ttriffen, »er injttrifdjen §ter gemefen 
unb toa% befprodjen toorben fei. S)a fanb idj unter 
anberem bie ©teile : „ 3$r geftem toon © d) u p p a n : j i g Ij 
auf geführtes Duartett I)at nid)t angef prodjen." — 
2ltö er nad) furjer 3«t ermadjte, Ijtelt id> iljm biefe 
©teile nor bie Slugen, üjn fragenb, ma$ er baju 
fage: „SBirb . iljnen fd)on einmal gefallen" mar bie 
tafomfdje 2tntmort, bie er mir gab, unb nodf) fügte 
er fjinju im Settmfctfein unb unter bunbigen Sleufje* 
rungen etma, bafe er fd£)reibe, tote er c3 für gut 



M ) Viele erhebende Aussprüche Beethovens über 
seinen über alles verehrten Meister Händel sind noch 
bekannt, z. B. „Händel ist der unerreichte Meister aller 
Meister! Geht hin und lernet mit wenigen Mitteln so 
große Wirkungen hervorbringen." — Viele waren ge- 
rührte Zeugen, mit welcher Erhabenheit er über den 
Messias dieses Genius sprach. Jeder fühlte sich er- 
griffen, als er sagte: „Ich würde mein Haupt ent- 
blößen und auf seinem Grabe knien." (Siehe u. A: 
A. Schindler, Beethoven in Paris, S. 170.) 

A. d. H. 



143 

$alte unb fidj burcf) ba& Urtljeil bcr ©egentoart nidjt 

beirren laffe: „3$ toeifc, id(j bin ein ftünftler." — *) 

©o famen tt)ir f ba toir allein toaren, »euer im 

©efprädjje über mufilalifdfje Schöpfungen, unb id() 



*) @$tnbler II, p. 281 beantwortet bie oft Don 

£unftfreunben an t$n geftefltegrage: „ob ©eetyooen too^l 

jemals bie Hoffnung laut »erben liefe, baß feinen SBerfen 

einften« bie oerbtente SBürbigung $u 23)eil toerben toürbe", 

mit „Stiema!«" — ; tnbefc fügt et al« leife Sermutfjung 

^inju: „er lönne bennodb auf ein 3Biebererftef)en fämmt* 

lieber SBerfe — §atte er bod& big auf bie Sgmptymten unb 

Quartette faft alle übrigen ©dfcöpfungen bereit« fo gut nrie 

tobt gefeljen — , toemt a\xib in fernerer Seit, gehofft §aben." 

@o fanben ftd&a. $., fäljrt ©d&inbler fort, inGJötfje'S 

(Einleitung jum toeft»öftlid>en $ioan, »o er öon bem äugen» 

bltdßidjen ober erft nadfc mehreren Sauren erfolgten ®er* 

ftönbmffe feiner fd&ttrieriger fa&ltd&en SBerfe foridjt, folgenbe 

SBorte öon ©eetljoöen'3 #anb gur Seite angepriesen unb 

audf) befonberS in einem feiner $agebüd>er abgetrieben : 

„ unb ein weites, britteS toadjfenbeS ©efd&led&t 

entfd&ftbtgt mid(j hoppelt unb breifadfc für bie Unbilben, bie 
i<$ öon meinen früheren geitgenoffen $u erbulben Ijatte." 
— gerner« Ijabe SBeetyooen bei bem Slnbrangen ber ita* 
lienifdfcen Xonflut^en in einem ©efprftdje im greubeSfreife 
mit (Smp^afe emribert: „Wun, ben Sßlafc in ber ftunft* 
gefdfctd&te tonnen ftc mir bodj nidjt nehmen." — $ie mir 
gegebene Änttoort: „SBtrb Upten fdjon einmal gefallen", 
bürfte einen »eiteren ftmjalttyunft geben, $u hoffen, baß 
unfer att$u ftiefmüttetlidb öon ber SWe^rja^l feiner Seit* 
genoffen bebaute unb ernannte SRetfter bod) einigen £roft 
in bem ©elbfkgefütyle feiner ftünfklerföaft toentgftenS ge« 
alptt Ijaben, toetmgleid) öom hoffen jum (Senufe nod) eine 
toeite Äluft gäfjnt. 



144 

naljm ©etegenljeit, iljn ju fragen, tourum er feine 
jtoeite Dper getrieben?, obgleid) iä) tängft bon 
meinem SJater gettmßt, baft ein £auptgrunb für bief e£ 
Unterlaffen in ben bielen Stergerniffen gelegen, meiere 
iljm bei ber 3ft*©cenes©efcung beSgibetio miber* 
fahren toaren, unb auä) in bem ttmftanbe, bafc man 
biefe Dper fo toenig anerfannt unb fie iljm nod) 
weniger ©ettrinn eingetragen Ijatte. ®r ertt)iberte 
mir: „3$ mottte eine anbere Dper nod£) f djreiben, 
aber iä) Ijabe fein paffenbeS £e£tbud£) baju gefunben. 
3d§ brause einen £e£t, ber midj anregt; zfr muft 
etn>a§ ©ittlid^e^ @rfjebenbe§ fein. Sejte, mie 3Kojart 
componieren fonnte, tudre iä) nie im ©tanbe gemefen, 
in SRufif ju fefcen. 3$ fonnte midj für lieberlidfje 
Sejte niemals in ©timmung berfefcen. %ä) ijabe 
biete Sejtbüdfjer erhalten, aber, tote gefagt, feines, 
toie iä) e§ gettmnfd)t ijätte." (©. früher). — Unb 
tt>eiter§ fagte er mir: „3$ Ijabe nodfj SSieteS fetyreiben 
motten. 3efct bie 10. ©tympljonie *), auä) ein Requiem 
mottte iä) componiren, unb bie Sftufif ju Sauft; ja 
auä) eine ©labierfc^ule. 3)iefe Ijätte iä) aber ganj 



*) 3)iefe toottte er bann, als in feinen lefcten Sagen 
bie @$enfung öon 100 $fb. unter ©enbung Dom 1. 9R5rg 
1827 öon ber ^iqjarmonifdjen ©efellföaft in Sonbon an 
iljn gefommen mar, auZ Stonf barfeit biefem Vereine 
toibmen. SJttd) toitt bebünfen, SBeettjoöen f)fttte babei bie 
Slbftd&t gehabt, englifdje SRuftfioetfen in biefelbe $u flehten; 
bod) ©d&inbler nriberfpradj biefer meiner triefletdjt öagen 
Erinnerung. 




©räfm (frböbi; 



145 

<mber£ gemalt, atö bie 2tnberen fic berfafct Ijaben. 
9iun boju fommc id) nid)t meljr, unb überhaupt, fo 
lange id) franl bin, arbeite td) nid)t§, ttrie feljr aud) 
SDiabelli unb §a§linger brängen mögen; benn 
baju mufc tdj aufgelegt fein. 3$ Ijabe oft lange 
«Seit nid)t$ componiren fönnen; bann fömmt e$ auf 
einmal wieber." 

©in anbermal nrieber Ijatte iä) ein ©fijjenbud) 
auf einem Sftöbel im Simmer liegenb gefunben. (£3 
mar ganj bott SRoten in ben öerfd)iebenften Slbfäfcen 
betrieben unb fel6ft querüber auf bem meifeen 3tanb 
au» freier £anb ergänjenbe Sftotenlinien gejogen unb 
in biefe bie mannid)fad)ften longcbanfen t>erjeitf)net ; 
ein eigentümlicher Stnblicf.*) 3$ ijielt Ujm baffelbe 
t)or, ifjn fragenb, ob er benn roirflid) nötfjig ijabe, 
feine ^nfpirationen fid) ju notiren; benn id) mar 
bamalä nod) jmeifelljaft, ob ein fo großer ©eift in 
gleicher SBeife mie anbere minber begabte berlei ®e= 
büd)tnif$nad)ljülfe bebürfte. ®r aber entgegnete mir: 
„%<§ trage fold) ein £eft (e$ mar gröblidje§ aftafdjinens 
SRotenpapier, in querer Siniirung, einfad) geheftet 

*) 8»et fol#er ©fiföenfjefte befa& fpäterer Seit Sllogs 
SfudjS in SBien. tiefer erjagte mir, bab, als er felbe 
einft bem jugenblidjen URenbelSfoljn bei fetner Sin* 
toefen^eit in SBien gezeigt, unb biefer augenblicHtd) jebe 
Sfi$e naä) bem Orte unb SBerfe, $u meinem öeetljoöen 
fic öertoenbet Ijatte, erfannte unb fofort auf bem ©laöier 
jpielte, er fid) öon biefer (Genialität fo fe^r überwältigt 
\cfy f ba$ er ba£ eine #eft bem in ®erflärang fte be- 
jdjauenben Jünglinge fdjentte. 

10 



146 

unb bann jufammengeflappt) immer bei mir f unb, 
fömmt mir ein ©ebanfe, fo notire idj iljn fogleid^. 
3$ fie^c felbft be§ Staats auf f menn mir etma£ 
einfällt, ba id£) ben ©ebanfen fonft öergeffen 
möchte." — 

Sin anber äRat (SRitte gebruar) Ijatte 3)ia* 
belli bie eben in feinem SJerlage erfctyienene Sitfjo* 
grapfjie toon 3of. §at)bn'a drmlt^em ©eburtöljaufe 
in bem mäljrtfdfyen Storfe Sftoljrau Seetljoben jum 
@efcf)enfe gebraut. @& Ijat ifjm biefeä 33ilb grofce 
greube gemacht, unb, al§ idfj 2Rittag$ tarn, jeigte er 
e§ mir gteid): „Siel), bo§ Ijabe id£) Ijeute befommen. 
©ielj 2Rat ba§ Heine §au§, unb barin loarb ein fo 
großer SJJann geboren. 3)ein SSater muft mir baju 
einen Sialjmen matten laffen; iü) toerbe ba% 33ilb 
aufhängen." 9iad()mittag£, al§ id(j toieber unb mit 
meinem SSater fam, teilte er iljm biefen feinen 
2Bunf<i) mit. gd) naljm ba3 Silb fofort unb mein 
SSater bat meinen ©tabierleljrer, einen einfachen 
Stammen au§ fd)toarj polirtem §olje, nrie e§ 39eet= 
Ijoöen getoünfd^t tjatte, baju ju befteHen, unb ba$ 
33ilb balbigft eingerahmt bringen ju tootten. $ eil er 
hocherfreut über bie üjm jugefaHene@I)re für ben großen 
93eetf)oben ettt>a§ tljun ju f önnen, führte biefe Sitte nirf)t 
allein binnen wenigen Sagen nadf) SSunfd^ au§, f onbern 
fjatte in juborfommenber SBeife überbieg unter ba% 
93i(b auf beffen weiften 9tanb tunlid^ft faligrapljifdj 
gefdjrieben: „So f. Jpatjben'ä ©eburt§ljau§ in 
Sftoljrau." %&) bemerfte ben gefjler, bafc ftatt 



147 

§at)bn ^atyben gef daneben Sorben mar, meinem 

Sater. Ungeachtet biefer mir aber entgegnet Ijatte: 

id) möge biefen geiler immerhin unberührt taffen, 

S9eetljot)en ttmrbe il)n nid£)t bemerfen, meldte 8Sorau$* 

^efcung, at£ id) baä 93ilb ©eetljotoen fiberbra^te, an* 

fängltd) auä) nrirfüci) ftd) bewahrheitete, mar ii) bodj 

bieftmat unf olgfam genug, il)n auf biefen geljter auf* 

merffam ju machen. ®er ©rfolg biefer nafetoeifen 

öemerfung mar ein eigentümlicher, ©o bergnügt 

Seetljoben borerft ba£ übrigens fo Ijübfd) au$geftattete 

Silb betrachtet Ijatte, fo mißmutig würbe er ur* 

*)tö£(id). ©ein ©eficfjt überjog fi<i) mit ,8orne§röte, 

unb Ijeftig frag er mid): w SBer ijat benn ba£ ge* 

^rieben?" „ „2Kein ©latoierteljrer."" — „SBie Reifet 

ber ®fel? — ©in fold^er Ignorant tüitt ©tatoier* 

teurer, tmtt SRufifer fein, unb toeifj nid^t einmal 

ben SRamen eineS Sfteifterä roie §ai)bn richtig 

ju fdjretben. 5)a3 fott er nur gleid) auSbeffern; 

benn ba$ ift eine ©d£)anbe" u. f. tt>. — 2Rir Ijatte 

e$ teib getljan, meinen guten Seljrer in fatfdjeä ßid^t 

bei SeetI)ot)en gebraut ju Ijaben, unb id£) futfjte auf 

alle SBeife ben geljter ju beschönigen, unb äußerte 

auc ^r ba% SJater mir Verboten, e§ ju fagen: „3)u 

toürbeft eS ntd£)t merfen." 9lber fein ßorn warb 

^er meljr angefaßt unb er erf lärte mir : e§ nur im 

erjien Slugenblicfe überfein ju Ijaben, fpftter Ijätte 

** e§, toie jeber Söfenfti) toon nur einiger SSübung 

fieser gleich wahrgenommen, u. bgl. m. 3)ie golge 

^öt, bafe \i) ba§ 39ilb nrieber nad^ Jpaufe nehmen 

10* 



148 

unb ben gefjler tilgen loffcn mufete, bon meinem 
SSater aber audj eine Sftüge ü6er meine übcrflüffigc 
Semerfung erhielt. 9ll£ id) ba3 SSilb nad) ein Sßaar 
£agen nrieber gebracht, brummte S3eetljoben nodf)mal§ 
über ben gemalten geiler unb tiefe bie bon mir 
auf meljrfad)e 9lrt berfud)te ©ntfdjulbigung meinet 
Seljrerä nid)t meiter gelten, atö mit ber ©ntgegnung : 
„@r mag at3 Sftetfter moljl genügen, aber er ift 
benn bodj ein oberflächlicher aftenfd), ber, tt)ie bie 
metften, eben nidf)t§ meljr gelernt ijat unb ju lernen 
fiel) beftrebt, atö toa% iljm notdürftig erforberlidf) ift" 
Slber nodj eine d)aracteriftifd)e ©cene foKte bieg 
einfache 93ilb Ijerborrufen : SSei bem nädjften SSefucfye 
meinet SSaterS begann SSeetfjoöen öorerft abermals 
gegen biefen ob be$ öon meinem ©labierleljrer be* 
gangenen «Schreibfehlers bie £üd)tigfcit beffelben für 
meinen Unterrid)t ju bejroeifeln ; bann aber, nacfybem 
er in biefer $infid)t burd) meinen SSater beruhigt 
morben mar, frug er i!)n: ma$ er für ben Stammen 
gejault l)abe. SDiein SSater moHte ben geringfügigen 
SSetrag nid)t angeben. 93eetljoben aber beftanb ba* 
rauf. „Sinn benn", fdjrteb mein SSater, „2 ®ulb. 
unb 15 £r. SB. 2B." (beiläufig bürfte e$ biefe 
Summe gemefen fein). SBorauf SSeetljoben: „SRimm 
ba3 fdjmarje Safteten Ijier bom SSettfaften, ba mirft 
$u ®elb barin faiben." SSater tljat e§, fanb barin 
fein paffenbe$ Weingelb unb naljm baljer eine günf* 
®ulben=9?ote Ijerauä, um fie ju medjfeln. SSeetljoben 
mar eben feljr matt unb fd)läfrtg unb Ijatte bie 



149 

Slugen gefdjloffen. 2tl§ mein SSater bieft merfte, 

toartete er mit geöffneter ©Ijatuße, biö jener bie 

Slugen ttrieber auffdjlug, um iljm bann ju geigen, 

roaS er herausgenommen unb metöjen Sfteftbetrag er 

bagegen hineinlege, monad) er, fdjon mit ber ßeit 

gebrängt, forteilte, um nad) feinem SBureau ju geljen. 

Seetljoben Ijatte ber ©adje feine Stufmerffamleit ju^ 

gemenbet, unb baju, gleidjfam afö ob au£ bem 

Sdjtummer unangenehm geftört, nur ganj furj unb 

mit einer abmenbenben Bewegung „Sdfjon gut" ge* 

fagt. Saum aber mar mein SSater fortgegangen, 

toobei SBeetljotoen tooHenbS ermatte, äußerte er fidf) 

bertefct über ba$ bon feinem grennbe beargmoljnte 

SRifttrauen in gereijtem Sone mir borljaltenb: 

„SBarum Ijat benn Stein SSater mir bie Sanfnote 

öorgemiefen? glaubt er benn, bafc id£) etma fein 

SSertrauen in feine Sfteblidjfeit ijabe? 3$ benfe, 

toir finb alte greunbe genug, um toon unferer 

föedjtfdjaffentjeit überjeugt ju fein" u. f. m. ©3 

S^igte fidfj bei biefer unbebeutenben SSeranlaffung fo 

ted)t beutlid), mie leidet empfinbfam unb reijbar 

Seetljoben'S jarteS ©emütlj mar. ©3 fjatte iljn 

öerle&t, bafc fein greunb eine fible ©igenfdfjaft an 

tym bermutljet ijatte. — Stber Steffen gab il)m 

<m ©mpfinbticf)feit be$ ©emütljS nichts nadf). 9113 

etne§ SageS mähret* ber Sranfijeit ein 95rief unter 

ber Stbreffe: „Sin JperrnSubmig Dan 83eetljoben, 

Sonfefcer in SBien" anfam, ärgerte fidfj mein SSater 

ernftUc^ barüber, bafc ber ©Treiber £onfefcer ftatt 



150 

Ionbid)ter überfdjriebcn ljatte, „afö ab er ein Söpfcr 
märe, e8 fehlte bafür in bem SBorte Ion nur bo§ 
fy" — greilidfj mar mein SSater für feinen armen 
franten 3ugenbfreunb toielfadj toerlefct ob ber geringen 
Xljeilnaljme, bie man bem großen Sftanne mäljreiib 
fetner SeibenSjeit im Allgemeinen jugemenbet Ijat. — 
SBie IjerjenSgut 93eetI)oben aber gemefen, tote 
er bon mir, ba idf) bodfj no<$ fo jung mar, ftunbert- 
lang fid) öorfd^mafeen lieg, tote er in alle mehte 
linblidfjen ©inffttte eingegangen, bejeugt folgenbeS: 
3$ Ijatte einen SBaljer componirt, einen SBaljer 
ljöd£)ft nidljtSfagenber 83efdfjaffenljeit, Ijatte iljn nieber 
gefd^rieben, unb trug brftngenbe§ Verlangen in mir, 
iljn 95eetI)oben ju jeigen; ma§ er baju fagen, tote 
er if)n ftnben mürbe. 3n meiner bod^ dngfitidjen 
©itelfett frug ii) meine ©Item, ob iä), oljne ©efaftr 
ju laufen öon üjm auSgeladjt ju merben, eS magen 
fönnte, iljn meine Strbeit feljen ju taffen. S)er be- 
jaenben Stntmort folgte bie rafdje SluSfüljrung. 2RU 
bem SRoteubtatt in ber lafdjje flog idj SRittagS ju 
iljm. %ty fanb bei iljm, ber bodfj fonft meift allein 
mar, eben Jjeute Xobia$ §a§Iinger unb beffen 
<3oI)n Karl. ®a§ mar mir an jenem Xage feljr 
unangenehm; benn e3 bermeljrte meine ©d^eu. S5er* 
gebend martete idj, bafc biefe fid£) balb berabfdfjieben 
mürben. @ie blieben unb e$ naljte balb meine 
SffenSftunbe, um meldte icf) ju §aufe einjutreffen 
Ijatte. SWeine Ungebulb mud^S unb, obgleich tdj Diel* 
leidet fd^on 9?adfjmittag$ beffelben £age$, fidler aber 



151 

einen ber näctyften, bie fo oft gebotene ©elegenljeit 
mit Seetljoben allein ju fein, tjätte ertoarten fönnen, 
tieft mir meine §aft benn bodj nun einmal feine 
Nuljc. 3$ übermanb bte boppette ©dfjeu, bte ify, 
trofc aller gewohnten 33ertraulid()feit im Umgange 
mit 83eet!joben, bennodfj bor iljm unb überbieft Ijeute 
t>or ber ©egenmart jener jmei in SRuftf betoanberten 
^aSlinger'S empfanb. ©inen Slugenblicf ber ©e* 
fprädfjftocfung benüfcenb, jog idfj mein Notenblatt au§ 
ber lafcfje unb fdjrteb meine 5)reiftigfeit: in einer 
<£ompofition midfj fcerfud£)t ju Ijaben, auf bie ©dfytefer* 
tafel, 95eibe§ 95eetI)oöen reidfjenb: ©d^rift unb 
Notenblatt — . „9hm tag 3ftal feljen, ma§ 3)u ge* 
mad^t §aft M f mar unter 8ulftd£)eln feine Stntmort. 
©r naljm ba3 93latt, la§ e3 aufmerlfam burdfj, be* 
gefjrte einen Sleiftift unb fpradj: „©3 ift fein 
gefjler barin außer bem einen, bafc ®u ba im Söafc 
bie gleidje Note mie im *ßrim angefefct ^aft. @r 
fdfyrieb mit bem SSleiftifte ftatt ber gefeilten 83aftnote 
ben richtigen Ion in mein Sftanufcrtpt unb gab mir 
ba% 33tatt jurücf. — StudE) £a$linger befalj bann 
meine (Schöpfung, unb icf) fonnte au$ ben gleichgültigem 
SBeglegen berfelben aber balb toon htm Sßertlje meinet 
SßrobufteS mid) überjeugt galten. — $u meinem 
ßeibmefen ift mir biefc Notenblatt gleichzeitig mit 
jenen bereite ermähnten 1 2 ©rieften 93eetI)oben'£ 
an midjj mäljrenb unfereS 2Bofjnung3tt>ed|)fefö nad) 
bem lobe meinet SSaterS in SSerluft geraten. -- • 
3u ben Söeettjoben mäljrenb ber Sranffjeit 



152 

täglidj SBefudfjenben jätjiten nur mein SSater, icfy, 
Scfyinbler, 85ruber Igoljann, anfänglich — in 
fo lange er nodf) in SBien mar — audj nodt) fein 
•JJeffe; Ijftufig tarn ©arl Jpolj, juroeilen £obia§ 
§a$linger aHein ober mit feinem ©oljne (£arl, 
bann ©ia belli; ab unb ju lamen be8 SJaron 
©Stelen §au§bofmeifter Sftaudfj, ber befannte 
©fabierleljrer 3)olejalef, ber SSiolintoirtuofe ©le* 
ment. SSon SBien berüljrenben gremben: bte 
(Sängerin ©djedjner (geft. 1870), Rummel mit 
feinem ©cpter, bem lö^j&^rigen gerbinanb §iU 
ler*); ^öd^ften^ nod) ein *ßaar anbere Sßerfonen 
außer ben ©enannten, ©d^inbler'g ©dfjtnefter, S3r. 
©leidjenberg, 68 ) mie bieg au8 ben KontoerfationS* 
Ijeften ju feljen ift. 

9* audj bradjte burcljfdfjnittltd) Stanftobft im 2luf* 
trage feiner §errin, toeldjeS, ba e§ Seetljoöen 
feiten ober nur jum Steile munbete, bann id) meiften* 
tljeilS ju toerjeljren befam. 5)iefj, einige gfafd) en 
2Seine3 öon Sftalfatti, §at)bn'3 ©eburt&jau^ 



*) 3ntereffant unb toaf)rf)eit3getreu Ijat Dr. gerb. 
Ritter au$ jener Seit feine fd)riftlid)en Slufeeidjnungen 
„9lu3 ben lefcten Sagen SubrotgS tian SS eetljoö en" Der* 
öffentlich (f. ßölmfd&e Seitung, 16. $ec. 1870 unb feparat 
abgebrueft). 67 ) (£8 ftnbet barin fo mandjeS be8 üon mir 
©reiten jutreffenbe Betätigung. 

67 ) In : Ludwig van Beethoven. Gelegentliche Auf- 
sätze, Leipzig 1871, S. 73 ff. A. d. H. 

•^ Dieser Name „Gleichenberg" erscheint proble- 
matisch. A. d. H. 



153 

bttb, § anbete SBcrlc unb ettbücfi 100 5ßfb. bon 
ber ^tfljarmomfdjett ©efeßfdjaft in Sonbon mit bem 
aufmunternben ©riefe: in Brunft ju allem ßrfor* 
beritten unb ©emünfdjten bereit ju fein, bitbeten 
bie £iebe§gaben, bie ber franle SBeettjotoen er* 
galten. — 2)iefe menigen 83efudje aber matten tfjm 
Diel Vergnügen. äRatfatti'3 gjiftten eteltrifirten 
tlm, ba er bie ganje Hoffnung für feine äBieberfjer* 
fteHung in beffen ®efdf)icflidjfeit fefcte. 3)odf) 9Kat* 
fati !am iljm biet ju fetten; befto öfter bie beiben 
anberen, fjier ohnmächtigen Stergte. — 

3»a moljl oljnmäcijtig, benn leine ifjrer Slrjnei* 
unb Dperationäfünfte bermodjte audj nur ein menig 
93efferung, ja ttid^t einmal ©inljatt ber immer toaty 
fenben Äranftjeit abjugennnnen. ®urj, bie operative 
Slbjapfung mußte, einmal unternommen, batb ttrieber 
unb in immer fürjeren .Bttrifdjenfriften nrieberljott 
»erben. 3)a£ Saud^tDaffer fammette fid) immer roie* 
ber unb fdjnefler an, öbematöfe Slnfdfjmellungen ber 
unteren Störpertljeite gebieten ju erfdfjreclenber 2Iu§= 
befjnung, ba§ Siegen mürbe in Ijoljem ©rabe pein* 
lidfj, bie Dperation3munbe entjünbete fid() rotfitauf* 
artig, ba§ Sßaffer fitferte, ja floß au§ berfetben ber* 
maßen, baß e§ big in bie Sftitte be§ Simmerö rann ; 
affgemad) fdjmanben bie Gräfte unb — e§ ging bem 
©nbe ju. 

©§ irurbe iljm beigebracht, bem ©ebraucfye ber 
fatljotifdfjen Sirene ©enüge ju teiften, unb er untere 
50g ftdf) biefem 2lfte mit ftotfdfjer 9ftulje. — SSon ge* 



154 

nriffen Seuten*) ttmrbe fpftterfjin erjaljlt, ba§93eet* 
Ijoben bei bem §intt>eggeljen be$ SßrieffcerS gefagt 
Ijabe: „Plaudite amici, finita est comoedia". 
©djinbter äußerte fidj bei meinem Sefud^e in 
Socfenljeim baljin , bafc 33eetl)oben e8 auSge* 
rufen Ijabe, atö gelegentlich bie Slerjte nad) l&ngerer 
©eratljfdjlagung einmal eben meggegangen toaren, 
unb mein ©ebddjtnifj beftätigt mit ©ntfdfjiebenljeit 
biefe (Erinnerung**). 3$ meifc midf) auf baS 33e* 



*) Studf) ®. 3Kenfd& f treibt e$ in feiner ©eetfjoöen* 

»iograpfjte nad& (Seidig — Seudfart — 1871, @. 288.) 

**) STnfelmfcflttenbrenner (geft. $u ©ra$ 1868) 

fd&reibt an 3t. SB. %$ atjer au« $aflerf<Sf)lof$ ju ©ra$ am 

20. «uguft 1860: „ 

($S ift ntd&t ttafjr, bog id& Söeetfjotoen gebeten fjaben 
(oute, fid& mit ben ©terbefacramenten toerfeljen gu taffen; 
too^l aber veranlagte idf) auf (Erfud&en bcr Gattin be8 t»er* 
ftorbenen 2ftufifoerteger$ #erro £obta8 #a$linger, 
bafj $eetf)ot>en bon Singer unb öon ber ©utSbefifceriit 
grau t>. 33eetl)oben auf bie jartefte äBetfe gebeten ttmrbe, 
pdf) burdf) ben ®enuf$ b. f). 2lbenbmal}le3 $u ftärlen. $afj 
SBeetljoben $u mir (ber td& bei bem 2(u8ft>enben ber ©terbe* 
facramente am 24. SJlära 1827 Vormittag gar nid)t $u* 
gegen toar) bie SBorte: „Plaudite amici, comoedia finita 
est a geforod&en ljaben folle, ift eine reine (grftnbung. Sfod) 
ju $nbern Ijat ©eetfjoöen fidjerltdf) feine foldje feinem 
biebern ©fjarafter jutmber laufenbe Sleufjerung getrau. 
SBofjt aber erjagte mir grau ö. 33eetl)oben am XobtStage 
iljreS @d()tt>ager$, bafj er nad) (Smpfang ber ©terbefacrc 
mente $um Pfarrer geforodjen Ijabe : „©etftltd&er #errl id) 
banfe gijnen! ©ie fjaben mir £roft gebraut!" #flt;en* 
brenner fdjeint (»ie 91. SB. 2$at)er unb id) erachten) ©alt 



155 

frimmtefte ju entfinnen, bctfc mein SJater, ©djinbler 
unb idj anmefenb mween, atö er bie SBorte au3ge* 
fprodjen, unb bafc er biefe SBorte in feiner beliebten 
farlaftif^*^umoriftifd^en SBeife mit ber Slbfidjt cittrte, 
um bamit ju berftefjen ju geben: @§ Ijitft aHeS 
nidfjtö, — e£ ift au§ mit bem ärjttidjett ßatein ober 
tmrb au§ mit bem Seben. — 3dj felje midj beran* 
tagt, biefe meine beftimmte Erinnerung abfidjttidj ju 
betonen, \>a idj e§ erlebt §abt, ba§ überfromme Seute 
39eet!joben, ber, mie au£ feinen Sftanbbemerfungen u. 
a. m. ju erfeljen, ein ibeateS ©ottöertrauen cuttitrirte, 
in abfpredjenber SBeife befcfjatb ber 9tetigion3fpötterei 
jeüjen luottten. — 69 ) 



für So^nn'8 gfrau gegolten p Ijaben. %% toenigfienS 
toetfj mtd) nie unb nimmer barauf ju erinnern biefetbe 
jemals gefeljen §u ljaben. 

° 9 ) Alles in allem genommen kann man als letzte 
Worte des sterbenden Beethoven folgende ansehen: 

1. „Plaudite amici, comedia finita est." 

2. „Ich werde wohl bald nach oben machen." 

3. „Ich will's." 

4. „Plaudite, amici, comoedia finita est Habe ich's 
nicht immer gesagt, daß es so kommen wird?" 

5. „Geistlicher Herr! Ich danke Ihnen! Sie haben 
mir Trost gebracht." 

6. „Schade! Schade! zu spät" — (Beet- 
hovens allerletzte Worte!) 

7. „Hört Ihr die Glocke? Die Dekoration wech- 
selt!" (??) 

Über Entstehung und über alles Nähere zu diesen 
letzten Worten Beethovens spricht des Herausgebers 



156 

2)rei Sage öor bem fdjltefjlid) mirftidj einge* 
tretenen SebenSenbe, als bic Gräfte fidfjttidj ju ftnfen 
begannen, unb an ber fdjon naljenben 9tuftöfung nidjt 
mefjr ju jineifetn mar, machte fidj mein SJater Sftadfj* 
mittags an baS peinlidje Sltnt: feinem ßubtoig einige 
notljroenbige Rapiere jur Unterfdjrift fcorjutegeu. 
Sänge jögerte nodj mein SJater, fidj mit ©dtjinbter 
nnb Sodann beratljenb, ob bie§ ©efdjäft mirflid) 
burdjjumadjen ober fcieHeidjt bodj nodj aufjufdjieben 
märe, bamit ber Slrme eS nidjt merfe, bafc eS fidj 
bereite barum Ijanble, feine testen ^anblungen be* 
geljen ju muffen. 3)ie injttrifcfyen toieber^olt einge* 
tretenen Trübungen feinet SBeroufctfeinS aber liegen 
einerfeitS benn bodj bie balb gänjlidje 2lbtt>efenbeit 
beS 3)enftoermögenS um fo metjr befürchten, anberer* 
feitS gaben fie ber Hoffnung Staunt, bafj Seeifjotoen 
eben audt) mit weniger SRefteyion bie ©driften {jin* 
nehmen toerbe. SFaS, mag er ju unterfdjreiben Ijatte, 
toar bereite tängft mit iljm befprodjen unb toon ifjm 
Vernommen toorben, fo, bafs fein SBiKe gefannt toar. 
(£S (janbette fidj nömtidj um baS eigenfj&nbige Unter* 
fdjreiben feines testen SßittenS, bann ber SSormunb* 
fcfyaftSübertragung betreffs beS Steffen Karl an meinen 
SSater, unb audj nodj um eine brüte Unterfdjrift — 
irre id) nidjt — ju einem ^Briefe an Dr. 93 a dj aß 



Aufsatz : „Die letzten Worte des sterbenden Beethoven" 
in der Unterhaltungsbeilage des „Berliner Lokalanzeigers" 
vom 4. Mai 1894. A. d. H. 



157 

©urotor ber SBertaffenfdjaft*). SBaier, Sdjtnbler 
unb 3>ol)ann bebeuteten bcm mcift fdjon im £atb* 
fdjtummer baljin liegenben fomii, baft er etma$ ju 
unterfdjreiben Ijaben roerbe, fdjoben bem nadj 2Rög* 
lid^leit aufgerichteten Sörper bie nötigen Siffen 
unter, unb, inbem mein SJater bie eingetauchte 8fcber 
iljm jebe^mal neu in bie £anb richtete **), mürben 



*) 3fa $errn Dr. 58a<$. SBien, Wittoooty, 3. Sarmat 
1827. SSereljrter gfreunb! 3$ erüftre öor meinem Xobe 
da tt Dan SSeetfjoöen meinen geliebten Neffen als 
meinen einjigen Uniöerfalerben öon allem meinem §ab 
unb ©ut, worunter fjauptfädjlid) 7 ©anfactien unb was 
ftd) an ©aarem öorfmben tmrb. — ©outen bie ©efefce Ijier 
SKobificationen öorfd&reiben, fo jucken fte felbe fo feljr alä 
möglid) ju feinem SBortljeile gu öerroenben — @ie ernenne 
id) ju meinem Kurator unb bitte @ie mit #ofratl) 
öreuning, feinem JBormunbe, SBaterftefle bei ifjm ju 
vertreten — ©ott erhalte @ie — Xaufenb $anf für 3$re 
mir benriefene Siebe unb gfreunbfd)aft. — 

L. S. Subtmg van Jöeetljoöen. 

8(n ©eine SBoljlgeboren $erm ö. %ad), Dr. ber 9fled)te, 
toofjnljaft in ber 2Bofl§eile. 

**) ©leid) meinem JBater bei Öeetljoöen mar e£ 
mir belieben, ©rillparaer'S lejte Unterfd&rift ju 
leiten- 3$ war am 21. 3anuar 1872 öon 7V a Ul)r frülj 
bi$ SJtfttag* bei bem feit wenig Sagen in feinen Äräften 
mit einemmal aufammenbred&enben $id)ter. Äur§ öor 
meinem SBeggetyen trat fjröulein ftat^i 3fröi)lid) in ba8 
Simmer mit bem ©ebeuten: er möge ben öon ber Burg* 
ti)eater*$irectiott überfanbten £antteme*£kuittung3bogen für 
ba£ lefcte JBiertelialjr untertreiben, ©rillparjer, in 
feinem Se^nftu^le liegenb, fölug bie otogen auf, lad bie 



158 

ü)m bie ©Triften, eine nadj ber anbern, unterbreitet. 
25er ©terbenbe, beffen ©djrift fonft fo frftftig, ja 
lapibar gemefen, fd^rieb mm mit jitternber §anb 
müljeDott bie Don meinem SBater bereits aufgefegten 
bunbigen 3*ü*n feiner XeftontentSerfl&rung, 70 ) — 



Sdjrift gtoet SJtol aufmerffam burdj, unb verlangte nad) 
bem ©elbe. 3)o e8 ber im $or$tmmer tyrcrenbe Sweater« 
biener bei ftdj ljatte, ging gfräulein gfröljlid), e* $n 
ljoleu. Äl$ <3rillpar$er eine vergebliche ^Inftrengung 
mochte, ftd) auffturidjten, naljin id> öon feinem ©dpeibepulte 
ein bidereS 33ud) (tote id) foäter gefeljen: $o Itaire), 
legte e« als Unterlage für ba£ $u unterfdpeibenbe Rapier 
auf fein redjte* Ante, gab üjra eine ber btei auf bem 
©e^reiBjenge befinbltdjen gebent in bie $anb, unterftüfete 
üjn jn tfjunlidjft aufregtet ftdrperlpaltttng, unb — er fdpieb 
in biefer 3Beife, toenngleid) mit fe$r jttternber fcanb, feinen 
tarnen bt$ $um $. $a entfielen ©n^ unb Quittung feinem 
8nie; bod}, als id> biefelben fernen toieber auredjt gelegt, 
fügte er ba$ no<$ fe&lenbe e unb r unb überbieg fein 
fiblidje* aRanupropria nodj ^inju. S)a trat gfräulein 
gröljlid) au$ mit bem (Selbe ein. 3$ erbat mir als 
Snbenfen biefe geber, toaS gräulein in getooljnter ©üte 
mir getoäljrte. — 3»ei ®hvcibtn foäter — um l 3 / 4 Uljr — , 
toö^renb mein ©oflege, SRebictnalratlj Dr. Sßretjfj, im 
Simmer toeilte, entf erlief ©rillparaer in bemfelben 
ßeljnfruijle. 3$ fanb iljn, für} nad> 2 ttljr toieber ge* 
tommen, nid&t mefjr unter ben ßebenben. — 3ene gfeber, 
toeldje ber herein „bie grüne Snfel" balb nad) bem %obt 
^rillparjer'S erhalten, ift eine iener jtori anberen 
(alle brei toaren ©änfefiele mit angeftedten ©taltfftrifcen), 
welche id) auf bem ©djreifyeuge liegen gelaffen fcatte unb 
aud) bis nad) beS fjefjren 3)id)terS totot bort verblieben toaren. 
70 ) „ERein «Reffe äarl (Soll allein fcerbe fe^n, baS 



159 

Sdjinbler Ijfttte gerne nod^ ba8 furjtid) bon iljm 
jum ©efdfjenle erhaltene $ßartitur*9Ranufcript ber 
urfprüngüd^en gibelio*Oubertüre*) mit feiner afler* 
legten Unterfdjrift unterfertigen laffen moflen; bod) 
bie SBemüljungen, bie borigen Unterfd&riften auäju* 
führen, Ratten 93eetl)oben fo feljr erfdjöpft, unb ber 
Moment mar fo ergreifenb, baft Slüljrung unb ©r« 
barmen ftdf) paarten, iljn bon ber ©rfüßung biefe£ 
SunfdjeS abfteljen ju machen. 

SS mar in äBirflidjfeit ber tefctmöglidje 3eüraum 
lux SSornaljme be$ eben angeführten $kte$ gemefen; 
benn, !aum mar 9Ifle$ burcljgefüljrt, begann bie (Sei* 
fteSabmefenljeit fd^neß immer meljr unb meljr juju* 
nehmen, unb fteßten fidf) aße 9lnjeid)en ber SIgonie 
ein. 3)iefc mar 9lad)mitiag8 um 5 Ufjr am 24. 
SKärj 1827, nad^bem mir bon bem Srauerlager fort* 
gegangen maren. 

2lm folgenben unb jmeitfotgenben Sage lag ber 
gemaltige äRann unter meit hörbarem Stößeln, be- 
nmfjttoS in boßer Suflöfung begriffen, ©ein frdfti* 
ger Äörper, feine ungefdjmädfjten (— fotglidf) nidjt 
Iran! gemefenen — ) Sungen fömpften riefenljaft mit 
bem Ijereinbrecljenben £obe. 5)er StnblidE mar ein 



Kapital meines SRad&taffeä foH jebod) ©einen natürlichen 
ober £eftomentarifd)en (Srben zufallen. 

SBien am 23. 2Rär§ 1827. 

Subttng Dan ©eetijoben." 

(SIrdjib be$ SBiener ßanbe8gerid)t8.) 31. b. $. 

*) ©dtfnbler'S Biographie, 3. HufL, I. £$etf, p. 129. 



160 

fdjredßidjer. Säugte man gleid^tpo^l, bafc ber Sinne 
nun jmar nidji meljr leibe; fo mar bie ©rfdfjeinung 
bodf) grauenhaft: ju feljen, ba§ ber (Sblc nunmehr 
ben jerfefcenben äRädjten unmiberruflidf) Verfallen, 
aßer geiftige SSerfeljr mit iljm aufgehoben war. 93e- 
reitö am 25. Sft&rj aar ju erwarten, ba§ er m&fc 
renb ber fotgenben 3?ad)t enben mürbe; beunodj 
fanben mir i(jn am 26. nod) am ßeben, — mo 
möglidj nodf) heftiger rödjelnb afö Xagä juVor. 
$em 26. SMärj 1827 SÄad&mittagS Warb e§ enblidj 
Vorbehalten, bie traurige SBerüljmiljeit ju erlangen, 
SBeetfjoben'ä Sterbetag ju »erben. 

9ftein SSater, Sd^inbler, Stoiber 3ofjann, 
id) umftanben 5ftad)mittag8 ba$ 93ctt. 3Kan fonnte 
bod) fd^on maljrneijmen, mie ba3 Stößeln attmäljlid) 
fdjm&djer mürbe, ©ein @nbe mar ju münfctyen. — 
Sßenngteid) e3 im Verlaufe biefeä äßinterä nodj 
mäljrenb ber SKonate gebruar unb 9Wärj oftmals 
gefdfyneit Ijatte, fo mar bod) feit menigen Sagen ber 
©djnee Vergangen geroefen. liefen SRadfymittag aber 
tfjürmten fidj gemaltige SBollenmaffen am &imuiel 
auf. SRein Sater unb Sdjinbter, burcf) bie fo 
lange fidj ljinau3 beljnenben Sterbesförfcljeinungen 
arg angegriffen, unb bie Vielerlei ®efd)äfte ermägenb, 
bie unmittelbar nadj Seet^oöen'S (Snbe iljre farg 
gemeffene Seit in Slnfprudj nehmen mürben, be* 
fdjloffen, einftmeilen eine geeignete ©rabftätte au§~ 
finbig ju machen, unb entfernten fid) au8 bem 
Srauerjimmer. — S3ater§ 3ulie lag auf bem 




^SeetfjotfenS Scfyreibputt 



161 

§riebljofe be§ £)rte£ äßäljring, audf) bcren ffiltem 
waren bort begraben unb öfter maren mir baljin 
gemeinfcljaftticlj gegangen. @§ mar un$ bemnadt) 
jener traurige Ort minber fremb, atö anbere grieb* 
Ijöfe. 3$ 6at fomit meinen SJater audf) an biefem 
Ort für 95 e e t Ij o b e n bie fftu^eftätte ju fud^eu. 
®r ging um fo mittiger auf biefen SSorfdfytag ein, 
atö er ja audj etnft bort begraben merben fottte. 
$od() in ber 9tötje Julien 7 8 unb feiner beabfidt)* 
tigten ©rabeSftette fanb fidj fein leerer 5ßtafc meljr, 
moljt aber einge ©teilen oberhalb ber „3htljeftätte 
ber gamilie 93 e ring", = unb gerabe biefer untoor* 
fjergefeljene 3ufatt brachte bie greunbe felbft nad^ 
bem Sobe einanber mieber nöfjer ; benu mein Sater 
marb nadf) feinem batb barauf erfolgten Sobe auf 
SSunfd) feinet SdfymagerS Gering (nid^t neben 
Julien, fonbern) in 33ering§ ©ruft gelegt. — 
3>c§ mar nod^ bei bem ©terbenben mit Sruber 
Sodann unb ber Sßirtfjfcljafterin Sali gebliebeu; 
e§ mar jmifdjen 4 unb 5 Ufjr, atö bie allenthalben 
Ijerangetriebenen bieten Sßolfenmaffen meljr unb meljr 
ba§ £age$lid(jt öerbunfetten, unb mit einemmal ent* 
lub ftcf) unter riefigem ©dfyneegeftöber unb Jpagel 
ein Ijeftigeä ©emiiter. SBie in ber unfterblidjen 
fünften ©tjmpljonie, mie in ber emigen neunten, man 
t)on ©erlögen fpradj, bie an ben ©djicffaföpf orten 
podfjen fottten, fo festen ber $immel ben garten 
©djlag, ben er ber ®unftmelt eben fdfjtug, mit feinen 
giganiifdjen Raulen fignatifiren ju motten. Um b 1 /^ 

11 



162 

Uljr mürbe id) ju meinem ßefjrer nadj $aufe ge* 
rufen. — Vßon 9ftinute ju SKinute mar bie enbtidje 
Sluflöfung ju ermarien; idj nafjm ben testen 2lbfdjieb 
öon bem flebenben, — menigften£ nod) Stt^menben. — 

®aum mar id) eine (jalbe Stunbe ju §aufe an* 
gelangt, fam audj fd)on bie SBirtljfdjafterin: ben um 
5 3 / 4 Uf)r erfolgten £ob un3 ju melben. ©ei bief em 
legten SKomente mar Stnfelm Jpüttenbrenner 
au8 ©reij jufdßig jugegen.*) 

2tloi3 gud)3 jeigte mir nadj Sauren — nidjt 
lang bor feinem lobe — eine äquarett^idjnung, 
meldje meinen SSater, Sdjinbter, Sotjann, 



*) Slnfelm $fittenbrenner fc^reibt in bem oben er- 
mähnten «riefe (20. Sfoguft 1860) an 91. SB. Sfja^er: 

„ Hl$ u$ am 26. 2Rär$ 1827 gegen 8 Ufjr 

Üßadjmittag in SBeetfjouen'3 ®d)laf$immer trat, fanb 
td) ba ben Derrn $ofrati) öon SBreuning, beffen (SoJjn 
unb bie grau tian ©eetljoben, 71 ) ©attin.be* Qo^ann 
üan $eetf)otien ©ut8beftfcer$ unb Styotljeferg au% 2m$, 
bann meinen greunb 3ofef £eltj<$er, Sßortraitmaler. 

3$ glaube, bafj aud) $err $rof. @d)inbler an- 
mejenb mar. ©enannte Ferren »erliegen nad) einer 2Betle 
ben mit bem $obe ringenben £onbtd)ter unb Regten menig 
Hoffnung, iljn bei iljrer SBteberfeljr no<$ lebenb an$utreffen. 
3n ben legten Slugenbliden SBeetfjoben'S mar außer 
ber grau bau SBeetljoben 48 ) unb mir — Sfäemanb im 
©terbejimmer anmefenb. " 

71 ) (Statt grau b. SBeetljoben foHte e8 SBtrtfd&afterin 
@ali Reißen. @8 beftätigt bieg SBerfemten meine unb 
2t. SB. S^er'g SBermutyung, bog ©ättenbrenner 6att 
für grau b. 93eetl)oöen $ielt. 8. b. %. 



163 

$uttenbrenner unb midf) atö Umftefjenbe be$ 
fterbenben 93eeil)otoen barftcHt. — (£8 märe biefc, 
roa$ ben ©terbemoment felbfi anbelangt, alfo nadj 
Dbigem ju benötigen, toa% ben ©terbenben be* 
trifft, aber richtig. 

9lffe£, ma§ jejji nodf) ju fagen lömmt, gehört 
nimmer bem lebenben, noclj unter un8 meilenben 
SBeetljoben, ber perfönlidj noclj mit un$ berleljrte, 
an, fonbem lebiglid) jenem 2lntljeite, ben fein @eniu£ 
burdf) itjn, burdf) feine unfierblicfyen ©djöpfungen fid) 
nad)!jaltenb gefdjaffen. 

Tragödia finita erat. — 

2tnberen £age§ erfdtjien ba8 $arte, bon meinem 
S3ater berf afct *). 2)anljaufer trug ftdj bei meinem 
SJater an, bie SobtenmaSIe machen ju bürfen, ma8 
audj gemährt mürbe. 3fteine3 3$ater3 hierauf bejüg* 
lieber ©rief finbet fidf) afö gaefimile in ©dtjtnbter'S 
3. 9lufl., H. S3anb. 



*) (Einlabung ju ßubtmg Dan SBeetfjoben'S Seiten- 
begängnifj, toeld&e* am 29. 23lfc% um 3 üfjr 9tod&mtttag$ 
Statt ftnben tmrb. — Wart öerfammelt fid) in ber SBoljnung 
be$ Serftorbenen im ©d&toarafoamerljaufe 9k. 200, am 
©loci« öor bem ©djottentljore. 5)er 3»9 begibt ftd) öpn 
ba na$ ber S)retfalttg!ett3*SHr(ije bei ben $. $. ERinoriten 
in ber Ätfergaffe. — 

$)te muftfalifd&e SBelt erlitt ben unerfefclidjen Jöerluft 
beS berühmten $onbid>ter* am 26. SRär* 1827, 8benb3 
gegen 6 ttyr. ©eet^ouen ftarb an ben gfolgen ber 
SBafferfud&t im 56. gaijre feine« SüterS, nad) empfangenen 

11* 



164 

$tn bicfcm Sage ereignete ftd) bie — bietfältig 
fatfdjtid) erj&ljtte — ©cene im Sieben* (©ompofU 
tion§*) Kabinette: SJater aar mit ©ruber Sodann, 
©djinbler unb Jpolj in be§ SJerftorbenen SBo^* 
nung gegangen, um nad) ben nadjgelaffenen papieren, 
namentlich nad) ben bem Steffen atö Uniberfaterben 
jufaHenben fieben ©tücf SSanfactien ju fudjen. 2Ran 
toufcte, bafc biefe borfjanben fein mufjten; aber 9tte* 
manb (jatte Senntnifj, too fte SBeetljoben aufbe* 
maljrt Ijatte. SRein SJater mar ber fixeren Über* 
jeugung, fie feien in bem (fdjon ermähnten) gelben 
©djreibfäftdjen jur Seite be3 »ettfäftdjenS. Stl^ fte 
meber fjier nod) fonft irgenbtoo ju finben gemefen 
unb Sodann bereite SJemerfungen fallen liefe, al§ 
ob gleidjfam nur jum Steine gefugt mürbe, lam 
mein SJater in feljr aufgeregtem 3uftanbe ju üfdje 
nad) §aufe, um gletd^ SRadjmittag£ roieber gemein* 
fd^aftlid^ mit ben Dbgenannten weiter ju fud)en. 
$)ie Scene mag, 93ater8 fpäterer Stufcerung gemäß, 
nadjgerabe jiemtid) unleiblid) geworben fein, afö ju* 
f&ttig $olj an einem au$ einem haften borfteljenben 

f)eil. ©acramenten. Der Sag ber ^jequien ttrirb nadjträg* 
lid) belannt gemalt oon 

8. t>an öeet^oöen'S 
SBerefjrem unb gfreunben. 
($tefe Äarte ttrirb in Zob. fcaalinger'* 90hiftf- 
Ijanblung öertljetft.) ©ebnuft bei Sfoton ©traufj. 

($en SBieberbeftfc eines Driginal-^artejetteÖ oerbanfe 
td) feit Äurjem einem gütigen ©efdjenfe meine« gfreunbe*, 
SRuftfbireftorS 3». 3>urft) 



165 

9JagcI jog, Ijierburdj ein gadf) unb mit il)m bic fo 
lange gefügten SBertpapiere nebfi anberen ©driften 
herausfielen.*) 72 ) 

2lbenb3 mürbe bic ©ection burdj Dr. $of). 
Sßagner, ben SSorgönger 3ftofitan£!t)'£, borge* 
nommen. 8ur genauen llnterfudjung ber feit fo 
lange fdjon beröbeten ©eljörorgane beS Sitanen im 
SReidje ber Söne mürben beiberfeitS bie getfentljeite 
ber @^läfenIno(|en burdjtt>eg§ auSgefägt unb mit* 
genommen. (SBie §ofratlj £tjrtt mir fürjüd), al§ 
er mir ben bon iljm aufbewahrten — unb feiner 
33etjauptung ju golge mit aßen S)ocumenten ber 



*) $iefe SBertfjpaptere ttmrben betmtad) md&t, mit bie 
©rajer SageSpoft trrtljflmlici) mitteilte, fammt btn 
Briefen an ©rftfm ©iultetta ©uteetarbt in bem 
„geheimen grad&e be$ jefct tnir geljörenben ©dbretbjmfteS" 
gefunben. 

72 ) 2Ba8 biefe enthielten, toorunter, wie idf) fpäter ber- 
naljm aud) bie SBriefe an bie „Unfterbltd&e ©eltebte" ge* 
roefen fein fotlen, unb toeld&er @d&ranf eS ttmr an bem 
jener tmdjtige JRagel ftaf, ljörte tdj bamalS nid&t. 2HS t<$ 
1863 ©djmbler in 93odenf)eun bei granffurt a./3tf. befugt 
unb tljn um 9fcäl)ere8 betreffs be3 ÄajtenS frug, ertoiberte 
er, bog e8 eiu getoöljnltdjer ßletberfd&remf getoefen. 73 ) 

«. b. 8. 

73 ) Mit Genugtuung konstatiert der Herausgeber, 
daß sich Dr. Gerh. v. Breuning trotz seiner Verehrung 
Thayers doch nicht irgendwie zu dessen Ansicht von 
der Unsterblichen Geliebten bekehren konnte. Nichts 
von Therese Brunswick. — Gräfin Guicciardi bleibt in 
Kraft bestehen! A. d. H. 



166 

Stecfjtljeit ausgestatteten — ©cty&bel SKojart^ gejeigt, 
erj&ljlte: Ijatte er biefe ©eljörorgane bamalS, atö et 
felbft nodf) Stubent war, in einem jugebunbenen 
©lafe geraume 3eit Ijinburdf) bei bem langjährigen 
©ection&biener Stnton 3)otter fielen gefeljen; — 
fp&tet feien fte berfctjollen.) — 9113 ©eetljoben'S 
Sörper beljufä ber borjuneljmenbett ©ection au§ bem 
83ette gehoben morben, gewahrte man erft, Wie fefjr 
ber Stermfte bur%elegen war. Selten Ijatte er im 
ganjen Verläufe feinet fd^toeren ßeibenS ein SBort 
ber Slage Ijören laffen, unb nur einmal finbet jtd) 
in ben GEonberfationäljeften eine barauf bejüglicfye 
©teile bor, wo mein SSater eine ©albe jur Leitung 
einer burcfjgelegenen ^autftelle berfpridfjt. 2Rel)r unb 
öfter Ijat er gegen mid) über bie ScJjmerjen geflagt, 
bie er an ber entjünbeten ßperationämunbe emp* 
funben. — 

2lm 28. SK&rj lag Seetljoben aufgebahrt im jwei* 
fenfterigen Simmvc bor ber £ljüre jum KompofitionS* 
cabinette, mit bem ©efidfjte gegen bie @intritt§tljüre 
Ijin gewenbet. 3)a3 ©eftdjt war burdf) ben Umftanb, 
bajs ba8 Unterfiefergelenf naef) IjerauSgefägten ©dfjläfen* 
fttod^en leinen §alt — weil feine ©elenfpfanne — 
meljr Ijatte, feljr entfteHt, unb jenem be£ Sebenben 
wenig meljr dfjnelnb (f. ©anljaufer'S fe^r getreue 
litljograpljirte ^ortraitjeid&nung bom 28. SRdrj). 

$tm 29. 9ftärj, atö i(t) mit meinem SJater in bie 
Srauermoljnung hinüber ging, unb einige $aare 95 e e t * 
f) oben' 8 abfdjneiben wollte, — SSater Ijatte mir biefc 



167 

erft bi§ gegen ba§ @nbe ber Stufbaljrung tljun ju 
bürfen jugeftanben, um ba$ 9lu§feljen früher tttc^t ju 
berunftalten — , fanben wir, bog frembe $änbe be- 
reite alle abgef dritten Ijatten.*) — 

•KadjmittagS 3 llljr fattb ba% Seidjenbegängnifc 
(Statt, ©d^ien Seetljoben mäljrenb feineS langen 
SeibenS bon ben SBienern naljeju bergeffen, fo fjatte 
bie Sunbe feineS XobeS bie Sebölferung au£ iljrer 
Xljeilnaljmlofigfeit gewaltig aufgerüttelt, ©djon ein 
paar ©tunben bor ber anberaumten $eit Ijatte fidf) 
eine SKenfdjenmenge maffenljaft bor bem ©djtoarj* 
fpanierljaufe angefammelt, unb unaufhörlich ftrömten 
au§ allen {Richtungen reifjenmeife Sljetlneljmenbe unb 
Neugierige fjinju. SBoljl bei 20,000 SRenfdjen beeften 
gebrängt ben fRaum bom $aufe btö etroa gegen bie 
©teile be§ ©laci£, roo bermalen bie SJottbfirdfje fieb 
ergebt. Stile Äunftnotabilitäten Ratten fiel) eingefunben. 
3)ie Sänger ber eben — unter 95 arbaja^ directum 

in SBien beftanbenen trefflichen SJtalienifcfjen Dper 

Ratten erilärt, am ©arge fingen ju motten. 2)a8 ©rängen 
unb SBogen ber Sftenfdjenmenge naljm beifpielloS ju. 
— 2113 ber ©arg über bie Sreppe gelragen unb 
hinter bem £au8eingange im Jpof fjingeftellt morben, 
mo nunmehr bie runbum fiel) aufftettenben SStalienifdjen 



*) Sfaber* behielt ftd) bieg bei @ d) üb ert. 211$ 
bejfen trbtfd&e SRefte am 18. Dctober 1863 ej^umirt würben, 
fanben mir bejfen $aare in bitter Sttenge, bon einem 
Elumenlranje umttmnben unb burd) ein Äammbrudjftficf 
äufammengeßecft, erhalten bor. 



168 

Sänger einen Irauergefang anftimmen wollten, be* 
gann man berart in ba$ $an£ ju fturmen, bafc ob 
be£ S&rmenS nichts ju berneljmen gewefen wäre. Sn 
33orau&fidjt be3 @ebr&nge& Ijatte mein SSater furj 
juuor au8 ber naljen Sttferfafeme einiget äRilttair 
erbeten unb jejjt ba$ £au£tl)or fperren laffen. 9tt§ 
aber nad^ beenbeter ©efang&feierlidjfeit ber Sarg ge- 
hoben, unb ba& Iljor wieber geöffnet worben mar, 
ftürjte bie 9Kenge au& bem $ofe unb oon ber Strafe 
berart weiterS Ijinju unb bem ©arge fidj anfd()tief$enb 
nadj, bajs wir SRädfjftsßeibtragenben : ©ruber 3 o 1) a n n , 
SJater, ©rf)inbler, iä), anftatt unmittelbar hinter 
bem ©arge, erft bann unb jwar weit rüdfm&rt§, in 
bie nur IjalbwegS ju ermögüdfjenbe Steige einjutreten 
gelangten, nadjbem ber ©arg fdfjon nalje ber ©dfe be$ 
Sftotfjen $aufe8 gefommen war. Sldjt Äapettmeifter : 
©ibler, $ummel, ©eljfrieb, $reu|jer,8Beigt, 
©tyrowefc, SBürfel unb ©dn&bacfjer, gelten 
bie ßnben be§ ©ä^rtud^eS. (©eljr ridfjtig fagt gerb, 
ig i Her in feiner fr 3)enffd^rift" unb in ber Sölnifdjen 
Seitung [J)cc 1871]): „$er ©arg war mit Sfrdnaen 
bebedt — Drben tagen feine barauf — SSeetljotoen 
fiattc nie einen erhalten." *)) ©ine grofce Stnjaljt oon 



*) (£8 mürbe mir emft erjäljtt, bafj, als Seetljooen 
feiner Seit befragt toorben fei: ob er für bie SBibmung ber 
neunten ©tympljome an tfdnig griebrid) SBifljelm III. einen 
Drben ober <$elb oon tljm ju erhalten wflnfdje, er ofyte 
oiel 9^ac^ftntten erwibert Ijaben fott: „®etb". — 3n tote 
weit bitö auf SBaljrljeit beruht, toeij} i$ mdjt; boclj fd&reibt 



169 

Xonfunftlern umgab ben ©arg, ®erjen tragenb. 2)er 
3ug festen enbtoS; bic Solfömaffen, bic fidfj in 93e* 
toegung gefegt Ratten, jäljllen naä) Saufenben; ganj 
Sßien festen auf bem SBcgc ju fein. — @$ ertönte 
©eetljoben'3 Xrauermarf dj (au8 ber GElabierf onate, 
op. 26), atö ber ®Qrg um bie (Sdfe be§ SRolljen £aufe$ 
bog, unb e£ ging nad) ber Sßfarrfirdfje in ber SHfer* 
ftrafje. — 3)ort an ben Stufen jur Sirene toermeljrte 
ftdj ba8 2)rftngen in gleidjer SBeife, wie jubor am 
©djtoarjfpanierljaufe, unb ber erbetene militairifd^e 
©dfjufc Ijatte fid^ in feiner abmeljrenben Semüfjung 
nun audfj abermatö gegen un3 gemenbet, fo baß mir 

SBeetljotoen am 7. Dctober 1826 an SBegeler: „SJton 
f)at mir ba etwas tjön bem SRotljett SlblerHDrben jweitet 
Waffe Ijören taffett; wie e3 ausgeben wirb, weife t$ nidjt; 
benn nie ljabe idj berlei (Styrenbejeugungen gefugt, bodj 
märe fte mir in biefem Seitalter wegen mand&eS 5(nbern 
md&t unlieb." (6. SB e g e 1 e r * 8 ^otijen ©. 50.) 74 ) — <£r 
erhielt einen SRing mit unterfdjobenen minber wertvollen 
Steinen. 74 ») • 

74 ) Neudruck des Herausgebers, S. 63 f. 

A. d. H. 

74a ) Man sehe das Nähere in des Herausgebers 
Quellenstudien: Beethoven und der preußische Königs- 
hof unter Friedrich Wilhelm IH. in „Nord und Süd" Mai 
und Juni 1889. Über den King ist dort zu lesen (Juni- 
Heft S. 872) : „Es wird nun erzählt, Beethoven sei beim 
Öffnen dieses Etuis (mit dem vermeintlichen Brillantringe) 
nicht wenig verwundert gewesen, statt des verheißenen 
Brillanten einen rötlichen Stein zu finden. Dieser Ring 
sei von einem Hof juwelier nur auf 800 fl. Papier taxiert 
worden." A. d. H. 



170 

nur unter $inweifung auf unfere umPorten §üte unb 
mit gewaltiger Slnftrengung enblidfj audj in bie bereits 
überfüllte Äirdje ju gelangen toermodfjten. 

•ftadj Ijier erfolgter feierlicher ©infegnung ging ber 
3ug bann nad) bem SBäljringer Drtöfriebljofe, tt)o an 
ber ©rabeSftette bie bon Seetljotoen'S greunbe ©rill* 
par jer gebidfjtete ©rabeSrebe Ijätte gefprodjjen »erben 
follen. 2)odf), ba e3 bamafö unterfagt war, auf bem 
geheiligten Orte felbft Sieben galten ju bürfen, fpradj 
§einridf) Slnfdfjüfc bie ergreif enbe 9tebe in weilje* 
boller Sprache am ©arge bor bem griebljoftljore. 
63 fehlte ber ordnen waljrlidfj nidjt, nid^t Ijier, nicf)t 
am ©rabe felbft, als ber mddjtige Sitane in bie enge 
©rube gefenft warb unb feine greunbe unb SSereljrer 
über feine §ülle bie erfte @rbe warfen. — 

Sielfadfj Ijatte man in biefen Sagen toemommen, 
ba§ man einen $rei§ geboten, 93eetfjotoen'$ ©cfyäbel 
erhalten ju fönnen, unb jwar fo nadjbrücllidj Ijatte 
fid) biefc ©erüdfjt Verbreitet gehabt, baft mein SJater 
mit Sodann, ©djjinbler, #otj fic^ befprod&en 
Ijatte, ob e3 nidjt geraten wäre, ben Sarg berfeljrt 
ju öerfenfen, b. Ij. mit bem gufeenbe ber Umfriebung£s 
mauer jugewenbet, bamit nic^t etwa, trofcbem bereite 
angeorbnet worben war, für mehrere ber erften 9Wd)te 
einen @rabmftd)ter ju beftetten, bennodfj — bei all- 
faßfiger ©djlftfrigfeit beffelben — bon Stufen Ijer 
unter bit äBauer Dinburdj mit ©rfolg naclj bem Sopfe 
gegraben werben fönnte. 3)odj man ftanb fdfjlieftlidjj 
bon ber 2tu8füljrung biefeS SSorljabenS ab. 



171 

(faiUjmrjer 1 * Worte, 

gefprodjen am ©rabe 93eetl)oben ; § 

burdfj 2(nfd(jüfc, 

ttmren folgenbe (mie ©riHparjer fic bamafö meinem 

SSater auf fein perfönlid&eS 2tnfudfjen mitgeteilt unb 

td) fic gleid) abgefd)rieben Ijabe): 

Snbem mir Ijier am ©rabe biefe^ Serblidjenen 
ftefjen, ftttb mir gleidjfam bie Stepräfentanten einer 
ganjen Station, be& beutfdjen gefammten 9$olfe3, trau* 
ernb über ben gatt ber einen Ijodfjgefeierten Jpätfte 
beffen, ma£ un& übrig blieb bon bem bafjingefdjmun* 
benen ©tanj ijeimifdjer Sunft, batertftnbifdfjer ©eifteä* 
blütlje. -Kod) lebt jmar — unb möge er lange leben ! 
— ber §elb be$ ©angeä in beutfdfjer Spraye unb 
Bunge; aber ber lefcte SKeifter be£ tönenben 2iebe£, 
ber Sonfunft Ijolber Sftunb, ber @rbe unb ©weiterer 
bon §änbet unD SBadj'ä, bon $al)bn unb äftojart'3 
unfierbtidjem Sftuljme Ijat aufgelebt, unb mir fteljen 
meinenb an ben jerriffenen ©atten be§ berftungenen 
©pietö. 

2)e3 berftungenen ©piefö! Sagt mid^ iljn fo 
nennen! 3)enn ein Äünftter mar er, unb ma§ er 
mar, mar er nur burd^ bie Sunft. 2)e$ 2eben§ 
©tadjjeln Ratten tief iljn bermunbet, unb mie ber 
Schiffbrüchige ba£ Ufer umflammert, fo ftolj er in 
beinen 9lrm, o bu be£ ©uten unb SBaljren gleidj 
Ijerrlidfje ©dfjmefter, be§ SeibeS Xröfterin, bon oben 
ftammenbe Äunft. geft fjielt er an bir, unb felbft 



172 

als bic Sßforte gefdjtoffen war, burdf) bic bu ehtge* 
treten bei üjnt unb fprad^ft ju iljm, atö er Mrab ge= 
roorben mar für beine QÜQt, burd) fein taube§ Dljr, 
trug er nod) immer bein ©üb im $erjen, unb atö 
er ftarb, lag'8 nod) an feiner ©ruft. 

@in ÄünfMer war er f unb wer ftc^t auf neben iljm? 

SBic ber Seljemotlj bie SKeere burcfjfiürint, fo 
burdfjflog er bie ©ränjen feiner SunfL SSom ©irren 
ber $aube bis jum Stollen be£ 2)onner8, bon ber 
fpifcfmbigftai SSermebung eigenfinniger Sunftmittet bi§ 
ju bem furchtbaren Sßunct, mo ba$ ©ebilbete über* 
gefjt in bie regeltofe SBiUfür ftreitenber -Katurgetoalten, 
atteS l)atte er burdfjmeffen, atteS erfaßt. S)er nadfj 
iljm fommt, wirb nidfjt fortfefcen, er wirb anfangen 
müfjen ; benn fein SSorg&nger Ijörte nur auf, wo bie 
Sunft aufhört. 

Slbelaibe unb Seonore! geier ber gelben &on 
SSittoria unb beS SRefeopferS gt&ubigeä*) Sieb! — 
Sinber iljr ber brei= unb bier*getljeittcn Stimmen! 
93raufenbe®ljmpljonie: „greube, fdfjönerSötterfunfen", 
bu Scfyroanengefang ! äRufe bet ßieber**) unb be§ 
SaitenfpiefS! fteHt eudf) ringS um fein ©rab unb 
beftreut'S mit Sorbeeren! 

@in Äünftler war er, aber auü) ein SRenfdf), 
Sftenfdfj in jebem, im Ijödfjften ©inn. SBeil er bon 



*) 3fn ber ©efammtauSgabe ber SBerfe ©rülparaer'S 
fjeijjt e8: bemfltljigeS. 

**) 3ft ber ©efammtauSgabe: 3Jtofe be8 ßiebeö. 



173 

ber SBelt fidfj abfc^Iog f nannten fte iljn feinbfetig, 
unb weil er her ©mpfinbung au8 bem 28ege ging, 
gefühllos. 3td(j, wer fid) Ijart weift, ber fliegt nidjt, 
fonbern fieljt, unb ftö&t ab! ©erabe bie jarteften 
Spifcen finb e£,*) bie am leidjtefien fidj abftumpfen 
unb biegen ober bredjen. $>a£ Uebermafc ber 
©mpftnbung weidet ber ©mpfinbung auS! SBenn er 
bie SBelt flol), fo war'$, weil er in ben liefen feinet 
tiebenben ©emütljS feinen ©tüjjpunft fanb, fidj iljr 
ju wtberfefcen; wenn er fidf) ben äßenfdjen entjog, 
fo gefd(jalj% weil fie nicfjt hinauf Wollten ju iljm, 
unb er ntc^t Ijerab fonnte ju ifjnen. @r war eins 
fam, weit er fein 3weite3 fanb. Slbcr bi§ jum 
Sobe bewahrte er ein menfdjüctyeS $erj aßen 9Ken- 
fdfjen, ein b&terlidfjeä ben ©einen, ©ut unb 33tut aller 
Seit**) 

@o war er, fo ftarb er, fo wirb er leben für 
alte 3eüen. 

3(jr aber, bie iljr unferem 93eg&ngniffe gefolgt 
btö ^ier^er, gebietet euerer Iraner. $)enn fein nieber* 



*) 3fn ber @ef ammtauSgabe : &d), wer fid) Ijart weife, 
ber fliegt ntd&t ! $te feinften @ptfcen finb e£, bie u. f. w. 

**) 3n ber ©efammtauSgabe: <£r ftol) bie SBelt, weil 
er in bem ganjen ©ereid) feines liebenben @emfltlje$ feine 
SBaffe fanb, fid) tljr ju wiberfefcen. ®r entzog fid) ben 
3Renfd&en, nad&bem er t$nen alles gegeben unb nichts bafür 
empfangen Ijatte. @r blieb einfam, weil er fein jweiteS 
3$ fanb. Slber bid an fein <$rab bewahrte er ein menfd)* 
lidje* #er$ allen SRenfdfyen, ein toäterlid&e* ben ©einen, 
©ut unb $lut ber ganzen SBelt. 



r 



174 

brücfenbeS, ein erljebenbe& ©efüijl ift e$, $u fielen 
am Sarge be£ 3Ranne$, toon bem man fagett barf, 
rote t)on feinem: er Ijat @rof$e& geleiftet, unb fein 
Säbel mar an iljm. ©eljt toon Ijier trauernb, aber 
gefaxt. SReljmt mit eudfj — eine Slume bon feinem 
©rabe — ba$ Slnbenlen an iljn unb fein SBirfen. 
Unb menn eudfj je im Seben, ttrie ber !ommenbe 
©türm, bie ©emalt feiner ©djöpfungen übermannt, 
fo ruft e3 jurüdf, ba8 Stnbenlen an Ijeute, ba§ Sin« 
benfen an iljn, ber fo ©ro&eS geleiftet, unb an bem 
fein Säbel mar. — *) 



SSon anberen an biefem großen Irauertage ber« 
öffentlichen unb bertljeilten bidjterifdfjeu Sftadjrufen 
fütjre id) nodf) an: 



*) 3n ber ©efammtauSgabe : 3$r aber, bie üjr nnferem 
©elette gefolgt bis Ijierljer, gebietet eurem ©djmer 5 ! Sßidjt 
berloren Ijabt tljr iljn, iljr Ijabt tyn gemonnen. Stein 
ßebenbiger tritt in bie fallen ber Unfterblid&feit ein. $er 
Seib mu& fallen, bann erft dffnen ftdj iljre Pforten. $en 
iljr betrauert, er fteljt oon nun an unter ben trogen aller 
Seiten, unantaftbar für immer. $rum feljrt nac^ §aufe, 
betrübt aber gefaxt ! Unb menn mä) je im Reben, toie ber 
fommenbe ©türm, bie ©eroalt feiner ©d&dpfungen über« 
mannt, roenn euer ©ntsücfen baljin ftrdmt in ber SKitte 
eines jefct nodj ungeborenen ©efdjledjtS, fo erinnert eud& 
btefer ©tunbe unb bentt : mir roaren babei, als fie iljn be- 
gruben, unb als er ftarb, Ijaben mir gemeint. 



175 

Beeteen* 

©ebid)t bon Soljann ©abticl ©eibl. 

3för ljabt tl)n felbft gehört! ftaum auSgeflungen 
#at nod) bie 9&eb', in ber er mit m$ fprad). — 
3^r ljabt i^n fclbft gehört! 9Rit Saufenb jungen 
SRief er bie (Sngel be$ ©efüljlg @udj nad). 

3^r ljabt iljn felbft gehört 1 — @e$ört? - ©efe^en: 
$enn toer tljn Ijört — ber fteljt <m$ bie ©eftalt 
3>e8 eblen SDieiflerS tjor ber Seele freien ! 
Äein 9ttaler malt tljn, nrie er felbft fid) malt. 

3u feinen grarben nimmt er fid) bie Älftnge: 
Sunt @runb, auf bem er malt — ba£ Sftenfdjenljera. 
$rein prägt er mit bem $infel ber Oefänge 
Sein ganzes Setjn, — fein ©ilb in Suft unb Sdjmerj. 

$drt feiner Äraft gewaltig emfte Strdme 
Unb fflx erbiidt bm SJtonn tooH (Srnft unb Äraft, 
SJ&r Ijört fein Sieb, unb fflfjlt e8: er befdjftme 
$er SünglingSfeele füge Setbenf d>aft ! 

$drt feinet SdjladjtenbonnerS mächtig $röljtten, 
Unb 3$r erblidt ben fampfbereiten (Seift; 
#ört feines OpferdjoreS «ßfalme tönen, 
3$r feljt ein ©erj, ba$ ©otteS S^ron umlreift. 

Salb toie bie Unfdjulb ljafdjt nad) Schmetterlingen, 
©afdjt er nad) klängen, lägt fie nrieber flielj'tt, 
Verfolgt fid) felbft in enrig anber'm fingen, 
Unb fc^milgt am ©nb' in meidet Seljnfudjt ijtn! 

Salb greift er in be$ 2tbtn& SBeltmeer nteber, 
Unb Riegelt feinen Äampf unb feine 9hif)'; — 
$alb nedt er fidj unb und unb fi$ bann nrieber, 
Unb Ijftpft burd) Spiel bem ett'gen ©mfte ju. 



176 



%anb für be$ äu&em fiebert wüfteS $oben, 
©fliegt er baS 01)r bem inn'ren fieben auf; 
SBir fe^n iljn, föttünbelnb, unfer'm ÄreiS enthoben, — 
(Sin neuer glug ift und fein fd&wftdjfler ßauf. 

50ad grrembe jtoingt er, freunblidj ftd) $u einen, 
Cr füljlt burd) ben Serjtanb, er benft burdj'S $erj ; 
®r leljrt und neuen 3ubel, neues ©einen, 
(Sin neu (Bebet unb einen neuen ©djer^. 

SBir fomen l)er jur Xobtenfeier 
IDttt ljetf'ger frönen fromm oerfoartem fReft ; 
SBir fo^n iljn, — unb e$ reißt ber ©rabeSfdjIeier, — 
$ie Sübtenfeier wirb ein ßebenSfefH 

(5r lebt! — (5$ lügt, wer iljn geftorben nennt! 
$er ©otme gleid), bie fommt, entjücft, oerftört, 
Unb — wenn üjr Xogwerf um — ftd) toon und trennt: 
©o lom auä) er — fo ift er Ijeimgeleljrt! 

@r lebt! ©ein fieben finb ia feine $öne; 
$a* reißt fein ©ort me^r ou« ber ©ruft ber SSBett! 
2fof (Snlel erbt ftdj'8 fort unb (gnfelsföljne, 
$ie'S woljl nod) tiefer als ben $fljn befeett! 

@r lebt ! 3ftr fat)*t üjn, hörtet tyn, unb tjdret 
ÜJhm toieber ttjn — mein motter Äranj oerblüljt: 
$ie einige freier, bie iljn würbig eljret, 
Begebt er felber ft# mit feinem Sieb! 76 ) 



76 ) Diese Gedichte nebst vielen anderen von Heinr. 
Börnstein, J. M. Fouquö, Baron Zedlitz, C. P. (Caroline 
Pichler) zur Totenfeier des Heros veröffentlichte zuerst 
J. v. Seyfried in seinem Buche: „Beethovens Stu- 
dien, II. Aufl. Anhang S. 54 ff. A. d. H. 







<5 
ß 

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<3 



177 

Slußerbem toaxi ttod^ ein ©ebidjt toom greiljerrn 
t>on ©djtedjta oertfjeUt, unb tt>eiter§: 

fittburig tum fieetlpueti's £eid)enbegim<}tttf|*e 

am 29. 2JUrä 1827. 
' 8im"3. 4F. Caftelli 

Sichtung öden frönen, meldte fliegen, 
SBenn ein braoer SRann gu ®rabe ging. 

SBenn bie greunbe SrauerreÜjen fdjliefeen, 
3)ie ber ©elige mit Sieb' umfing. 

3)odj ber Xrauergug, ber Ijeute wollet, 
©trecfet fid&, fo weit ba& ftimmelSjelt 

<$rb' umfoannt, fo weit ein $on erfdjaflet, 
Unb um bieten lobten weint bie SBelt. 

$)o$ um @ud) allein nur mufft iljr Ilagen I — 

$Ber fo $0$ im ^eiligt^ume ftanb, 
Äann ben ©taub ntdjt meljr, — er iljn ttid^t tragen, 

Unb ber (Steift feljnt ft# in'3 ^eimat^lanb. 

$)arum rief bie SJtofe iljn nad) oben 

Unb an iljrer ©eite fifct ber bort, 
Unb an tljrem Xljrone ljört er broben 

$önen feinen eigenen Slccorb. 

Slber Ijier fein ^fagebenfen weilet, 

Unb fein Sßame lebt im 9Ruf)me3*£id)t, 

3Ber, roit er, ber Seit tft oorgeeilet, 
$en ereilt bit Seit gerftörenb nidjt. 



Unmittelbar nad) bem beenbeten Srauergeleite er* 
eignete fid) aber folgenber aljnung&jotter SSorfatt: 

12 



178 

granj Sdjubert, SJenebict Sftanbljartinger unb 
granj Sadfjner gingen jufammen in ba§ ®aftljau£ 
jur „äRe^grube" am SReuen äRarft. SRan bcftcHte 
2Bein, unb Säubert erljob ba8 gefüllte ®la§ mit 
bem 3tu§rufe: „Stuf ba£ Stnbenfen unfere$ unfierb* 
ttdjen ©eetljotoen! 11 unb, at§ bie ®läf er geteert waren, 
füllte er e§ jum anberen äRale, auSrufenb: „SRun, 
unb biefe£ auf benjeniger Don un$ dreien, ber unferem 
53eet^otoen ber ©rfte nachfolgen wirb!" — Unb er 
^attc maljrücf) in propljetifdjem ©eifte bie $obe§* 
afjnung leiber fid) gefprodEjen ; benn fd)on im folgen^ 
ben 3afjre: 1828 am 19. SRotoember ftarb auef) biefer 
£on*®eniu£, öon toeldjem Seetljotoen auf bem Sterbe* 
bette gefagt: „SBafjrljaftig, in bem Sdjubert tooljnt 
ber göttliche gunfe." Unb nur fünf ©rdber feit* 
roärtö, oberhalb feinem großen 33orbitbe, Ijatte aud) 
er bie — in feinen gieberpfjantafteen — „junädjft 
SBeetfjotoen" gettmnfcfjte fRu^cftättc erhalten. 

5)er S3eftattung3feter folgte nadf) einigen lagen 
(3. Stprit) bie firdjtitije geier be§ SeetenamteS. Sn 
ber !. I. £ofpfarrfirdje ber Sluguftiner foßte 9Ko jart '& 
unfterblid)e§ Requiem für ben unfterblidjeren SBeet* 
fjotoen abgehalten merben, unb babei bie italienifcben 
Sänger mitttnrfen. $>er ^mpreffario 93 a r b a j a 
tjatte jebtoebeä öffentlidje Singen feiner engagtrten 
Sänger aufcer bem Sweater contractlid) unterfagt. 
3)er battnber ^anbelnbe verfiel einem $önal öon 
200 ®ulben. $)er unübertroffene £ ablade jebrd) 
erflarte in feiner Segeifterung für ©ect^oüen^ SRaneit 



179 

— unter fofortiger Ueberfenbung ber 200 ®ulben 
an Sarbaja — furjmeg unb bünbig: bafc er fingen 
tt>erbe. 3)ie Sirene fa^ic f aunt bie fic§ berfammetnbe 
SRenfdjenmenge. 3d) ftanb mit meinem SJater an 
©anoba'S $enfmal für (£fjriftinen — Softer 
äRaria SljerefiaS, ©emaljlin be§ &erjog§ 3Hbrerf)t 
Don Sefdjen — angeblid) bem afuftifdjeften Orte in 
biefer Sirene. 9ftemat§ Ijat irgenb Semanb ba$ Dies 
irae fo ttrieber fingen fjören, eine fo toeifjebotte Sluf* 
füljrung be§ Sftequientö erlebt, afö an jenem Sage. 
Sab!ad)e'§ ©timme jur 5ßofaune, ber ergreif enbe 
SRoment — 9lHe§ mirfte erfdjütternb jufammen. 

2lm 5. $tyril roarb ferner in ber ®art§fird)e 
©fjerubini'3 Requiem ju gleicher geier aufge* 
füijrt. W) 

3)od) tt)ie um fo fc^merjüc^er berührte e£ un§, 
fcfyon nad) menig Jagen — nod) in bemfelben SWonate 
Stpril — bie für un§ geheiligten 9täume im ©djroar^ 
fpanierljaufe burd) bie Sijitation ber £au§gegenftänbe 



76 ) »eaeidjnenb ^ebt ein geuiöeton beS Sßeuen SBiener 
Sagblatt (10. Dctober 1878) „ $ie geitungen beS alten 2Bten" 
(untertrieben ©einriß SSornftein) Ijeröor, bog nadj bem 
am 26. 3Rärj 1827 erfolgten $obe ©eetljoöen'S unb bem 
Seidjenbegängniffe am 29. 9ttär$, öotte ge^n Sage in ber 
Xljeatergeitung feinerlei ©rtoäfjnung öon obigen beiben (Sir* 
eigniffen gefdjaf), am 5. Styril ein barauf begüglitf)e3 ©e- 
bidjt, oon Jpeinrid) 33ornftein, am 10. Styril bk $Begräbni6= 
befäreibung unb mehrere ©ebitf)te öeröffentlidjt würben, 
am 9. guni aber erft wegen (Senfur^emmungen ©riß= 
parger'S ®rabrebe. 51. b. $. 

12* 



180 

au$ Seetljoben'3 9?adjlaffe enttoeifjt ju feljen. 
©ine iämmerlidje Stnjoljt bon Problem Ijatte ftd) 
eingefunben, unb bie unter ben Jammer gebrachten 
S?leibung§ftücfe ttmrben Ijerumgejerrt, bie 9fteubel be= 
fdptuppert, furj 9tlle§ Ijerumgeftofcen unb berfetlfdjt. 
9ftein fdjon tttöljrenb SBeetljoben'S Sranlljeit, ttrie au§ 
ben ©onberfationSljeften ju erfeljen, ttrieberljolt leibenb 
gemefener SSater tljat ftd) bie ©etoalt an, berfelben 
nadfj Sljuntidjfeit bei jutoofjnen, ,,bawit ber ©rbe nidjt 
burdj affenfalfige Unterfd)leife in feinem gntereffe 
berfürjt toerbe." 3dj begleitete tljn. ©§ toarb un§ 
getoaltig enge um'3 £erj. $>a§ fdjtoarje unb ba§ 
gelbe SMftcfyen, ba§ mir bem Sebenben fo oft in'§ 
SBett gereift, erftanb mein SJater — mitlijitirenb für 
fid), ben ©djreiberottpult, ber im ©abinette linfä Dom 
©ingang^jimmer geftanben, fammt Stellage au§ bem 
©d^Iafjimmer erftanb er für feinen greunb £ofratlj 
SBaron 9t euft äbter (er fam nadfj beffen Xobe in 
meinen SJeftjj), ben Dberöfdjöpfer erftanb er für 
meinen ©labier leerer Slntor geller (and) btefer 
Söffet lam, nadjbem geller barauf rr A. H." einer* 
feitö unb anbererfeitö rr S. b. 33eetljoben, geftorben 
am 26. SRärj 1827" — grabieren tiefe, nadf) beffen 
£obe in meinen SBefifc). ©raf'§ ©labier toarb bon 
bem gabrifanten juruef genommen ; 93roabtooob'§ 
©labier, ba8 jur SJeräufeerung lann, faufte mein 
SSater nid)t, meil e§ nur btö jum C ging, unb 
ben 2tnforberungen ber neuen — SBeetljoben'fdjen 
3eit fomit nidfjt mefjr entfpracfj. S)en SBibliotfjet* 



181 

laftcn au£ bem ©ompofitionSfabinette bürfte gleid) 
bamalS ein gräulein Sinnader erfianben Ijaben; 
betin nadj intern lobe fam au3 ifjrer Sßertaffenfcfjaft 
2C. SB. Sfja^er in beffen SBeftfc. (f. @. 91.) 

Set) aber erhielt nod) bie titljograpfjifdje 2lbbilbung 
ber 93eet^oben=3JtebaiEe Subnrig^ XVm. in fdjmaräem 
Stammen, eine Sföagnetnabel, unb jmei ©amenpor* 
traitö, beren eine£ ber nod) tebenbe ©raf ©allen* 
berg al§ jenes feiner SKutter (geborene ©iulietta 
©uicciarbi) erfannte. 

3n golge biefer — gemüt^aufregenben — 93er* 
fteigerung in 93eetljoben'& ©terbejimmer erlitt mein 
SSater atöbatb eine SKecibibe, er marb teberfranf in 
fdjleid)enb=ent}ünblidjer SBeife, balb bettlägerig, unb 
— am 4. 3uni beffelben SafjreS Watytö 12 Uf)r — 
um biefelbe nädjtlitf)e ©tunbe, mie feine Sulie — 
folgte er feinem Ijefjren greunbe in ba£ 3>enfeit§. — 

Jpierburd) marb id) in eine ganj beränberte Seben^ 
ridjtung gebraut, unb, nod) nicfjt 14 3»af)re alt, ge* 
fcfjafj e§ mir, baft id) bon ber 2lu£fdjreibung ber 
äioeiten Sijitation (9?obember 1827): — be$ geiftigen 
9?adjtaffe§ Seetfjoben'S — erft fjmterljer fennt* 
nijj erhielt; baljer nicfjtö bon aEen ben f oftbaren 
Sftanufcripten unb Slutograpfjen befifce, meiere in 
Slnberer §änbe gelangten, burdjgeljenbä auf mot)l* 
feile, mitunter auf gar billige Slrt; um fo weniger, 
at§ mein SSater mir ftrengften£ unterfagt Ijatte, ba§ 
SMinbefte mir anjueignen bon aEe bem, ba£ mir ber 
lebenbe 93eet§oben mit boEen Jpänben gefdjenft {jaben 



s* 






182 

mürbe, menn icfj, bamalä baran benfenb, iljn barum 
gebeten Ijätte. — 

(Sin im ©aale ber Sanbfiänbe ju äBieit k>eran= 
fialteteS ©oncert, burdE)tt)eg§ be§ 3)al)ingefcf)iebenen 
©ompofitionen toorfüljrenb, Ijatte bcn Qtotd, ein ®rab* 
monument bon bem Srtrage ju errichten. — 3$or 
bemfelben ftanb btö bor wenig JJaljren eine Strt SSeiben* 
bäumten, beffen einjelne Stattet atö gepflüdEte 81ns 
benfen moljl allenthalben in ber SBelt Verbreitet fidf) 
öorfinben mögen, baä aber bor einigen Saljren ab* 
borrte. — 2)a§ ®itter nm ba% ®rab ift eine Butljat 
au§ bem 3fa^re ber ©j^umirnng: 1863. — 

(Sine ganj abfonberlid) naibe SRoHe fpielte einige 
Saljre Ijinburcf} naef) be§ großen „§irabefifcer£" Sobe 
beffen ©ruber „®ut§befijjer J \ £atte fidj biefer mäljrenb 
£ubmig'§ Seben unb ©Raffen für beffen SBerfe 
nur ob be§ barauS erjietbaren ®ett>inne£ intereffirt, 
fo ftrebte er e§ nunmehr an, ben anerfennenben 39e* 
ttmnberer berfetben jur ©dEjau ju tragen. 3n ber 
erften SBanf be£ (£oncertfaale§ bei ben Aufführungen 
ber Sonbic^tungen feinet beworbenen 33ruber3, fiattlid) 
ljerau§gepufct (blauer gradf, tüetge SBefte), fifcenb, liefe 
er nadE) beren jebe§maliger Seenbigung laut freifdjenbe 
33rabi au£ feinem breit aufftappenben äRunbe er* 
flauen, ttmcf)tig baju mit feinen fnodfjigen, meifc aber 
plump beljanbfdfjuljeten £änben flatfdjenb. S)iefe über* 
großen, ginger*überbogenen Jpanbfdjulje roaren aber 
au<$ nodj anbermeitig bielfadjj ju feljen; namentlich 
matten fie fi<$ unb ifjren Präger meiern bei ben 



183 

eleganten Sßraterfaljrten bemerfbar, too 3fo^ann jwei, 
metftentljeite audf) öier plumpe, fdjwer*bef girrte ©raune 
öon ber Jpölje eine3 altmobifdjen <ßljaeton8 au$, auf 
bem er bann fteif fafc, eigenljänbig futfdfjirte, ober in 
bem er, wenn fidj fahren laffenb, wie Ijingegoffen 
lehnte, — hinter ftdf) jwei breit*, aber berfdjoffen 
gotb^gatonirte SDiener auf bem jweiten SBagenftfce. 
S3on biefen ging bie ©age, baft nur ber eine ber 
Sutfdjer, ber anbere aber ber für folcfje ©pajierfaljrt 
jebeämal befonberS jum Safaien coftumirte §an& 
meifter au$ feinem SBotjnfjaufe in ber Slßeegaffe ge* 
toefen fei. *ßferbegefdf)irre unb bie beiben Storeen, 
tueldfje tfjrer Dualität unb (Schnitte nadjj bem Sröbel= 
ntarfte entnommen waren, fotten übrigen^, wenn eben 
außer ©ebraudjj, in ^oljann'ä SSorjimmer aufbe* 
toaljrt gegangen Ijaben. Solcher Stufjug unb über* 
§aupt bie ©efammt*®rf Meinung biefeä, Subwig aud) 
förperttdf) ganj unähnlichen, 33ruber$3ofjann (langet 
©efidfjt, grofte 9iafe, ein Sluge naefj Stufen fcfyielenb, 
ben breiten 9Kunb mit bem einen SBinfet ftätig fdfjief 
auftt)ärt§ gejogen, toa% feinem ©eftdjte ben 2lu§brucf 
ftetö fetbftgefättigen 2ädE)etn§ gab) erwarben iljm att* 
gemein ben ©pikanten „Srjfjerjog Sorenj", nadj 
bem belannten ©pridfjworte, bafc man bei einem fdjön 
auäjufeljen fidj beftrebenben, carrictrt ftdE) benehmen* 
ben SKenfdjen bebauere: baß ifjm nidf)t£ weiter abgebe, 
afö fdjabe, bafc er nidjt Sorenj ^etfee. ^oljann ftarb 
in SBien im Januar 1848. ©o wenig adjtungSwertfj 
er fid) ju Sebjeiten feinet SruberS erwiefen, fo lädjer* 



l£ÜL 



184 

lid) fjat er fid) nad) beffen lobe gezeigt. 2)ie SBittne 
be£ Steffen (£arl befiel fein getroffene^ Portrait. 

Seine meljrfacf) berüchtigte ©djroftgerin, bie 
SBitme beS ©ruberä (£a$par ©arl, ftarb erft öor 
wenig ^a^ren in 99aben hex SBien. 

SSon iljrem ©ofjne, htm Steffen Karl lebt nod) 

— U)ie bereite ermähnt — bie SBitroe, ein ©oljn 
SJubmig unb toier achtbare £öd)ter; öon biefen brei 
öerfjeiratljet. 3m ©eftdjtöau&brucfe ber jüngfien 77 ) (nod) 
lebigen) motten Sljatjer unb ity manche 9lel)nUd)feit 
mit bem unfterblidjen ©rofjonfel finben. — 

Sftadjbem enblicf} im Saljre 1845 99onn bie $ronje* 
Statue feinet großen <Sof)ne£ au3 §dljnel'$ Siinftler* 
tjanb unb unter groftmüttjiger SKitmirfung granj 
SiSjt'S, aud) ber „Söeetfjoöenroeg" bei Jpeiligenftabt 
(nädjft SBien) burdj Äunftfreunbe — unter tfjätiger 
äRitmirf ung be3 £of f apettmeifter$ 93. 9tanbf)artinger 

— eine 93ronjebüfte au£ gernfom'S Atelier er* 
galten, beranlafcte bie Eingeworfene 93emerfung unfereS 
SJiolinöirtuofen unb artiftifcfjen 3)irector$ So f. JpelU 
meäberger: „SSeetfioüen'a unb ©djubert'§ ©ruber 



77 j Diese im Wiener Konservatorium der Musik 
ausgebildete Großnichte des Tondichters, Hermiue 
van Beethoven, vermählte sich späterhin mit einem 
Beamten Namens Axman. Hermine Axman scheint 
noch in oder bei Wien (Krems) zu leben. Mit Hermine 
und ihrer Mutter Caroline, der Witwe des Neffen, habe 
ich viel korrespondiert. A. d. H. 



185 

mären trielfadjen ttnbilben attjufefjr atögefefct", btc 
3)irection ber ©efcttfc^aft ber Sftufiffreunbe in SEßien 
$u einer commtffioneflen äJefidjtigung biefer beiben 
©rabftetten, unb, im weiteren Verlaufe ber Debatte, 
ju bemSSefdjIuffe: rr bie trbifdjen lleberrefte SBeettjotten'S 
unb Sdfjubert'ä bor bem Umftcfygreifen weiterer 3$er= 
mefung ju fidlem. u (©ielje: Stctenmäfjige ®arfteßung 
ber SluSgrabung unb äßieberbeifefcung ber irbifcfyen 
Ütefte bon 33eetljoben unb Säubert. SBerantaftt burd) 
bte 2)irection ber ©efettfefjaft ber 2ftufiffreunbe be3 
öfferreid)tfdf)en SaiferftaateS im Dctober 1863." SBien, 
bei ©erolb, 1863.) — 

SSon mebicinifdfjem ©tanbpunfte brängt e§ mief} 
bei biefer 2lu£grabung, (roetdjer bon ben in SBien 
anroefenben SDittgliebern meiner gemilie auefy mein 
Sofjn ©erwarb unb meine jüngere ©djroefter 3Warie 
betgemoljnt f)atte;n) aber roeiter$ nodf) ein Sßaar Stanb* 
bemerlungen Ijinjujufügen, meiere in ber „SlctenmäfjU 
gen $arfiettung" minber ijerborgeljoben erfdjetnen: 
©£ mar pfjijfiologifcfy fjödEjft tntereffant, bie compacte 
3)icfe be£ äketljo&en'fcfyen unb hingegen bie &arte ge* 
rabeju meibüdfje ®ünne ber ©dfyäbelbecfen @df)ubert ; § 
mit bem Sluäbrucfe ifjrcä 9Kufifdf)arafter3 in ber £Ijat 
in gerabem 93ert)<Ütniffe übereinftimmenb ju finben. 
^lufjerbem jetgte fiefj bte ©aumenfldcfye 33eett)oben'£ 
au3nafjm£metfe eben unb bie obere Saljnreifje in über* 
vafdjenber SBeife nadf) bome ju faft in geraber (fjori* 
jontaler) fftid^tung au§ ifjr ijerbortretenb, roa£ im 
2eben burdjau§ nidE)t mtf)x als burd) mulftige 3$or* 



186 

bilbung be$ SRunbcS ju bemerfen mar. ©benfo tft 
befonbee§ bemerfenSmertlj, bog ftc^ bcr lefcte untere 
linföfeitige äRaljljaJjn feljr gut mit ®olb plombirt 
borgefunben. @$ erfdfjeint biefe in boppetter 8e* 
jiefjung auffällig ; benn e$ gehört jur 9lu$na()me, bafc 
ju jener 3eü (in ben 20 er Sauren) föon — menn 
audf) nur mitunter — fo gut plombirt roorben, unb 
e§ nimmt überbiefc roaljrlidj SSunber, ba§ 93eetl)oben'£ 
©ebulb jur SSorna^me fold) immerhin ©ebulb er* 
Ijeifdjenber Operation ankarrte. — 3)ie ©dj&bei 
SBeetfjotoen'a unb ©<Jjubert'§ mürben bei biefer ©elegen* 
Ijeit burd? 3. 93. Sftottma^er (jefct in Srieft) pljoto* 
grapljirt, ©tjpSabgüffe burdfj SJilbljauer SSittmann 
0e£t in ©(^med^at bei SBien) angefertigt, unb, roenn 
Seetfjoüen'a ©dfjäbet B^nlüdEen meift, mftljrenb er bodE) 
im ßeben beren nid)t Ijatte, ift e§ bie gotge, meü bei 
ber ©jljumirung einige 3&!)ne nidjt aufgefunben tnorben 
roaren. — SS ttmrb bieg 2ttte$ binnen neun Sagen 

— bom 13. btö 22. Dctober — betoerfftettigt. 3$ 

— atö $irection§mitglieb an ber ©efeHfdfjaft ber 
STOufilfreunbe — Ijatte bie SSertoaljrung be§ ©dj&bel'§ 
93eetljoben% nrie mein ©oHege Dr. ©tanbtljartner 
jene ©d^ubert% ju biefem 33eljufe übernommen. SBeld) 
aufregenbe ©efüfjle beljerrfdfjten bamafö mein ©emüt^ 
leben, mächtig alle {Erinnerungen toaä) rufenb, al£ id) 
btefe furje «Seit fjinburdf) im aSeftjje jeneS SopfeS ge* 
toefen, ifjn bon ben ifjm anflebenben (Srbtljeiten reinigte, 
©QpSabbrucfe toon beffen ©dfjdbelbaftö für Sßrofeffor 
9tomeo Selig mann abnahm, ifjn Staats neben 



187 

meinem 33ette öertoaljtte, tut) jenen tobten &opf ftolj 
bettra^tc, a*8 beffen Sftunbe id^ ta>r Sauren fo oft 

baS tebenbe 28ort bernowmen! 

6rp lange nadfj SBeetljoben'S Sebenäjeit, to&ljrenb 
melier gar triele, ja bte metften ber eben Ijerbor* 
ragenbften SBerfe, ate nie öerftanben, gerabeju bei 
©eite gelegt toorben toaren, 78 ) (man benfe nur an 
t>tö ©cljuffal be3 93ioüns<£ottcerte8, ber D*2Reffe, ja 
fetbft ber neunten ©tjmpljonie unb beä gibeüo, u. f. to., 
u. f. to., ber legten — toie man fie ju bejeicfynen 
lange beliebte: „berrueften" Duartette gar nicfyt ju 
erto&ljnen), gelang e£ enblidjj bon ^Beginn ber 1840 er 
Saljre an ben unerntübeten SBemüljungen eine$ötto 
Nicolai, 3of. ipellmeäberger, grau (£lara 
Schumann, 3ol). JperbedE, Otto 3)effoff 
u. a. buref) beljarrlidje SSorfü^rungen biefer SKeifter* 
Weitungen bie SBeetfjoben'fdje 2Rufe in SBien jutn 
SJerftänbnifj unb ©enuffe iljrer Srfjabenljeit unb 93c^ 
beutung ju ergeben, unb bie gl&n jenbften Aufführungen 
biefer ibealen Xontoerfe, bereu .ßaljt 3. JpellmeS* 
berger ganj furjlid) nodjj burdf) ©ntbeefung unb 
treffli^e 9tu£füljrung eine& neuen Smoetö: be& erften 
©afce§ etne8 anberen SSioluuSoncerteS nämlidf) (im 



78) Dr. g. fcffler fagt (ffölnifd&e Bettung 17. S)ec. 1871) 
fe$r toaljr: „(St (»eetjjoöen) gab bem SBiener Sßublifum bie 
Gelegenheit feine SBerfe öor aßen Stnberen $u ijören, eine 
Gelegenheit, meldje baSfelbe nid&t immer benüfcte. 

«. b. $. 



s* 



188 

ardjtoe ber ©efellfdjaft bcr äRuftfframbe Säien'S), 
bereicherte, lohnen jefct in fid) br&ngenber golge bie 
barem fid) nimmer fdtttgenben 3»^örer. 79 ) 



79 ) „S)a« großment btefcS erften ©a$e$ ^ot 3of. 
$ettme3berger toottenbet trab mir getmbmet B. b. JB. 



$ln(jang 



I. 
ätts Üeetyouetfs ÄontJetfatiotts^eften. 

3$on Dr. ©erwarb öon ^reuning*) 

3)a8 langjährige, fcpefciid) btö ju bölliger £aub* 
^cit geftcigertc ©eljörteibeu SBeetfjoöenä machte e§ be* 
fanntlid) nottnenbig, ba$ ©efprdd^ mit ifjm fdjrifttid) 
51t führen. (Schiefertafel mit ©riffet unb in öftaö* 
form gefaltete^ unb gefjefteteä «Schreibpapier famt 
SIeiftift tnurben beSljalb ftetö im £aufe bereit ge* 
galten, biefe Jpefte aber tnaren aufcer Jpaufe feine 
fteten Segleiter. SSon biefen Sonberfation£fjeften finb 
an 130 burd) Slnton Sambier erhalten, inbem er 
fie au$ bem SKadjlaffe be£ ®rofcmeifter£ auflag fammelte 
unb orbnete, aud) tooljt mit Slnmerfungen unb ®r* 
Iduterungen berfafj. Sambier, abfolbierter gurift 
unb bamatö in einer 2tbbofatur£fanjlei angefiettt, 
gleichzeitig aber aud) $Biotin*3)irigent im ^ofepfjftäbter 
Sweater in SSSien, ttjarb fpäter SRufifbireftor unb 
^rofeffor ber Sonfunft in SRünfter unb 93eetf)ot>en§ 
erfter ausführlicher Siograpfj. ©r ftarb in Soden* 
fjeim bei granffurt am SWain im 3a§re 1863. 



*) @. SeuiUeton ber „Stfeuen freien treffe" Dom 
31. Rentier 1886. 



192 

®a3 erftc biefer un3 erhaltenen Jpefte batiert au§ 
beut 3afjre 1819. ©ie finb jefet ©igentum ber 
föniglidjen 93t6Iiot^cf in ^Berlin, toetclje fie nebft an- 
beten Reliquien 33eetljoben£ burcf) ®auf an fid) ge* 
bracht Ijat. 3>n biefen $eften finben jtcfj jiemtidfj alle 
ober bodf) bie meifien Sßerfonen burdf) iljre ©efprädje 
bertreten, meldte mit SBeetfjoben in Serüfjrung lanten. 
(©elbftberftänblidj fehlen meifienteitö bie bon Seetljoben 

— meil münbtid) — gegebenen Slnüüorten.) SRein 
langjähriger greunb, ber berühmte SeetljoöensSBiograplj 
Stleyanber 2B(jeetocf I^a^tr in trieft (eljebem ame* 
rifantfdfjer Sonful bafetbfi), Ijatte e§ erreicht, genaue 
©infidjt in bie borfjanbenen Jpefte nehmen ju lönnen. 
6r mar fo freunbticf}, mäljrenb meinet me^rmödjent* 
lidjen Aufenthaltes in Srieft im September 1886 
mir toiele$ barauS mitjuteilen unb meinem ©eb&cfjtniffe 
bejüglidf) be£ IgnljaltS berfelben hiermit triebet nadj* 
juljelfen; finb boc^ biefe £efte alte Sefannte bon mir, 
meldte idf) felbft — abmed)felnb mit ber Schiefertafel 

— benufct unb mäfjrenb meiner faft täglichen Sefud^e 
bei SBeetfjoben oft unb oft burd)blättert Ijatte. 

SBenn fdfjon bie SSeröffentlidfjung eineS Sriefroed^fetö 
mit ober jnrifdjen (jerborragenben Sßerf onen IjoljeS 3nter* 
effe burdfj ben ©inblidf in bie $enfung§art berfelben 
unb in bie inbtoibuellen unb Beitüerljältniffe gemährt, 
fo geftaltet fidj bie ©infidfjt in bie bom Augenbtidfe 
angeregten ®efpräd)e mit einer Sßerföntidfjfeit bon ber 
Sebeutung SeetljobenS um fo eigentümlicher, als folcfje 
Sonberfation al$ gerabeju einjig beftefjen bürfte unb 




Dr. ©erwarb von ^reuning 



193 

fo rect)t 93eetfjot>en£ innerfteS, eigenfteS Sßefen, tag- 
üd^e§ ©ebafjren wtb jene3 feiner $tit unb Umgebung 
überliefert, ©ef djdf ttidjeS , 2ltttägtid()e3 unb ttrieber 
3beate§ finben jtdj in biefen §eften bidfjt neben ein* 
onber ober in bunter gotgenreilje gemengt, Ijtn unb 
ttrieber burdf) 93emer!ungen, Sted^nungen unb 9?otate 
fcon $8eetfjot>en§ eigener §anb unterbrochen. 

£!jat)er, bermalen eben nodf) fetbft gebrängt in ber 
Slrbettöjeit mit bem f<$tt>er ju bemättigenben Sßateriat 
für ben feierten (legten) S3anb feine§ grofjen 38er!e8 
über SBeetfjofcen, fjat mir — im Sfntereffe ber ©adje 
unb ber ©dfjdjjer ber 93eetljot>enfd)en SRufe — ge- 
mattet, einige ©teilen au§ jenen Jpeften toorlftuftg ju 
fceröffentltdjen. 

3$ tüd^ltc bie beiben fotgenben ©efprädfje, meit 
ba% eine bon unb über unfern ©rittparjer, ba§ anbere 
ebetffattä t>otr einem fjeimifdfjen 3)tdjter, auf ben mir 
mit Stecht ftolj fein lönnen, bon Kljriftian Suffner, 
geführt mürbe. SJeibe ©efprädfje flammen au§ jmei 
ipeften be3 %a1)T& 1826. $)a3 erfte ber $efte, benen 
biefe SRitteilungen entnommen finb, batierte ©dfjinbler 
t)om „9ftai ober Sinti 11 . £fjat)er3 genaue gorfdfjung 
fcerfejjt bie Qtit in ben Stpril, unb bie§ ift richtig; 
benn gleidj im beginne be^felben ftefjt bon ber §anb 
be§ Steffen SBeetfjotoenS gef dfjrieben : „SRorgen SRittag 
fahren ®e. Sftajefi&t jum erftenmal au$." ®iefe 
$tu8faf)rt be3 ftatfetö fjfranfr, bei foetdE)er fidf) bie 
bereite rodljrenb ber tebenSgefciljrüdfjen (Srlranfung 
(einer ßungenentjünbung) fcon ber SBetoölferung an 

13 



194 

bcn £ag gelegte beforglidfrfte leitnaljme jur 93egetfie= 
rung fteigerte, fanb aber am 9. Slprit, mittag^ 12 Ufjr, 
in ^Begleitung ber Satferin ftott. (©. SBiener 3ethmg 
t>om 10. 9fyrU.) 

SBeetljotoen mar ausgegangen, unb #olj (junger 
^Beamter bei ben öfterreid^ifd^en ßanbftänben unb 
gteidfoeitig Stotin*2)trigent ber concerts spirituels, 
melier in biefer ^eitperiobe eben biet um SBeetboben 
fidf) bett>egte) % fdjeint iljm begegnet ju fein; benn in 
bem §efte fdjreibt §otj: „3$ toar um 5 Uljr bd 
3^nen ; idj braute bie Sorrefturen t)on Xobxtö" (8?unfc 
fjdnbter $a3Unger.) 

„3$ Ijabe fie bei ber Iranfen #au£ljfttterin {jinter* 
taffen." 

„@3 toaren aud) Rettungen babet." 

Unb im heiteren Verlaufe fdfjreibt £otj: „3$ 
fefje, ba% 3f(jnen ber Spaziergang roofjt befommt." 

£olj fontoerfiert nun längere $eit mit SBeetljofcen 
über toerfdjiebene $)tnge, unter anberem audfj barüber, 
baf$ er ©djubert irgenbtoo angetroffen, meldten er mit 
jemanbem in einer §änbetfd(jen Partitur lefenb ge* 
funben; ba§ biefer feljr artig gemefen, fidf) äugieidj 
für ba3 SSergnügen bebanft Ijabe, ba§ i{jm bie Duartette 
3Rt)forb3 (nrie SBeetljotoen ©(fyuppanjiglj nannte) ge* 
madjt Ijaben, bei benen er immer jugegen; ba§ er 
t)iel SluffaffungSgabe für Sieber Ijabe. ®r fragt 
SBeetfjoben, ob er ben „©rtfönig" fenne. 

$ot§ fdf)reibt n?eitere§: „3$ Ijabe nodfj immer 
ba§ SBudj toon ©ernarb ju £aufe; aber feien Bie 



195 

oljne ©orgen, e§ roirb'3 niemanb abfdfjreiben. (SBernarb, 
Sftebafteur bcr SBiener 8«tung, Ijatte für SBeetljotoen 
ein Oratorium: „2)er ©ieg be8 SteujeS", gefdjrieben.) 
Äuffner begreift nid)t, ba% man nidf)t auf ber Stelle 
jurüdfftfyaubert, um fo ettt>a£ in Sftuftf ju fefcen, benn 
e§ fann nur anftatt Segeifterung Satte ertoeefen." 

,,©r fagt, SBernarb Ijabe ba3 ®emut gar nicfyt, 
fo etroaS ju fdfjreiben; überhaupt ift er nur ein ge* 
matter Siebter." 

§olj ergebt fidf) bann mieber in SRatfcfytägen über 
Sttenftöotentoaljl, bann bejüglidf) Sorrefturen u. bgl. m. 

5)a fommt ©rtttparjer Ijinju, ob nodf) auf bem 
©pajiergange, ober in einem ®aftt>aufe, ober tt)o fonft, 
ift nidf)t rooljt ju entfdfjeiben. 

©rtttparjer 80 ): „$)ie ,8enfur Ijat midf) umgebradjt. 11 



m ) Es muß hier bemerkt werden: alle Gespräche 
zwischen Grillparzer und Beethoven, besonders 
vom Jahre 1823 sind vom Herausgeber in seiner um- 
fassenden Studie: Grillparzer und Beethoven 
in der Zeitschrift: Nord und Süd im Januar 1891 
veröffentlicht worden; ebenso die umfangreichen Ge- 
spräche zwischen Chr. Euffner und Beethoven in 
Prof. A. Sauers „Euphorion" 1897. Drittes Ergänzungs- 
heft. Titel: „Christoph Kuffners Gespräche mit Beet- 
hoven. Nach dem Originalmanuscripte mitgeteilt" von 
Alfr. Chr. Kalischer. Da aber die Aufzeichnungen von 
Breunings mehr Individuelles und neben Grillparzers 
Worten auch von Andern z. B. Carl Holz Worte wieder- 
geben, mögen diese Mitteilungen aus dem noch sehr 
wenig gekannten Konversationsheften auch hier folgen. 

Anm. des Herausgebers. 
13* 



196 

$otj: „9Man mufj nad) SKorbamerifa reifen, um 
feinen 3foee n freien ßanf ju laffen." 

©rittparjer: „3$ W* t)or einiger 3«* bie un* 
angeneljmften $ßolijetgefd)ici)tett gehabt." 

„991ofj um einiger Sieben mitten." 

„Sterben Sie fjeuer ntd^t auf£ ßanb ge^en?" 

„S8a3 erwarten ©ie Don ber Oper unter SJarbaja?" 

„3m Sweater an ber SBien, abgefonbert, wäre 
für bie beutfdje Oper nodj ju Ijoffen.' 1 

„llnb bodj wirb aufeer Sßien nirgenbS in 3>entfd)s 
lanb etwaS 33ebeutenbe£ für bie Oper geleitet werben." 

«Sdj glaube, 1>a% bie ^Berliner meljr ba3 Seiwerf 
ber Dper lieben, afö bie SKufif." 

, r ®ögt 3f^nen 28eber£ ,@ur9antfje' ju?" 

„SReljr Sßoefie atö aMufif." 

„Sie SSelt I>at iljre Unfd^ulb berloren, unb oljne 
ttnfdjutb fd^afft unb genießt man fein fömftwerf. 
Sie Sofung unferer Sage ift Äritif." 

„SBeber ift ein fritifdjer Äomponift" 

„®r Ijat Ijier fogar bem ©aftetti ben $of gemalt 4 ' 

„3d) bin ftumpf geworben." 

„3)er STOuftfer Ijat feine Benfur." 

rrSugleid^ finb aber bie auSlänbifdjen Siteratoren 
gegen atteS eingenommen, wa3 avß Öfterreitlj fommt 
(£3 befteljt ein eigentümlicher S3unb gegen bie öfter* 
reidf)ifdjen Sdjriftftetter in 3)eutfdjlanb." 

„3dj bin trofc ffltem Jjalb in Dfterreid) toertiebt" 

„3m ©runbe Ijaben meine arbeiten ftufenmeife 
immer weniger gefallen. " 



197 

„Jpaben ©ie ,Dttofar' gelefen?" 

„3$ fjabe ba8 Unglücf, ^poc^onbrif^ ju fein. 
3)a§ erftftrt biel. 2Rcinc eigenen Strbeiten machen 
mir feine freube." 

„$citte iä) ben taufenbften Seil 3fjrer Sraft unb 
feftigfeit!" 

„SBar leine geit, too bie Sreigniffe be£ Sebenä 
Sie auf längere ,3eit im arbeiten geftört Ijaben?" 
(©. £f)at)er8 „SBeetfjobenS ßeben". m. SBanb. „2)a§ 
3a$r 1810.") 

„Siebeöberljdftmffe jum SBeifpiel." 

hiermit enbet ©rittparjerä ©djrift; toeitereS f djreibt 
aber $otj : „©ein grö§te3 Unglücf ift, ba§ er berüebt tft." 

,,©r ttritt nid()t jurüdftreten, unb bortttörtS geljt 
er audf) mdf)t gerne." 

„3)a8 toftljrt nun fd)on beinahe fedf$ Saljre." 

„@§ ift eine bon ben ©<$!üeftern fröfjtid)." 

„3)te ©djimpfer berftummen in einem 3m*; ein 
Äunfhoerf lobt fidj erft in fünf ober jeljn 3al)ren." 

„3Man bürbete iljm Slbfurbitdten auf, bie er nie 
getr&umt fjätte." 

,,©o fagte man jum SBeifpiel, er Ijabe fidf) motten 
afö ^Beamter fjerbortun, unb Ijabe befcljalb bie §ab§= 
burger gelobt; ba$ ©tüdf braute bie Slnlage be8 
©tüdeS mit. 1 ' 

„5)ie SSöljmen fdjimpfen alle, toeit er fie in einem 
Suftanbe gefdjtlbert Ijat, tt>ie fie roirflidj bor fteben* 
fjunbert 3aljren nmren ; fie nahmen e$ aber afö eine 
©djilberung ifjrer gegenwärtigen Sage." 



198 

„(Sr fjat ju menig fefttgfeit. Sie jSUjnfrau' 
Ijat er in toierjefjn Sagen entworfen unb bollenbet, 
unb fte tfi in Dieter Sftficfftdjt fein befte§ Sßerf." 

„Sr fann fcfjnett ftfyreiben, ber @eniu§ ift ba f 
aber er barf burd) nic^t^ aufgehalten merben." 

„93ei ifym treten nodf) bte SSerfjMtniffe al§ *8e* 
amter ein. 11 

„®r fjat ein anbereS fad^." 

„SKeljr äöiffenfäaft atö Sunft" 

,,©r Ijatte einen ©eljalt Don jmölffjunbert ©ulben; 
aber ber £err SMufifgraf Verlangt bafür fo eine 
icifjrtidje Sauf arbeit; beäljalb teiftete ©rtttparjer auf 
ben ©eljatt Serjidjt, benn er fafj ein, ba§ man ber= 
gleiten nidjt mit ber 9Mafd)ine madfjen fann. 11 

„9luf ©rittparjer Ijat e§ gettrifc großen ©influfc, 
bajj fie ifjm Ijeute fo 2Rut jugefprodfjen fjaben." 

„@£ fcfjeint, bafc er fidf) gerne nadfjgibt." 

„Sr ift ^po^onbrif^." 

„§outt>alb ift gut, aber ©rißparjer ftefjtbodj^öJjer." 

„SBenn man fo etn>a3 fiefjt, lernt man erft bie 
freiljeit fo redjt fdjäfcen." 

„@3 mu§ iljnen ettt>a§ einfallen." 

„SBruber öon SKettemid^ Ijat aber fonft fein S$er* 
bienft, atö ba% er fein SBruber ift." 

„©rillparjer ift fo dngftlidj, er ift immer mit 
feinen eigenen SBerfen unjufrieben." 

„SBäljrenb ber $tu§füfjrung fteljt man fdfpn toeiter, 
ttrie einer ber ben Ijödjften SBerg erftiegen f)at unb 
hinter bemfelben nodf) einen f)öl)eren erbtidft." 



199 

„Saljer mag e§ roofjt fommen, bafc ©te mattier 
öftrer früheren Sirbetten nidjt meljr gebenfen trotten. 11 

ffS^ glaube aber, ba% nad) ©eetljotoen fo ttenig 
(SHner fommen tt>irb, afö nad) Slafacl ober ©Ijaffpeare 
(Siner gefommen ift, ber überbietet." 

„SBenn ber beftimmt tt>äre, bann ijcitte man e§ 
fdjon am tDCtteftcn gebraut." 

9hm gefjt ba3 ©efprddj auf StHtöglic^cg über. 

Sann folgt ein ©efpr&d) be3 S)id)ter3 (£fjrifttan 
Äuffner mit 93eet!joben, betreff enb fein Oratorium 
„5)alrib" au& einem fpdteren §efte im Stpril 1826. 

Äuffner: „2luf {eben gaH mufe ftonatfjan eine 
ijöfjere unb toetdjere ©timme fjaben atö 3)atoib." 
„Satrib, bann JJonatljan, 

Senor 311t 

Söariton £enor." 

„3$ gebenfe biel Ieibenfd)aftlid)e 2lu£brüdje reci* 
tatürifd) ju befjanbetn, ba ber ©toff reid) an $anb* 
hmg ift. JJ 

„Sludj gebenfe idj, toon bem geroöfjnttdjen ©djlen* 
brian ber ©itbenmafce ab jutüetdjen." 

„STOetrum be8 erften ©iege§d)or$: 



200 

„3$o§ Ijat in feinem großen SBerfe ber QtiU 
meffung alle ©tjlbenmafje burd) SRoten beseid&net. " 

„SBernarb fjat bie ©rabation ber £anblung unb 
bie ©tettung be§ futminterenben £auptmomente§ fcer* 
feljit. 3)er alten religiöfen glofcfetu unb ber SBieber* 
Rötungen finb ju biet. S)te ©fjöre gleiten fiefj." 

„$)te aHegorifdjen Sßerfonen laffen lalt unb finb 
atö perf onifücirte Sfbeen nur 9Badf)§ftguren in Kleibern ; 
audf) breljt fidj atteS immer unb eitrig um ben Sinen 
Sßunft, bafj bie ©Triften unb Reiben $rof elften 
machen tt>otten, unb fo fällt atteS rein menfdf)ttdje 
^ntereffe tt>eg." 

„®a8 93efte ift, in jebem gadfje ein paar Kapital* 
werfe ju tefen, bie immer bie OueHen finb, au£ 
melden bie nadfjfotgenben ©Treiber fdfjöpften. S)ie 
Bett ift fofibar, befonberS für fetbfifdfjaffenbe ©ente§, 
bie fidf) burdf) ju biele£ Sefen bann obruieren." 

„©rittparjer fagt, ©ernarb tonne SWemanbem 
orbenttidf) in bie Slugen fdjauen." 

„2ltö iä) mit Vernarb nodf) bie SRobejeitung ge* 
meinf<$aftlidj rebigierte, fdfjrieb er bie beiftenbften 
sßerfonal* ©atireu unb bann ging er ju ben 93e* 
leibigten unb fagte iljnen, idf) Jjfttte jene§ gallige Beug 
gefdjrieben. Sftandfje feinbeten mtdf) an, bis fid^ enb* 
tidf) bie ©adje aufflärte unb ber fatfdf)e ©df)tetdf)er 
entlaröt würbe." 

„SBernarb wirb nun audj gegen mid& jifdf)en unb 
toben. 3n @otte§ Sttamen!" 

„(Sin Oratorium fdjetnt mir ba3 $ödjfie. &) 



201 

formte midfj nie fatt ftfyreiben an Oratorien unb 
bin bereit, für Sie allein taufenb Oratorien ju 
fdjreiöen." 

„©ernarb fcljrieb in ber alten Sprache, meit er 
bie neuere nidjt fann unb mit bem ©eift in ber Seit 
nidjt fortgef dritten ift." 

„SBir finb arm an Oratorien unb bebürften fie 
bodj feljr. Jpftnbetö Oratorien, fo Ijerrtid) aud) bie 
ar<J)ite!tonifdje ©(fyönljeit unb ber l)ofje ©eift barin 
finb, fpredjen bodj einen großen Seil ju menig an." 

„9Kann fönnte alle Stoffe ber £änbel'f<f)en Ora= 
torien neu bearbeiten." 81 ) 

„L'AUegro unb Jl Penseroso. ©ebidjte bon 
SRilton.» 2 ) 

„£at)bn Ijatte nidjt biet ©eifteSbilbung." 

„^eutjutage mürbe felbft bie Benfur eine „Ston* 
3uan"*Dper, menn fte neu gefdjrieben mürbe, nidjt 
erlauben." 

„SDiefe 5)ofe ift toon Supfer unb mit ©mail 
überbeeft. 3$ Ijabe fie bon meinem Sater; fie ift 
bei 100 3aljre alt, unb fefjen ©ie nur, mie frifd) bie 
Sarben unb btö ©olb nodf) je^t finb!" 



81 ) Diese allem Anscheine nach von Beethoven ge- 
billigten Anschauungen sind um so interessanter, wenn 
man bedenkt, wie doch sonst Händel in Beethovens 
Schätzung stand. A. d. H. 

82 ) L'allegro, il penseroso ed il moderato (Frohsinn, 
Schwermut und Mäßigung). A. d. H. 



202 

„S3o bic ^auptfacfye fefjtt, nüfct alleS Stnbern unb 
»effern mdjtS." 

„3)te ßtguorianer bejahen mtfytS, fonbem ttoHeti 
©e(b befommen." 88 ) 

„3)er ©etft ber 3«* tdfjt fid) burdf) nidjtö ijemmen, 
unb ttjcnn ein ganjer 2)iftrift Itd^t ift, fann idf) nid^t 
fagen: #ter auf biefem gledf fott'Ö -ftadjt fein. @inc 
d)inefifdf)e SRaucr tdfjt fid^ bodf) nidjt jieljen." 

„®ott fpradfj: (SS tterbe 2id)t ! 3efct mödjte man 
gern gebieten! @& »erbe SftadOt." 

„@$ ttrirb lidfjt unb nun fann'3 bodj nie meljr 
ganj -ftadjt merben teraen." 

„2Ran fagte fonft: Castis omnia casta. Igefct 
fjeifct'S: Jncastis omnia incasta. ©etbfüctytige feljen 
2tHe8 gelb." 

„@8 roirb eine 3eit lommen, too man Äöpfe 
brausen ttrirb. $tber tDoljer fie bann nehmen?" 

„Äöpfe toadjfen nidfjt it»te bie ^üje über 9tadjt 
Ijerbor." 

„3Man begebt nun alle bie alten geljter, bie fo 



M ) Das Wesen der Ordensbruderschaft der Ligo- 
rianer, besser: Liguorianer nach dem Stifter 
Alf onso Maria de Liguori, oder Redemptoristen, war 
Beethovens allgemein religiöser Phantasie wohl ver- 
traut. Im Scherz wie im Ernst werden Liguorianische 
Poenitenzen empfohlen, wie im folgenden Billet an 
E. Holz im J. 1825: „Bester! begebt euch morgen 
nach hinlänglichen Büßungen zum Mittagessen zu uns, 

Ihr werdet hoffentlich nicht versagt sein " 

A. d. H. 



203 

tuet Unfjeit brauten, auf3 neue tnieber, ofö ob gar 
tttdjtö gefdjeljen märe." 

„äftorgen 9lbenb8 lägt $err Siefetnetter ttrieber 
alte Sßf atmen aufführen. 11 

„ttnlängft mar tri ber SBtener 8«tung ange* 
fünbigt: 

,@in muftfatifdfjeS Xon * ©emälbe' fcon ßeibe^ 
borf. Sennen @ie audf) eine Sföufif ol)ne löne?" 

„©rinnern ©ie fidf) nodj an ba3 fifcfjerfjauS bei 
SWufeborf, tno tmr 3?adf)t3 gegen 12 Ufjr im Sott* 
tnonb auf bem 2lttan fafcen, öor un§ ba% ©raufen 
ber Sluen unb ber tjodjgefdfjmottenen 3)onau? ba mar 
idj audj 3§r @aft." 

„Sie SJofftf i)t ift treuer unb fräftiger. ©oettje 
regte in feinem ,2Bitfjetm SMeifter' bie Sbee ju einer 
profaifdfjen Überfefcung §omer'$ an. ©ine fotdfje ift 
nun r mit SBenufcung ber SSoffifd^en, erf dienen, unb 
ber SSerfaffer ijat ©oetljeS Sob errungen." 84 ) 

„Sie Soffifdje Überfefcung ift berjüglidj Ijerrtidf) 
burdj ben 9t(jt)tl)mu§ im SerSbau. Soft ift SKeifter 
im $ejameter, tnie fonft Seiner. Sennen Sie SoffenS 
©ebidjt: ^erSBotjttaut?' ©3 ift ttrirftidj ber äBotjt* 
taut fetbft unb beinahe äftuftf an unb für fid)." 



**) In Wilhelm Meister? Vielmehr in „Wahrheit und 
Dichtung", wo Goethe im III Teile, 11. Buche den 
Prosaübersetzungen das Wort redet, unter anderem: 
„Ich halte daher zum Anfang jugendlicher Bildung 
prosaische Übersetzungen für vorteilhafter als die 
poetischen." A. d. H. 



204 

„3)ie Soutfc bon 83oß mar früher ba als ©oetlje£ 
jpermann. 3)ie 2ouife ift jarter unb lieblicher, £er* 
mann unb S)orot^ea aber Ijat bie £ölje tt>elÜjiftorifd)er 
Senbenj für ftd), roo jeneS meljr im Weiche be§ 
gamilienlebenS bertDeilt." 

„3$ toerbe 3§nen ba3 @ebid)t ,ber SBofjllaut' 
abf (^reiben unb bringen. 11 

„®anj (: ©cnfc :) ift ein Ijeittofer ®erl, ber, um 
feinem SBaudf) ju fröfjnen, ftd) unb an ba8 SSolf oer= 
lauft." 

»3$ 9*&e öuc^ ben ©ebanfen an baS Oratorium : 
,bie Elemente' nidjt auf. ®§ fott aber feine mufU 
falifdje Sftalerei, fonbern ein rege8 2eben£gemftlbe 
be$ SKenfd^en tt>erben, ber $inb unb ©ftabe unb £err 
ber Elemente ift.' 1 

„%n iebem ffiunfttoerfe foH eine burdjgreifenbe 
Jpauptibee jum ©runbe liegen." 

„§eüig ift alleS, toaS eine große, jum §öd)ften 
erfjebenbe Jenbenj auSfpritfyt." 

„<3elbft ber Körperbau ber Sauern unb SKäbdjen 
um SBien ift miferabel unb Ijdfjlidj." 

„§ier finb bie poütifdjen 5ßfufdf)er ju $aufe, bie 
— ofjne bie Äranffjeit ju fennen — immer nur 
probieren, Ijeute jum Sßurgtren, morgen jum ©djmifcen 
geben, unb fjat ber ©taat nitfyt eine SRofenatur, fo 
muß er ju ©runbe ge^en." 

„3ttrifdf)en bem §ofe unb ber Sonftitution in 
franfreid) ift ber Idfyrtidjfte Äontraft" 

„SSemt man ba£ *ßorträt be3 iefcigen ftönigfc 



205 

toott franfreid) anfdfjaut, fo fieljt man eine — tabula 
rasa, roo bielleidjt einmal ßcibcnfc^aftcn maren." 

„®benljots." 

,,3>df) arbeite jejjt Jjauptfddjttct) an jtt>ei grofcen 
äBerfen: Slrtemibor (:über bie Steinen, tt>obon nun 
6 33&nbe erf dienen finb:) unb bem Sabtjrintlj ber 
(Sefdfjidfjte, tooöon ber bierte S3anb erfdjtenen ift. 
Steinet maci)' idj tt>enig." 

„3$ roerbe 3$nen ben Strtemibor unb ba§ Sab*)* 
rintlj ber ©efdjidfjte bringen. SBerben @ie 33eibe§ 
audj geroifj lefen?" 

„$lu3 ber römtfdjen @efdf)idf)te liege fidf) nodj 
immer biel ©rofceS bearbeiten, aber unfere Seit ift 
ju Hein. Unb Steinet liebt nidf)t ba3 ©rofee." 

„SBeil ber lob nidf)t3 ift unb man im Seben 
nur Stugenblicfe, bie fdfymften, lebt." 

„38a£ im SRenfd^en eigentlidf) lebt, ift ettrig, tt>a£ 
bergest, ift ni<$t3 toert." 

„SBaS btefeS Seben fdjön unb gro§ machen fann, 
ift bie $ljantafie, eine SBlume, bie ganj erft jenfeitö 
aufblüht." 

„Seele ift ba3 ©atj, tt>etdf)e8 ben ßeib bor ber 
SJermefung fdfjüjjt" 

„©dritter behauptete etnft, bem Sobe feine SRadfjt 
(: burd) ben ©eift :) abgetrofct ju Ijaben. 2)er poU 
nifdfje 8*efrut ftirbt." 

w 9Tu3 furcht, ju fterben, ift er gar geftorben." 

„Unter ben neueren englifdfjen Sintern ift nebft 
Styton (: ber teiber ju atljeiftifdf) ift :) audf) XljomaS 



206 

9Woore ein fjerrlufyer 3)id)ter. ©ein ®ebid)t ,bte 
Stebftfyaften ber ©ngef ift ein SReifterftücf, gegrünbet 
auf einen SluSfprudf) ber 93tbcl : bie ©öljne ®ott& 
liebten bie Xödjter ber aKenfcfyen." 85 ) 

„Sludj bie Keinen ©ebidjte be£ SRoore finb IjerrKd), 
befonberS bie Irish Melodies, nadf) 9?ationat*®e* 
fangen." 

„Suerft ftnb SMelobien unb lejt jufammen IjerauS* 
gefommen, bann erft ber Sejt allein. u 

rr ©roem ift einer ber ttjrifdjen Siebter." 8e ) 

„$)ie engtifdjen Sinter Ijaben Sßljantafie unb ®e* 
banfen, bie granjofen feinet toon beiben." 

„$)ie franjöftfdjen Xragifer Ijaben ftatt ber ßeiben* 
fdjaften, bie fjanbeln, nur eine ftdf) felbft jergliebernbe 
SRetap^fif ber Seibenf haften. 14 

„Sftouffeau ttmdj£ tnot}l auf franjöfifdfjem ©oben, 
gehört aber, nrie jeber grofce ©eifi, leiner unb jeber 
Nation, id est ber SBelt an. Ji 

,@r mar etroa§ fyjpodjonbrifdj. 33er muß e§ 
aber nidjt tnerben, wenn er in einer 3eit lebt, bie 
i^n nidjt f äffen fann? 

„SSoltaire fjatte toiel SBifc unb ©eift, aber feine 
Seelengröße unb feine Jpeüigfeit be8 ©emütS. 14 



*) The loves of the angels (1823). Der dabei er- 
wähnte Bibelvers (1. Mose 6,2) lautet: „Da sahen die 
Kinder Gottes (i. e. die Söhne Elohims] nach den 
Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und 
nahmen zu Weibern, welche sie wollten." A. d. H. 

86 ) Graeme heißt der Dichtername. A. d. H. 



207 

„SS mufc berfdfjiebene 9ftenfdfjen geben, ©tüälidf), 
roenn SHner in bem gut ift, ber Stnbere im Slnbern." 

„2ttte§ füljrt jum großen 3^edE." 

„$)ie SBorte finb fcerpönt, gtüdtidf), ba£ bie Söne, bie 
potenjierten Sftepräfentanten ber SBorte, nodf) frei finb!" 

„Sftan mufe nun JebeS SRanuffript in duplo 
eingeben. NB. -ftadf) einiger Qtit mirb ba§ ©uptifat 
bem ÄciSftecfjer Verlauft." 

„Incastis omnia incasta." 

„gür mein Safdfjenbudf) (: „für groljfinn unb 
Siebe", SBien bei Sßfautfd), Seipjig bei SiebeSfinb :) 
für 1827 Ijabe idf) Don einem jungen 3)idf)ter (: (£b. 
3ileftu§ :) au§ 3nn§brucl ein fd^öneS ©ebid)t auf 
3$re SßaftoratStympfjonie Sßort für SBort ber fjerr* 
fidjen SKufif unterlegt." 

„Sraurig — ober langmeilig!" 

„Sßt)tfjagora3 foH bie Sraft befeffen Ijaben, auf 
ben SKonb Ijinjuf dfjreiben , ma3 alle lefen fonnten. 
So mürbe ber SRonb ein 33udf) für alle SBelt." 

„10,000 93änbe." 

„SS maren lange bor Sljrifto grofee 9teidf)e, bie 
in allem biet Ijöljer ftanben, atö man jefct ftefjt. 3n« 
bien, Slfftyrien, (Serien, GHjatbäa :c. v 3)iefe 9teic§e, 
eljematö Ijerrttdfj, finb nadfjljer Ijerabgefommen." 

„8- 33.: SBer fennt benn jefct ba$ ©efjeimntö 
be3 $ßtyramibenbaue§, ber äRumien, ber ©migen 
Sampe etc.?" 

„8. 33.: 33on unberbrennbaren Stationen erjftljft 
fd^on $tiniug." 



208 

„$tinütö erjäljlt immer bie Duetten, au£ benen 
er fd&ötft." 

„3- 89.: S)ie 39tifcabteitung, bie nur bem granflin 
jufdfjreiben, mar benimmt fdf)on ben (Etatöfem be= 
lannt." 

hiermit enbet SuffnerS Unterrebung. Salb ba* 
rauf — nadf) bem Steffen Sari — lommt unb fdfjreibt 

„Kuffner mar ganj gtüdEtidf)." 

„28ir maren nodj auf bem Saffeeljaufe unb 
gingen bann nodf) eine SBeite in ber (Stobt Ijerum. 
©r mar begeiftert." 

Unb Seetljoben — fo bemerft ©dfjinbter auf bem 
£efte — l)at Suffnert ©efpräd) atö „feljr beteljrenb 11 
bejeidfjnet. 

Sine SSeröffentüd^ung be$ Ignljaltö a & er W e f er 
ber SBelt nidfjt biet meljr atö bem SRamen nadf) be« 
fannten ®ont>erfation3ljefte märe benn fooljt fo 
münfd^en^mert atö Ijodfjintereffant. GS ift ju Ijoffen, 
bafe £tjat)er nadj SSottenbung feinet gebiegenen 2Berfe8 
„Subttrig ban 89eetljot)en3 Seben" (: Serfin bei 
SB. äßeber :) baju ju bemegen fein metbe, mit 93c* 
mittigung ber fönigtid()en Seiljbibliotljef in SSertin fidf) 
ber grofcen SWülje ju unterjtrfjen, eine bottftanbige 
2tu8gabe biefer $efte mit ben baju erforberlidfjen 
Kommentaren ju toeranftaften. 



n. 
Ute 2t^aM fieetyouenB ttnb Gilberts.*) 

3)er SBäfjringer ©rtäfriebljof nädrft SBien ift «ngft 
in ?tuflöfung begriffen, nur nod) roenige Saljre, unb 
er ttrirb öottenb§ fcerlaffen fein unb ju neuen Sauten 
für — Sebenbe öermenbet werben. ©$ mar audf) 
ber ©ebanfe aufgetaucht, ba Sßäljring nur eine feljr 
Keine, für feine auf 50000 Seelen angelaufene 
©inroofjnerfdf)aft lüngft nid)t meljr au§reid)enbe Sirene 
befifct, an ber Stelle be§ alten 3riebljofe3 ein ent* 
fpredf)enb geräumiges ©otte§ljau§ ju erbauen, in biefem 
bann ein SKaufoIeum ju errieten unb bie ©ebeine 
ber beiben mit bem Ortsnamen SBflfjring bereite ge* 
fdjidfjtlidfj berbrüberten großen Sonbic^ter SJeetfjoben 
unb Sdjubert barin beijufefcen. Stuf biefe SBeife ttmrben 
bie beiben berühmten lobten bem üjrettoegen tuelt* 
befannten Drte äßd^ring erhalten unb SBüfjring nrirb 
beffen neue Äirdfje ber 28aHfaljrt§ort Don Saufenben, 
bie burd) beren SBerfe beglücft finb, öerblieben fein. 
2)er ©ebanle toar fdfyön, bod) er fdf)eint nidfjt genug 



*) geuifleton ber 9£euen freien treffe Dom 17. 6ej>* 
iember 1886. 

14 



210 

SSerbereitung unb mafegebenbenortö nidfjt genug ein* 
bringlidf)e Anregung gefunben ju Ijaben; jum minbcften 
finb bafür ntc^t jur regten Seit ausgiebig burd)= 
greifenbc SSorfctmpfer in ben SSorbergrunb getreten, 
unb berfelbe tft bemgemftfc nid^t jur 2tu§fütjrung ge= 
fommen. 

9?un, e$ tft einmal £atfad)e, bafc ber SBäfjringer 
Ortefriebljof, ber fo biete berühmte unb aufeergewöfjn* 
lid)e $erföntid(jfeiten birgt, „aufgelaffen" ift, unb mit 
feinem ©nbe werben ebenfotriete gefdfjictytlidfje Srinne* 
rungen ju ©rabe getragen werben, wetdfje noc§ auf 
jene Qtitm unb SSerljättniffe Ijinweifen, in unb unter 
melden jene au§ bem Seben gefdjieben. 

©rißparjer, burdf) bie ©djroeftern gröfjlidfj, bereu 
(Sttern bort ruljen mufeten, urfprünglidf) (1872) baljin 
unb fpäter burdf) ©epflanjung einer weiter^ erworbenen 
benachbarten $ftebengrabe§ftefle unter einen („ba er/' 
wie fie fid) äußerten, „ba§ ©rün fo gar feljr geliebt") 
immergrünenben §ain gebettet, warb bereite nadf) 
wenigen Saljren noci) burdf) bie „©djweftern" fetbft, 
um ber beöorfteljenben Übertragung nad) bem nun* 
meljr neuerridjteten Sentratfriebfjofe ju entgegen, auf 
ben ^iefcinger griebljof überführt, moljin adf)t 3af)re 
banad) (1880) audj bie lefcte berfelben (2tnna, f 1 1. SKörj) 
iljren öoran baljingegangenen Sieben nachfolgte. 

2Uma ö. ©oetlje, bie iugenblidje ©nfelin be§ un* 
fterbtidf)en 3)idjter§, warb nadj 3)eutfd)Ianb übertraft, 
.um bort in ber gamiliengruft ju SBetmar beigefejjt 
ju werben. 



211 

Seettjoben rutjt nodf) in äßätjring, bic SBatjl beS 
93eftattungSorteS Warb burdf) meinen SSater getroffen. 
Seettjoben Ijatte bieSbejügtidf) feine Slnorbnung ge= 
pflogen; benn gtüätidf)ermeife tt)ar eS gelungen, iljn 
— trofc fetneä langen, ferneren SeibenS — bodf) ju 
temer fidleren SSoraljnung feinet befcorftetjenben @nbeS 
gelangen ju taffen. SJeettjofcen lag bereits ben brüten 
Sag in Stgonie. Sftein SSater tjatte nod^ fnapp bor 
beren Eintritt bie ©etegentjeit erfafct, itjn feinen testen 
SBiEen fdjreiben ju machen, inbem er iljm tjieju teil* 
roeife bie bereits unfictyere §anb geleitet unb bie SBorte 
etnjetn borgef prodfjen : „9ftein SWeffe Sari f oH alleiniger 
©rbe fetyn, baS Kapital meines 3?adf)taffeS foH jcbod^ 
feinen natürlichen ober teftamentarifctyen förben ju* 
fallen. SBien, am 23. 3Kärj 1827. Subttrig Dan 
SBeettjofcen." ©eine Übernahme ber SSormunbfdjaft 
über biefen Steffen unb beffen Sintritt in baS SKilitär 
mar bereits georbnet. @S gab für ben fterbenben 
greunb nichts SBeitereS ju tun. S)aS gemattige, feit 
9todf)t nnb Sag meitauS brötjnenbe Stößeln beS §alb* 
toten mar gemüterfdjüttemb. ®S mar gegen 4 Ufjr 
nad&mtttagS beS 26. SKärj. Übermdttigt t>on bem 
©djmerje unb in bem ©efütjte, gegenmärtig nichts 
Reifen ju fönnen, tjielt mein SSater eS für geraten, 
in SSorauSfic^t, baß bie n&dftften Sage vielerlei Seit 
in 8tnfprud) nehmen mürben, einftmeilen für bie nötige 
©rmerbung eineS entfprecfyenben ©rabeS f orgen ju f ollen. 
dlaä) furjer Beratung mit ©dfjinbler marb benn ber 
SBeg nad) SBäfjring angetreten. Stuf bem OrtSfrieb* 

14* 



212 

Ijofe bafelbft, in möglidtft nachbarlicher Sftäfje feiner 
für fid) bereits gemähten ©rabeSftätte, mottte „Steffen" 
feinen Verlorenen Sugenbfreunb gebettet ttriffen, um 
ifjm einft ttneber nalje ju fein. 3 n 5^if^ en berblieben 
im ©terbejimmer SeetljobenS ©ruber Sodann, tdj unb 
bie Sßirtftfjafterin Sali. Stm §immel aber begannen 
atterfeitS auf$ergett)öljnüd() ttmdjtige, bunfle SBolfen* 
maffen ficf) aufjutürmen, bi£ au§ benfelben mit einem* 
male unter furdjtbar fradfjenbem Donnerrollen jener 
trielbefprodjene ©ettritterfturm unb §agetfd)tag fid) ent* 
feffelte, melc^er bie weite ©laciSftäcfye gleid^ einem 
tueifjen Seic^entuc^e überbecfte unb bem legten Sltenu 
juge be§ ttnfterblidfjen furj voranging. 3)er SSater 
unb Sd)inbter maren, bereits auf bem Sftücfroege, öon 
bem Unmetter überrafdfjt morben unb famen baburcf) 
berfpätet in ba£ ©terbejimmer, nadjbem ber greunb 
bereite eine SSiertelftunbe (5 3 / 4 Uljr) öoUenbet Ijatte. 

(Sticht lange aber Ijatte mein SSater um ben 2)atjin* 
gefc^iebenen ju trauern, benn fdf)on nad) jroei Sftonaten 
(4. 3 u iu) toarb er felbft baljingerafft, unb obgleich 
er feinen SBunfdj, Subnrig junäc^ft feiner beabficfytigten 
ßufunftSftcttte betten ju fönnen, bamalS nidfjt auSju* 
führen Vermocht, fam er iljm bodf) n&ljer ju liegen: 
roenige ©räber unterhalb be£ SSorangangenen, in bie 
gamiliengruft SSernigS.) 

$>ie SRu^eftdtte SeetljobenS aber ttrirfte (tote jene 
SiafaetS) audj nod) toeiterS anjieljenb: Ktementi unb 
SRitter Don ©etyfrteb ruljen iljm unmittelbar junätfjft 
gegenüber. 



21 3 

Stfjubertö in feinen SfterbenftebersSräumen fort* 
wöljrenb auSgefprocfyene ©eljnfudjt nadfj ber Sftälje 
93eetf)oben§ würbe baburd) erfüllt, inbem ex nur wenige 
©räber aufwärts bon biefem beftattet Würbe. 

Sfteftort) Ijatte in feinem Seftomente ben SBunfdj 
au§gefprodf)en, nalje bei SJeetljoben beftattet ju werben ; 
er liegt etwa3 weiter Ijinan, oberhalb Säubert, in 
berfelben Steige. 

Sitte biefe Erinnerungen unb Stnljafföpunfte an 
bamalige 3eit* unb Örtlidf)feit§berljä(tniffe unb nodj 
manche anbere werben nunmetjr jerriffen, unb jwar 
befto meljr ber Jßergeffen^eit anheimfallen, Je mef)r 
ber „berühmten" unb „Ijerfcorragenben" Soten all* 
gemad) über* unb Vertragen werben. 

93eetljoben unb Säubert würben belanntlid) bereite 
einmal ej^umiert, aber wieber in iljren urfprüngticfyen 
(Stättenbeigefe^t.2luf2tntragbe§Sonferbatorium=3)trefs 
tor§ 3. Jpettmerberger nämlidj, bie „befdf)äbigten ©rab= 
male ber beibcn Sontjeroen ju unterfudfjen", befcfylofs bk 
®ireftion ber ©efettfdjaft ber SRuftffreunbe in SBien, 
bie nod) öorjufinbenben irbifdfjen 9?efte SJeiber „beljufä 
möglicher ©rljaltung berfelben" in ausgemauerte ©rufte 
unb SKetattfdrge ju überlegen. 3)iefe am 13. Cftober 
1863 im Seifein ber ©efettfd)aft£*3)ireftion unb anberer 
borgenommene ©jljumierung braute Skudfjftücfe ber 
Jpoljfärge, Äleiberrefte unb bie Sfelette in bereite 
böttig gelöftem .ßufammenfjange äutage, bei (Säubert 
überbie§ ba§ üppige, burd) einen $amm Ijinaufgeftecfte 
®opftjaar mit Überbleibfeln eine§ 331umenfranje§. 



214 

(SBeetljoöen tt>ar, afö er aufgebahrt getnefen, aller 
§aare bon unbefannten $dnben beraubt tnorben.) 
S)ie ©ebeine 93eetljoöen$, in meljr trodEener @rbe ge* 
legen, jetgten Untere, bie in nafferem S3oben borge* 
funbenen ©dfjubertä bunflere, naljeju fdfjttmrjbraune 
görbung. „3)a$ §auptaugenmerf fear felbftberfi&nb* 
lidj auf bie ©ettrinnung ber ©dfjäbel gerietet" (ftelje : 
„3)ie aftenmäfeige $)arfteßung ber 2lu8grabung unb 
SBieberbeifefcung ber irbifctyen Sftefte bon 89eetljoben 
unb Säubert". SBien, bei ©erolb. 1863), unb übten 
biefe aber audf) felbft auf ben Saien, gefdfjmeige ben 
Sßfjrenotogen, ba$ Ijödfjfte S^tereffe fdf)on bei ober* 
ftödjtidjer Betrachtung tnegen ber auffaHenben SSer* 
fdjiebenljeit ifjrer mit ber ©igentümlidfjfeit iljrer ©djjöpf* 
ungen gerabeju im ©nflange fteljenben Btlbung, benn 
bie SBanbungen bon 93eetfjoben3 ©dfjdbel ttriefen fefte 
®id)tljeit unb 2)i<fe, jene ©dfjubertö weibliche Roxi* 
Ijeit. ©d)ubert§ ©ctyäbel ift bottfommen erhalten, 
jenem 93eetl)oben3 fehlen, ia bie ©eljörorgane bei ber 
©eftion burdf) Dr. Sodann SBagner beljufS beabfidf)* 
tigter Unterfudfjung Ijerauägefägt toorben, bie ©dfjläfen* 
fnodfjen unb fomit audf) bie SSerbinbung3gelenfe mit 
ber ®innlabe. S)a uberbie§ ber ©df)äbet quer burtf)* 
gefftgt inorben, tt)ie bie£ bei ©eftionen ju gefc§eljen 
pflegt, fjaben bie ©eftaltbertjältniffe ber ©df^bel* 
ttanbungen burdf) bie bemjufolge aufgehobene Sontt* 
nuitdt öon bem um fo unbeljinberter auf fie ein* 
nrirf enben geudf)tigf eitäeinfluffe einige Abweichungen bon 
ber urfprünglid^en gorm erlitten. — „@£ br&ngte 



215 

ftcf) bie grage auf, ob e$ ju rechtfertigen fei, menn 
audf) bie ©d^äbcl in bte an Ort unb ©teile ju Der* 
fcfylteftenben ©arge otjne meitereä regeniert unb fomit 
für immer ber ttriffenfdfjaftlictyen 33etradf)tung entzogen 
mürben." @$ fiel bie ©ntfdfjeibung ber Äommiffion 
baljin auS: bafe beibe ©dfjftbel nadfj SSoHenbung ber 
©rufte nrieber einjufargen unb — in ber 8tt>ifd)en= 
jeit — Sßljotograpljien unb ®ip§abformungen toon 
ienfelben toorjuneljmen feien, leiber jebodf) — infolge 
obfiegenben SfntrageS eine§ Sommiffion3mitgtiebe§ — 
mit bem Sufafce: bie Fotografien jur 2lu£fteHung 
in ben ©djaufenftern ber Sunftljanblungen nidf)t ju* 
julaffen, „ma§ auSbrücflidf) auf beren Sftüäfeite ju 
bermerlen fei", derart gefdf)atj e§, bafc bie $ß{joto* 
graptjien unb Slbgüffe au<$ menig befannt merben 
fonnten unb — mürben, ^rofeffor ^ateulan Ijatte 
tnjmifc^en fdfjnett SReffungen ber Sftngenfnodfjen unter* 
nommen. (©ielje altenmäßige ©arfteffung, Seite 7.) 
%d) aber naf)m 93eetl)oben§ ©dfjäbel, Sßrimararjt Dr. 
©tanbttjartner jenen ©dfjubertS in fid^ernbe SSermaljrung 
für bie neun Sage, mdljrenb melier 3*it 3. S5. Sftott* 
matyer biefelben pljotograpljierte unb 93ilbljauer 9t. SBitt* 
mann bie Stbgüffe machte, moju idf) bie ©df)äbelteüe 
93eetfjoben£ burdf) Sefjmau3füllung möglid^ft jufammen^ 
fügte. 28eiter3 benufcte Sßrofeffor Dr. Stomeo ©elig* 
mann bie ©elegenljeit, Don ber §imbafi§ oberhalb 
ber Slugenfjöljten an 93eetI)oben§ ©d^äbel in meiner 
Sßofjnung ®t)p§abgüffe ju madfjen; bodf) mürben biefe 
bi§ jefct nodf) nidf)t öermertet. 



s* 



216 

®aum waren bie beiben ©Mette aber ttrieber ben 
©rftbern einverleibt, fcfyrieb Sßrofoffor Dr. ^ermann 
©d)afffjaufen au§93onn an midi) fein lebtjafte§93ebauem, 
Don ber ftattgeljabten ©jljumierung feiner jett feine Sennt* 
ni§ erhalten ju Ijaben, ba er fold^enfaH§ beljuf§ feft* 
jufteUenber SReffungen eigene nacfy SBien gereift märe. 

©eitbem Ijat ©d&afffjaufeu — 1882 in 9tom — 
ben ©cfyäbelabbrucf 9lafacl§ gemeffen unb bie ©r* 
gebniffe in feiner geftf dfjrif t : „®er ©cljcibel 9iafaefa, 
jur öier^unbertjä^rigen @eburt3tag§feier 9tafael ©an* 
ti§" »onn, bei ©oljen unb ©otjn, 1883) fceröffent* 
tidfjt. ©r jitiert barin ©. ©. ®aru§, melier, nadf)* 
bem er &on ben grauen gefprodfoen, bie trofc iljre§ 
Heineren ©d(jäbel§ Ijäufig infolge einer toornriegenben 
©ntroicflung be§ Derberen ©djäbeltoirbetö eine geiftige 
Überlegenheit über \>k SRänner befäften, in feiner 
„©^mbotif ber menfc^lic^en ©eftalt" (Seipjig 1853) 
fagt: „ Unter äljnlidjen Sebingungen barf e§ un§ 
bafjer nid()t überraf<f)en , wenn wir nid)t feiten bti 
Sftännern Wie bei grauen bebeutenbe ©eifteäanlagen 
audf) bei toerljältntömäfeig Keinem ©cfyäbefbaue ent* 
beefen. ©ineS ber merfttmrbigften SBeifpiele biefer 9(rt 
ift fcietteicfyt ber edjte, erft Dor ein paar Saljrjeljnten 
in bem ©rabe be£ *ßantljeon aufgefunbenen ©dtjftbel 
9tafaeI3, beffen einjige genommene 2Bad)§abformung 
engfjerjige 9tücffidf)ten 9tom§ immer nod) nid^t ge* . 
ftattet tjaben, in ©ip§abgüffen jum SJeften ber äBiffen* 
fc^aft su öeröielfättigen, wogegen in ben pljrenolo* 
giften Sammlungen bisher ein falfdfjer rafaetifdjer 



217 

Sdjdbetabgufc t>on fe^r gemeinem 2lu£brucf$ ejifiierte, 
an roelcfyem inbefc bod) biefe Ferren nidf)t fcerfep 
fjGben, ba§ Drgan ber Söialerfunft feljr bejetdjnenb 
barjuftetten. Unb tt>eitere§ fagt ©cfyafftjaufen in 
einem Vortrage über „@intge Reliquien berüfjmter 
Sftänner" (fedjjefjnte allgemeine SSerfammlung ber 
beutfdfjen ©efeUfdjaft für Anthropologie, Kynologie 
unb SSorgefc^id^te ju Karlsruhe, 6. bis 9. Auguft 
1885, 9Künc§en, & Straub 1885), S. 147 unb 
folgenbe: „30 ^atte e$ nidfyt erreichen fönnen, ba§ bie 
Kongregation ber SSirtuofi bom ^anttjeon bamalS 
eine $fjotograpl)ie be£ <3d)äbelabguf je§ gemattete. ®ie§ 
gefcfyaf) aber fpäter, unb e$ Würben biefe Sidfjtbüber 
in ber jur öier^unbert^rigen 3ube(fd§rift: Memorie 
del ritroramento delle osse di Raffaele nebft fieben 
anberen Silbern Veröffentlicht. ®ie Betonungen, bie 
$aru$ Veröffentlicht Ijat, roetdjer einen Künftler in 
Stom bamit beauftragt Ijatte, ben ©dfjctbel ju seidjnen, 
unb bie bon iljm gegebenen Sftafje ftimmten nidf)t 
immer. S)ie je^t bortjanbenen ßidjtbüber be8 ©c^dbeX* 
abguffe§, toetd^e bie Kongregation nunmehr (©djaff* 
Raufen) ju machen geftattet tjat, jeigen, ttrie toenig 
man fiel) auf foldje 3^^nungen Derlaffen fann unb 
ttrie berf Rieben ber Slbbrutf beiber Slbbilbungen ift." 
2Ba£ SBeetljoben betrifft, ijat eine llnterfudjung 
be£ bei ber ©eftion burdjfägten unb überbieS ber 
©efjör-Drgane beraubten @d)äbel§ bzi biefer ©etegeiu 
Ijeit nid^t ftattgefunben. ©df)afffjaufen Ijat fidj bie 
SWütje gegeben, „ba bk ©röftenberljitftniffe bon 93eet* 



218 

fjoDenS ®eftdjt in bcr (1812 am Sebenben burdf) Slcrn 
abgenommenen) 2Ra§fe gegeben finb unb ba$ 3»a§ 
berfetben am ©dfjftbetbilbe äiemlidf) genau wieber* 
gefunben werben fann, bie Iteine Sßljotograpljie (in 
SSifttenfartenf orm) auf ba$ SRafc ber SebenSgröfce ju 
bringen." 

©3 liefen fitf) nun mehrere ©dj&bel* unb ®e* 
ftd(jt8mafee jiemlidjj genau feftfteUen. „Sei atten 
Sßfjotograpljien förperüdfjer ©egenftftnbe ift aber ju 
beachten, bafe nur bie Seile, meldte gleidfj weit Dom 
Optiken Separate ftdfj befinben, in gleichem Sttafje 
bergröfcert werben, bie femer abfteljenben aber weniger. 
Unter ber mächtigen breiten ©tirne Ijat bie3 gewaltige 
ernjie ©eftdfjt (93eetljoöen§) einen StuSbrucf boH Sraft 
unb Srofc, wie fidfj biefe audf) in feinen SBerfen au§* 
fpred)en." ©leidfj intereffante Stoffe ju wiffenfe^aft* 
lidfjer gorfdfjung unb SSergleidfjen, weil gleiches 3$er* 
Ijättntö ju ben gefd)affenen SBerfen, geben audf) ber 
«Schabet ©eetljobenS in anbetraft feiner Änodfjen* 
biefe unb jener ©dfjubertS Ijinfidjtlidf) feiner bünnen 
SBanbungen, xoa% übrigeng fetbftoerft&nbtidf) Weber 
au% beren Sßljotograpljien nod) Slbbrüien ju erfeljen 
ift, unb bemnadf) aud) ©djajfljaufen nid^t ju meffen 
bermoetyte unb audf) niemanb tebiglidf) auS Sßtjoto* 
grapljien unb Slbformungen meffen fann. (@in 8tb* 
guß beS ©dfjdbel 93eetfjofcen$ unb SdjubertS aber ift 
wäfjrenb ber Ci^umierungöjeit nietyt gemalt werben, 
ejtftiert bemnadfj nidjt.) 3)od(j fdfjon rr bie Slbbilbungen 
bienen (iljm) jur 99eftättgung be3 3afce$, bafe \>k 



219 

Ijoljen gcifttgcn Seiftungcn in bcr aKenfcfyenroelt immer 
mit einer Ijodjentnridetten Drganifation in Überein* 
fiünmung fielen ", unb er jagt: „2113 Sftubotplj 28agner 
feine fyödftft berbienftooffe Slrbeit über bie Sftorpfjotogie 
be§ ©eljirnS aß ©eelenorgan abfaßte unb bie ®e= 
Ijirne gelehrter üDWnner einer näheren Unterfudjung 
unterjog, fonnte idf) (©cljajf Raufen) iljm bie SRit* 
teilung machen, bie öon ben Stntljropotogen überfein 
ttjar, baft in ben Se!tion§berid(jten über bie Seidje 
S3eetljot>en$ ein Stnatom erften StangeS, ^ofjann 
SBagner, ber Vorgänger 9tofitan§fi}3 auf bem Sefjr* 
ftuljle ber bergleicfyenben Slnatomie, t>on ben SBin= 
bungen be$ ©eljirnä fagt, fie feien nodf) einmal fo 
tief unb jaljlreidjer ate getoöljnKd) getoefen, fo baft 
tt)ir atfo in einem fo auägejeidfjneten gatte toie bei 
SBeetljoben bie Satfadje öon ber Sebeutung ber §im= 
ttnnbungen betätigt feljen." 

©djafffjaufen tt>ie§ bei feinem Vortrage — aufter 
Seetfjoöenä unb ©dfjubertö — au<$ eine pljotogra* 
pfjifdfje Stbbübung be3 9ln3guffe3 tion Stöbert ©dfju* 
mamtö @df)dbet. @r Ijatte ©elegenljeit, beim ©dfjumann* 
gefte in Sonn (1880) ben ©dfjäbel ©dfjumannS bem 
©rabe ju entnehmen unb bei fidf) einige Sage auf* 
jubetoaljren. @& ttrnrbe in feinem 93eifein Don §erm 
SBübrot „ein öortrefflidjer ©dj&betabgufc unb ein 
Shtägufc ber ©dfjabelfjöljle" gemalt. @r fjat, ma§ 
btöfjer nidjt beamtet roorben ju fein fdfjehtt unb ifjm 
„an bieten @rabfd)äbeln gelang audf) bie ©efjör* 
fnödfjetdfjen au§ bem ©df)&bel IjerauSf Rütteln lönnen." 



220 

Unb er bemerft gerbet: „SEBir Ijaben ©runb ju bcr 
9lnnaljme, baft fidf), ttrie ba§ ©etjirn, fo aud) bic 
Sinnesorgane burdf) bie Suttur fortbilben." 

3m borigen Saljre (1885) ging mid) Sßrofeffor 
ber Anatomie Dr. Sänger in SBien an, iljm ju ®ip%* 
abbrücfen ber Scfyäbel 33eet§oben§ unb (Schuberts ju 
bereifen, aber trojj grünbticfyer Umfrage tnaren 
SBittmann unb 9lottmat)er nrie beren Slbbilbungen 
berfcfyoHen. ©oldfjertoeife Ijält e§ ferner, genaue 
nriffenfd)aftlid)e gorfdjungen anjuftetten. 

93alb fotten nunmehr bie trbifc^cn SRefte 33eet* 
fjoben'3 unb ©djubert'3 nadf) bem ,8entratfriebljofe 
übertragen werben. 

SBie ttncfytig, toie intereffant unb für bie SSiffen* 
fc^aft borteilbringenb märe e§ aber bodf), menn bie ©<f)äbet 
weiterer, eingeljenberer gorjdjung fortan jugänglidf) 
blieben unb biefe oberhalb ber ©rbe bermaljrt unb 
erhalten, einem 3Mufeum, einer Sunftljalle ober 93iblio* 
tljef einberleibt mürben, bie beiben Sonbidjter motten 
burd) foldfjeS SBorgeljen beffer geehrt werben, at§ 
burdf) IjerfömmUcfye 93eifefcung in ©rüftc. ©anj be* 
fonber* betreffs 93eetljoben'S @d)äbet märe bieS fo 
münfdfjenSmert at£ erforbertid), ba berfelbe — feiner 
bei ber ©ection erfahrenen .ßerf&gungen unb bemju* 
folge burdf) bie @rabe$feudf)tigfeit bereite erlittenen 
SSerbiegungen megen — eine bottfommen genaue Qu* 
fammenfügung nidfjt juläfct, mef$albaud)pljotogTapljifdf)e 
©eitenanfidjten (mit 2tu3naljme einer einjigen, meldte 
id) fpejiett machen lieft) nidfjt ausgeführt Sorben 



221 

finb, unb fomit tDtd^ttge ©röfsenöerljättniffe beäfetben 

nur burdj tt>iebert)olt anjuftrebenbe combinierte SDJeffun* 

gen am Original *Sd)äbet unb bcffen Seilen Ijergeftellt 

tt>erben fönnten. Sftur öorurteitöbotte Sftenfdjen 

(freiließ finb biefc in ber SRefjrjaljl) motten baran 

Sttnftofc nehmen ; ieber tä)t tütffettfd^afttid^ ©ebilbete ge* 

nrifj ntd)t. §t)rtl behauptet unb ift bereit, burdf) Setege 

e§ ju ertoeifen, SRojart^ ©d^äbel auSgemittelt ju fjaben 

unb ju befifcen. @r fetbft Ijat iljn mir unter feiner 

Säjdbetfammlung, mit einem Sorbeer befranst, hinter 

@ta£ gejeigt. (£3 ift fidjerlid) feine SBerlefcuug 

ber *ßtetät3gefül)le, tnenn man bie ofjneljin be* 

reit§ tftngft öom Sfeletjufammenfjange lofen, troefenen 

©djdbet berart öerettrigen mürbe — fotdjermeife roeit 

fidlerer, afö burd) lebige, toenngleid) nod) fo eljrenbe 

Übertragung in immerhin toieber feuchte, moberige, menn 

üvl6) f djon monumentirte ®rüfte ; benn in biefen geljen 

fte weiterer unabfoenbbarer SBertoefung, ber man fie 

bodj gern entjteljen möchte , bennod) unöermeiMid) 

entgegen. Sie SBiffenfdjaft mürbe fold)er ©manci* 

pation Don fjerfömmtictyer ©ngfjerjigfeit emigen 2)anf 

tptffcrt. 

Dr. ©erfjarb bon SJreuning. 



Im gleichen Verlage erschienen: 

Biographische üofizen 

über 

Ludwig Dan Beethoven 

von 

Wegeier und Ries 

Neudruck mit Ergänzungen und Erläuterungen 
von Dr. Alfr. Chr. Kalischer 

Zweite Auflage 

Geheftet M. 3.—, gebunden M. 4.—. 



Hamburger Nachrichten: Der Herausgeber 
Alfr. Chr. Kalischer hat in dieser Neuausgabe 
den Urtext unverändert überliefert : seine Tätigkeit 
beschränkt sich auf die verdienstvolle Be- 
seitigung von Irrtümern, auf Ergänz- 
ungen, Erklärungen und kritische Glossen. 
Und so bleibt also auch in seiner neuen Form 
das Werk der beiden Beethovenfreunde das klas- 
sische Beethorenbuch, dem überall dort, wo man 
eine Sonate von Beethoven spielt, ja, wo auch nur 
eine Note Beethovens in einer Menschenseele 
wiederklingt, eine liebevolle Stätte bereitet werden 
sollte. 



Im gleichen Verlage erschienen: 

BEETHOVENS 

SÄMTLICHE BRIEFE 

Kritische Ausgabe' 
mit Erläuterungen 

von 

DR. ALFR. CHR. KALISCHER 

in fünf Bänden. 

Jeder Band geheftet M. 4.20 
Jeder Band gebunden M. 5.50 



Bis Weihnachten 1907 erschienen die ersten drei 

Bände, die beiden Schlußbände gelangen im Jahre 

1908 zur Ausgabe. 



Paul Ehlers in der Ostpreußischen Zeitung : 
„Diese Sammlung zu erwerben wird ebenso 
„eine heilige Pflicht jedes Deutschen 
„sein müssen, als Schillers und Goethes 
„ Werke oder U h 1 a n d und M ö r i k e in 
„seinen Bücherschrank zu stellen. 



BEETHOVEN-LITERATUR 

im 

Verlage Schuster fyLoeffler, Berlin W. 

Neue Beethvovenbriefe. Herausgegeben und er- 
läutert von Dr. Alfr. Chr. Kalischer. Ge- 
heftet M. 4. — , gebunden M. 5. — . 
Diese Ausgabe stellt eine Auswahl von Briefen 
des Meisters dar, die allen Denjenigen empfohlen 
sei, denen die Gesamtausgabe zu teuer sein sollte. 
Auch die hier vereinigten Briefe hat Kalischer mit 
Erläuterungen versehen, die zur Kenntnis der Per- 
sönlichkeit des Briefschreibers unerläßlich sind. 

Beethoven im eigenen Wort. Ein Brevier von 
Friedrich Kerst. 2. Aufl. mit 9 Abbildungen. 
Geheftet M. 3. — , gebunden M. 4. — . 
Von Beethovens Äußerungen hat Kerst in 
jahrelanger Arbeit nicht weniger als 365 gesammelt. 
Sein Brevier teilt die Zitate in mehrere Kapitel; 
diese so wohl geordnete Sammlung hat allerorten 
dankbare Anerkennung gefunden. Kein Geringerer 
als Joseph Joachim schrieb an den Verfasser: 
„ ... Ich hoffe, daß noch viele Musikfreunde durch 
Ihr schönes Buch Erbauung fühlen werden. Ehr- 
furcht und Wehmut erfüllt einen jeden, der darin 
des Meisters Leben verfolgt". 

Beethoven-Kalender auf das Jahr 1907. Her- 
ausgegeben von der MUSIK. Sehr reich iltustr. 
Geh. M. 1. — , geb. M. 2. — , Luxusausgabe M. 3. — . 
Dieser Kalender verfolgt einen praktischen 
Zweck: er ist zur täglichen Benutzung eingerichtet; 
daneben aber gewährt er durch die Beigabe von 
etwa 40 Abbildungen, mehreren vorzüglichen Bei- 
trägen, dem in Originalgröße faksimiliert beige- 
gebenen „Heiligenstädter Testament" An- 
regungen mannigfachster Art. Zudem ist der Kalender 
höchst vornehm ausgestattet. 

Vier Beethoven-Hefte der MUSIK. Geheftet 
je M. 1.—. 

Druck Ton Gottfr. Pitt, Naumburg a. S.